11. Hunde dürfen nicht mitgebracht werden, da schon genug Spitze vorhanden sind.
Zum Schluss grossartiger Fackelzug und Abschied der Gäste, welche mit dem ½11-Uhr-Zug fahren.
Das Konzert dauerte freilich nur von 4–5 Uhr. Währenddessen fand in dem kleinen, engen Rasengarten der Restauration das Klettern der großen Knaben, das Sternstechen der Mädchen, das Blindekuhspielen der Kleinsten statt. Jeder erhielt eine Kleinigkeit, die Jungen Messer, Mundharmonikas, Federhalter, Taschentücher, Wurst, die Mädchen Ohrringe, Broschen, Geldtäschchen, Strumpfbänder, Taschentücher, Würstchen, alles ganz billige Ware, wohl ein Gelegenheitskauf, da die bedruckten Taschentücher das farbige Bild — Kaiser Wilhelm I. zeigten. Während dann für die erwachsene Jugend gegen 5 Uhr der Tanz begann und die Musikstücke aus den offnen Fenstern über den Festplatz schallten, bildete sich hier unter den zahlreichen Besuchern eine Männergruppe und sang, nachdem die Polizei inspiziert und sich wieder etwas entfernt hatte, aus dem sozialdemokratischen Liederbuche nach bekannten Melodien sozialdemokratische Weisen. Dicht umstanden Männer, Frauen und Kinder die Sänger und lauschten aufmerksam den Liedern, die vielen eine noch neue Welt kühner Gedanken in schwungvoller begeisternder Form enthüllten. In einer Ecke des Platzes stand auch hier das bereits genannte Raritätenkabinett und eine Nachahmung der bekannten auf Jahrmärkten und auch sonst nie fehlenden Buden für Schnellphotographie. Jeder mußte in eine der Buden hinein. Wer es nicht freiwillig that, wurde von einem mit Militärmütze und altem Uniformrock bekleideten, und mit einem Holzschwert bewaffneten Arbeiter, dem „Polizisten“, unter Assistenz mehrerer Genossen mit Gewalt hineintransportiert, „arretiert.“ Den Inhalt des Kabinetts bildeten wunderliche Raritäten. Da lag ein riesiger, üblicher Knüppel: die Keule des Kain; ein Stück rundes Glas: der Erdspiegel; ein eingetrockneter Hering: ein Riesenwallfisch; ein alter verrosteter Säbel und ebensolches Messer: Waffen von 1848 u. s. f. Jeder, der drin war zahlte 10 Pfennige, die der sogenannte Erklärer der wunderlichen Sachen kassierte und in ein Notizbuch notierte. Ich war gerade drin, als der königliche Gendarm und der Gemeindediener das verfängliche Lokal inspizierten. Ich muß sagen, es war eine lächerliche Szene. Die beiden Beamten, die mit strenger finstrer Miene diese Lappalien untersuchten, die naivdreisten Antworten der beiden auf solche Fälle wohlstudierten durchtriebenen Kassierer und Erklärer, das schadenfrohe Lächeln der andern, der Besucher. Als die Beamten hinausgingen, drehte man ihnen hohnlachend eine Nase.
