Unser Hof, der sich an der Eisenbahn hindehnte, war groß und geräumig. Auf ihm erhob sich unweit des Portierhäuschens ein kleiner Gasometer, daneben ein größeres Gebäude mit Wohnungen für den Kutscher und Wächter, mit dem Speisesaal und der Kantine, dem Kesselhaus für die eine der beiden Dampfmaschinen und dem Pferdestalle; dann ein Schuppen mit rostenden, einst kostbaren Maschinenteilen nunmehr veralteter Konstruktion, mit eisernen Särgen, die einst auch in unsrer Fabrik gebaut wurden, und wovon noch einige verstaubte Exemplare vorhanden waren, mit Eisenspänen, die angesammelt und wieder gut verkauft wurden, und mit allerhand anderm Gerümpel. Weiter zurück noch eine offne Zimmermannswerkstatt, und unter freiem Himmel reiche Brettervorräte, ein Kistenlager und große Kohlenhaufen. Dicht an dem primitiven, aber festen hölzernen Zaune, der den Eisenbahndamm vom Hofe schied, erhob sich ein mächtiger hölzerner Krahn zum Verladen der versandfertigen Warengüter; ein Schienenstrang verband ihn mit den Eisenbahngeleisen. Und über allem lag eine dicke Decke von Kohlenschmutz und Eisenstaub. Selten etwas dem Auge Wohlgefälliges, selten ein dürftiger Baum oder ein schmales Stück grünen Rasens, der über die herumliegenden Eisenteile wild und ungepflegt herauswuchs. Nur in einem stillen Winkel ein bescheidnes Gärtchen, das der Kutscher sich angelegt hatte, und in dem er sich einiges Gemüse zog. Hier blühten einige Blumen, duftete Krauseminze und Pfefferkraut. Manches mal haben wir uns heimlich während der Arbeit ein Blatt davon geholt.

Dasjenige Hausgebäude, das diesen Hof nach der einen Seite hin abschloß, war das ältere, die ursprüngliche Fabrik, darum primitiver, mit niedrigern Stockwerken, kleinen Fenstern, dunkeln Arbeitssälen, die zu ebner Erde mit oft sehr abgenutzten Ziegelsteinen gepflastert waren. Hier in diesem Bau hatte man auch das kaufmännische Kontor und die Expeditionszimmer für die Ingenieure und Zeichner untergebracht.

Zwischen ihm und seinem Bruderbau stand ein dritter, kleinerer: die Schmiede mit der Werkzeugschlosserei und dem Magazin.

In dem andern großen Bau war ich mit beschäftigt. Er war später aufgeführt und darum besser, bequemer, heller, luftiger und geräumiger angelegt. Er hatte ebenfalls die Höhe eines zwei- bis dreistöckigen Hauses. Der Bau erinnerte mich immer an das Innere einer Kirche. Er hatte keine Etagen. Man konnte in der Mitte des Raumes bis hinauf zum Dache sehen, das zum großen Teil aus Glasplatten bestand, um mehr Licht herein zu lassen. An den beiden Langseiten liefen je zwei übereinander gebaute breite Emporen hin, zu denen von unten steile primitive Holztreppen hinaufführten, die namentlich bei großen Transporten beschwerlich zu passieren waren. Auf der einen Empore befand sich der Probiersaal, wo eben vollendete Maschinen ausprobiert wurden, und wohin der Zutritt der großen Verunglückungsgefahr wegen nur denen gestattet war, die einen Auftrag dorthin hatten. In einem andern Teile war der Drehersaal. Die übrigen Emporen standen augenblicklich fast leer. Denn der eine Zweig unsrer Maschinenproduktion, der hier seinen Sitz hatte, lag sehr danieder. Auf dem östlichen Ende und der dortigen Schmalseite des ganzen Baues fehlten die Emporen bis auf eine einzige kleine ganz; dadurch war ein weiter geräumiger Platz geschaffen, lichter und freundlicher — gleich dem Altarplatze einer Kirche. Und wo in unsern Kirchen oft die Sakristeien zu sein pflegen, stand hier das Maschinenhaus mit dem eisernen stöhnenden Ungeheuer, das seine riesigen Kräfte durch den ganzen Raum ausströmte und Dutzende schwerer Maschinen und hundert Menschen in Atem und Bewegung hielt. Daneben ragte der große Schornstein auf, dessen rußige rauchende Spitze auch zum Himmel wies. Zwar fehlte Glockenklang und Orgelton. Aber dafür brausten andre gewaltige Töne unaufhörlich durch die Halle: das Gehämmer und Gefeile der Schlosser, das Ächzen und Dröhnen der Maschinen, das Quietschen und Schlagen der Räder. Und was die schwarzen blaukitteligen Männer da schafften — wars nicht auch ein Gotteswerk, ein Gottesdienst? Konnte es nicht wenigstens einer sein?

