Ein abschließendes Urteil über den Charakter dieser eben mitgeteilten Arbeitsordnung unsrer Fabrik findet man aus den Sätzen, die am Anfange des Büchelchens über die Aufnahme und an seinen Schlusse über eventuelle Änderungen der Fabrikordnung Bestimmungen enthalten. An der ersten Stelle heißt es wörtlich: „Das Recht, Arbeiter anzunehmen, steht nur der Direktion oder deren Beauftragten zu. Durch Annahme der Arbeit unterwirft sich jeder Arbeiter den Bestimmungen der Fabrikordnung, von welcher er bei seinem Antritt ein Exemplar ausgehändigt erhält und worüber durch eigenhändige Eintragung des Namens in ein im Kontor ausliegendes Buch zu quittieren ist.“ Und an der letztern Stelle heißt es, ebenfalls wörtlich: „Änderungen sowie Zusätze zu derselben werden von der Direktion durch Anschlag bekannt gemacht und treten jedesmal sofort in Kraft.“
Hier prägt sich auch dem Harmlosen klipp und klar der ganze Charakter dieser wie wohl fast aller bestehenden Fabrikordnungen aus. Sie ist deutlich das Produkt der Fabrikleitung, zugeschnitten nach den allein maßgebenden Gesichtspunkten ihrer einseitigen Interessen. Sie ist eine Hausordnung, die der Eigentümer allein nach seinem Willen erläßt, und der sich jeder zu fügen hat, so lange er als Glied dem Hause angehört. Es giebt für die Arbeiter gegen solche Arbeitsordnung keinen andern wirksamen Protest, als den des Austritts aus dem Verbande, dem sie Gesetz ist. Ihr Dasein und ihre Giltigkeit bezeichnet in allen Fällen von Bedeutung die vollkommene, schweigende Abhängigkeit aller Arbeiter; sie ist der Ausdruck eines absolutistischen Systems, das gerade Gegenteil von wirtschaftlicher Freiheit, die doch das heute herrschende Gesetz im Wirtschaftsleben der Völker sein soll; sie ist eine neue und folgenschwere Ursache der Unselbständigkeit und Unreife des Charakters der heutigen Fabrikarbeiter.
Freilich, und das ist das zweite, was ich abschließend zu sagen habe, wurde die Schärfe dieser ganz einseitigen Arbeitsordnung in unsrer Fabrik stark gemindert, ja häufig geradezu unwirksam gemacht durch die kluge taktvolle Art, wie sie bei uns zur Anwendung kam. Bei dem Direktor traten diese geschriebnen Satzungen überhaupt durchaus hinter seiner energischen Persönlichkeit zurück, in dessen thatkräftiger, militärischer, aber verständiger, besonnener und vor allem gerechter und unparteiischer Art sie eine neue lebendige Gestalt annahm, und dem man, wie ich das weiter unten noch ausführen werde, ohne Widerstand gehorchte. Die übrigen Vorgesetzten aber, vor allem die Meister, handhabten die Ordnung durchschnittlich so klug, mild und nachsichtig, daß die Arbeiter die in ihr enthaltenen rücksichtslosen Sätze leicht hinnahmen, und daß ihre Schärfe ihnen nur in den seltensten Fällen schmerzlich zum Bewußtsein kam.