Unerfreulicher war das Fest in unserm Orte selbst, bei regnerischem Wetter, im engen, kahlen Hofe der Restauration. Auch hier ein solches Kabinett, darin ein Faß mit — Arbeiterschweiß. Die Kinder mit Schürzen in roten oder deutschen Farben, die Erwachsenen mit roten Schleifen an der Brust. Die beiden Gasthofszimmer waren dicht mit Qualm und Menschen gefüllt und blieben es bis nachts 11 Uhr. An einem großen runden Tische war dichtes Gedränge und ein heftiger Streit zwischen der sozialdemokratischen Mehrzahl und einem Baiern, einem Kaufmann, der eben erst aus Amerika zurückgekommen und zufällig in dies Lokal geraten war. Neben ihm saß schweigend der Direktor der Brauerei, die dem Wirte das Bier lieferte und deswegen ihren Direktor aus Geschäftsrücksichten zu diesem Besuch und Verkehr verpflichtet hatte. Der Streit war heiß und kühlte sich nur immer wieder an der jovialen Gelassenheit des kaltblütig aber nicht geschickt opponierenden amerikanisierten Baiern. Daneben sang man demonstrativ sozialdemokratische Lieder, bis sich endlich die Woge der Diskussion legte und in einer solennen Kneiperei auf Kosten des Baiern verlief. Hierbei habe ich manches gesehen und gehört, wovon ich an einer andern Stelle erzählen werde. Dies „Kinderfest“ war kein Kinderfest, sondern ein durch und durch sozialdemokratisches, ziemlich wüstes Parteifest, das in schroffem Gegensatz stand zu dem hübschen Vergnügen des Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereins der Chemnitzer Metallarbeiter und Weber, dem ich am Sonntag darauf beiwohnte. Ich traf da zwei Schlosser unsrer Fabrik als Mitglieder, zwei unsrer ruhigsten, anständigsten Leute. Und wie sie, so wohlanständig, gewandt und höflich benahmen sich auch die übrigen Mitglieder und Gäste bei diesem Konzert und Tanzvergnügen. Es herrschte ein merklich andrer Ton als auf jenem eben geschilderten sozialdemokratischen Kinderfeste.
In der Fabrik selbst, während der Arbeit war von einer offnen und ostentativ-politischen Agitation der ausgesprochenen Sozialdemokraten so gut wie nichts zu beobachten. Das verhinderte vor allem wohl schon die energische Haltung unsers technischen Direktors. Er machte es jedenfalls schlauer als der „König“ Stumm. Er war streng, aber er überspannte den Bogen nicht, wie dieser es zu thun scheint. Er hatte ruhig, noch nach sieben Monaten, die große Kreideinschrift über der Eingangsthür zu unserm Bau stehn lassen: „Arbeiter, wählt alle Schippel!“ Er ignorierte das einfach, wie das „Hoch die internationale Sozialdemokratie!“, das in vielen Ecken zu lesen stand. Aber sonst hatte er ihnen angekündigt: „Die Sozialdemokratie ist mir ganz egal; draußen könnt ihr euch so rot anstreichen, wie ihr wollt, hier drin nicht; hier kommandiere ich; wer es dennoch thut, fliegt hinaus.“ Man wußte, daß er damit ernst machte, und hütete sich demgemäß, das Verbot zu überschreiten. Nur zu intimen Bekannten, deren man ganz sicher war, gab der oder jener agitatorisch angelegte zielbewußte Sozialdemokrat gelegentlich auch seinen politischen Anschauungen offnen Ausdruck; im übrigen beschränkte sich die kleine Schar der Getreuen darauf, einen um so intensivern indirekten Einfluß auf Angelegenheiten des Betriebes auszuüben. Ich merkte schon wenige Tage nach meinem Eintritt in die Fabrik, daß in solchen Fragen die gesamte Arbeiterschaft unsrer Abteilung unter einem gewissen undefinierbaren Drucke stand, und daß die Fäden dieser stummen Beeinflussung in den Händen ganz bestimmter charakteristischer Persönlichkeiten zusammenliefen. Wenn z. B. durch die Leiter der Fabrik irgend eine Neuerung in der Produktion, im Betriebe, in der Arbeitszeit, in der Löhnungsform eingeführt wurde, so konnte man genau beobachten, wie die Mehrzahl der Arbeiterschaft unschlüssig, zagend mit ihren eignen Ansichten und Urteilen zurückhielt, bis auf einmal die Parole ausgegeben, die „öffentliche Meinung“ gebildet erschien. Und wenn sie auch vielen der Leute nicht paßte, ja deren augenblicklichem Interesse direkt entgegenstand und darum deutlich von ihnen gemißbilligt wurde, so war sie doch eine Macht, die man respektierte, und gegen die man offen nur selten Einspruch zu erheben wagte.
