Denn fast jeder dieser Bezirke besaß, und zwar nicht bloß bei herannahender Reichstagswahl, seinen sozialdemokratischen Wahlverein, der das ganze Jahr hindurch eine stille aber kluge und tiefgehende Thätigkeit entfaltete, und dessen Mitglieder sich aus den überzeugtesten und zielbewußtesten Anhängern der Partei zusammensetzten. Der Wahlverein hat die Agitation für die Reichstags- und neuerdings auch Gemeinderatswahlen in der Hand; er stellt bei großen Wahlversammlungen stets eine nie fehlende Schar, die bei allen Gelegenheiten in blinder Treue nach bekanntem, lärmendem Rezept die Partei ihrer Arbeiterredner ergreift; er ist eine der Sammelstellen für die Parteigelder und — das bedeutsamste an ihm — die Hochschule für die sozialdemokratischen Redner. Denn nicht nur die neugegründeten Arbeiterbildungsvereine, nicht nur besondre Institute, wie deren in Hamburg eines in der Stille blühen soll, dienen diesem Zwecke. Man kann dreist behaupten, daß jeder sozialdemokratische Wahlverein eine solche Rednerschule für Anfänger bildet. Wenigstens war das bei dem unsers Vorortes, der etwa 120 Mitglieder zählen sollte und eine Monatssteuer von zehn Pfennigen erhob, wirklich der Fall. Darum lag immer auch auf den Debatten, die sich an den jedesmaligen Vortrag oder die Vorlesung von Artikeln aus der sozialdemokratischen Volkstribüne knüpfte, der von allen beherzigte Nachdruck. Ja der Vorsitzende unsers Vereins sprach das zu Beginn jeder Debatte geradezu aus, wenn er zur lebhaften Teilnahme an ihnen aufforderte und diese Aufforderung mit immer denselben Worten etwa so begründete: „Die Sitzungen unsers Wahlvereins sind in erster Linie der Debatten wegen da. Es wird gewünscht, daß jeder redet, jeder sich ausspricht. Und wenn das auch in der kläglichsten Form geschieht, jeder ist sicher, nicht ausgelacht zu werden, denn eben dazu sind wir allvierzehntägig hier zusammen, damit wir uns schulen, um in den großen Versammlungen unsern Gegnern mit Erfolg antworten zu können.“ Und ich muß sagen, man kam dieser Aufforderung getreulich nach. Bis gegen zwölf Uhr nachts, von acht Uhr abends, zogen sich meist die Debatten der von des Tages Last und Mühe müden Leute hin. Wer immer etwas auf dem Herzen hatte, redete es herunter, alt und jung, ohne Unterschied. Oft in der holprigsten Form, in Sätzen, von denen kein einziger richtig gebaut war, Gedanken, die ein grauenhaftes Gemisch von Wissen und Unwissenheit, von praktischer Erfahrung und Mangel an Überblick über das große Ganze, und oft eine Verranntheit in Ansichten zeigte, über die selbst die klaren, klugen Köpfe unter den Genossen erschraken. Daneben aber zeigte sich unter uns auch eine Zahl so gewandter, so schlagfertiger, so scharf und praktisch urteilender Redner, daß ich im stillen voll Bewunderung und Scham diesen einfachen Webern, Schlossern, Handarbeitern zuhörte, deren Beredsamkeit und Sicherheit im Denken und Auftreten nach meinen Erfahrungen wohl nur eine kleine Zahl unsrer Durchschnittsgebildeten gleichkommt. Und alle, die da redeten, auch wenn sie das tollste Zeug vorbrachten, wurden mit Ruhe und Aufmerksamkeit und fast kindlichem Ernst angehört und in dem, was sie nun eigentlich sagen wollten, zu meinem Verwundern auch deutlich und klar verstanden. Daß man sich in diesen Debatten mitunter tüchtig in die Haare fuhr, daß eine Reihe verschiedener Ansichten aufeinander platzten, ist ebenfalls und zwar darum besonders erwähnenswert, weil im Gegensatz dazu in großen Versammlungen mit ihren Gegnern unter den Sozialdemokraten immer die geschlossenste Einheit an den Tag gelegt zu werden pflegt. In gewissem Sinne die Fortsetzung dieser Debatten bildete die Beantwortung der Fragezettel, die während der Debatte von den Leuten in den Fragekasten geworfen wurden und meist irgend eine Aufklärung über einen in der Debatte berührten Punkt, über ein Fremdwort oder über eine in der Zeitung gefundene und nicht verstandene Notiz heischten. Meist waren die Antworten, die der Vorsitzende, der Redner oder ein andrer gab, leidlich zutreffend, manchmal aber auch, wie selbstverständlich, nur dürftig oder gar falsch. Aber sie wurden alle mit der siegesgewissen Sicherheit gegeben, die immer dem Halbgebildeten, an seine Sache oder sich selbst glaubenden eigen ist. Hinter diesen Debatten trat der Wert der Vorträge selbst deutlich zurück. Sie waren meist kurz und wurden immer von Parteigrößen am Orte, also Chemnitzern, gehalten; oft taugten sie gar nichts und waren sichtlich aus den neuesten Zeitungsnachrichten zusammengestoppelt. Solch ein Vortrag pflegte dann, wie das auch anderwärts unter den Sozialdemokraten allgemeine Sitte ist, von dem betreffenden Verfasser nicht nur in unserm, sondern noch in fünf, ja zehn andern Brudervereinen mit dem gleichen Nachdruck und der gleichen Emphase fast wörtlich vorgetragen zu werden, eine Erscheinung, die sich nur aus dem geradezu fanatischen Agitationseifer und wiederum der Halbbildung erklären läßt, durch die den Leuten die Langeweile solchen Wiederkäuens nicht zum Bewußtsein zu kommen scheint.