Eingehend möchte ich am Schlusse dieses Kapitels noch von dem Verhalten der Leute bei der Arbeit, ihrem Verkehr unter einander und mit ihren Vorgesetzten erzählen. Die gesamte Arbeiterschaft unsrer Fabrik schied sich auch in dieser Beziehung in zwei große Gruppen, in die des Werkzeug- und des Stickmaschinenbaues; die vollständige Trennung des Arbeitsprozesses beider Abteilungen hatte für die darin beschäftigten im allgemeinen auch eine solche des Verkehrs zur Folge, und zwar so sehr, daß häufig sogar eine vollständige gegenseitige Unbekanntschaft unter den Leuten bestand. Dann ging man meist achtlos, grußlos, ohne ein Wort zu wechseln, beim Eintritt wie beim Austritt aus der Fabrik an einander vorüber und kannte nicht Namen noch Gesinnung des andern. Zwischen denen, die schon jahrelang in der Fabrik waren, bahnte sich natürlich trotz dieser Betriebsscheidung allmählich eine Annäherung an; doch beschränkte auch sie sich meist nur auf einen ganz oberflächlichen, flüchtigen und seltenen Verkehr während der Arbeitspausen. Die Handarbeiter, die selbstverständlich am meisten in der Fabrik hin und her geschickt wurden, waren eigentlich das einzige und hauptsächliche verbindende Element zwischen den beiden großen Arbeitergruppen, denen man als dritte isolierte die kleinere Tischlerkolonne an die Seite stellen kann.
Innerhalb jeder dieser drei Gruppen aber war der Verkehr bei der Arbeit selbstverständlich sehr rege. Dazu zwang schon der obengeschilderte Charakter des gemeinsamen Arbeitsprozesses. Es waren darum nur seltene Ausnahmen, daß ältere Leute, die oft schon 20 Jahre in der Abteilung arbeiteten, einmal einen jungen Schlosser nicht kannten und auch nie ein Wort mit ihm wechselten. Solche Fälle erklärten sich dann aus der abnehmenden geselligen Elastizität der ältern Leute, und aus dem fortwährenden Wechsel gerade dieser jugendlichen Elemente. Sonst aber führte, wie gesagt, die Gemeinsamkeit des Arbeitsprozesses die Leute schnell, häufig und nahe aneinander und zwang sie zu dauerndem gegenseitigen Verkehr.
Dieser war nun selbstverständlich besonders rege zwischen Gleichaltrigen, Arbeitsnachbarn und den Leuten derselben Kolonne, derselben Montage, desselben Meisters. Hier wurde er von selbst häufig ein intimer; und jede Gelegenheit zu einem längern oder kürzern Zwiegespräch wurde dann fleißig benutzt. Und je nachdem unterhielt man sich bald über gleichgiltige, bald lustige, bald ernste Dinge, oder neckte und balgte man sich herum. Vor allem wurde der Neueingetretene ausführlich kritisiert; dann erzählte man sich andre kleinere Neuigkeiten aus der Fabrik, z. B. daß dem Kantinenwirt und dem Portier gekündigt worden wäre, und dann auch, daß der Kutscher seine Stellung aufgäbe, und warum das alles geschähe; oft wurde auch ein Ereignis aus dem gemeinsamen Wohnorte des langen und breiten erörtert oder über das letzte Sonntagsvergnügen geredet, und was man für den nächsten Feiertag plante; vor allem plauderte man gern auch von seinen Kindern und erzählte und hörte ausführlichere Schilderungen an von Selbsterlebtem aus vergangner Zeit. Aber ebenso oft unterhielt man sich auch, und mitunter während man die Feile hin und her schob oder während die Maschine rasselte, während man maß und verglich, mit hinzugetretenen zweiten und dritten über ernste Dinge, religiöse, wirtschaftliche, politische und über Bildungsfragen, natürlich in der Art und mit den Fähigkeiten und Kenntnissen, die den Leuten eben zu Gebote standen. Gerade hierüber sollen die nächsten Kapitel berichten; an dieser Stelle genügt die eben gemachte Angabe.
