Auch in der Fabrik dachte ein jeder gern an seine Dienstzeit zurück. Wenn wir zusammenstanden, und das Gespräch durch irgend etwas darauf kam, fing man bald Feuer dafür. Dann erzählte man mit Genugthuung von den Strapazen des Dienstes, den heißen Sommertagen auf den Exerzierplätzen und den kalten Winternächten auf Posten. Und mancher war auf sein Regiment besonders stolz. Und doch waren es allesamt Sozialdemokraten, alte und junge, die so redeten. Von den letztern hatten wir einen, einen kleinen, hübschen, netten, 18jährigen strebsamen Schlosser, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, als Vierjährig-Freiwilliger bei der reitenden Artillerie in Riesa einzutreten. Er ging von seinem Plan auch nicht ab, so sehr sich ein älterer, übrigens wohlmeinender Genosse unsrer Handarbeiterkolonne, oft und meines Erachtens mit Recht bemühte, ihm ihn auszureden und die Schattenseiten eines vierjährigen Militärlebens zu schildern. Dann gabs auch eine Anzahl bereits ausgehobener Rekruten, die im Herbste einzutreffen hatten. Auch ein Österreicher war darunter. Sie alle, besonders der letztere, warteten wie Kinder mit freudiger Ungeduld und doch natürlich mit einigem Bangen auf den Termin ihrer Einberufung, auch von ihnen ein jeder stolz auf sein Grenadier- oder Gardereiterregiment, zu dem er ausgehoben war. Der Österreicher nahm sichtlich schon eine immer strammere militärische Haltung an und grüßte gar nicht anders mehr als durch Anlegen der Hand an die Mütze, ganz nach militärischer Art. Auch sie waren mehr oder weniger alle „sozialsch,“ wie es einmal einer sehr geschmackvoll und gewandt ausdrückte. Ja eben der künftige Gardereiter, ein ziemlich leichtsinniges Bürschchen, war es gewesen, der mir das schon oben zitierte famose Wort gesagt hatte. „Bei uns ist alles sozialdemokratisch, selber die Maschinen.“ Dann traf ich einen sogenannten Zehnwöchentlichen unter uns, also einen Ersatzreservisten. Auch er sollte in weniger als vier Wochen eintreffen. Und auch er hatte dafür — ich sprach mehrmals mit ihm — nichts andres als nur Worte einer gewissen stillen und stolzen Genugthuung. Er that sich etwas darauf zu gute, daß er jetzt sparen mußte, um während der zehn Wochen Militärzeit etwas zum Zusetzen zu haben! Einmal stand ich mit etwa fünf andern Sozialdemokraten zusammen. Auch da kam das Gespräch auf das Militär und vor allem auf die Manöver in der Chemnitzer Gegend. Und auch da war es nur der Anstoß zu einer Menge hübscher Manövergeschichten, die einzelne von ihnen meist als Zuschauer und als Quartierleute zu ihrer Freude mit erlebt hatten. Dann war unter den Handarbeitern unsrer Fabrik ein früherer Schneider, der in Dresden bei der Artillerie gestanden hatte und diese Dresdner Zeit mehrmals als die schönste und lustigste seines Lebens bezeichnete. Als ich ihn einmal auf dem Krankenbette abends besuchte, ließ er sich von seiner Frau seine eigne und seiner Kameraden Photographien sowie das ganze Batteriebild herbeiholen, um sie mir mit sichtlicher Freude und unter genauer Schilderung des Lebensganges eines jeden abgebildeten Vaterlandsverteidigers vorzuführen. Dann erklärten mir wieder einmal bei der Arbeit zwei Packer, alte, wetterfeste, knorrige Leute, die viel derbe Späße im Kopfe hatten und leidlich genießbar waren, wenn man sie zu nehmen wußte, mit besonderm Nachdruck: „Wir sind mit Leib und Seele Soldat und werden es bis an unsern Tod bleiben.“ Und dasselbe könnte ich noch von einer Reihe andrer berichten, die beim Frühstück und auch einmal eines Abends in der Kneipe ganz ähnlich von ihrer Soldatenschaft redeten. Selbst jener ganz heruntergekommene Schlosser, der nur acht Tage bei uns blieb, sich gleich am ersten Tage hatte Vorschuß geben lassen und, freilich ohne Glück, uns alle anzuborgen versuchte, und der sich als ein Regimentskamerad von mir entpuppte, unterhielt sich mit ganzem Herzen über die uns gemeinsam bekannten Offiziere im Regiment, über die Kaserne und allerhand andre Wichtigkeiten. Freilich — einzelne räsonnierten ja auch manchmal über ihre Offiziere, die sie allzu scharf angefaßt hatten. Ein junger sozialdemokratischer Schlosser kannte auch die bekannte Abelsche Broschüre und sagte, er stimmte ihr zu: aber auch bei ihm und denen, die sich manchmal über ihre Offiziere beklagten, war das mehr persönlicher Groll und galt eben — nach dem ganzen Eindruck, den ich davon hatte — mehr nur diesen Personen und einzelnen Vorfällen als der gesamten Einrichtung.