Vortrag und Debatte wurden von den etwa vierzig Männern, die immer anwesend zu sein pflegten, wie gesagt, mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. Man sah es diesen sinnenden, leuchtenden Augen an, wie die Köpfe mitarbeiteten, die vorgetragenen Gedankengänge aufzufassen und mitzudenken. Man rauchte viel Pfeife, doch auch Zigarren dazu und trank im Durchschnitt daneben ein, höchstens zwei Glas Bier, einfaches für 8 Pfennige oder Lagerbier für 15 Pfennige. Nur wenige verließen die Versammlung vor dem Schlusse, wenige auch, von den Mühen der Tagesarbeit überwältigt, schlummerten zuletzt ungestört ein. Sonst herrschte, wie gesagt, ungeteilte Aufmerksamkeit; denn solche Abende waren für diese Männer kein bloßes Vergnügen, sondern schwere Arbeit und immer Stunden eifrigen Lernens, scharfen Nachdenkens, der Auffrischung und Ermutigung in ihrem abwechslungslosen einförmigen Fabrikleben. Sie ersetzten, das kann man wohl ohne große Übertreibung sagen, vielen den früher gewohnten Kirchgang. Und darin liegt die große agitatorische Bedeutung dieser sozialdemokratischen Wahlvereine mit ihren regelmäßig wiederkehrenden Versammlungsabenden gerade in solchen Mittelstädten wie Chemnitz. Sie sind es, die den zur Sozialdemokratie sich neigenden Arbeiter dauernd, unaufhörlich, unauffällig bearbeiten, bis er mit seinem Dichten und Denken in den parteisozialistischen Gedankenkreisen aufgeht, und die den Befähigten schulen, daß er imstande ist, das Feuer der Überzeugung, das er an jenen Stätten in sich entfacht hat, nicht nutzlos verglühen zu lassen, sondern seine Kraft wieder zu verwerten in Agitation unter den Arbeitsgenossen und der eignen Familie, wie im Eintreten für die gemeinsame Sache bei Versammlungen mit den politischen Gegnern.

Äußerlich verliefen diese Abende immer gleichmäßig, unter immer derselben Tagesordnung: Aufnahme neuer Mitglieder, Verlesung des Protokolls über die letzte Sitzung, Vortrag, oder — in Fällen der Behinderung des angekündigten Referenten — Vorlesung einiger Artikel aus einer sozialdemokratischen Zeitung, meist der „Berliner Volkstribüne,“ die sich gut dazu eignet, darauf Debatte und Fragekasten. Gleich einförmig und stereotyp waren die Worte, mit denen der sonst begabte Vorsitzende die Versammlung leitete, und der Schriftführer über den Verlauf der vergangnen Sitzung berichtete: man sah hier deutlich, wie äußerlich angelernt noch die parlamentarischen Formen an diesen einfachen Menschen waren. Gäste waren in den Sitzungen immer willkommen, kamen aber stets nur aus Arbeiterkreisen, doch auch nicht allzu zahlreich. Jede der Sitzungen wurde abwechselnd durch einen königlichen Gendarm und den Gemeindediener des Ortes von einer bescheidnen Ecke des Zimmers aus überwacht. Doch rührten diese sich nie, und übrigens schien ihr persönliches Verhältnis zu den Arbeitern und das dieser zu ihnen nicht allzu feindlich zu sein. Man wünschte sich wenigstens fast immer gegenseitig einen guten Abend; auch sah ich denselben Ortsdiener manchmal an andern Abenden der Woche in einer gemütlichen Kneipe, die viel von uns Arbeitern besucht wurde, mit uns gemeinsam am runden Tische in Uniform sein Glas Bier trinken.

