Dieser Arbeitsprozeß war schwer, kompliziert, langsam; aber er war keiner von denen, die den Menschen durch seine Einförmigkeit geistig, moralisch und physisch tot machen. Denn die Maschinenbauindustrie ist eine der höchst entwickelten Zweige der modernen Großindustrie und steht auch, was den sittlichen Einfluß ihres Arbeitsprozesses auf die dabei beschäftigte Arbeiterschaft anlangt, mit an erster Stelle. Das Folgende hat eben dies vor allem zu zeigen und zu würdigen.
Der Arbeitsprozeß beginnt auf dem Tischlersaale. Eine große Maschine, etwa eine Hobelmaschine nach neustem System, ist bestellt worden. Die Konstruktions- und Berechnungsarbeiten der Techniker sind beendigt, die Zeichnungen dafür fertig. Da ist die nächste Arbeit die Anfertigung der Modelle für die einzelnen Teile der neuen Maschine. Dies geschah, wie gesagt, durch Tischler. Auch dabei wurde, wo es möglich war, mit Hilfe von Maschinen gearbeitet. Eine zwar bei der kleinsten Unvorsichtigkeit gefährliche aber zehnmal schneller und exakter als Menschenhand arbeitende Holzsäge-, und ebenso eine Holzhobelmaschine standen zum fortwährenden Gebrauche. Aber auf ihnen wurden doch nur die groben Stücke geschnitten; das übrige, bei weitem das meiste aus diesem Saale, war notwendig Handarbeit. Denn diese großen und kleinen Modellstücke hatten oft die wunderlichsten Formen, und ein jedes eine andre; sie mußten genau in der vorgeschriebenen Größe auf das genauste und dauerhaft ausgeführt werden. Wer hier arbeitete, mußte darum nicht nur geschickt sein, sondern auch denken können. Er mußte die Konstruktion der Maschine, deren Modellkörper er eben anfertigte, einigermaßen kennen; er mußte die Zeichnungen verstehn, die ihm die Maße und Formen für seine Arbeit angaben; er mußte Geschick und Gewandtheit besitzen, um aus möglichst wenig Brettern, Pflöckchen und Brettchen möglichst schnell, praktisch und gut die Formen zusammenzusetzen und zu gewinnen, die die Zeichnung für das betreffende Stück vorschrieb. Das Verhältnis zu seinem Meister beschränkte sich nicht nur auf eine disziplinarische Kontrolle jenes über ihn, sondern bestand notwendig auch in einem Austausch der Ansichten über die bestmögliche Herstellung der geforderten Körper. Dabei war dem einzelnen doch eine gewisse Selbständigkeit in der Ausführung gewahrt; und was er schaffte, war kein Teilstück, sondern ein in sich geschlossenes und wertvolles Ganze, das nach seinem Gebrauch in der Gießerei nicht weggeworfen, sondern dauernd der Modellsammlung der Fabrik einverleibt wurde. Eine gedanken- und charakterlos machende, rein mechanische Fabrikarbeit war also in diesem Teile der Fabrik ausgeschlossen. Auch war der Raum, in dem diese Leute nicht allzu zahlreich mit einander arbeiteten, wohl der beste in der ganzen Fabrik: groß, hoch, licht und luftig. Staub war freilich auch hier genug, wie immer in Tischlerwerkstätten mit ihren groben und feinen Sägespänen, und darum die Gesichtsfarbe auch dieser wie aller Tischler blaß.
Die fertigen, meist rotangestrichenen Modelle wurden dann der benachbarten Gießerei zugestellt, die uns den sogenannten „Guß“ zu liefern pflegte. Wenn man ihn brachte, war es unsrer, der Handarbeiterkolonne Aufgabe, ihn abzuladen und zu wiegen, dann kam die sichtende Hand des Modellmeisters, dem auch die Modellsammlung unterstand, darüber. Sein erprobtes Auge unterschied leicht Charakter und Bestimmung der einzelnen rohen Stücke, die oft nur noch entfernte Ähnlichkeit mit ihrem saubern Modell aufzuweisen hatten, und jedes erhielt die besondre Chiffre, die nach der Sitte später die einzelnen fertigen Maschinen in dem Produktionsjournal der Fabrik führten.