Einmal unterhielten sich auch zwei über die sozialdemokratische Forderung der Abschaffung des stehenden Heeres. Der eine, selbst nicht Soldat gewesen, vertrat sie, aber mäßigte sie dahin, daß das natürlich nicht sofort und auf einmal möglich wäre. Vielmehr könnte das nur ganz allmählich vor sich gehen. Der andre bestritt das und erklärte die eventuelle Auflösung der Regimenter und die Entlassung der Hunderttausende junger, frischer Arbeitskräfte für einen Ruin der gesamten Arbeiterbevölkerung. Dann würde die industrielle Reservearmee ins ungeheure anschwellen, die Löhne ganz gewaltig sinken, und wir Arbeiter allesamt hungern müssen.

Eine ganz wunderliche Vorstellung traf ich bei zwei andern Sozialdemokraten, von denen nur einer unsrer Fabrik angehörte. Es war das bei dem Kinderfeste auf der Jagdschenke bei Siegmar. Sie redeten von Streiks. Da sagte der mir Unbekannte plötzlich: „Ja, wenn erst die Offiziere streiken werden. Es fängt schon an, zu gären. Nur darum hat die Regierung auch neuerdings ihre Gehälter verbessern wollen, um sie zufrieden zu machen. Übrigens, setzte er hinzu, geht es schon los, in England, Spanien u. s. w.“

Eigentliche Erbitterung gegen das Militär habe ich nur einmal beim Mittagessen in unsrer Kneipe an einem finstern wortkargen Burschen mit einem fanatischen Jesuitengesichte angetroffen. Dieser las einem andern einen Militärartikel aus einem Blatte vor. Darin wurde der Hauptmann der Vater, der Feldwebel die Mutter der Kompagnie genannt. Das brachte den Mann sehr in Aufregung, und er erging sich denn da in nicht allzu schmeichelhaften Ausdrücken über die in der That ja manchmal höchst problematische Vater- und Muttertreue der beiden Herren. Aber das war eben auch einer der rabiaten „Elitesozialdemokraten,“ von dem keine andre Meinung zu erwarten war. Sonst jedoch fand ich, wie gesagt, immer nur freundliche Gesinnungen.

Eine besondre Vorliebe für das Militär äußerte sich natürlich bei denen unter uns, die den Feldzug in Frankreich mitgemacht hatten. Ich habe von ihnen drei in treuer Erinnerung, einen Ulanen, einen Jäger und einen Infanteristen. Alle drei erzählten mit Stolz von jenem Jahr in Frankreich mit der ganzen epischen Breite, Komik, Derbheit und Natürlichkeit, die alle solche Schilderungen im Munde von Leuten aus dem Volke so originell und reizvoll machen. Der eine, der Jäger, ein Bohrer, hätte so gern der damals gerade in Aussicht stehenden Zusammenkunft der alten Kameraden von den sächsischen Jägern und Schützen in Meißen beigewohnt — aber an die Ausführung dieses Wunsches war natürlich bei seinem Verdienst von 27 oder 29 Pfennigen die Stunde — und dem Rudel Kinder, das er hatte, kein Gedanke. Endlich möchte ich doch auch erwähnen, was mir nicht ganz unwichtig scheint, daß mir die Militär- und Soldatenbilder und Bildchen oft primitivster Art, und manchmal im allerdürftigsten Farbendrucke ausgeführt, auffielen, die vielfach an den Arbeitskästen neben dem Arbeitsplatze der einzelnen Leute angeklebt waren. Auch das scheint mir ein deutliches Zeugnis für die Vorliebe zu sein, die man nach meinem Urteil auch heute noch trotz mehr denn zwanzigjähriger sozialdemokratischer Agitation unter der Arbeiterbevölkerung eines großen deutschen Industrieortes für das deutsche Volksheer hegte.

