Speisen und Getränke brachte man sich entweder von daheim mit oder kaufte sie sich in der Kantine. Jenes pflegten vor allem die ältern verheirateten, darum sparsamen, dies die unverheirateten Leute zu thun. In dieser Kantine war nur der Verkauf von Brot, Semmel, dreierlei Wurst, Käse, ab und zu auch Eiern, sowie von Kaffee und einfachem Bier gestattet. Die Preise waren nicht hoch, doch so, daß der Verkäufer noch etwas dabei verdiente; ein Topf Kaffee mit Zucker kostete vier Pfennige, eine Flasche Bier sieben Pfennige. Eine Einrichtung dabei wurde besonders dankbar empfunden. Wir waren etwa vier- bis fünfhundert Arbeiter; nimmt man an, daß nur ein Viertel von ihnen in der Kantine kaufte, so hätten gegen hundert Mann allmorgendlich sich um den Verkaufstisch gedrängt, und die letzten hätten glücklich am Schlusse der Pause bedient werden können. Um diesen Übelstand zu beseitigen, war gestattet, daß einer von uns Handarbeitern, ein dazu fest bestimmter, eine Stunde vorher von Mann zu Mann ging, dessen Bestellungen entgegennahm und dann kurz vor 8 Uhr dies Bestellte den einzelnen an ihren Platz brachte: den heißen Kaffee in einer großen, blitzblank gescheuerten blechernen Gießkanne, aus der jedem in seinen Blechkrug geschenkt wurde.
So primitiv in vielen Punkten dies ganze Frühstück war, so wurde das doch nicht unangenehm empfunden. Man sah ein, daß es nicht anders anging, und ließ es sich schmecken.
Für das Mittagessen war, wie gesagt, auch bei uns die übliche Stunde von 12 bis 1 Uhr frei. Grundsatz war für alle: Wer zu Tisch nach Hause kommen kann, geht nach Hause. Das war in unsrer Fabrik doch einer sehr großen Zahl möglich. Und so wiederholte sich täglich in unsrer Vorstadt ein interessantes Bild. So wie die Dampfpfeifen punkt 12 Uhr ihr Signal gaben, waren mit einem Schlage die sonst stillen Straßen mit Hunderten von Menschen belebt, die im schnellsten Schritt in der verschiedensten Richtung, allein oder zu zweien und dreien, an einander vorübereilten; wer unter sie gehörte, begegnete alltäglich immer denselben Gesichtern. Und dasselbe Bild eine Stunde später, kurz vor 1 Uhr, bis dasselbe Signal die Straßen wieder säuberte. So reguliert, wie früher der Klang der Glocken, heute der schrille Schrei der Fabrikpfeifen das tägliche Leben der Bewohner unsrer Fabrikorte. Denn wie mittags 12 und 1 Uhr gellen früh ½6 und um 6 Uhr und ebenso zum Feierabend diese Pfeifen.
Was mittags in den einzelnen Familien gegessen wurde, vermag ich selbstverständlich nicht zu sagen. Häufig fragte ich, was es gegeben hätte, aber manchmal erfuhr ich nicht die Wahrheit. Dann war anzunehmen, daß es besonders dürftig gewesen war. Fleisch gab es bei den hohen Fleischpreisen natürlich nicht immer, doch vermochte es eine kluge, sparsame Hausfrau öfter auf den Tisch zu bringen als ihr Gegenteil. Denn innerhalb bestimmter, durch das Einkommen gezogener Grenzen kommt auch hier alles auf das Talent und den Wert der Frau an. Eine tüchtige Hausfrau macht in dieser Weise — und sie sind nicht in der Minderzahl — fast Unmögliches möglich. Die Frauen von zwei meiner engern Arbeitskollegen, die wöchentlich noch nicht fünfzehn Mark verdienten, sagten mir, es gebe bei ihnen immer Fleisch in irgend welcher Form. Die eine von ihnen hatte ein zweijähriges und ein halbjähriges Kind, die andre ein neun- und ein fünfjähriges, eins unter dem Herzen und zwei auf dem Friedhofe; jene hatte außer ihrem Mann und ihren Kindern noch ein Schlafmädchen, die andre noch zwei Schlosser am Tisch. Beide Frauen hatten früher als Dienstmädchen gedient. Dann wieder war bei uns ein Monteur, der verhältnismäßig viel verdiente; wer seine Frau sah, wußte, warum seine Kleidung so vernachlässigt war, warum er, wie er mir einmal erzählte, häufig selbst kochte und briet und sie nicht mitthun ließ. Eines Sonntags sollte es bei ihm als besondre Delikatesse Hundebraten geben.
Anstatt der Butter wurde in manchen Familien viel Fett und viel Leinöl gegessen. Im allgemeinen schließlich gilt der Satz, daß man am Anfang einer Lohnperiode immer besser lebte als am Ende.
Zwei Konsumvereine am Orte wurden von den Familien viel benutzt, namentlich am Abend des Lohntages, wo man gleich für mehrere Tage Einkäufe machte. Der eine Verein war eine ausgesprochene sozialdemokratische Gründung, der andre noch jung; beide florierten.
Viele Familien hatten außer ihren eignen Angehörigen, wie schon gesagt, noch Kostgänger, häufig ihre eignen Schlafleute, oft noch andre junge Burschen und Mädchen dazu, ab und zu auch verheiratete Männer, die selbst zu weit nach Hause hatten, ihrer Familie die Unbequemlichkeit des Essentragens ersparen, aber auch den noch etwas teuren Mittagstisch in der Kneipe vermeiden und sich doch auch nicht mit einem kalten Imbiß in der Fabrik begnügen wollten. Des Sonntags aber war es allgemeinste Sitte, daß jeder in der Familie aß, in der er wohnte. Soviel ich erfahren konnte, gab es, wo Fremde mit aßen, häufiger Fleisch, immer aber bessere Speisen, und der Preis, den der Kostgänger zahlte, war stets niedriger als der, den wir im Gasthaus zahlten.