Dann wurden sämtliche Teile dem Monteur überwiesen, der mit dem Bau der betreffenden Maschine beauftragt worden war. Diese Überweisung geschieht nicht ohne Auswahl. Nicht jeder Monteur erhält jede beliebige Maschine zu bauen. Die Verteilung richtet sich im ganzen nach dem Dienstalter, der Erfahrung und dem Geschick des Mannes und der Größe seiner Gruppe. Jüngere und ungeübtere Monteure mit kleineren und weniger geschulten Abteilungen erhielten nur den Bau einfacherer und bekannterer Maschinen. Doch will ich nicht sagen, daß nicht Ausnahmen vorkamen. Für jede vollendete Maschine sind nämlich je nach deren Größe und Kompliziertheit sogenannte Prozente wie für die Direktoren, so für den Werkmeister und den Vorarbeiter in absteigender Höhe festgesetzt. Wer von letztern beim Meister gut stand, konnte hier natürlich leicht einmal bevorzugt werden und Maschinen zu bauen bekommen, die mehr Prozente abwarfen als andre. Doch habe ich selbst hierüber keine deutlichen Beobachtungen gemacht, es mir nur von Arbeitsgenossen erzählen lassen. Auch wird die Ausgabe mit dadurch geregelt, daß die einzelnen Vorarbeiter immer nur auf ganz bestimmte Maschinen eingearbeitet sind: der eine auf Hobelmaschinen und Kreissägen, der andre auf Bohrmaschinen und Drehbänke u. s. f.
Gewöhnlich ist es so, daß immer zwei und mehr verschiedne Maschinen in derselben Abteilung im Bau begriffen sind — was für den erziehlichen Charakter der Arbeit dieser Leute ein unendlich wichtiges, förderndes Moment ist. Denn dadurch wird auch in diesen Abteilungen die letzte Möglichkeit einer schablonenhaften Fabrikarbeit beseitigt. Aber die Veranlassung zu dieser Einrichtung liegt freilich nicht in dieser sittlichen Rücksicht, sondern in dem Charakter des ganzen Fabrikationsbetriebes. Diese Maßnahme ist nämlich notwendig, um die Schlosser überhaupt dauernd beschäftigen zu können. Denn mit dem aus der Hand des Modellmeisters überwiesenen groben Stücke, vermögen der beauftragte Monteur und seine Leute nur zum geringsten Teile schon etwas anzufangen. Ehe die Schlosser die letzte Hand anlegen und die Knaupelarbeit der Zusammensetzung der Maschinen beginnen können, gehen die meisten Stücke noch durch viele Hände.
Zunächst kamen sie auf die Platte des Anreißers, eines der wichtigsten und angesehensten Arbeiters in unsrer Fabrik, durch seinen Beruf sowohl als durch seine Persönlichkeit. Der Mann hatte eine verantwortungsvolle Aufgabe. Er hatte nach den ihm vorliegenden, oft verwickelten Zeichnungen an den großen und kleinen Gußstücken mit Reißnadel und Grobzirkel alle Bohrungen, alle Hobelflächen, alle abzustoßenden Kanten und Ecken genau zu berechnen und zu bezeichnen. Von ihm hing es vor allem ab, ob schließlich die einzelnen Teile sich zusammenfügten und auf einander paßten, ob die ganze Maschine schließlich klappte. Macht auch hier langjährige Übung und allmähliche genaue Kenntnis der einzelnen Maschinen, ein praktischer Blick und eine geschickte Hand diese Thätigkeit leichter und zu einer gewohnheitsmäßigen — das eine steht doch fest, daß sie nie ohne die strikteste Aufmerksamkeit und ohne Gedankenarbeit gethan werden kann. Ich habe, wohl weil ich als der intelligenteste unter den Handarbeitern erschien, dem Anreißer sehr oft bei seiner Arbeit behilflich sein und ihm die eisernen Lineale, Schienen u. s. w. nachtragen, halten und stützen müssen; aber immer sah ich den Mann inmitten des dröhnenden Lärms, mit der Zeichnung vor sich, probierend, rechnend, schweigend seine Arbeit thun. Man ist in vielen Kreisen so wenig imstande, sich einen rechten Begriff von dem Charakter der Fabrikarbeit zu machen, ist so leicht geneigt, jede Fabrikarbeit als die durchschnittlich tiefststehende, einfachste und darum notwendig billigste Art menschlicher Thätigkeit anzusehen, daß ich es für meine Pflicht halte, an dieser Stelle vor diesem leichtfertigen Urteil zu warnen und auf die Arbeit dieses Mannes hinzuweisen, die meines Erachtens viel größere geistige und physische Kraft fordert und doch viel niedriger gelohnt ist, als z. B. die Thätigkeit vieler Subalternbeamten, Handlungsgehilfen, Kontoristen und andrer, die doch eine ganz andre gesellschaftliche Stellung und meist auch ein ganz andres Einkommen haben als dieser und andre ihm gleich zu ordnende Fabrikarbeiter. Ich stehe nicht an, es auszusprechen, daß mir die einseitige und in dem Grade, wie es geschieht, ja ohne weiteres falsche und lächerliche Betonung und Überschätzung der körperlichen, der Hand-, der Fabrikarbeit seitens der Sozialdemokraten auch in unsrer Fabrik eine ihrer begründeten Ursachen in dieser bisher sehr häufigen Nichtachtung und Verkennung solcher und ähnlicher Fabrikarbeiter, deren es viele giebt, zu haben scheint. Es ist der Drang nach einer gerechteren sittlichen Würdigung und damit auch gesellschaftlichen Anerkennung dieser Berufe durch die Allgemeinheit, der hier wie in der ganzen modernen Arbeiterbewegung in elementarer und ungefüger Form zum Ausdruck kommt.
