Der Rest der Arbeitsgenossen brachte die Mittagsstunde ganz in der Fabrik zu. Es waren Junge und Alte, Verheiratete und Unverheiratete, eine immer noch große Zahl, alle diejenigen, die zu weit ab von der Fabrik wohnten, und zu sparsam waren oder zu wenig verdienten, um bei Fremden ein warmes Mittagbrot zu bezahlen; sie begnügten sich meist mit einem gleichen kalten Imbiß wie zum Frühstück und mit Kaffee, oder sie wärmten sich Tag für Tag das Gemüse, das ihnen die Mutter oder die Frau am Abend vorher schon bereitet hatte, und das sie des Morgens in einem Blechkännchen mit in die Fabrik brachten. Für sie war der nüchterne Speisesaal eine wahre Wohlthat, denn da in der Mittagsstunde alle Werkstätten geschlossen wurden, war er der einzige Raum, in dem sie sich aufhalten konnten. Mir thaten die Leute, namentlich die ältern unter ihnen, aufrichtig leid; die elf Stunden am Tage wahrhaftig keine leichte Arbeit zu thun hatten, denen fehlte in dieser einzigen Stunde des Ausruhens beinahe jede Bequemlichkeit. Man denke sich nur in die Lage hinein, man versuche es selbst einmal, Mittag um Mittag mit kalter Küche oder nur aufgewärmtem Zeug fürlieb zu nehmen und man wird begreifen, daß das dauernd kein würdiges Mittagbrot für einen Menschen ist, der tagsüber stramm seine Pflicht thut. Das empfanden die Leute selbst auch sehr gut. Wenn ich kurz vor Beginn der Nachmittagsarbeit in die Fabrik zurück kam und — wie es Sitte war — ihnen Mahlzeit, gesegnete Mahlzeit wünschte, da kam es vor, daß einer das bitter abwehrte. Das sei ja keine Mahlzeit, am allerwenigsten eine gesegnete.

War das Wetter schön oder der Tag sehr heiß und darum der Körper besonders schlaff und matt, dann legte man sich, wenn man mit seinem Butterbrot zu Ende war, im freien Hofe an einer schattigen Stelle irgend wohin auf ein Brett oder auf die Erde, um seufzend sein Mittagsschläfchen zu halten. Nur selten brach, wenn wir so abgespannt und stumm neben einander saßen und lagen, dann einer das Schweigen, und dann war es oft nur ein herbes Wort, wenns auch scherzend klingen sollte, wie das: Hats der arme Arbeiter doch gut!

