Die erste und bedeutsamste Wirkung dieser eben geschilderten Agitation ist die Thatsache, daß die gesamte Arbeiterschaft von Chemnitz und Umgegend, die ich kennen lernte, mit nur geringen Ausnahmen heute mit der sozialdemokratischen Partei irgendwie weit verknüpft ist, daß sie mehr oder weniger in der Luft ihrer Ideen lebt, und daß sie jedenfalls in ihr, dieser Arbeiterpartei par excellence, ihre einzige starke und berufene Repräsentantin erblickt. Der Arbeiter, mit dem ich Umgang gehabt habe, ist — bewußt oder instinktiv — durchdrungen von dem Gefühl des bestehenden feindlichen Gegensatzes seiner und der Unternehmer Interessen; er ist erfüllt von dem Drange nach einer geschlossenen thatkräftigen Organisation der Massen, zu denen er gehört, von dem Sehnen nach einem großen Fortschritt, nach einem Aufschwung des ganzen vierten Standes, den diese Massen bilden; er hat, auch ein Kind der neuen gedankendurchfluteten, gärenden Zeit, wie die andern Zeitgenossen allerhand neue Interessen, höhere, leibliche wie geistige Bedürfnisse, deren Befriedigung er verlangt; und er weiß, sieht, fühlt, daß dieses elementare Drängen und Sehnen, dieses Streben und Bedürfen ihm niemand anders bis heute ohne Rückhalt und Eigennutz, energisch und weitausgreifend befriedigen will, als eben die sozialdemokratische Partei.

Und darum, mag ihn sonst vieles von ihr trennen, vieles von ihrem sonstigen Wesen abstoßen, gehört er ihr an, und — ich bin dessen ganz gewiß — keine augenblicklich herrschende Gewalt, auch keine geistigen Machtfaktoren werden ihn heute ohne weiteres wieder von dieser Partei lösen, werden es vermögen, daß die Gedanken, die jene geweckt hat, und aus denen sie doch auch wieder erst herausgeboren wird, jemals wieder völlig verschwinden. Darum hängen ihr unterschiedslos Junge und Alte, Gut- und Schlechtgestellte, Verheiratete und Unverheiratete, Gelernte und Ungelernte, Sparsame und Lüderliche, Fleißige und Faule, Kluge und Dumme, Herauf- und Heruntergekommene, Eingeborene und Eingewanderte, alle Gruppen, Klassen und Kategorien der Fabrik bis auf eine verschwindend kleine Gruppe irgendwiesehr an, wissen sich als Sozialdemokraten, folgen den Führern und glauben an sie, ihre Worte und Schriften wie an ein neues Evangelium. Man hat es mir mehr als einmal in der Fabrik geradezu ins Gesicht gesagt: „Was bis jetzt Jesus Christus war, wird einst Bebel und Liebknecht sein.“ Das ist der Ausdruck des Bewußtseins, daß die Sozialdemokratie heute die Arbeiterschaft ist, daß diese sich in ihr zusammenfindet oder doch immer mehr zusammenfinden wird und daß, so groß und viel auch die Unterschiede, die Gegensätze, die Widersprüche, die Trennungen unter ihnen sind und immer sein werden, sie doch alle zusammen gehören in ihren Leiden, Freuden und Idealen.

Zum Beweis dessen führe ich eine Reihe ganz spontaner Äußerungen aus dem Munde der verschiedensten Arbeitsgenossen an. Sie lauten ihrem Sinne nach einander alle gleich: „Bei uns haben alle bis auf den letzten Mann sozialdemokratisch gestimmt“; „Die Arbeiter sind und wählen alle Sozialdemokraten“; „Jeder Arbeiter ist Sozialdemokrat“; „Ich wähle meinesgleichen“; und, besonders drastisch: „Hier ist alles sozialdemokratisch, selber die Maschinen!“ Was sich da ausspricht, ist immer dasselbe, eben die Meinung — ganz im allgemeinen —, daß Sozialdemokratie und Arbeiterschaft ein und dasselbe sein muß. Zwar scheinen dem eine Reihe andrer Aussprüche andrer Arbeitskollegen direkt zu widersprechen. Denn einige der Leute meinten auch wieder gelegentlich, „daß nur etwa die Hälfte der 400–500 Mann unsrer Fabrik Sozialdemokraten seien.“ Doch ist das nur ein scheinbarer Widerspruch. Denn da meinte man immer nur solche, die mit ihrer sozialdemokratischen Gesinnung irgendwie besonders bemerkbar hervortreten, vor allem irgend welchem sozialdemokratischen Wahl-, Fach-, Hilfskassen- oder Vergnügungsvereine angehörten. In diesem Sinne war allerdings noch lange nicht die Hälfte Sozialdemokraten zu nennen. Sozialdemokratisch gerichtet, bestimmt, gesinnt aber — im weitesten Sinne — war, wie gesagt, die erdrückende Mehrzahl meiner Arbeitsgenossen.

