Das gegenseitige Duzen war nicht durchgängig Sitte, doch immer in den engern Arbeitsgruppen, unter Gleichaltrigen und auch meist unter Nachbarn. Dagegen hielt mancher Schlosser, namentlich der von ferne und aus besserer Familie herkam, streng darauf, das Du außerhalb seiner Gruppe nur sehr mit Auswahl anzuwenden, und schüttelte den Kopf über seine Handwerksgenossen, die es an jeden beliebigen Handarbeiter verschwendeten. Manchmal duzten sich auch alte, langerprobte Arbeiter, Schlosser oder Maschinenarbeiter mit einem Meister, auch Meister mit Vorarbeitern, häufiger Vorarbeiter mit Arbeitern jeder Art und selbst Handarbeitern, selten aber mit Leuten ihrer Kolonne; wenn dies aber doch geschah, dann immer nur mit ältern, langansässigen. Die Vorarbeiter stehen unter sich fast immer auf Du und Du, nicht aber häufig auch die Meister unter einander. Bei denen kommt doch schon ihre höhere soziale Stellung in Betracht, während bei den andern der angeborene Gemeinschaftssinn, die militärische Sitte der Kameradschaft und die leicht erregbare gegenseitige Teilnahme an einander jene Neigung in lebendige Übung bringt.

Bemerkenswert war das besondre Verhältnis zwischen uns fünf Handarbeitern. Unter uns war es am leichtesten möglich, auf Kosten der andern zu faulenzen. Es gab eine Reihe von Winkeln und Plätzen in der Fabrik, die einem auf eine halbe Stunde ein friedliches, auch vom Meister nicht bemerktes Ausruhen möglich machten. Oder ein guter Freund unter den Schlossern und Maschinenarbeitern betraute einen nur scheinbar mit einem Auftrag. Um dies zu verhüten, wurde ganz von selbst eine gegenseitige geheime Kontrolle geübt. Es gab unter uns besonders zwei, die sich gern einmal von der Arbeit drückten; auf sie hatten die andern ein besonders wachsames und scharfes Auge. Zwar sah man ihnen vieles nach; wenn sie es aber dann und wann einmal gar zu arg trieben, stellte man sie offen, ernstlich und nicht zart darüber zur Rede; das gab dann immer einen tüchtigen Streit und hatte zwischen den beiden Wortführern ein mehrtägiges oder mehrwöchentliches Schmollen zur Folge. Aber die Ermahnung fruchtete doch meist, und allmählich kam auch zwischen den beiden wieder ein leidliches Verhältnis zu stande. Die andern drei verband ein intimeres kameradschaftliches Verhältnis, sodaß jeder von ihnen nach Kräften zugriff und nicht gern den andern im Stiche ließ. Gegen mich, den Neuling, waren alle fünf unsrer Kolonne besonders freundlich und entgegenkommend. Als ich in die Fabrik eintrat, zeigte es sich gleich am ersten Tage, daß ich unfähig war, ebenso stramm und stark zuzugreifen, wie die in solcher Arbeit erprobten Kolonnengenossen. Sofort nahm man Rücksicht auf mich; und anstatt den neuen, noch schüchternen Kameraden auszubeuten und ihn an ihrer Statt arbeiten zu lassen, stellte man ihn immer an den leichtesten Platz, ja schob ihn gar ganz beiseite, um selbst schneller und besser die Arbeit zu thun. Und denselben kameradschaftlichen Sinn, dieselbe freundliche Nachsicht übten die meisten Schlosser und Maschinenarbeiter gegen mich. Später, als ich kräftiger, geschickter, ausdauernder geworden war, hörte das freilich und mit Recht auf, und ich wurde ebenso viel, doch nicht mehr als die andern strapaziert.