Das ist, was ich an planmäßiger organisierter Agitation der sozialdemokratischen Partei an unserm Orte bemerkt habe. Ich behaupte und glaube nicht, daß sie sich auf diese Arbeit beschränkte; aber ich habe nur das, was ich schilderte, beobachten können. Ihre Leiter und Hauptträger war die nicht allzu zahlreiche Schar der Elitesozialdemokraten, der überzeugten Genossen, die die Phalanx der Partei an jedem Orte, den Halte- und Krystallisationspunkt für die Tausende bilden, die sich um sie gruppieren. Aus dieser Schar gingen die Kandidaten für die sozialdemokratischen Wahlen, die Unterführer in den einzelnen Bezirken, die Vorstände der Wahl- und Fachvereine, die Komiteemitglieder für die Agitation bei Wahlen hervor. Sie allein waren in abstufender Reihenfolge mehr oder weniger eingeweiht in die Pläne der gesamten allgemeinen Zentralleitung, waren deren ausführende Organe, erhielten allein Mitteilungen und Anweisungen von ihr. Sie leiteten die Feste, waren die Wortführer in den öffentlichen Versammlungen und Auseinandersetzungen mit den Gegnern, die Wanderredner in der Umgegend, die unermüdlichen Vortragenden in den regelmäßigen Sitzungen der Wahl- und Fachvereine; sie instruierten auch die tonangebenden Personen in den Betrieben, in denen nicht selbst einer von ihnen beschäftigt war. Von den übrigen Arbeitern wurden sie — äußerlich wenigstens — widerspruchslos als die Führer anerkannt, und mit einem absonderlichen interessanten Gemisch kameradschaftlicher Vertraulichkeit und achtungsvollen Respekts behandelt; sie ihrerseits erwiderten diesen Ton wenigstens vielfach mit einer Art berechneten Wohlwollens und selbstgewisser Zurückhaltung. Doch war nicht jeder von ihnen bei jedem gleich gefeiert und geachtet. Einer gefiel besser als der andre; den hatte man lieber als jenen. Darüber entschied die Art seines Auftretens, seiner Reden, seiner ganzen Gesinnung. So gab es z. B. zwei Brüder R., die damals mit an der Spitze der Chemnitzer Agitation standen, und die — namentlich einer von ihnen — in den Sitzungen unsers Vereins sowie bei den Sonntagsfesten besonders das große Wort führten, heute aber, wie ich höre, der eine aus der Partei ausgeschlossen, der andre ausgetreten sind. Diese hatte man wegen ihres polternden, aufbrausenden, anmaßenden Wesens nicht allzu gern, und man zog andre wegen ihrer mildern, geschloßnern, ernstern Art vor. Es sind mir mehrmals in der Fabrik solche ganz selbständige Urteile von ältern Arbeitsgenossen über Führer ausgesprochen worden. Gleichwohl erkannte man sie als die leitenden Persönlichkeiten an, lauschte ihren autoritativen Worten, respektierte die Anordnungen, die sie von Parteiwegen zur Ausbreitung eben der von ihnen gleichmäßig organisierten und geleiteten und in der That meist wohlüberlegten Agitation geben zu müssen glaubten. Als ausführende Organe solcher einzelner Befehle ließ sich aber nur eine kleine Schar der Anhänger gebrauchen, fast ausschließlich ganz jugendliche Persönchen zwischen 18 und 22, 23 Jahren, die von blindem Parteieifer und unreifem Thatendrange überquollen. Sie waren die allerbrauchbarsten und gefährlichsten Werkzeuge in den Händen jener Agitatoren, das junge grüne Holz, aus dem diese ihre ergebenen Adjutanten und ihren Nachwuchs schnitzten. Die Menge der Anhänger aber, namentlich derjenigen, die etwas selbständige Neigungen und gemütliche Bedürfnisse hatten, gab sich mit dieser Art der organisierten Parteiagitation nicht ab, hatte wohl auch nicht die Zeit, die Kraft und die Mittel dazu.