Ich führe diese erfreuliche Erscheinung nun allerdings weniger auf den idealen Gedanken zurück, daß man auch in dieser Bevölkerungsschicht wie im Adel und einigen Bürgerkreisen stolz ist, dem Könige im Heere dienen zu dürfen, sondern vielmehr auf die Freude des Volkes an dem bunten Rock und dem militärischen Glanz und Gepränge, auf das frische, freie, heitre, sorgenlose Leben, das der vollkräftigen, lebenslustigen Arbeiterjugend in dieser Zeit wie meist niemals wieder nachher beschieden ist, und auf die nicht minder wichtige Thatsache, daß diese Militärzeit für den Fabrikarbeiter die längste, völligste und glänzendste Abwechslung in dem öden Einerlei seines Fabriklebens ist. Daraus erkläre ich mir auch die auffällige Erscheinung, daß man sich allerseits doch auch (wenn nicht ganz armselige Verhältnisse und allzugroße Not in der Familie herrschen) verhältnismäßig gern und willig an den Reserveübungen beteiligt, weil man dabei die Erinnerung an die alte schöne Zeit für kurze Wochen wieder einmal gemeinsam auffrischt. Und diese Erscheinung gewinnt noch an moralischem Schwergewicht, wenn man daran denkt, daß für solche Leute aus dem Arbeiterstande die Reserveübungen bisher ja mit einem gänzlichen Ausfall an Verdienst für die Familien und darum mit viel größern Opfern fürs Vaterland verbunden sind, als die jährlichen achtwöchigen Übungen für Söhne wohlhabender Eltern, die Reserveoffiziere sind oder es werden wollen.

Auch über die Militärvereine wurde zweimal in der Fabrik von meinen Arbeitsgenossen gesprochen, beide male in einer höchst interessanten und mitteilenswerten Weise. Es handelte sich um die Frage, ob Sozialdemokraten Mitglieder eines Militärvereins sein dürfen; und es zeigte sich hierbei, daß drei ganz verschiedne Meinungen unter den Arbeitsgenossen vorhanden waren, die sich schroff gegenüber standen. Die einen behaupteten, man müßte unter allen Umständen ehrlich und charakterfest sein. Es stünde fest, daß die Militärvereine offiziell jeden sozialdemokratischen Kameraden auszuschließen verpflichtet wären. So sollte jeder Genosse auch so stolz sein und von selbst aus diesen Vereinen austreten, besser überhaupt niemals in sie eintreten, um keinen Betrug zu begehen und nicht doch schließlich hinausgeworfen zu werden. Zwei andre, die selbst nie Soldaten gewesen waren, bestritten diese Ansicht lebhaft und vertraten die gegenteilige: „Jeder Sozialdemokrat, der gedient hat, hat die Pflicht, in den Verein einzutreten und es dahin zu bringen, daß sie allmählich ganz zu sozialdemokratischen Vereinen und auch die bisher anders gesinnten Kameraden Sozialdemokraten werden.“ Diese beiden, jüngere Männer voll Initiative, hatten dabei wohl den Militärverein unsers Vororts im Auge, dessen Mitglieder allerdings zur Mehrzahl aus erklärten Sozialdemokraten bestanden, der dies bei irgend einer Gelegenheit auch offen bekannt und daraufhin die Zugehörigkeit zum sächsischen Militärvereinsbunde und das Recht, das königliche Wappen in seiner Fahne zu führen, verloren hatte. Zum größten Bedauern und zur Mißbilligung der dritten Gruppe bei jenen beiden Gesprächen, die, schon ältere Leute, eine mehr vermittelnde Anschauung, doch auch nachdrücklich und gegensätzlich genug den zwei andern gegenüber vertrat. Sie meinten, die Sache sei so: „Wir sind Soldaten und Sozialdemokraten, beides mit Leib und Seele. Die Militärvereine sind Soldaten- und zugleich Unterstützungsvereine, vornehmlich mit das letztere; und wir haben lange Jahre auch mit in ihre Kasse gesteuert. Wir haben also ein Anrecht an dem Genuß ihrer Vorteile. Schon deshalb dürfen wir in den Vereinen bleiben. Aber da deren Satzungen die politische Gesinnung der Sozialdemokratie ausschließen, so wäre es Blödsinn und Tollkühnheit, sie in den Vereinen zu äußern oder gar Propaganda dafür zu machen. Man behält sie dort besser für sich und redet nicht davon.“ In beiden Gesprächen kam es zu keiner Einigung und Annäherung dieser drei Anschauungen. Jede Gruppe bestand auf der Richtigkeit der ihrigen und erklärte die zwei andern für durchaus falsch. Jedenfalls zeigt auch diese Thatsache die Verschiedenheit der treibenden innersten Prinzipien in der politischen Gesinnung dieser Durchschnittssozialdemokraten. Bei den ersten entscheidet der Idealismus und fordert offnes Visier und streng reinliche Trennung; bei den zweiten drängt der Gedanke der Agitation und Propaganda zu kühnem Wagen; bei den dritten kämpft das von der Partei aufgezwungne vaterlandslose Empfinden des Sozialdemokraten mit der guten vaterländischen Gesinnung des alten Soldaten, und Nützlichkeitsrücksichten bestärken noch mehr die dadurch erzeugte Unentschiedenheit der Stellung. Ich glaube, annehmen zu können, daß diese drei Meinungen auch in weitern Kreisen meiner Fabriksgenossen vorhanden waren, da sie, wie gesagt, eben damals infolge der Vorgänge im Militärvereine unsers Ortes gezwungen waren, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Welche von den Richtungen überwog, konnte ich nicht erkennen.