Eins fehlte bei uns jedoch fast ganz: daß sich die Zurückbleibenden von daheim das Essen in die Fabrik bringen ließen, was wieder an den allzu weiten Entfernungen liegen mochte. In der Stadt war das aber ganz allgemein Sitte; Hunderte von essentragenden Arbeiterfrauen und Kindern durcheilten da täglich kurz vor 12 Uhr die Straße, um pünktlich bei dem harrenden hungrigen Gatten und Vater oder der Mutter zu sein. Und auf den Bänken der städtischen Anlagen sah man dann die ruhenden Männer mit dem rauchenden Topfe in der einen und dem Löffel in der andern Hand sitzen, Frau oder Kind daneben und oft mit essend, — denn die städtische Speiseanstalt ist selbstverständlich nur für die erreichbar, deren Werkstätte in der Nähe liegt. Diese Art des täglichen Mittagsbrotes erkläre ich für unwürdig. Unwürdig der braven Familien, die dazu gezwungen, unwürdig unsrer Zeit, die sich prahlend ihrer humanen Gesinnungen rühmt, unwürdig der Männer, in deren Händen heute das Wohl und Wehe dieser Fabrikarbeiter ruht. Wie kann solch eine Mahlzeit auf der Straße jemals eine gesegnete sein? Wie kann man im Ernst tadeln, daß sie ohne Gebet und Händefalten hineingeworfen wird? Wie muß sie ganz anders, als Agitatorenworte es vermögen, den Familiensinn des Vaters und der Mutter und damit Familienglück und Familienleben zerstören? Denn diese Zustände und ihre Folgen treffen ja nicht nur den, dem man das bißchen Essen im Topfe auf die Promenadenbank bringt, sondern stets die ganze Familie. Oft wird es infolge dessen auch daheim bei Mutter und Kindern keinen geregelten Mittagstisch geben. Nur ein drastisches Beispiel dazu. Es war auf der Promenade an dem großen schönen Chemnitzer Schwanenteiche. Ich saß auf der Bank neben einem, der eine knappe Viertelstunde von da beim Trottoirlegen geholfen hatte. Er war in sieben Minuten bis zu unserm Platz gelaufen und wartete nun auf seinen Knaben, den er mit dem Essen dorthin bestellt hatte. Aber es wurde ein Viertel, es wurde halb, und der Junge kam immer noch nicht. Nun gingen wir ihm entgegen, und endlich, kurz vor dreiviertel kam er atemlos, voll Angst vor dem ärgerlich gewordenen Vater angerannt: die Schule, die sonst pünktlich 12 Uhr zu Ende zu sein pflegte, war 20 Minuten länger ausgedehnt worden. In einem Atem war dann der arme Junge von der Schule nach Hause und von da zu uns gelaufen; in fünf Minuten hatte der Vater das Essen hinunter und lief dann an die Arbeit zurück, während sein Kind müde, hungrig, abgespannt nach Hause trollte, um sich nun erst, wohl allein, zum Essen zu setzen, das Mutter, Geschwister und Kostgänger ihm übergelassen hatten. Vielleicht ist dies ein seltnerer und besonders unerfreulicher Fall; aber die Hauptsache daran, daß Kinder, die von 8 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags auf der Schulbank müde und hungrig geworden sind, nun erst, ohne einen Bissen gegessen zu haben, den Vater bedienen müssen, passiert täglich und nicht einem nur, sondern hunderten von ihnen.

Doch zurück in unsre Fabrik. Einzelne von denen, die sich des Mittags mit kalter Küche begnügten, pflegten allerdings dafür des Abends einen warmen Ersatz daheim vorzufinden; manchmal aß die ganze Familie erst um diese Zeit mit ihnen das aufgeschobene Mittagsbrot. Dann lag ja die ganze Sache nicht so schlimm, wenigstens wenn die ganze Familie nur aus Erwachsenen oder doch schon größern Kindern bestand. Wo aber Kinder waren, da war dann das erste Übel durch ein zweites abgelöst. Denn eine Hauptmahlzeit des Abends ist für Kinder bekanntlich nie förderlich und gesund.

Das Abendbrot bestand bei der übrigen Mehrzahl meiner Arbeitsgenossen aus Kartoffeln oder Brot mit Butter, Fett oder Leinöl und auch Zukost. Quantität und Qualität dieser Speisen richtete sich stets nach der Höhe des Einkommens, nach der Sparsamkeit und den sonstigen augenblicklichen Ausgaben der einzelnen Familien. Aber nie fehlte der Kaffee, wovon immer auch die Schlafleute ohne Entgelt einige Tassen bekamen. Brot und Butter aber hielten diese sich gewöhnlich selbst.