Sie huldigten vielmehr einer andern für sie bequemern Art der Agitation, die jener planmäßigen, von einer Zentralstelle geleiteten und gut funktionierenden nebenherging. Man kann sie im Gegensatz zu dieser die mehr freiwillige, irreguläre, zufällige, dem Ermessen, dem augenblicklichen Empfinden, den Fähigkeiten, der Gesinnungstreue der einzelnen Anhänger überlaßne nennen. Sie war mit einem Worte der persönliche Einfluß, den der sozialdemokratische Arbeiter auf den noch nicht oder erst wenig sozialdemokratischen Genossen ausübt; sie war gleichsam das Fleisch, jene andre das Gerippe des ganzen Ungeheuers, so da heißt sozialdemokratische Propaganda. Sie war wichtiger, bedeutsamer, verhängnisvoller als jene, aus der sie zwar ihre Kraft, ihre Gedanken, ihre ganze geistige Nahrung und immer neuen Antrieb empfing, der sie aber ihrerseits auch erst Leben und Nachdruck verlieh. Sie wurde nicht sonderlich kontrolliert, sie war an keine Zeit, keinen Ort, keine Weisungen von oben, keine kostspieligen Unternehmungen, keine äußern festlichen Veranstaltungen geknüpft, wenn sie auch, wie z. B. auf jenen Sonntagsfesten, auf diesen ihre ebenfalls und da besonders wirksame Thätigkeit entfaltete. Sie war allein an die Persönlichkeit der Tausende von Anhängern gebunden, die die Partei am Orte zählte, an deren Begeisterung, deren Gesinnungstreue, deren Überzeugungskraft. Sie ließ dem so Agitierenden alle Mittel und Wege zur freien Verfügung: nicht nur die langen theoretischen Auseinandersetzungen, die Reden am Biertisch und im Vergnügungsverein wie im Pfeifen-, im Zither- oder Harmonikaklub, sie war auch möglich in den Gesprächen während der Arbeit zwischen Mann und Mann, auf gemeinsamen Spaziergängen nach Feierabend, an schönen Sommerabenden, bei den gegenseitigen langen Besuchen in den nachbarlichen Familien, beim Kartenspiel, kurz wo immer zwei oder drei Menschen bei einander waren. Sie machte sich, und hier oft gerade mit doppeltem Erfolge, schon in den unmittelbaren Äußerungen des unbewachten Augenblicks geltend, in den Scherzen, die von Lippe zu Lippe fliegen, in den Urteilen, die über andre, Abwesende fallen, in einer einzigen kurzen malitiösen Bemerkung, ja in einem überlegnen Lächeln, einem scharfen Blick, einem beredten Schweigen, einer flüchtigen, aber bezeichnenden Handbewegung. Und das ist vielfach ein weiteres Charakteristikum an ihr: sie, diese Agitation, ist in vielen Fällen den Agitierenden selbst gar nicht bewußt, und gerade dann, wo dies eintritt, erst recht eindringlich und eindrucksam. Denn sie ist dann erst recht der unmittelbare Ausfluß des innern Empfindens, der innern Gedanken, die die Seele beherrschen, als eine Glaubensmacht und treibende Lebenskraft, der Ausdruck und die Ausprägung der eigensten Persönlichkeit, die dabei ihr bestes einsetzt, weil sie von ihrem besten redet. Darum wird gerade diese überall, wo Sozialdemokraten anwesend sind, geübte Agitation so besonders bedeutungsvoll, daß hinter ihr die ganze Person der Agitierenden steht und den Argumenten des Wortes den wuchtenden Nachdruck verleiht.