Platz war gleichwohl nicht viel in dem großen hohen Raume. An den Fenstern der beiden Langseiten standen die Schraubstöcke der Schlosser; an den Säulen, die die Emporen trugen, und wo sonst immer ein geeigneter Platz und halbwegs genügendes Licht sich fand, waren die großen und kleinen Arbeitsmaschinen aufgestellt; die größte, eine gewaltige Bohrmaschine, legte sich quer durch den ganzen Raum und war bei der Passage und vor allem bei Transporten oft sehr unbequem und hinderlich. Um die einzelnen Arbeitsplätze herum, am ziegelsteingepflasterten und häufig sehr holprigen und beschwerlichen Boden lagen Eisenteile, die in Arbeit kommen sollten oder eben bearbeitet waren, in der Nähe der Schlosser halb oder ganz fertige Maschinen großen und kleinen Kalibers. Hier standen ausrangierte Stücke, in gerader Linie aufgereiht, dort lehnten Bretter und lange eiserne Wellen. In einer Ecke war der Blasebalg, daneben das Terrain für die Packer; am entgegengesetzten Ende des Raumes nahm die frühere, jetzt ausrangierte und zu einem Gelegenheitsverkauf bereitliegende große Dampfmaschine unsrer Fabrik, in ihre einzelne Teile zerlegt, viel Raum ein und hinderte die Bewegungsfreiheit. Ein gewaltiger Krahn, viel benutzt und von zwei Mann an der Kurbel in mühsamer Kraftaufwendung fortbewegt, lief durch den ganzen Raum, zwei kleine bedienten in dem Teile, den ich oben mit dem Altarplatz einer Kirche verglich, die dort Arbeitenden. Unter den durch die Emporen gebildeten Decken liefen die langen Wellen hin, die durch die Dampfmaschine in rasender Drehung gehalten wurden und durch Riemenscheiben und die verbindenden Treibriemen die allerhand kleinen und großen Arbeitsmaschinen mit der Kraft nie ruhender Bewegung speisten. In den ersten Tagen nach meinem Eintritt in die Fabrik vermochte ich mich nur schwer und unsicher zwischen dem allen zurecht zu finden. Scheinbar wirr und planlos lag, stand, bewegte sich in dem Raume alles durcheinander. Erst allmählich sah das Auge die Ordnung, die doch herrschte, fand der Fuß die schmalen Gänge zwischen den Maschinen hindurch, die die übliche Passage von dem einen zum andern und durch den ganzen Raum hin bildeten, und die uns den Transport größerer umfangreicher Stücke wegen ihrer Engigkeit und Gewundenheit oft sehr erschwerten. Nur an dem schon oben geschilderten freundlichern, hellern Ende war es auch in dieser Beziehung besser.