Einen meines Erachtens guten Dienst leistete übrigens — ich darf dies an dieser Stelle gleich mit erwähnen — der Turnverein unsers Vorortes. Er war noch nicht alt und verhältnismäßig stark. Junge Schlosser, Weber, Arbeiter, aber auch Kaufleute, Expedienten und Schreiber gehörten ihm an. Auch einen jungen Zeichner, also einen höhern Beamten aus unsrer Fabrik, traf ich unter den Turnern. Kurz, es waren wohl fast alle Berufsarten unsers Vorortes in dem Vereine vertreten, und ebenso die sozialdemokratischen wie die sozialistisch noch nicht oder nur wenig durchsetzten. Und alle Glieder schienen gute Kameradschaft zu halten. So war dieser Turnverein ein neutraler Boden, auf dem die verschiedensten politischen Gesinnungen und Neigungen friedlich und nach den Satzungen des Vereins unausgesprochen neben einander hergingen. Es war damit eine Stätte der persönlichen gegenseitigen Annäherung gebildet über die engherzige Parteigesinnung hinweg. Und hierin sehe ich die große ethische Bedeutung aller Turnvereine, die in einer ähnlich wie bei uns zusammengesetzten Bevölkerung nach denselben Grundsätzen existieren und blühen. Von diesem Gesichtspunkt aus stelle ich sie auch höher als die Militärvereine, die heute doch in der That „reichstreue“ Parteivereine und antisozialdemokratische Kampfvereine geworden sind.

Gleich freundlicher Art sind nun auch die Erfahrungen, die ich über die Gesinnung dieser Leute gegen den deutschen Kaiser und den König von Sachsen gemacht habe. Zwar war es hier natürlich besonders schwierig, einen sichern Einblick zu bekommen. Jedermann hütete sich vor einer Majestätsbeleidigung, da keiner dem andern recht traute. Ich glaube auch, daß sich ein nicht ganz geringer Bruchteil wie zu manchem andern so auch zu Kaiser und Reich durchaus gleichgiltig verhielt. Sie hegten weder Haß noch Liebe; sie hatten kein Interesse dafür, häufig auch zu viel mit sich, ihren engen Verhältnissen oder seichten Vergnügungen zu thun, um daran denken und ihr Herz noch daran begeistern zu können. Dann waren gewiß auch wieder andre, die, von der parteikorrekten Gesinnung der Elitesozialdemokraten auch in dieser Beziehung schon angekränkelt, innerlich zwischen Zuneigung und Abneigung, Vaterlandsliebe und Vaterlandslosigkeit noch hin und her schwankten. Aber für die große Mehrzahl eben der Durchschnittsanhänger war doch der Kaiser eine durchaus sympathische, volkstümliche Gestalt. Nicht nur, daß man ohne Opposition, ohne Murren und finstre Mienen billige und freundliche Urteile über ihn mit anhörte und ihnen zustimmte — das wäre in diesem Falle noch kein Beweis für meine Behauptung —, sondern ich habe auch selbst aus dem Munde der Leute nicht einmal nur das runde Urteil gehört: „Der Kaiser ist gut und tüchtig.“ Einmal bei einem der Kinderfeste, wo die Leute also doch ganz unter sich waren und sich nicht genierten, trat diese Ansicht besonders deutlich zu Tage: „Kaiser Wilhelm hat die besten Absichten; aber er kann nicht, wie er will. Den halten sie fest und zwingen ihn nach ihren Plänen. Aber hoffentlich gelingt es ihm noch, seine eignen Wege zu gehn.“ Dort hörte ich auch um Kaiser Friedrichs Tod die nicht seltene Klage: „Schade um ihn! Wie ganz anders stünde alles, wenn er nur fünf Jahre regiert hätte.“ Ein andermal sagte ein schon ziemlich herabgekommener Fleischergeselle, mit dem ich ein Stück wanderte: „Kaiser Friedrich hielt auf die Arbeiter mehr als auf alle andern. Sie haben aber auch recht.