Während meine Arbeitsgenossen mich sichtlich als Mitglied für den Wahlverein unsers Ortes zu gewinnen suchten, fand ich nie eine Gelegenheit, dem Fachverein unsrer Chemnitzer Metallarbeiter näher zu kommen. In der Fabrik wurde nie von ihm gesprochen, und ich selbst mußte mich hüten, es zu thun, um nicht aufdringlich zu erscheinen oder als Spitzel verdächtigt und dadurch überhaupt unmöglich zu werden. Andre Fachvereine, deren Versammlungen ich aber besuchte, namentlich derjenige der Lithographen, erörterten damals schon das wichtige Thema, das ja heute alle Gewerkschaften aufs lebhafteste beschäftigt, die Frage, ob Zentral- oder Lokalorganisation die unter den heutigen beschränkten Verhältnissen beßre Form einer erfolgreichen Arbeit sei.

Die Sitzungen unsers Wahlvereins fanden in der Restauration unsrer Vorstadt statt, die das offizielle aber nicht alleinige Versammlungslokal der hier wohnenden Sozialdemokraten war. Sie war eine der besten im ganzen Orte. Wirt und Wirtin waren beide Sozialdemokraten, wenn sie sich auch gewissenhaft hüteten, sich in lange politische „Diskurse“ einzulassen. Die Frau zeichnete sich durch eine besondre, bei Frauen von mir noch nie erlebte Roheit der Gesinnung aus. Ich weiß noch genau, wie sie uns, die letzten Gäste, eines Nachts gähnend und schlafmüde mit der Blasphemie zum Heimgehen aufforderte: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.“ Doch war, wie gesagt, dies nicht das einzige sozialdemokratische Lokal. Man kann wohl behaupten, daß die meisten, jedenfalls alle kleinen Kneipen unsers Ortes sozialdemokratische Wirte hatten. In zwei der größten Etablissements mit großen Konzertgärten, die auch von sogenannten bessern Chemnitzer Familien viel besucht wurden, und in denen allsonntäglich die verhältnismäßig nobelsten öffentlichen Tanzmusiken stattfanden, waren nur die dazu gehörigen „Kutscherstuben“ und deren Unterwirte sozialdemokratisch. In fast allen dieser Fälle war es offenbar das reine Geschäftsinteresse, das die Wirte dazu gemacht hatte.

Dieselbe Thatsache trat auch in kleinern Materialwarengeschäften, sogenannten „Büdchen,“ zu Tage. Ich habe da mehrmals erlebt, wie eifrig und beflissen die Besitzer, aber vor allem auch die Besitzerinnen auf die sozialistische Gesinnung ihrer Käufer eingingen. Dieser Geschäftssozialismus ist wohl in allen solchen Industriezentren weiter verbreitet, als man glaubt; er ist das Eigentum der allerverschiedensten zahlreichen Geschäftsleute und der Jammer aller ideal gerichteten Sozialdemokraten; denn er ist in den meisten Fällen gleichbedeutend mit Gesinnungslosigkeit. Aber er ist zugleich ein neues Zeichen dafür, welch eine reale Macht auch die sozialdemokratische Bewegung in solchen Orten bereits geworden ist.