Bewußte und erklärte Nichtsozialdemokraten habe ich nur drei in unsrer Abteilung von 120 Mann im Laufe der Zeit ausfindig machen können. Davon waren zwei in dem auch in Chemnitz bestehenden, wie ich hörte, etwa siebzig Mitglieder zählenden Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine; der dritte war eine gute, treue Seele, der religiös noch zu tief angeregt war und auch einer zu konservativen und zu wohlhabenden Bauernfamilie angehörte, um irgendwie sozialdemokratische Neigungen mit gutem Gewissen und aus innerm Bedürfnis haben zu können. Man sagte von ihm, er ginge nur zu seinem Vergnügen in die Fabrik; nötig hätte er es nicht. Außer diesen dreien gab es nun freilich, soviel ich beobachten konnte, auch bei uns noch einige andre, die thatsächlich mit der Sozialdemokratie nichts gemein hatten. Aber sie behielten das für sich und zogen es vor, die Genossen über ihre Gesinnung im Ungewissen zu lassen. Manchmal war auch angeborene große Schüchternheit und nicht bloße Berechnung die Ursache dazu. Obgleich ihre Zahl nicht zu schätzen ist, glaube ich doch nicht, daß ihrer allzuviele waren. Jedenfalls bildeten diese Neutralen auch zusammen mit jenen drei offnen mutigen Nichtanhängern an die Sozialdemokratie nur die verschwindende Minderheit gegenüber den Arbeitsgenossen, die sich selbstverständlich zur Sozialdemokratie rechneten oder offen zu ihr bekannten.

Das heißt nun freilich nicht, daß jeder von diesen ein zielbewußter, über das Prinzip und Programm der Partei klar orientierter Sozialdemokrat gewesen wäre. Das gilt vielmehr von kaum drei, allerhöchstens vier Prozent der Gesamtheit, nur von der kleinen Schar jener Leiter und Träger der Agitation und ihren nächsten Freunden und Schülern. Sie allein hatten einigermaßen die Agitationsschriften der Partei gründlich und mit Verständnis gelesen, sie allein kannten und verstanden das gesamte offizielle Programm, seine Interimsforderungen nicht minder als seine letzten radikalsten Ziele. In oft glühendem Fanatismus hatten sie die eignen, widersprechenden Erfahrungen aus der Praxis, das geistige Erbe ihrer Vergangenheit, die Kritik ihres gesunden Menschenverstandes gewaltsam unterdrückt und zum Schweigen gebracht, hatten sie sich, oft mit unsäglicher Mühe, mit pekuniären Opfern aller Art in dies Programm hineingearbeitet, bis sie endlich ganz in seinen Gedankengängen aufgingen, nur noch in ihnen und für sie lebten, nur durch die Brille dieses Programms Menschen und Dinge, Zustände und Ereignisse anzusehen und zu beurteilen imstande waren. Es waren meist echte, ehrliche, deutsche Schwärmer und Idealisten, aus denen sich dieser Kreis von Arbeitern zusammensetzte, manche dazu noch von einem unbändigen Ehrgeiz und Thatendrang erfüllt, aber nach allen meinen Beobachtungen nur wenige unter ihnen von der Klasse der ausgeprägten Egoisten, die heimlich irgend welchen persönlichen Vorteil suchten und fanden. Hier in dieser kleinen Gruppe und in ihr allein fand man wirklich die Anschauungen und Grundsätze der Sozialdemokratie klar und rein vertreten und ausgesprochen, Prinzip und Ziel fest erkannt und erstrebt. Doch gab man ihnen seltner, als man hätte vermuten und erwarten können, auch ebensolchen offnen Ausdruck.

