Dies Verhältnis ist eben durchaus das des Vorgesetzten zum Untergebenen. Je nach der Persönlichkeit des Mannes ist es angenehm oder unangenehm. Wir hatten in unsrer nächsten Nähe vier Meister. Der eine wurde von allen meinen Arbeitsgenossen einstimmig als grob, gemein und als Zwischenträger, dabei als unfähig, freundlich ins Gesicht, hinterlistig im Rücken geschildert, vor dem man den Neuling warnte. Auch ihm parierte man ohne Widerrede. Aber alle zeigten ihm gegenüber eine gewisse stolze Reserve, wiesen jede scheinbare Annäherung von seiner Seite zurück und hatten auf seine Anordnungen oft nur ein heimliches überlegenes Lächeln. Zwei andre Meister thaten schlicht und recht ihre Pflicht, ließen sich nicht allzusehr mit den Leuten ein, wurden hie und da grob gegen sie, wofür man meist mit gleicher Münze bezahlte. Sonst war in ihrem Verkehr nichts Sonderliches zu beobachten; eigentliche Zuneigung besaßen sie wenig. Wohl aber der vierte. Er erfreute sich, alles in allem genommen, bei den meisten großer Beliebtheit. Er war ein in seinem Fache erfahrener kluger Mann, wohlhabend, gewandt, und hatte eine große Gabe, die Leute recht zu behandeln. Er schnauzte sie mitunter tüchtig an, aber machte auch einmal mit jedem einen guten Witz und nahm überall seine Leute gegen andre Meister, wohl auch gegen die Direktoren in Schutz; wenn er früh morgens kam, wünschte er jedem einen guten Morgen, sah auch hie und da nicht hin, wo einmal gebummelt wurde, wenn er wußte, daß es nicht gerade eilig ging, und war gegen Petitionen um Lohnaufbesserung nicht taub und unzugänglich. Er war so klug, ältere, lange anwesende Leute anders, feiner, kordialer, freundschaftlicher zu behandeln als die jungen. Er hatte, wie das psychologisch erklärlich und bei Leuten dieser Bildungsstufe selbstverständlich ist, freilich auch seine Schützlinge und Sündenböcke, die aber zum Glück häufig wechselten. Alle gehorchten seinen immer im rechten Ton und in rechter Weise gegebenen Weisungen willig und sofort, wenn auch der einzelne Mann, je nach seiner Gesinnung, seinem Alter, seinem Charakter im stillen manches an ihm auszusetzen haben mochte und sich anders als der Nachbar gegen ihn benahm: bald freundlicher, bald zurückhaltender, bald selbstbewußter, bald serviler und mit dem sichtlichen Streben, bei ihm gut angeschrieben zu sein. So z. B. ein älterer Genosse meiner Kolonne, der, über die Fünfzig hoch hinaus, in rührender Weise alle seine schon abnehmenden Kräfte anspannte, so oft der Meister in die Nähe unsrer Arbeit kam, um ihm zu zeigen, daß er noch ganz seinen Mann zu stellen vermöchte. Wieder andre zeigten ihm gegenüber eine gewisse Vertraulichkeit, Sicherheit, und einige wenige Verbissene heimliche Feindseligkeit. Die jüngern und fluktuierenden Elemente gehorchten ihm ohne Widerrede und gaben sich Mühe, ihn nicht zu erzürnen. Einen irgendwie nennenswerten günstigern moralischen Einfluß aber übten auch diese Meister nicht aus. Im Gegenteil, in ihrer ganzen Bildung, ihrem Denken, Streben, Handeln ihnen innerlich durchaus verwandt, bestärkten sie häufig nur, sowie sie zu solchen Äußerungen einmal die Gelegenheit und das Wort fanden, durch ihre sozial autoritative Stellung die sittlich sehr geringwertige Haltung und Gesinnung ihrer Untergebenen.
Ein intimeres Verhältnis bestand zwischen den Meistern und den meisten Vorarbeitern, mit denen sie gern einmal plauderten, selbstverständlich auch geschäftlich am meisten zu verkehren hatten, da sie mit ihnen die im Bau begriffenen Maschinen eingehend besprechen mußten. Wie die Meister unter sich standen, bekam ich nicht genau heraus. Eine äußerliche Kollegialität war jedenfalls vorhanden, aber ebenso auch eine gewisse Rivalität, in einem Falle wohl auch Neid, und in einem andern spöttische Geringschätzung. Das ganze Verhältnis kann man etwa mit dem bekannten der Subalternbeamten vergleichen. Einmal kam es in der Fabrik zwischen zwei Meistern zu einem lauten Skandal, bei dem sich die beiden Beteiligten zum Gaudium der Arbeiter wacker herumzankten.