Das ist, was ich von Bemerkenswertem über die Wohnungs-, Kleidungs- und Ernährungsverhältnisse meiner Arbeitsgenossen mitzuteilen vermag. Ich meine, auch diese lückenhaften Angaben beweisen schon die Richtigkeit meiner oben gemachten Behauptung von der notwendigen Engigkeit und Bescheidenheit ihrer Lebensstellung. Aber sie machen auch noch eine andre Thatsache begreiflich, die man im Zusammenleben mit diesen Menschen täglich erfährt, und die unendlich bedeutsamer und verhängnisvoller als jene ist, nämlich die Thatsache, daß infolge dieser Zustände in weiten Kreisen unsrer großstädtischen Industriebevölkerung die überlieferte Form der Familie heute schon nicht mehr vorhanden ist. Der alte, auf der Blutsverwandtschaft von Eltern und Kindern ruhende und aus allein solchen blutsverwandten Gliedern zusammengesetzte Organismus der Familie, an den sich in bessern Ständen bisher nur einzelne Dienstboten fester oder loser anschlossen, hat in der That in jener Bevölkerungsschicht heute bereits mehr oder weniger einem erweiterten, aus den rein wirtschaftlichen Bedürfnissen gemeinschaftlichen Wohnens und Lebens aufgebauten, in der Zusammensetzung seiner Glieder durch Zufälligkeiten gebildeten Kreise von Blutsverwandten und Fremden Platz gemacht. Deutlich treten hier die verwandtschaftlichen Neigungen vor den wirtschaftlichen Verpflichtungen zurück. Aus der Mutter wird der Haushaltungsvorstand, der von dem eignen Manne, den erwachsenen Kindern und den Fremden eine fest bestimmte Summe erhält und dafür verpflichtet ist, die Ausgaben für Wohnungsmiete, Nahrung, Wäsche und ähnliches zu bestreiten, während für die Kleidung ein jeder für sich zu sorgen pflegt. Und nicht die Sozialdemokraten und deren Agitation haben daran die Hauptschuld, sondern eben jene Zustände, die eine Frucht unsrer ganzen wirtschaftlichen Verhältnisse sind, und die es den Arbeiterfamilien unmöglich machen, gemeinsam ihre Morgen- und Mittagsmahlzeiten einzunehmen, die sie zwingen, die allerdürftigsten Häuser und allerengsten Wohnungen zu beziehen, dazu noch wildfremde, häufig wechselnde Schlafgäste bei sich aufzunehmen und ihnen den vertraulichsten gemeinsamen Umgang zu gestatten, den man sonst nur mit den eignen Familienangehörigen zu pflegen gewohnt war. Man denke daran, wie dicht in solchen Arbeitermietskasernen und den nach ihrem Muster umgebauten ehemals ländlichen Wohnhäusern „Stube“ an und über „Stube,“ d. h. also Wohnung neben Wohnung liegt, ohne jede gegenseitige Abschließung, wie dünn die Wände der Zimmer in solchen flüchtig gebauten Häusern sind, so dünn, daß jedes laute Wort in der Nachbarfamilie deutlich verstanden wird; und wie die drei und vier „Stuben“ einer Etage immer nur einen Korridor zu haben pflegen, dessen Benutzung ebenso gemeinsam sein muß wie diejenige der Wasserleitung, des Klosets u. a. Das alles führt zu einer Gemeinsamkeit des täglichen Verkehrs und einer Öffentlichkeit des Familienlebens, über die man erschrickt, wenn man hinein sieht, und die notwendig der Tod jedes Familienlebens werden muß. Es ist ja gar nicht anders möglich, als daß die Kinder solcher Familien dauernd fast wie Geschwister unter einander leben, wobei der Korridor der Ort des gemeinschaftlichen Aufenthalts, ihrer Spiele und Plaudereien ist; daß die jungen Burschen und Mädchen dieser Familien in intimste Berührung, die Männer in nahen Gedankenaustausch, oft freilich auch in Streit und Hader geraten, und daß die Frauen jeden Winkel, jeden Makel, jedes Kleidungsstück und Hausgerät aus den benachbarten Familien auf das genauste kennen, ja daß die gemeinsame Benutzung solcher Geräte z. B. für die Küche durch Entleihen und Verleihen einen sehr kommunistischen Zug in die ganze mit solchen Dingen oft recht dürftig ausgestattete Hauswirtschaft solcher Familien bringt. Dazu tritt die Enge und Beschränktheit der einzelnen Wohnungen, die die Menschen mit Macht zur Thüre hinaus und des Abends, so oft das nur möglich ist, ins Freie, auf die Straße und den Hof, in die bessern, geräumigern Zimmer der Nachbarn oder in die Kneipen und Versammlungen drängen. Man bedenke weiter, wie diese Enge noch erhöht wird durch die Anwesenheit der fremden Schlafleute, die fremde, und oft genug nicht gerade fromme, beßre Sitten und Gewohnheiten mitbringen, eine andre Art, andre Anschauungen und Bedürfnisse, die sie auch ungeniert wie daheim äußern und zur Geltung bringen wollen. Man bedenke, daß diese fremden Gäste zugleich mit dem eignen Manne und den eignen erwachsenen Kindern das Haus verlassen, daß sie zu derselben Zeit wie diese zurückkehren und meist bis zum Schlafengehen am gleichen Tisch wie diese miteinander sitzen, lesen, rauchen, sich unterhalten, Karte spielen. Es ist in der That in vielen Familien so, daß Eltern und Kinder ungestört zusammen allein nur noch während der Nacht, im Schlafen sein können. Denn auch die letzte Gelegenheit eines gemütlichen gemeinsamen Beisammenseins, die Morgens- und Mittagsmahlzeit wird, wie aus meinen obigen Schilderungen hervorgeht, vielfach vereitelt durch die Arbeitsbedingungen, die den Vater, den Sohn und die Tochter abhalten, zu Tische nach Hause zu gehn. Wo es aber geschieht, da genügt meines Erachtens die einstündige Pause nur gerade, um den doppelten Weg nach und von Hause machen und das Essen einnehmen zu können, auch dies bei nur halbwegs größern Entfernungen, die für die Arbeiter großer Etablissements natürlich die Regel ist, ohne richtiges behagliches Sichzeitlassen, in Hast und Eile.