In der ganzen übrigen erdrückenden Mehrheit der sozialdemokratischen Arbeiterschaft aber war von einer ebensolchen geschlossenen und klaren politischen und sozialen Gesinnung nicht mehr die Rede. Hier waren vielmehr die allerverschiedensten, auseinandergehendsten, verworrensten Ansichten in buntem Gemisch, in allen Nüancen und Färbungen vertreten. Hier waren die eignen praktischen Erfahrungen, die ein jeder in seinem bisherigen Leben und Berufe gemacht, die persönlichen Wünsche und Erwartungen, die gerade er hegte und erstrebte, die eigentümlichen Eindrücke, die er in seiner frühern nicht sozialdemokratischen Zeit, im Elternhause und sonstwo erhalten, nicht so gewaltsam unterdrückt und verwischt, sondern vielmehr häufig noch besonders rege und lebendig, und alles zusammen, eigne Erfahrung, persönliche Wünsche, frühere Einflüsse in eine wunderliche, oft nur sehr lose und nur sehr beschränkte Verbindung mit sozialdemokratischen Anschauungen und Lehrsätzen gebracht. Und auch diese wieder waren bei weitem nicht vollständig, nicht geklärt und geordnet aufgenommen. Denn nur wenige aus diesem großen und unübersehbaren Kreise hatten auch nur einigermaßen so hartnäckig und ernsthaft wie jene andre, erstgeschilderte Gruppe die Parteischriften studiert. Was sie vielmehr von politischen und wirtschaftlichen Ansichten sozialdemokratischen Ursprungs besaßen, war ihnen meistenteils aus kurzen halbverdauten Artikeln der unregelmäßig gelesenen sozialdemokratischen Lokalpresse, teils aus den Vorträgen und Reden sozialdemokratischer Versammlungen, teils endlich aus dem persönlichen Umgange mit den klarern, zielbewußtern Kameraden hängen geblieben. Und je nachdem nun einer oder mehrere der oben genannten vier Faktoren in dieser Verquickung das Übergewicht und den bestimmenden Einfluß hatten und je nach den geistigen Fähigkeiten des einzelnen Mannes und seiner größern oder geringern Initiative, entstand so ein vollständigeres oder unvollständigeres, geklärteres oder widerspruchsvolleres, vernünftigeres oder unvernünftigeres, immer aber buntes Gemisch von politischen und sozialen Gedanken, das sich in keinem Falle mehr mit der wasch- und programmechten sozialpolitischen Anschauung des Normal- und Elitesozialdemokraten zu decken vermochte, das überhaupt in keine Parteischablone einzuordnen war, und das nun bald in liebenswürdigerer, freundlicherer, ruhigerer und leidenschaftsloser, bald aber auch in roher, abstoßender, gehässiger, radaumäßiger Art, bald in gewandteren bald unbeholfneren Ausdrücken, bald häufiger bald seltner zu Gehör gebracht wurde. Und obgleich so notwendigerweise fast ein jeder dieser Leute eine besondre, von dem andern verschiedene Stellung zum sozialdemokratischen Programm einnahm und oft das Allerverschiedenste, ja Konservativste mit unter dasselbe subsummierte, fühlten und wußten sie sich doch alle als Sozialdemokraten, und manch einer von ihnen glaubte steif und fest, daß eben seine eignen lückenhaften, brockenweisen Gedanken gerade diejenigen der Partei, sein eigen wunderlich Ideal auch das ganze Ideal der Sozialdemokratie sei. Es ist unter solchen Umständen geradezu unmöglich, eine erschöpfende Darstellung dieser verworrenen, verschiedenartigsten, halb oder nie zum klaren Ausdruck gebrachten Ansichten zu geben. Ich selbst habe sie natürlich auch bei weitem gar nicht alle in Erfahrung bringen können und muß mich darum darauf beschränken, mir besonders frappant gewesene Züge davon hier wiederzugeben.