In jeder der oben genannten Restaurationen und Kneipen lagen nun neben den Lokalzeitungen anderer oder überhaupt keiner Parteifarbe, neben „Kladderadatsch“ und „Fliegenden Blättern“ immer auch ein oder mehrere Exemplare sozialdemokratischer Zeitungen, vor allem der Chemnitzer „Presse,“ und einzelner Gewerkschaftsblätter aus. Es ist ja längst anerkannte Thatsache, welch ein Machtmittel die sozialdemokratische Agitation in ihrem Heer von über ganz Deutschland verbreiteten Zeitungen besitzt. Sie werden augenblicklich die Zahl von 130 übersteigen. In unserm Vororte zeigte sich im kleinen Kreise, im engen Rahmen ihr Einfluß und ihre Bedeutung. Es galt wohl für selbstverständlich, daß jeder von uns Arbeitern seine Zeitung las. Ausnahmen bestätigten auch hier nur die Regel. Man hielt in der Hauptsache — entweder allein oder, was noch häufiger war, zu zweien und dreien — eben die sozialdemokratische „Presse,“ ein durchaus besonnen und meist tüchtiger als unsre kleinstädtische Lokalpresse redigiertes Blatt, das so frei war, auch einmal Gedichte von Gerok und Uhland zu bringen, wie von irgend einem Windbeutel der jüngstdeutschesten, ins sozialdemokratische Lager übergegangenen Dichterschule. Daneben wurden auch der gut und besonnen geschriebene „Landesanzeiger,“ sowie die noch billigern „Neuesten Nachrichten,“ ein kleines, ganz unparteiisches Blättchen, wohl ein Absenker davon, häufig gehalten. Das ziemlich farblose reichstreue „Chemnitzer Tageblatt“ wurde nur wegen seines inhaltreichen Wohnungs- und Arbeitsstellenanzeigers ab und zu eingesehen, regelmäßig gelesen wohl nur von einer ganz kleinen Schar Arbeiter, den Elitesozialdemokraten, die es sich zu dem höchst anerkennenswerten und manchem „reichstreuen“ Philister zur Nachahmung zu empfehlenden Grundsatze gemacht hatten, von den hauptsächlichen politischen Parteirichtungen je ein Blatt zu halten, und das heißt für solche Leute immer auch: regelmäßig und genau durchzustudieren. Die Berliner „Volkstribüne,“ damals noch von Max Schippel redigiert und mehr wissenschaftlich, fachlich, vornehm gehalten, ohne Tagesklatsch und Parteigezänk (Tugenden, die es übrigens unter dem neuen radikalern und stark demagogisch angelegten Redakteur Paul Ernst neuerdings leider sämtlich verloren zu haben scheint), habe ich auch nur in diesem kleinen Kreise gefunden, häufiger das Fachorgan des großen Metallarbeiterverbandes, das aber bei weitem nicht nur Fachvereinsangelegenheiten zur Sprache bringt.

Für die Verbreitung sonstiger sozialdemokratischer Litteratur sorgte in unserm Bezirke ein wegen des ersten Mai arbeitslos gewordener, der als Kolporteur das sehr interessante sozialdemokratische Witzblatt: „Der wahre Jakob,“ mitunter auch dessen Bruderblatt, die in Wien erscheinenden „Glühlichter,“ vertrieb, Zeichnungen auf die sozialdemokratischen Lieferungswerke annahm und expedierte, Berloques, Streichholzbüchsen, Busennadeln mit den Bildern von Schippel, Bebel, Liebknecht und Photographien von diesen Herren an den Mann zu bringen suchte, und der immer in Versammlungen ebenso wie bei Vergnügungsfesten anwesend, oft auch einer der Mitarrangeure davon war. Was er sonst trieb, weiß ich nicht, jedenfalls aber habe ich ein aufdringliches Bestreben, die Leute, namentlich Neulinge zu bearbeiten, auch an diesem Manne nicht wahrgenommen. Er war der Agent der drei sozialdemokratischen Buchhandlungen, die es auch in Chemnitz gab. Es ist bekannt, daß diese Buchhandlungen, denen manchmal eine Anzahl zweifelhafter Antiquariate sich angliedern, in unerhörter Einseitigkeit nichts als sozialdemokratische Parteilitteratur und außerdem nur solche führen, deren Lektüre doch meistens indirekt eine Förderung der Parteisache bedeutet. Erst neuerdings scheinen sie soviel geistige Freiheit und Unparteilichkeit gewonnen zu haben, daß sie auch Sachen wie Schillers und Goethes Werke, die freilich in ihren Augen Produkte eingefleischter Bourgeois sind, zum Verkauf stellen. Auch diese sozialdemokratischen Buchhandlungen sind Quellpunkte der kraftvollen Agitation, und zeigten sich auch in Chemnitz als bedeutsame Institute der heutigen Volksbildung.