Das Verhältnis der Schlosser, Schmiede, Maschinenarbeiter zu uns Handarbeitern war ebenfalls mehrfach interessant. Außerdienstlich gab es zwar für die Mehrzahl von ihnen keine Rangunterschiede zwischen uns, wohl aber während der Arbeit. Man wußte, daß wir eben zur Dienstleistung für die andern da waren, und machte von dieser Thatsache, jedoch mit Unterschied, ohne Scheu Gebrauch. Ältere Leute nahmen nur ungern, wenn es gar nicht anders ging, zu unsrer Unterstützung Zuflucht, jüngere dagegen benutzten uns häufig; selbst Lehrlinge machten Versuche dazu. Die Handarbeiter wieder gehorchten, sowie man sie nur anständig behandelte. Unteroffiziersmäßig anschnauzen ließ sich keiner. Wer es versuchte, wurde stillschweigend, ohne jede Verabredung, geboykottet; d. h. die Handarbeiter ignorierten ihn, kamen nicht in die Nähe seines Platzes, thaten als hörten sie ihn nicht, wenn er einen von ihnen anrief, und wenn dieser direkt an sie herantrat und eine Dienstleistung verlangte, hatte man immer angeblich etwas zu thun. In solchen Fällen mußte sich der Verlassene dann an den Meister wenden und diesen um Zuteilung einer Hilfskraft bitten. Beschwerte er sich aber dabei über einen von ihnen oder verdächtigte er ihn gar, und es kam heraus, so ging es ihm noch schlechter, und er wurde als „Fuchsschwanz“ erst recht beiseite liegen gelassen, hatte oft auch bei unserm Meister gar kein Glück. Darum war es immer auch für die Auftraggeber erwünscht, sich mit den Handarbeitern gut zu stellen, und wenn nötig, sie freundlich zu bitten. Die am meisten übliche Form der Aufforderung zur Hilfeleistung war die: He! Pst! Hast du Zeit?

Ja.

Da wollen wir mal das und das zusammen machen; es dauert gar nicht lange. Oder man sagte: Wir möchten einmal diese Welle hier fortschaffen; aber sie ist schwer; du mußt dir noch ein paar andre suchen und mitbringen.

Und fast immer halfen die Auftraggeber selbst mit.

Die Monteure nahmen ihren Leuten gegenüber etwa die Stellung von Untermeistern ein. Ihr Verhältnis zu ihnen war halb das von Vorgesetzten, halb das von Genossen. In Dingen, die die Arbeit betrafen, wurden sie von jenen durchaus respektiert, im übrigen war der Verkehr zwischen ihnen ein mehr kordialer. Besonders wenn gleichaltrige oder an Jahren ältere Leute unter ihnen arbeiteten, was nicht selten vorkam; denn wir hatten ein paar noch ziemlich junge Monteure als Gruppenführer unter uns. Wie diese zu der Stellung gekommen waren, erfuhr ich nicht; sie alle waren früher Durchschnittsarbeiter gewesen. Ältere Leute ließen diese dann meist sehr selbständig und „ihren eignen Stiefel“ arbeiten; ihnen gegenüber begnügte man sich mit den allernötigsten Anordnungen. Übrigens sei an dieser Stelle bemerkt, daß einige der ältesten Schlosser überhaupt den Gruppenverbänden dauernd entnommen waren und direkt dem Werkmeister unterstanden.