In einem sehr wichtigen Gesichtspunkte näherten sie sich zunächst einander ziemlich alle. Das war in dem Verhältnis zu den letzten radikalen Zielen des sozialdemokratischen Parteiprogramms. Ich sage nicht, daß man sie offen verwarf oder ihnen auch nur konsequent Opposition machte. Aber bei der Mehrzahl dieser Durchschnittssozialdemokraten und gerade auch bei den klügern, nachdenklichen, praktischen, erfahrenen und gereiften Männern unter ihnen war weder der offizielle demokratische Republikanismus noch der wirtschaftliche Kommunismus eigentlich recht populär. Es waren dies Größen, für die die meisten dieser Köpfe kein inneres Verständnis und ebenso viele Herzen keine Begeisterung und Wärme zu hegen vermochten. Aber man nahm eben auch dies wie so vieles von der Sozialdemokratie hin als etwas, was nun wohl einmal dazu gehören und so sein müßte, gleichgiltig es den Führern überlassend, sich mit diesen unfaßbaren Problemen herumzuschlagen, im stillen vielfach davon überzeugt, jedenfalls aber darauf gefaßt, daß diese Prophezeiungen niemals in Erfüllung gehen würden. So sagte mir einmal ein ziemlich gut gestellter, kinderloser, darum sorgenlos lebender Bohrer, ein schon älterer, gutmütiger, höflicher Mann, aber ein begeisterter Anhänger der Sozialdemokratie, genau wörtlich: „So wie Bebel die Sache in Zukunft haben will, wird es doch niemals kommen. Er hat sich schon geändert und wird sich auch weiter noch mehr ändern.“ Ein andrer, ebenfalls sehr kluger, nachdenkender und überzeugter Sozialdemokrat erzählte mir einmal unter anderm in einem längern Gespräche: „Weißt du, ich lese nie ein sozialdemokratisches Buch und selten eine Zeitung. Früher habe ich mich überhaupt nie mit Politik beschäftigt. Aber seit ich verheiratet bin und fünf tüchtige Fresser im Hause habe, muß ichs thun. Doch mache ich mir meine Gedanken für mich. Ich bin auch nicht für rote Schlipse, große runde Hüte und sonstige ähnliche Sachen. Das machts alles nicht. Wir wollen auch gar nicht den Reichen und Vornehmen gleich werden. Reich und arm muß und wird immer sein. Das fällt uns gar nicht ein. Aber wir wollen gerechtere und bessere Ordnung in der Fabrik und im Staate, und was ich darüber denke, sage ich offen heraus, wenns auch nicht gefällt. Etwas Ungesetzliches aber thue ich nicht.“ Überhaupt scheuten sich Klügere und Selbstbewußtere nicht, auch gegenüber augenblicklichen Fragen ihrer Partei ihre besondre Stellung auszusprechen. So ein Monteur, der älteste, erfahrenste in der ganzen Abteilung, der, wie er mir bei einer andern Gelegenheit auseinandersetzte, ähnlich dem vorher zu Worte gekommenen Kameraden zur Sozialdemokratie stand, und der durchaus nicht die Verwirklichung aller ihrer Forderungen erwartete, ja kaum wünschte. Dieser war über die Haltung der offiziellen Partei zur Frage der Frauen- und Kinderarbeit, wie viele, nicht sehr erbaut. Bekanntlich drängte die Parteileitung bis vor kurzen dahin, daß die gesamte sozialdemokratische Agitation auf deren Beseitigung, und der Arbeiter möglichst auf deren freiwillige Unterlassung bestand. „Das ist aber Unsinn. Wenn der Mann genug verdient, läßt er schon von allein Frau und Kinder nicht in der Fabrik arbeiten. Wird aber das Geld gebraucht, so müssen sie eben wohl oder übel mitarbeiten; da sollte man denn doch den Verdienst nicht noch einschränken wollen. Denn das ist falsch, daß man behauptet, dann würden die Löhne steigen. Ein bißchen vielleicht, aber viel nicht. Sollte wirklich ein Ersatz geschaffen werden, dann müßten sie im Durchschnitt verdoppelt werden; dann brauchte allerdings keiner mehr seine Frau oder sein Kind arbeiten lassen. Aber wer kann das den Fabrikanten zumuten? Ich glaube gar nicht, daß sie das, selbst wenn sie es wollten, leisten könnten.“ Es kommt in diesen Meinungsäußerungen nicht darauf an, ob sie sachlich und wirtschaftlich richtig oder falsch sind — bei der eben angeführten z. B. müßte man doch das letztere behaupten —, sondern darauf, zu beweisen, daß geistig begabte, gewandte und überlegende Arbeiter, so sehr sie sich im allgemeinen mit der sozialdemokratischen Partei verbunden wissen, doch eigne Ansichten nicht nur bewahren, sondern sie auch unter den Genossen ruhig auszusprechen sich nicht schämen und jedenfalls mit ganz andern Fragen sich innerlich auseinanderzusetzen das Bedürfnis haben, als mit den Phrasen von einer republikanisch-kommunistischen Gesellschaftsordnung.