Das war wieder eine andre, verhältnismäßig große Gruppe, die zum Mittagstisch in eine der in der Nähe liegenden, ganz einfachen Kneipen ging. Meist waren es junge, unverheiratete Leute mit besserm Verdienst, und vor allem Schlosser, denen die Engigkeit einer Arbeiterwohnung, die in der als Küche und Eßzimmer benutzten Stube und bei der Eile aller Beteiligten gegen Mittag am fühlbarsten wurde, unbequem und die Ordnung einer Restauration lieber war. Oder sie wohnten sehr weit und hatten keine ihnen bekannte Familie in der Nähe, von der sie mittags aufgenommen werden konnten. Ich that es ihnen nach, weil es mir anfangs ebenso ging. Ich habe hinter einander in drei Kneipen gegessen, in der einen von ihnen fast dreiviertel der Zeit, die ich in der Fabrik verbracht habe. Es war das ein kleines, einfaches, aber anständiges Restaurant; die hübsche Tochter des Wirtes trug auf in genauer Reihenfolge, wie wir saßen, und um keinen zu benachteiligen, jeden Tag bei einem andern beginnend. Das Essen war reichlich und leidlich schmackhaft; einen Tag um den andern gab es Braten, den man trotz seiner Wässrigkeit sehr liebte, die übrigen Tage setzte es Kochfleisch und Gemüse, das mir lieber war. Dazu erhielt jeder außer einer tüchtigen Portion von Kartoffeln ein großes Stück Brot, und das Ganze kostete Tag für Tag mit einem Glas einfachen Braunbiers vierzig Pfennige. Es herrschte gute Ordnung unter den Tischgenossen, ein höflicher Ton und ein anständiges Gebaren. Man aß ruhig, ohne Hast. Es wurde wenig gesprochen und viel gelesen, sodaß, wenn einer ein Blatt zu Ende hatte, ein andrer schon immer darauf wartete, es zu erhalten. Und genau wie hier ging es in dem zweiten Lokale zu. Das dritte, nur von wenigen besuchte, stand tiefer. Es war die sogenannte Kutscherstube eines großen Etablissements. Diese allgemein verbreiteten Kutscherstuben sind sozial und moralisch ganz bedenkliche Institute: meist unsauber, eng und unfreundlich, bilden sie den Übergang zu jenen berüchtigten Stehbierhallen und Destillationen, die, häufig mit Kauf- und Budikerläden verbunden, durch die Leichtigkeit, Einfachheit und Schnelligkeit der Bedienung, durch die Möglichkeit, sofort wieder gehen zu können, die größten Verführungsstätten zum Trunk für die untern Schichten sind.
Die eben geschilderten Restaurationen vertrat im Innern der Stadt teilweise die städtische Speiseanstalt, die täglich von 12 bis 1 Uhr geöffnet war, von Hunderten von Arbeitern und auch Arbeiterinnen besucht wurde und sich gut rentieren soll. Vier große Speisesäle zu ebener Erde und im ersten Stock waren in dieser Stunde immer gedrängt voll; selbst auf dem öden, weiten Hofe hatte man Tische und Bänke aufgestellt. Es gab zwei Klassen hier. In der einen kostete der Mittagstisch dreißig, in der andern fünfzehn Pfennige. In der ersten gab es an gedeckten Tischen, doch ohne Bier, etwa dasselbe wie in unsern Vorstadtrestaurants, in der zweiten in einem großen Napfe, den man sich selbst holen mußte, Bohnen, Reis, Graupen, Linsen und ähnliche Hülsenfrüchte, gewöhnlich mit einem Scheibchen Wurst oder Fleisch. Während meiner Herbergszeit habe ich in beiden Klassen gegessen; in beiden war es reichlich und verhältnismäßig gut. Einmal wurde ich dabei aus dem Lokal hinausgeworfen. Ein Bummler in abgetragener modischer Kleidung, mit langem, grauem Haar und dem Auftreten eines ehemaligen, nun verkommenen Künstlers, ein häufiger Gast der Herberge, verkaufte einmal drei Speisemarken zweiter Klasse, das Stück für fünf Pfennige. Ich nahm natürlich auch eine und ging damit mittags in die Anstalt zu Tische. Als ich sie vorwies und meinen Napf mit Erbsen in Empfang nehmen wollte, fragte man mich barsch, woher ich diese Marke habe, die ganz anders aussah als diejenigen aller übrigen. Ich erzählte es, aber man schien mir nicht recht zu trauen, sagte, das seien Armenmarken und wahrscheinlich gestohlen, und jagte mich schleunigst zum Tempel hinaus. Als ich dann in die Herberge zurück kam und es erzählte, setzte es dann noch ein zweites Donnerwetter vom Herbergsvater, das sich dann noch mehrmals wiederholte, so oft wir, „die ihm den Tag über, ohne etwas zu verzehren, die Stühle durchsäßen,“ mittags noch anderswohin essen gingen. Denn ich war nicht der einzige, der sich so in der Herberge herum drückte. Es gab noch manchen, der keinen Pfennig mehr in der Tasche und Hunger im Leibe hatte, und der dann auch in die Speiseanstalt ging, um dort im Gedränge die auf dem Tische herumstehenden Näpfe mit Resten leer zu essen. Einer meiner neuen guten Freunde empfahl mir heimlich diesen Weg als den besten und kostenlosesten besonders angelegentlich.