Vom Anreißer hinweg brachten wir die Stücke je nach der Disposition ihrer Meister zu den Bohrern und Hoblern, Stoßern und Drehern. Bei den beiden ersten Kategorien finden wir das Gegenteil geistig anregender Fabrikarbeit. In selten unterbrochener Monotonie steht der Bohrer und der Hobler an seiner kleinen oder großen Arbeitsmaschine und läßt sie Löcher, immer Löcher bohren, Flächen, immer Flächen hobeln. Immer wieder sieht er den Stahlhobel die Flächen pflügen und glätten, den Bohrer wie spielend sich in das Gußeisen graben. Immer wieder führt er der erhitzten Stelle kühlendes Seifenwasser zu, immer wieder fegt er die groben Späne beiseite, bläst er die feinen mit dem Munde davon. Die einzige Thätigkeit, die dabei kurze Zeit ein wenig geistiges Nachdenken und Aufmerksamkeit fordert, ist das richtige Aufstellen der zu bohrenden und hobelnden Stücke. Die Löcher müssen nach der Vorschrift des Anreißers genau senkrecht, die Flächen genau wagerecht werden. Darum muß mit hölzernen Böcken, mit Brettern und Pflöckchen, mit Hammer und Wasserwage, mit eines oder mehrerer Handarbeiter Unterstützung die rechte, genaue und feste Lage für das Stück gefunden werden. Ist das aber geschehen, so beginnt zum millionenstenmale der Bohrer und Hobel seine Arbeit, zu der des Menschen Auge nichts weiter thun als immer nur zusehen und sie überwachen kann. Wunderlicherweise finden sich gerade unter diesen Leuten ebenso gut schwache wie die stärksten Verdiener. Der eine, ein Hobler, der die größten Flächen, und der andre, ein Bohrer, der mit der größten Maschine die gröbsten und längsten Löcher an den stärksten und oft viele Zentner schweren Hauptteilen zu arbeiten hatte, und die beide im Akkordlohn standen, sollten nach übereinstimmendem Urteile vieler Arbeitsgenossen das höchste Einkommen von allen Arbeitern unsers Baues, jedenfalls nicht unter 160–170 Mark im Monat haben, während z. B. der Anreißer die Stunde nur 29, höchstens 30 Pfennige, also in der Woche kaum 20 Mark verdienen sollte, und ebenso die anstrengende Arbeit der Durchschnittsschlosser und der Schmiede unvergleichlich niedriger gelohnt wurde. Bei dem sogenannten „großen Bohrer“ war das immer noch verständlicher als bei jenem Hobler, der mit Hilfe von uns Handarbeitern die Eisenteile auf die tadellose Platte seiner Hobelmaschine hob, sie nur einzurichten und festzumachen brauchte und dann den Dampf die manchmal halbe Tage lange Arbeit thun ließ. Im ganzen war wohl die Thätigkeit der Hobler langweiliger und bequemer als die der Bohrer. Und wieder unter diesen hatten es diejenigen leichter aber auch noch langweiliger, die an größern Maschinen standen. Wer dagegen eine kleine zu bedienen hatte, dessen Aufmerksamkeit war in ganz andrer Weise an den ewig rotierenden Stahl gefesselt. Denn auf solchen Maschinen konnten ja nur enge und kurze Löcher, dünne Flächen und kleine Stücke gebohrt werden; diese festzuschrauben war unmöglich; hier hatte die Hand des Mannes sicher und stark zuzugreifen, hier hatte das Auge schärfer und schneller zu beobachten, hier hatte die Lunge unausgesetzt feinen Eisenstaub zu atmen. Und doch hatten gerade diese Leute von allen Bohrern — wenn ich recht berichtet bin — den niedrigsten Verdienst, waren freilich auch durchschnittlich jünger als die andern.