Das war der Arbeitsplatz der Hundertzwanzig bis Hundertfünfzig, die hier ihr Tagewerk verrichteten, kahl, öde, schwarz, ohne eine Bequemlichkeit, durchtost von einem nie abbrechenden nervenzerreißenden Geräusch grell zusammenklingender Töne. Und doch lag über dem allen auch Adel und Poesie. Nicht nur, wenn von oben das Sonnenlicht hereinflutete und selbst den Schmutz und das Eisen verklärte, sondern auch wenn ein grauer Himmel das Kahle, Öde, Schwarze noch kahler, öder, schwärzer erscheinen ließ. Das war die Poesie eines grandiosen in einander greifenden Getriebes, das hier ruhelos und doch in gleichmäßiger Bewegung sich auswirkte, der Adel menschlicher Arbeit, die hier an einer einzigen Stelle von mehr als hundert Menschen im Kampfe ums Brot, um Leben und Genuß tagaus tagein gethan wird.

In unserm Bau wie in der ganzen Fabrik waren ausschließlich männliche Personen beschäftigt, keine einzige Frau, kein Mädchen, kein Kind; im ganzen Betriebe gab es meines Wissens noch nicht ein halbes Dutzend Knaben zwischen dem dreizehnten und vierzehnten Lebensjahre und kaum ein paar Dutzend Lehrlinge von vierzehn bis siebzehn Jahren. Auch das gab unsrer Fabrik und unsrer Arbeiterschaft ein ganz bestimmtes Gepräge; mich hinderte es vor allem, über Frauen- und Kinderarbeit irgend welche persönlichen Erfahrungen zu sammeln.

Gleichwohl war die Zusammensetzung unsrer Arbeiterschaft noch immer bunt genug, ein getreues Spiegelbild des Charakters unsrer gesamten großkapitalistischen Produktionsweise; die verschiedensten Berufe waren vertreten und in Thätigkeit, alte, von den Vätern, aus der Zeit der Zünfte her bewährte und berühmte, und junge, die die großen Erfindungen und die veränderten Bedürfnisse unsrer Tage neu geschaffen haben. Ich kann über ein Dutzend Handwerke aufzählen, die bei uns gebraucht wurden. Am zahlreichsten waren natürlich die Schlosser vertreten; dann folgten in abnehmender Reihenfolge etwa die Dreher, die Hobler, die Tischler, die Bohrer, die Stoßer, die Schmiede, Zimmerleute, Anstreicher, Riemer und Klempner. Dann aber jene Reihe neuer und Zwitterberufe: Anreißer, Aufreiber, Anhänger, Schmirgler, Räderschneider; dazu Maschinenwärter, Heizer, Packer, Transporteure, andre Handlanger jeder Art und Bestimmung — denn auch unter ihnen herrscht die Arbeitsteilung —, Kutscher und Portier, eine bunte Kette, in der doch jedes Glied eine Notwendigkeit ist, um auch nur die kleinste Maschine fertig zu bringen: eine Form menschlicher Arbeitsgemeinschaft, so neu, originell, großartig, wie sie vergangene Zeiten wohl nie gekannt haben, der sichtbare Ausdruck der geistigen und wirtschaftlichen Umwälzung, die sich eben jetzt auf unsrer Erde vollzieht, und von der es sich eben in unsern Tagen entscheiden soll, ob sie der Menschheit zum Segen oder zum Fluche werden wird.

Diese Arbeiterschar war selbstverständlich im einzelnen organisiert, voran die Schlosser. Ihre große Zahl war in Gruppen zu vier bis zehn Mann geteilt. Je ein Vorarbeiter, der sogenannte Monteur, leitete die gemeinsame Arbeit und dirigierte und kontrollierte den einzelnen. Hobler, Dreher, Tischler, Packer hatten ihre Meister; über allen stand der Schlossermeister, zugleich der Werkmeister des ganzen großen Raumes, in den wir gehörten. Er war gleichsam der Feldwebel dieser 120 Mann starken Arbeiterkompagnie, die übrigen Meister Vizefeldwebel und Sergeanten, die Monteure die Unteroffiziere, ihre Abteilungen, „Montagen“ genannt, die einzelnen Korporalschaften. Der Werkführer und die übrigen Meister waren den Direktoren, besonders dem technischen verantwortlich. Die Leitung im einzelnen hatten sie, je für ihre einzelnen Abteilungen, selbständig; in Fühlung mit ihnen überwachte der Schlossermeister den gesamten Arbeitsprozeß im Detail.