Über die Wirkung dieser Zustände auf die Sittlichkeit, den Charakter, die Gesinnung der Arbeiter habe ich an einer andern Stelle zu reden. Hier sollte nur die Thatsache der bereits vollzogenen Wandlung in dem Wesen der Arbeiterfamilie konstatiert, und die Ursachen dargestellt werden, die sie hervorgerufen haben. Ich wiederhole nochmals, daß sie in erster Linie eine Frucht unsrer heutigen wirtschaftlichen Lage sind. Und darum ist vor allem diese, nicht aber die Sozialdemokratie als die Hauptschuldige anzuklagen, die hier nur wie so oft die letzten Konsequenzen aus den Wirkungen der herrschenden Zustände gezogen und in ein System gebracht hat. Die vorhandenen traurigen Zustände sind erst Grundlage und Anlaß zur Verbreitung des sozialdemokratischen Familienideals der Zukunft. Über diese Thatsache sollte man sich namentlich auch in bestimmten kirchlichen Kreisen nicht wegtäuschen und, anstatt Klagelieder über den allerdings vorhandenen Verfall des alten christlichen Familienideals und Anklagen gegen die Sozialdemokratie zu erheben, in diesem Falle zuerst lieber mit daran arbeiten, daß die verhängnisvollen wirtschaftlichen Ursachen dieser Zustände endgiltig und dauernd beseitigt werden.

[*] Viele dieser engern Landsleute waren mit einander verwandt. Ich fand bei flüchtiger Umschau allein vier Brüderpaare bei uns, fünf Väter, die einen Sohn, mehrere, die Schwiegersöhne, einen, der Sohn und Schwiegersohn mit in der Fabrik hatte.

Drittes Kapitel
Die Arbeit in der Fabrik

Unsre Fabrik war durch ihren frühern Besitzer, der noch lebte, aus kleinen Anfängen zu einem bedeutenden Institut entwickelt, seit einiger Zeit aber in ein Aktienunternehmen, an dem jener stark beteiligt war, umgewandelt worden. Ein technischer und ein kaufmännischer Direktor standen augenblicklich an ihrer Spitze. Die Fabrik lag, wie schon erzählt, in einem der bedeutenderen Vororte von Chemnitz. Zwei mächtige parallel laufende Gebäude bildeten den Kern ihrer ganzen Anlage. An ihrer einen Schmalseite sausten die Eisenbahnzüge dicht vorüber, denen wir oft sehnsüchtig nachschauten; an der andern führte die Landstraße vorbei. Von hier nimmt sich die Fabrik fast schmuck aus. Ein gepflegter Obstgarten der Direktoren, ein breiter, sauberer Eingang und ein freundliches Portierhäuschen mit einem Rosengärtchen davor verdeckten den schwarzen Staub, der dahinter, auf Haus und Hof und allem Gerät einer jeden solchen Eisenfabrik notwendig lagert.