Das ist aber auch zugleich die Ursache, warum mit dieser Form der irregulären, persönlichen Agitation mehr als mit jener andern organisierten, d. h. durch Überlegung kontrollierten ein Fanatismus verbunden sein kann, der dann bei bestimmten Gelegenheiten zum schroffen Terrorismus führt. Eben dieser Terrorismus war in der That sehr oft im Verkehr mit den sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern zu bemerken, besonders häufig und drückend natürlich in der Fabrik, weil da der persönliche Verkehr am längsten und intensivsten möglich zu sein pflegt. Er war die Ursache, daß man sich in der oben geschilderten Weise den von den Führern gegebenen Parolen in Betriebsfragen wenigstens äußerlich fügte, daß man allerhand Geschichten mitmachte, die man vielleicht sonst unterlassen hätte, daß man Äußerungen in den Mund nahm, die nicht, wenigstens nicht ganz der Ausdruck der innersten Wünsche und Neigungen war, daß die meisten sich in ihren Urteilen einschüchtern und beeinflussen ließen, was sich namentlich, wie wir sehen werden auf geistigem, sittlich-religiösem Gebiete zeigte. Aber er führte auch geradezu zu thätlichen Vergewaltigungen. So erzählte mir einer, der selbst dem sozialdemokratischen Konsumverein des Ortes angehörte, natürlich auch, freilich in der üblichen Durchschnittsform, Sozialdemokrat war, aber gern seine eignen Wege ging und seine besondern Neigungen hatte, daß einmal die Fabrikdirektion infolge zu zahlreicher Bestellungen Überstundenarbeit angesetzt hätte. Dagegen Agitation der tonangebenden Sozialdemokraten in der Fabrik; die Parole, daß keiner, trotz der Verpflichtung in der Arbeitsordnung, kommen dürfe; einige opponieren, schon um mehr zu verdienen; da nimmt man ihnen heimlich das Werkzeug weg um sie zur Unthätigkeit zu zwingen. Das ist nackter Terrorismus, der noch dadurch eine eigentümliche Beleuchtung erhält, daß eben diese terrorisierenden Agitatoren nach der Erzählung meines Gewährsmannes dann, als die von ihnen beeinflußten wirklich nicht an der Überstundenarbeit teilgenommen hatten und nach Hause gegangen waren, daß sie selbst zurückgeblieben waren, um zu arbeiten. Ich kann diese Geschichte freilich nicht im einzelnen auf ihre Wahrheit prüfen, es ist auch nicht nötig; schon die Thatsache, daß jener mir so etwas erzählen konnte, beweist das Vorhandensein des Terrorismus, dessen Wirkungen auch ich persönlich oft mehr instinktiv als in deutlichen Vorgängen wahrnehmen konnte. Aber ein solcher aus einer Sitzung des schon genannten Konsumvereins sei noch gestreift: in diesem Falle wurde in der Sitzung bei einer für den Verein wichtigen Frage der innern Verwaltung ein Antrag nicht nur, sondern auch die Meinungsäußerung der weniger energisch sozialdemokratisch gerichteten Mitglieder darüber einfach nicht geduldet, unterdrückt — also eine gerade entgegengesetzte Erscheinung der gegenüber, die ich oft in den Sitzungen unsers Wahlvereins beobachten konnte.