Es erübrigt nun noch, einen Blick auf das Verhältnis der Arbeiterschaft zu dem kaufmännischen Kontorpersonal und zu den Zeichnern und Ingenieuren zu werfen. Man sah unter den Arbeitsgenossen jene sämtlich als zu einer andern Gesellschaftsklasse gehörig und ihnen innerlich und äußerlich fernstehend an. Das wurde befördert durch die Thatsache, daß jenes Personal nur wenig mit den Leuten in Berührung und nur selten in die eigentlichen Fabrikräume kam. Wenn es aber geschah, so war mindestens in der Hälfte der Fälle die Klage der Leute über das gleichgiltige oder hochfahrende Gebaren dieser Herren aus Kontor und Zeichenstube nach allen meinen Beobachtungen berechtigt. Es gab besonders einen Zeichner oder Ingenieur, ich weiß das nicht mehr genau, der ab und zu mit dem Anreißer wegen der Zeichnungen zu verhandeln hatte: auch nicht den kürzesten Gruß zu uns brachte dieser Herr über die Lippen, selbst dem Anreißer gegenüber nicht, den sonst jeder zu grüßen pflegte. Das wurde von den in solchen Dingen feinfühligen schlichten Leuten gar bitter empfunden. Um so dankbarer und freudiger wurde dagegen von den Arbeitsgenossen die Freundlichkeit einiger andrer Herren und namentlich eines jungen schlanken Kaufmanns bemerkt, dessen höflicher Gruß und schlichte Art ihm uns alle zu Freunden machte. Einige Kontorschreiber standen selbstverständlich den Arbeitern näher.
Ein doppeltes Charakteristikum springt nun bei der übersichtlichen Beurteilung dieses eben geschilderten Verkehrs der Leute unter sich und vor allem mit ihren subalternen Vorgesetzten leicht in die Augen: einmal das wunderliche halb gleich halb untergeordnete Verhältnis der verschiedenen Arbeiterkategorien zu ihren Chargen, wenn ich so sagen darf, und zu einander; und zweitens die bedauerliche Abwesenheit aller nur einigermaßen erzieherisch wirkenden sittlichen Kräfte.
Jenes halb kordiale halb subordinierte Verhältnis ist darum so wunderlich und auffallend, weil es in schroffem Gegensatz steht zu dem sonstigen Charakter der Organisation und Disziplin unsrer großen industriellen Betriebe, die, wie wir das auch an unsrer Arbeitsordnung sehen, sonst vielmehr auf dem aristokratischen Prinzip der absoluten Unterordnung der Arbeiterschaft unter ihre Vorgesetzten und ihrer Abhängigkeit von diesen in Arbeits- und Lohnbedingungen beruht. Aber dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich sehr wohl aus demselben Prinzip des Laissez aller, das unser Wirtschaftsleben überhaupt bestimmt. Während man aber diesen Satz von der freien Bewegung aller Menschen und Kräfte in diesem Falle in die absolute Freiheit der Verfügung der Leiter der Fabriken über die Arbeiter und Arbeitsbedingungen umgedeutet und demgemäß ausgenutzt hat, hat man im andern die Ordnung des Verhältnisses der Leute unter sich diesen einfach selbst überlassen. Und die auf eignes Zurechtkommen angewiesenen Arbeiter übertrugen da wohl anfangs das frühere, bewährte Verhältnis zwischen Meister und dem einzelnen Gesellen im ehemaligen Kleingewerbe auf die großen neuen Arbeitsverbände der großindustriellen Betriebe. Hier aber, wo der ehemalige Meister selbst nicht mehr selbständiger Herr ist, nahm die Sache sofort einen demokratischen Charakter an, der es bewirkte, daß der Arbeiter sich ohne geschriebene Satzungen und Paragraphen soweit den Anordnungen der nunmehr selbst subalternen Vorgesetzten beugt, als sie der Betrieb verlangt und seine persönliche Würde achtungsvoll anerkannt wird. Es leuchtet ein, von wie großer Bedeutung diese demokratisch-sozialistischen Verkehrsgewohnheiten bei der Arbeit für das wirtschaftliche Denken der Leute sein müssen.