Eine eigentümliche und nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Agitation der Partei besaßen auch die beiden bereits genannten sozialdemokratischen Witzblätter, die jener Kolporteur vertrieb. Wer sie kennt, wird zugestehen, daß sie ganz respektable Leistungen auf ihrem Gebiete sind. Die Bilder sind fast immer künstlerisch gewandt, die Witze, natürlich stets politisch gefärbt und zugespitzt, aber prägnant und schlagend, der Humor gesund und gut. Ihre Existenz ist für mich immer eine Ursache innerer Befriedigung gewesen, denn sie ist mir ein Beweis für den unblutigen Charakter der ganzen großen sozialdemokratischen Geistesbewegung. Eine Bande rabiater Gesellen, eine Partei, deren ausschließliches bewußtes Ziel der Ausbruch einer blutigen Revolution, deren einzige und größte Freude die Vernichtung alles dessen, was ist, sein würde, dächte nicht daran und wäre auch nicht fähig, etwas wie diese Witzblätter zu produzieren. Wo der mit echtem, heiterm Humor durchsetzte Witz im Gegensatz zu der bloßen von Verbitterung und Verbissenheit erfüllten und diktierten Satire zu so harmlosem Ausdruck gelangen kann, wie in diesen beiden Blättern, da ist ein solcher „blutiger“ Verdacht mehr und mehr auszuschließen; da kann man vielmehr auch aus solchen kleinen, an sich geringfügigen Zeichen die Gewißheit nehmen, daß bei allem sittlich Bedenklichen und geistig Unreifen, das dieser Bewegung anhaftet, bei allem ernsten und gefährlichen Explosionsstoff, der in ihr noch unleugbar ruht, doch auch so viel gesunde Kraft und frisches Blut in ihr pulsiert, daß bei richtiger Behandlung und Beeinflussung auch sie noch zu einem bedeutenden gottgewollten und gottgesegneten Faktor in der fortschreitenden Kulturentwicklung der Menschheit erzogen werden kann.

Eine bedeutsame Agitation wurde weiter bei den im Sommer fast allsonntäglich stattfindenden Arbeiter- und Kinderfesten entfaltet. Ich weiß nicht, ob das eine besondre Spezialität der Chemnitzer Sozialdemokraten ist; in Berlin treten ihnen zur Winterszeit wenigstens allerhand Bälle, Theateraufführungen, Konzerte und Maskenscherze mindestens gleichwertig an die Seite. Ich habe drei jener Sommerfeste mit erlebt, eines in unserm Dorfe, zwei in mehrere Stunden von Chemnitz entfernten reizend gelegenen Orten. Man hat deutlich den Eindruck, wie sehr es bei diesen Festen gerade auf die dem rein Politischen und Volkswirtschaftlichen fernstehenden, namentlich auf Arbeiterfrauen, Mädchen und Kinder abgesehen ist. Wer durch den Ernst des politischen Parteigedankens nicht gefesselt werden kann, soll durch die Freude an heiterer Geselligkeit und allerhand amüsanter Unterhaltung für die Partei gewonnen werden und so allmählich auf diesem leichten und lustigen Wege sozialdemokratischen Geist einsaugen. Indem man den Kindern Freude macht, gewinnt man die Herzen der Mütter; indem man daneben ein Tänzchen arrangiert, bringt man die nur auf Vergnügen gerichtete männliche und weibliche Jugend, dieser selbst unbewußt, mit der sozialdemokratischen Bewegung in Berührung und verknüpft ihre doch so ganz anders gearteten oberflächlichen Interessen mit denen der Partei. In Orten, wo die Sozialdemokratie noch nicht allzu festen Fuß gefaßt hat, wird mit besondrer Vorliebe ein solches Fest abgehalten; denn man präsentiert sich auf ihnen von der liebenswürdigsten, harmlosesten Seite und erscheint auch besonnenern und zaghaftern Arbeitern acceptabel und gar nicht fürchterlich. In solchen Fällen erfüllt solch Sommerfest im besondern Sinne Pionier- und Agitationsarbeit, und meist mit größerm Erfolge, als durch Abhaltung einer Anzahl öffentlicher Versammlungen erreicht zu werden pflegt. Noch eine besondre Aufgabe haben diese Feste. Sie sind alle zugleich ein finanzielles Geschäftsunternehmen der lokalen Parteileitung; denn ihr stets angestrebter und meist auch erzielter Überschuß muß die Parteikasse füllen helfen. Auch wurden durch allerhand Dinge, die ich gleich schildern will, noch gern gezahlte Extrasteuern erhoben. Das alles aber verhinderte nicht, daß sehr viele der Teilnehmer gleichwohl einer durchaus harmlosen Freude sich hingaben, und daß diese Harmlosigkeit, diese kindliche, tief im Volke steckende Lust, ungebunden, ganz hingegeben mit einander fröhlich zu sein, für viele Anwesende den eigentlichen Parteizweck in die zweite Linie zurückdrängte. Unter solchen Umständen macht dann ein solches sozialdemokratisches Kinderfest äußerlich denselben Eindruck, wie die meisten andern sonst üblichen „unparteiischen“ Volksbelustigungen und Volksvergnügungen auch.