Vielmehr beschäftigen diese große, breite Gruppe der besten Arbeiter am stärksten die augenblicklichen und — für Höherangelegte und Weiterausschauende — auch die ferner und prinzipieller liegenden Fragen des eignen Wirtschaftsbetriebes, den sie kennen und verstehn, an dem sie unmittelbar beteiligt sind, in dem sie Erfahrung und Urteil besitzen. So ließ manchen schon die so ganz harmlose Frage der vierzehntägigen Lohnauszahlung nicht in Ruhe. Sie wünschten dringend eine achttägige Lohnperiode. Ich meinte da, das sei doch gleichgiltig, aber da kam ich nicht gut an. Die Bedürfnisse für acht Tage könnte man übersehen, das Geld so lange zusammenhalten und richtig und gleichmäßig verteilen. Das sei bei vierzehntägiger Löhnung nicht gut möglich. Größere Ausgaben, die notwendig dazwischen kämen, nähmen da zu viel weg, und am Ende der vierzehn Tage ginge es dann immer knapp genug her, oder man lebte auf Borg. Das waren nun zwar keine ausschlaggebenden Gründe, wohl aber leider ein weiterer Beweis für die schon bemerkte hauswirtschaftliche Unfähigkeit unsrer Arbeiterschaft. Wieder für andre war das Problem einer gerechteren Bezahlung Kern und Stern ihrer politischen und sozialen Anschauungen. Mit Fug und Recht. Ich habe schon in einem frühern Kapitel diese Sache gestreift. Es ist Thatsache, die viel beklagt wurde und mir immer wieder auffiel, daß in der Wertung und Löhnung der einzelnen Berufskategorien und innerhalb deren wieder der einzelnen Arbeiter kaum eine gerechte Ordnung herrscht. Es ist das meines Erachtens ebenso wie jene totale Vernachlässigung einer Regelung des Verhältnisses und der Kompetenzen der subalternen Vorgesetzten zu ihren unterstellten Arbeitern auf jenes verhängnisvolle wirtschaftliche Prinzip des Gehenlassens und der Verachtung der menschlichen Persönlichkeit zurückzuführen, das es in seinem absolutistischen Dünkel gar nicht der Mühe wert hält, gar nicht als eine sittliche Pflicht auch nur ahnen und verstehn läßt, daß hier Ordnung sein muß, widrigenfalls hier eine Quelle dauernder größter Unzufriedenheit sprudelt. So war es Sitte, daß die Schlosser und Schmiede, also gelernte Leute, für ihre mühsame, schwere, oft knaupliche und viel Intelligenz erfordernde Arbeit im Durchschnitt viel geringer gelohnt waren als eine große Anzahl an der Maschine arbeitender Bohrer, Dreher, Hobler und Stoßer. Und wieder unter diesen hatten, wie schon gesagt, gerade die an den großen Drehbänken, Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen mühelos beschäftigten einen unverhältnismäßig höhern Lohn als die zu unausgesetzter Aufmerksamkeit gezwungenen Arbeiter an denselben Maschinen kleinen und kleinsten Kalibers, von den Handarbeitern gar nicht zu reden. Diese Mißstände zu beseitigen war mancher unsrer Sozialdemokraten dringendste Forderung. Sie verlangten hier gerechtere Berücksichtigung und dann mit einer ganzen Reihe von Arbeitsgenossen steigenden Lohn mit der wachsenden Anzahl der Jahre, währenddem man in ein und demselben Betriebe beschäftigt war, wenn möglich auch eine gewisse Avancementsfähigkeit, so vom Handarbeiter zum Arbeiter an einer kleinen, allmählich zu solchem an einer größern und auch ganz großen Maschine, die auch heute schon von keinen darauf gelernten Leuten bedient wurden. Ansätze zu einer solchen Avancementsskala waren freilich bei uns, aber auch wohl nur unbeabsichtigt vorhanden. Ich persönlich würde nicht so leicht begreifen, warum unsre Arbeitgeber — ich vermute, es ist anderwärts auch so — gerade diese Wünsche ihrer Leute bis heute so total ignoriert haben, wenn es nicht eben Thatsache wäre, daß sie von der Erfüllung sittlicher Pflichten keine blasse Ahnung haben. Und doch läge das in ihrem eigensten Interesse. Es kostete ihnen kaum eine nennenswerte Summe — worauf für sie doch so viel anzukommen pflegt — und ermöglichte ihnen, einen viel größern und viel seßhaftern, damit auch konservativern Arbeiterstamm