Wieder anders lag die Arbeit der Stoßer und Dreher. Beide Arbeitsarten, so verschieden sie im einzelnen auch von einander sind, sind sich darin gleich, daß sie dem Manne, der an der Drehbank oder Stoßmaschine steht, wieder größere Selbständigkeit und Selbstthätigkeit ermöglichen. Der Stoßer, der an meist schon glatt und blank gefeilten Stücken Flächen, Ecken, Kanten bald geradlinig bald kurven- oder kreisförmig abzustoßen hat, muß genau die vorgezeichnete Linie einhalten. Das zwingt ihn, so wie er die Maschine in Bewegung setzt, mit unausgesetzter Aufmerksamkeit in halbgebückter Stellung ihren Gang zu überwachen und zu dirigieren. Ganz ebenso der Dreher, dessen Aufgabe es ist, Bolzen, Wellen, Kurbeln und Hebel so zu kürzen, zu formen, so mit Nuten, Rissen, Einschnitten und Spitzen zu versehen, daß sie für die neue Maschine sofort verwendbar sind, jedenfalls aber nur noch geringer Nachhilfe durch die Schlosserfeile bedürfen. Aber ein großer Übelstand ist auch diesen Arbeiten wie denjenigen der Bohrer und Hobler gemeinsam: alles ist nur Teilarbeit. Nie schafft der Bohrer, der Hobler, der Stoßer, der Dreher ein zum Verkauf fertiges, geschweige zusammengesetztes, vollkommenes Produkt; es ist kein organisches Ganze, weder wenn er es unter die Hände bekommt, noch wenn er es aus den Händen giebt. Es ist immer trauriges Stückwerk. Man unterschätze dieses Faktum nicht, dessen üble Folgen, wie wir sehen werden, nur zum Teil wieder aufgehoben werden. Es ist hierauf die Beobachtung zurückzuführen, die ich immer machte, daß gerade unter dieser Berufsgruppe jene Züge häufiger hervortraten, auf die man fälschlicherweise als das bestimmende Charakteristikum des modernen deutschen Durchschnittsfabrikarbeiters so gern mit Entrüstung hinweist: gedankenlose Oberflächlichkeit und sittliche Unreife.
Als eine geradezu bedauernswerte Arbeit aber erschien mir immer die der Aufreiber, zweier schon älterer Männer, die tagaus tagein von morgens 6 bis abends 6 Uhr nichts andres zu thun hatten, als die von den Maschinen roh gebohrten Löcher fein, sauber, glatt nachzubohren — alles mit der Hand, im ewigen Einerlei. Wo ist da noch Schaffensfreudigkeit, innere Befriedigung, geistiges Streben, sittliche Charakterbildung möglich?
Im vollen Gegensatz hierzu stand die Thätigkeit unsrer Schlosser. Wenn alles, wie die Zeichnung es forderte, gebohrt, gehobelt, gestoßen, geschnitten und gedreht war, wenn die Schrauben, Muttern, Bolzen und Einsatzstücke geglüht und gehärtet, wenn die wenigen schmiedeeisernen und messingnen Teile beisammen waren, begann ihre Arbeit, der eigentliche Bau der Maschine. Unter der Leitung ihres Monteurs, immer die Zeichnung vor Augen, die Feile, den Hammer, den Meißel in der Hand, wurde ein Stück auf und in das andre gefügt, häufig nicht ohne größte Mühe. Denn nur in den seltensten Fällen paßten die Teile sofort zu einander; meist konnte gar nicht von jenen andern Arbeitern mit der Akkuratesse und Genauigkeit vorgearbeitet werden, die das allein ermöglicht hätte. Überall gab es darum nachzuhelfen, zehnmal zu probieren, zehnmal die Sache auseinanderzunehmen, um sie auch das elfte und zwölfte mal noch vergeblich zusammenzupassen. Die glatten Flächen, die, nur rauh gehobelt, aufeinander zu laufen bestimmt waren, mußten — eine schwere Mühe — mit Glassand, Öl und Eisenstaub so lange eingeschmirgelt werden, bis sie dicht und fest aufeinander schlossen und doch glatt und leicht funktionierten. Zu dieser gefürchteten Arbeit wurden wir Handarbeiter mit Vorliebe herangezogen. Dann mußten rauhe Stellen abgeputzt, große Scheiben auf eiserne Wellen gekeilt, mit dem Handbohrer die der Maschine unzugänglichen Löcher gebohrt, Gewinde geschnitten, Bolzen und andre Stücke eingesetzt werden. Alles oft in der unmöglichsten Lage: hoch auf der Leiter, gebückt, knieend, kauernd, liegend auf dem Rücken oder auf dem Bauche. Mitunter, wenn es gar nicht klappte, wurde der oder jener Maschinenarbeiter, der Bohrer, Stoßer, Dreher herangeholt und nicht gerade in der zärtlichsten Weise von der von ihm verschuldeten fatalen Situation unterrichtet, ab und zu ihm auch das eine oder andre Stück zur Verbesserung zurückgegeben. Aber allmählich wurde es doch; man sah die Maschine wachsen, bis endlich die letzte Schraube angezogen war, und das Ganze fix und fertig da stand. Dann folgten, wenn möglich an Ort und Stelle, die ersten rohen Versuche, die neue Maschine in Gang zu setzen, und endlich, wieder durch uns Handarbeiter, ihr Transport auf den Probiersaal.