Vor allem aber scherzte, neckte und balgte man sich herzlich gern, wo immer es anging. Überall suchte man unter guten Bekannten, die solche Neckereien verstanden, einander etwas auszuwischen: so warf man den achtlos vorübergehenden aus einem Versteck mit Thon, zog ihm heimlich die Schleife seiner Schürze auf oder in der Pause das Brett unter dem Sitze weg, stellte sich plötzlich einander in den Weg oder „meinte es miteinander gut.“ Dies Gutmeinen pflegte gern am Ende der Woche von ältern Leuten zu geschehen, die einen starken Bartwuchs hatten und sich, wie es im Volke heute noch viel verbreitete Sitte ist, nur einmal in der Woche, des Sonnabends Abend oder des Sonntags Morgen, rasierten. So einer mit genügend langen harten Stacheln im Gesicht nahm dann plötzlich ein um Kinn, Backen und Lippen noch zarteres Kerlchen beim Kopfe und rieb blitzschnell seine Wange an der jenes mehrmals hin und her, wodurch gerade kein angenehmes Gefühl hervorgerufen werden sollte. Wenn der so Liebkoste zur Besinnung kam, war der Übelthäter längst davon. Noch ungemütlicher war ein andrer Spaß, den man an mir glücklicherweise nur einmal probierte, das sogenannte „Bartwichsen.“ Da lehnt einer vielleicht achtlos an einem Pfosten, eben zufällig ohne bestimmten Arbeitsauftrag. Zwei andre sehen den Arglosen stehen; ein gegenseitiger Blick des Einverständnisses, und der eine tritt von hinten an ihn heran, umschlingt ihn mit den Armen, sodaß jener sich nicht mehr rühren kann; unterdes umfaßt der andre mit seinen zwei schwarzen, schmutzigen Händen von vorn das Gesicht des Überfallenen und streicht nun in aller Gemütsruhe mit den festangepreßten Daumen den Schnurrbart des Wehrlosen auseinander, was, wie ich versichern kann, sehr schmerzhaft ist. Bei mir wiederholte man aber die Sache niemals wieder, weil mir beim erstenmale durch eine abwehrende Bewegung meines Kopfes die Brille von der Nase fiel, glücklicherweise ohne zu zerbrechen; das wollten die Leute doch nicht nochmals riskieren und unterließen es darum. Unter intimern Bekannten blieb keiner davon verschont, und jeder wurde ohne Unterschied des Alters heimgesucht. So etwas geschah natürlich immer nur, wenn man sich unbeaufsichtigt glaubte. Scherze andrer Art und viele Witze waren selbstverständlich ebenso häufig und oft von urwüchsigster Komik, sodaß man von Herzen darüber lachen mußte, nicht selten aber auch derb und roh. Ich habe auch darüber an andrer Stelle noch eingehender zu reden.
Spitznamen wurden viele ausgeteilt; selbst der Direktor hatte einen, freilich einen völlig harmlosen, seinen Vornamen. Sonst pflegte man mit Vornamen mit Vorliebe nur die in der Fabrik besonders beliebten Kameraden zu rufen, ferner die Komiker und Spaßmacher, die, wohin sie traten, immer Ursache oder Gegenstand heiterster Laune wurden.
Heiterkeit, Frohsinn, ausgelassene Lustigkeit waren überhaupt der Grundzug des Geistes, der wenigstens in unserm Baue während der Arbeit herrschte und auch in den letzten Abendstunden des langen Werktages, wo die Abspannung und Müdigkeit sich geltend zu machen begann, nicht ganz verloren ging. Davon war wohl der günstige Charakter des Arbeitsprozesses nicht weniger als die joviale, heitere Anlage des Volkes selbst die erfreuliche Ursache. Diese lustige, frische, scherzende Art war der gute Geist, der auch die schweren Arbeitsmühen immer wieder leicht und erträglich machen half. Verwunderlich war, daß man trotzdem wenig bei der Arbeit sang. Nur einzelne pflegten gern ein Liedchen vor sich hinzuträllern, und nur eine Schlossergruppe, die fast ausschließlich aus jungen verliebten Burschen bestand, stimmte ab und zu ein gemeinsames Volks- oder Soldatenlied an. Jedenfalls war der unaufhörliche große Lärm das Hindernis.