Ihrem materiellen Inhalte nach hatte es diese ganze Agitation nicht nur auf die Verbreitung neuer politischer Anschauungen und ökonomischer Grundsätze abgesehen, sondern sie bezweckte und bewirkte zugleich auch eine Umwandlung der bisherigen Bildung, der religiösen Überzeugung und des sittlichen Charakters der deutschen Arbeiterschaft. Das macht, weil die Sozialdemokratie von heute nicht nur eine neue politische Partei oder ein neues wirtschaftliches System, auch nicht nur dies beides, sondern zugleich eine neue Welt- und Lebensanschauung, die Weltanschauung des konsequenten Materialismus, die praktische Anwendung der Lehre von der natürlichen Weltordnung im Gegensatz zur sittlichen, göttlichen ist. Ich habe dies an dieser Stelle nicht theoretisch, aus der Geschichte, den Schriften, den Zeitungen der Sozialdemokratie und dem Entwicklungsgange und Charakter ihrer bisherigen Führer nachzuweisen. Das überschreitet bei weitem Rahmen und Zweck dieser Schrift. Aber jeder, der nur einigermaßen diese Geschichte kennt, diese Schriften studiert, diese Zeitungen aufmerksam verfolgt und die führenden Elemente und deren Interessen einigermaßen überwacht, wird mir ohne weiteres die heute immer mehr anerkannte Wahrheit dieses Satzes zugestehen. Um wenigstens eins zu sagen, erinnere ich hier allein an den frappanten Gegensatz der sozialdemokratischen Bestrebungen zu denen der Bodenbesitzreformer unter Michael Flürscheims Führung, der in der Grund- und Bodenfrage ebenso radikal ist wie jene, d. h. den gesamten Grund- und Bodenbesitz verstaatlichen will, der dies Ziel nicht nur durch litterarische Arbeiten, sondern auch — wie jene — durch Bildung politisch-ökonomischer Vereine agitatorisch zu erreichen sucht, und der meines Erachtens doch durchaus nicht Sozialdemokrat ist, weil er dieses sein politisch-ökonomisches Ideal nicht verquickt mit einer radikalen Opposition gegen die überkommenen Bildungselemente, gegen Christentum und Kirche und mit dem bewußten Versuche der Umgestaltung auch der sittlichen Grundsätze, die bisher in unserm Volke Geltung und Nachachtung fanden. Doch das nebenbei. Hier wird es meine Aufgabe sein, die Wahrheit jenes oben behaupteten Satzes einmal aus den praktischen Erfahrungen zu erhärten, die ich während meiner dreimonatlichen Arbeiterzeit gemacht habe. Ich werde da nun zu zeigen haben, daß die Wirkung dieser so vielseitigen und energischen sozialdemokratischen Agitation bisher viel weniger tiefgreifend, nachhaltig und vor allem viel weniger verhängnisvoll für die politische Gesinnung und die wirtschaftlichen Gedanken der Arbeiter, die mir begegneten, gewesen ist, als eben für ihre geistige Bildung, ihre religiöse Überzeugung und ihren sittlichen Charakter. Man könnte vielleicht sagen, daß die offizielle, organisierte Agitation mehr die politischen und die sozialen Grundsätze der Partei, wie sie bisher im Eisenacher Programm formuliert vorlagen, in allen Tonarten und Nüancen in die Köpfe der Arbeiter zu bringen suchte, während die andre, die sogenannte freiwillige, unorganisierte, die Gelegenheitsagitation in erster Linie eben jenen ganzen sozialdemokratischen Geist, die materialistische Gesinnung, die Weltanschauung der Partei weiter trug und zu immer größerer, oft selbst nicht im ganzen Umfange erkannter Geltung brachte, — wenn es nicht gerade hier schwer wäre, eine solche scharfe Grenzscheidung zu ziehen. Wie das auch in der sozialdemokratischen Tagespresse, die ja vor allem ebenfalls der Verfechtung und Propagierung des offiziellen Programmes dienen soll, gleichwohl aber auf jeder Zeile den Geist jener spezifischen Weltanschauung atmet, deutlich zu sehen ist, so war es im allgemeinen auch mit dieser Doppelagitation: sie floß stets mehr oder weniger in einander über; die eine hob und trug die andre; und sie trat umso zusammengeschlossener, umso harmonischer, wenn ich so sagen darf, auf, je geschlossener, zielbewußter, sozialdemokratischer die Persönlichkeiten waren, die sie machten, je völliger und klarer das ganze einseitige und doch in dieser starren Einseitigkeit große sozialdemokratische System in diesen Persönlichkeiten zum Ausdruck kam.