heranzuziehen. Noch andre unsrer Arbeitsgenossen spannen nun freilich die Gedanken über Fragen unsers Betriebes über diese hinaus bis zu allgemeinen wirtschaftlichen Problemen der Art, wie sie allerdings die Sozialdemokratie ihnen vorformulierte. Dabei kamen ihnen dann jene früher geschilderten Erscheinungen zu Hilfe, die ihrer scharfen Beobachtung nicht entgingen, z. B. daß der ganze ihnen sichtbare Betrieb durchaus gesellschaftlich, sozialistisch gebildet war, in der Form der gemeinsamen Produktion einzelner kunstvoller Ganzen sowohl, wie in der Art des gegenseitigen Verkehrs unter sich und mit ihren nächsten Vorgesetzten bei dieser Arbeit. Dazu verhalf weiter die Thatsache, daß die eigentliche Gesamtleitung, die Thätigkeit des kaufmännischen Zweiges eines solchen großen Etablissements sowie der gesamten technischen Abteilung der Ingenieure und Zeichner sich fast vollständig ihren Augen entzog, sodaß diese einfachen Menschen umso leichter zu der irrigen Ansicht kommen konnten, daß eben ihre Arbeit die eigentliche, die hauptsächliche, die Arbeit überhaupt sei, daß eben sie die Maschinen bauten, sie die eigentlichen Schöpfer und Macher seien, sie, diese Arbeiterschaft, die Fabrik repräsentierten. Aber auch sie, die so ihre grübelnden Gedanken und Träume selbstbewußt und stolz oft weit hinaus in verschwimmende Ferne spannten, thaten auch das doch ohne rechtes Versenken in die eigentlich kommunistischen Prinzipien, ohne eigentlich klares Verständnis ihres Wesens und ihrer Konsequenzen und fast immer auch ohne jene erbärmliche, vaterlandslose, politische Gesinnung der Führer und Elitesozialdemokraten, deren Humanitätsduselei zum schwächlichsten Kosmopolitismus und damit zur Verkennung und Proskribierung alles wahrhaft Patriotischen und patriotisch Notwendigen verführt.

Ich glaube es nachdrücklich wiederholen zu können, daß eben von dieser letzten schlimmern Sorte von Sozialdemokratismus unter der Masse dieser Durchschnittssozialdemokraten, auch der strebsamen, überzeugtern unter ihnen, nur erst noch sehr wenig als wirklicher Bestandteil innerster Überzeugung vorhanden, und daß vielmehr z. B. dem deutschen Vaterlande, dem Kaiser und dem Heere gegenüber eine überraschend freundliche Gesinnung unter ihnen lebendig war. So schwer, ja unmöglich es für mich auch in diesem Falle war, bei der Verworrenheit und Unklarheit der Meinungen dieser Leute ein geschlossenes Gesamtbild davon zu gewinnen, so glaube ich doch gerade über ihre Stellung zum Militär, zum Kaiser und zum Könige von Sachsen, zur Revolution, endlich auch zu Bismarck ziemlich vollständige und richtige Angaben im folgenden machen zu können, für die ich die Bürgschaft übernehme.

Über das Militär habe ich mich nach meinen Notizen wohl fast zwanzigmal in der verschiedensten Richtung hin zufällig oder absichtlich, länger oder kürzer und mit den allerverschiedensten Leuten unterhalten. So schon in der Herberge. Da war ein mir etwa gleichaltriger Steinmetzgeselle mein besondrer Intimus geworden. Auch er war natürlich Sozialdemokrat von der geschilderten üblichen Durchschnittssorte; er hatte dabei ein seelengutes Gemüt ohne jede Verbitterung, und hatte noch manches von früherer Zeit in seiner Gesinnung bewahrt. Er hatte in einem thüringischen Bataillon, in der Residenz eines der kleinen Fürsten, gestanden. Davon und von den Paraden, die er mitgemacht, den Offizieren, die ihn befehligt hatten, erzählte er mir auf unsrer gemeinsamen Wanderschaft mit besondrer Vorliebe. Vor allem hatte es ihm imponiert, daß sein eigner Fürst, dienstlich im Range geringer, dem alten Generalfeldmarschall von Blumenthal die Honneurs gemacht hätte, als dieser einst die Garnison inspizierte. Blumenthal war überhaupt sein Ideal. Ihn schilderte er in besonders lichten Farben und mit großer Begeisterung. Für glänzende Uniformen und schöne prächtige Offiziere schien er ein besonders empfängliches Auge zu haben.