Über den zweiten Punkt, den Mangel sittlicher Faktoren und einer bewußten Verwertung und Verwendung derselben durch die niedern und höhern Vorgesetzten, braucht nicht allzuviel mehr gesagt zu werden. Die stumme Thatsache redet schmerzlich laut genug für sich selbst. Sie beweist an ihrem Teile das, was dies ganze Kapitel über die Arbeit in der Fabrik bloßlegt, und was als Schlußwort an seinem Ende folgen mag, daß sich alle unsre großartigen Fabrikbetriebe ganz einseitig nur als Institute zur Schaffung ausschließlich materieller Werte repräsentieren. Was von sittlichen Kräften in ihnen wirkt, ist die Folge rein zufälliger günstiger Verhältnisse und nicht eine bewußte Absicht dazu. Ihnen allen fehlt noch der sittliche Adel, der ihnen zukommen würde, sobald man sie zugleich auch als Stätten einrichtete und ausnutzte, die als die modernsten und großartigsten Bildungen menschlicher Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zugleich auch bestimmt wären, allen in ihnen beschäftigten, hoch und niedrig, durch ihre Arbeitsbeteiligung und Arbeitsleistung gleich günstige Gelegenheit zu einer freudigen Bethätigung ihrer geistigen Fähigkeiten und einer harmonischen Ausgestaltung auch ihrer sittlichen Persönlichkeit zu bieten. Nur erst, wenn diese Auffassung von dem Beruf eines Fabrikorganismus zur allgemeinen Anerkennung und Herrschaft willig oder widerwillig gebracht worden sein wird, hat das moderne Institut der Fabrik seine sittliche Daseinsberechtigung erlangt und wird das gepriesene Mittel werden, die Menschheit einen gewaltigen Schritt vorwärts zu bringen, ihrer unabsehbaren Bestimmung entgegen. Und ich wage zu meinen, daß die Verwirklichung dieses Zieles sich sehr wohl vereinigen läßt mit der in der That durchaus gleichbedeutsamen Rücksicht auf die wirtschaftliche Leistungs- und materielle Ertragsfähigkeit solcher großen Etablissements, sofern die betreffenden Fabrikleiter nur erst einigermaßen von dem Bewußtsein der gewaltigen erzieherischen Aufgaben durchdrungen sind, zu deren Bewältigung sie von Berufs wegen, um des Vaterlandes und des Volkes, um der Sittlichkeit und der Religion willen verpflichtet sind. Dazu aber sind sie — mit oder wider ihren Willen — durch den Druck einer neuen, bessern, idealern, sittlichen, christlichen öffentlichen Meinung einfach zu erziehen.
Viertes Kapitel
Die Agitation der Sozialdemokratie
Chemnitz ist einer der ältesten und ersten Sitze der deutschen Sozialdemokratie. Schon im Jahre 1867 schickte es den Sozialdemokraten und Dresdner Kupferschmiedemeister Försterling in den Norddeutschen Reichstag, der freilich bald nachher wieder aus ihm ausschied. Dann kurz nach dem Kriege schlug der „wütende Most“ sein Hauptquartier in Chemnitz auf und wurde daselbst 1874 sowohl wie 1877 als Reichstagsabgeordneter gewählt. 1878 bei den Neuwahlen nach den Attentaten fiel er allerdings durch, doch eroberte die Sozialdemokratie den Kreis im Jahre 1881 durch den Breslauer Schriftsteller Bruno Geiser sich wieder zurück, um ihn auch 1884 zu behaupten; 1887 verlor sie ihn jedoch abermals. Aber schon bei den letzten Wahlen 1890 wurde wieder ein Sozialdemokrat, der bekannte Max Schippel, dessen Vater in Chemnitz Schuldirektor ist, gewählt.
Fast 25 Jahre hindurch also wird in Chemnitz und Umgegend von der Sozialdemokratie agitiert, und immer waren es Parteigrößen, die hier „in Arbeit“ standen. So ist es nicht verwunderlich, daß schon 1881 über 10000 und 1887 über 15000, 1890 gar 34642 sozialdemokratische Stimmen abgegeben wurden, und daß in dem Vororte, in dem unsre Fabrik stand und die Mehrzahl von uns wohnte, bei der letzten Wahl 700 sozialdemokratische und nur 150 sogenannte „reichstreue“ Stimmen gezählt worden sein sollen.
Dieser Vergangenheit würdig, war auch während des letzten Sommers die Agitation der Partei ununterbrochen rege, auch hier wie an den meisten Orten Deutschlands überhaupt die einzige, die zu bemerken war. Sie war durchaus planmäßig, kraftvoll und ins einzelne gehend. Allwöchentliche große öffentliche Versammlungen für Angehörige irgend eines Arbeitszweigs oder auch für Männer und Frauen überhaupt hielten die Aufmerksamkeit der gesamten arbeitenden Bevölkerung für die Arbeiterpartei zunächst im allgemeinen lebendig. Freilich waren diese Versammlungen, wenigstens die, die ich mitgemacht habe, meist nur dürftig besucht; und nur wenn ein besondrer Anlaß eine Reihe bestimmter Berufszweige zugleich beschäftigte, oder ein bekannter von auswärts zitierter Redner, eine sozialdemokratische Größe auftrat, schwollen sie zu imposanten Massenversammlungen an; sonst schwankte die Durchschnittszahl der Besucher wohl immer zwischen 1–200 Mann; es waren die in der Bewegung voranstehenden Arbeiter, die immer den Ton angaben, wo etwas Sozialdemokratisches los war. Meist waren das gut situierte Leute. Ich erinnere mich, daß ich in der ersten derartigen Versammlung, zu der ich als Arbeiter in die Stadt hineinkam, der einzige war, der im schmutzigen Arbeitszeug, ohne weißen Kragen und Schlips erschien; die andern hatten alle bessere Kleidung an. Jedenfalls aber erregten diese Versammlungen schon durch die ständigen großen roten Plakate, die sie vorher an allen Ecken und Enden der Stadt und Vorstädte ankündigten, ihren Zweck: die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für die Bewegung wachzuhalten. Im übrigen bildeten sie nur den Rahmen für die intensivere besondre Agitation in den einzelnen Stadtteilen und Vorstadtdörfern.