Ältere Monteure prägten ihren Gruppen einigermaßen ihren technischen Charakter auf; Gruppen mit gewandten und tüchtigen Monteuren waren deutlich intelligenter und leistungsfähiger als andre, deren Vorarbeiter sich häufig bei ihren erfahreneren Kollegen Rats erholten. Auch in sittlicher Beziehung war der Vorarbeiter auf seine Gruppe hie und da von Einfluß. Doch war dieser Einfluß ein ebenso zufälliger als verschiedener; bei einigen ein besserer, bei der Mehrzahl aber ein wenig guter. Das war nur zu erklärlich, wenn man bedenkt, daß die Leute früher ja selbst Arbeiter gewesen und nie auf die Pflicht, ein gutes Vorbild zu geben, aufmerksam gemacht worden sind. Ich hörte darum selten, daß einer von ihnen einem seiner Leute ein unzüchtiges Wort, einen Fluch, eine unedle Gesinnung verwies. Es war schon viel, wenn ein Monteur sich persönlich davon frei und dazu still verhielt; viel häufiger teilte man die Ansichten der Leute, fluchte und zotete selbst mit. Von besondrer Bedeutung ist der einzelne Monteur für die Lehrlinge, die den Montagen zugeteilt zu werden pflegen. Je nach der Tüchtigkeit des Monteurs und der Gruppe, der er angehört, wird der Junge etwas lernen. Doch habe ich nicht bemerkt, daß sich der vorgesetzte Monteur, ebensowenig der Schlosser- und Werkmeister, in irgend welcher Beziehung viel um seinen Lehrburschen gekümmert hätte. In einem einzigen Falle behandelte der wohl tüchtigste Monteur, ein polternder aber sehr gutmütiger Mann, der namentlich des Sonntags gern einmal einen über den Durst trank, ohne gerade ein Gewohnheitstrinker zu sein, den ihm unterstellten Lehrling mit väterlichem Wohlwollen und Wohlgefallen. Das war aber ein besonders hübscher und kluger Junge, dessen Vater ein Lehrer am Orte und mehrfacher Hausbesitzer war und darum wohl auch persönliche Beziehungen zu dem betreffenden Monteur unterhielt, die diesem gerade nicht zum materiellen Schaden gereichten. Eine Entscheidung darüber, ob der Lehrling in der Fabrik oder bei einem Kleinmeister besser aufgehoben ist, wage ich nach meinen geringen Erfahrungen hierin nicht zu geben; doch glaube ich sagen zu können, daß eine solche Fabrik von vornherein eher geeignet erscheint, bessere Lehrlinge zu erziehen, als der in beschränkten Verhältnissen meist um seine Existenz ringende und häufig mit Flickarbeit beschäftigte Kleinmeister. Die sittlichen Gefahren können bei diesem aber eben so groß sein als dort.

Außerhalb der Fabrikräume galt der Monteur dem Schlosser, dem Maschinenarbeiter, dem Handarbeiter als durchaus gleichgeordnet; da fielen die Unterschiede, die der Betrieb zwischen sie notwendig aufstellte; da waren sie und fühlten sie sich alle im gemeinsamen Umgange als Arbeiter, und kein andrer Umstand entschied für ihren persönlichen Verkehr, als die gegenseitige Neigung, die Gesinnungsgleichheit und die nachbarliche Wohnung.

Wieder anders als die Monteure standen in der Fabrik die Meister. Bei ihnen trat, obgleich auch sie häufig aus ganz einfachen Arbeiterkreisen, aber wohl nur selten aus derselben Fabrik herausgewachsen waren, die gesellschaftliche Überordnung während und noch mehr außerhalb der Arbeit klar und offen zu Tage. Schon durch ihre Kleidung unterschieden sie sich in der Fabrik von allen übrigen; sie trugen keinen eigentlichen Arbeitsanzug, sondern auch während der Arbeit den üblichen modischen Rock, Schlips und weiße Wäsche. Sie bildeten das Bindeglied zwischen der Arbeiterschaft und den höhern Beamten des Etablissements bis zu den Direktoren hinauf; sie sind, ich weiß in der That keinen bessern Vergleich, die Feldwebel in der Fabrik. Sie sind die technischen Leiter des Betriebes im Detail, dem Direktor hierin wie bezüglich der Persönlichkeiten der einzelnen Arbeiter maßgebend und verantwortlich; sie kontrollierten die Arbeiter alle und hatten — was von besonderer Bedeutung ist — Einfluß auf die Höhe des Stunden- wie namentlich des Akkordlohnes des einzelnen Mannes. Sie gaben das Tempo für den Gang der Arbeit mit an und hatten es in der Hand, daß auch bei flauerm Geschäftsgange Leute nicht entlassen, sondern mit durchgeschleppt wurden. Traten wirklich Betriebseinschränkungen ein, so bestimmten ebenfalls sie mit, wer von den Leuten zu gehen habe; endlich waren sie imstande, manches mißratene Stück unbemerkt zu beseitigen, manches Verpfuschte zu vertuschen. Das alles machte sie für die Arbeiter ebenso wie für die Direktoren zu den wichtigsten Persönlichkeiten in der Fabrik, und es bestimmte auch sichtlich ihr Verhältnis und ihren Verkehr zu den Leuten und umgekehrt.