“ An Kaiser Friedrich vor allem glaubt man da unten. Der milde freundliche Hohenzoller ist noch im Grabe ein Friedensmittler zwischen dem Thron und dem Volk und ein Segen für beide. Hie und da findet sich auch ein Bild von ihm wie von dem regierenden Kaiser an den Arbeitsplätzen einzelner Leute angeklebt. Auch traf ich patriotische Lebensbeschreibungen von Friedrich dem Dritten sowohl als Wilhelm dem Ersten, freilich in Form der bekannten, meist so minderwertigen Kolportagegroschenhefte in mehreren Familien verbreitet, deren Väter wiederum sonst offen mit in das Horn der sozialdemokratischen Partei stießen. Ich werde an einer spätern Stelle ein haarsträubendes Gespräch zweier Sozialdemokraten unsrer Fabrik über Bismarck mitteilen. Auch diese beiden zeigten, so sehr sie Bismarck fluchten, doch volles Vertrauen zum Kaiser. Als ich bei jener Unterhaltung meinte, ich glaube nicht, daß der Kaiser, selbst wenn ein neues Attentat käme, das Sozialistengesetz aufrecht erhalten würde, stimmten mir beide nachdrücklich zu. Ein andermal verwahrte einer ganz entschieden die Arbeiter gegen die Anklage der Reichsfeindlichkeit: „Wir sind nicht gegen die Regierung und den Kaiser, nur gegen ihre falschen Freunde.“ Und ein andrer Durchschnittssozialdemokrat, mit dem ich mich besonders häufig über politische Dinge unterhielt, auf dessen durchdachte Ansichten ich einiges hielt und der, bereits neun Jahre in unsrer Fabrik, auch die einzelnen Genossen ziemlich genau kannte, sagte mir einmal ganz offen und ohne dazu aufgefordert zu sein: „Ich bin im geringsten gar nicht gegen den Kaiser oder gegen unsern König. Ich habe zwar beide noch nicht gesehn; aber für unsern König ginge ich durchs Feuer. Und so wie ich, giebts ihrer unter uns noch satt (genug).“ Zu dieser weit verbreiteten freundlichen Gesinnung half wohl gleichmäßig mit das feste monarchische Bewußtsein, das von alters her tief im deutschen und sächsischen Volke sitzt, die aufrichtige reformfreundliche, soziale Gesinnung des Kaisers, von deren Ehrlichkeit man auch da unten oft wider Willen überzeugt scheint, und schließlich die nur beschränkte antimonarchische Agitation der Sozialdemokratie, der man gerade in diesem Punkte die Flügel arg beschnitten hat. Freilich darf man nicht meinen, daß diese günstige monarchische Gesinnung auch nur in einem wesentlichen Punkte jener frühern Unterthänigkeit gleicht, die in tiefster Ehrfurcht, mit Zittern und Zagen vor Seiner Allmächtigen Majestät erstarb. Willenlos, gedankenlos geht wohl keiner mehr auch da unten mit durch Dick und Dünn. Aber dafür ist — nach meinem Dafürhalten eine viel gewichtigere Thatsache — doch in weiten Kreisen jene Achtung vor dem „ersten Diener des Staates“ vorhanden, dessen Daseinsnotwendigkeit anerkannt ist, an dessen redliche, pflichttreue, volksfreundliche, unparteiische und gerechte Absichten man glaubt, von dem man aber auch mehr ahnt als weiß, daß er nicht der allmächtige Herr, sondern ein durch Zwang und Widerstreit der entgegengesetztesten Interessen vielfach sehr gebundner Herrscher ist. Ich bin nach alledem davon überzeugt, daß es der sozialdemokratischen Agitation kaum gelingen dürfte, diese vernünftige Gesinnung des Volkes zu vernichten, wenn nur der Kaiser wie bisher fortfährt, auch den Arbeitern und ihren begründeten Forderungen nicht nur gerechte Billigung zu teil werden zu lassen, sondern ihnen auch, so viel an ihm ist, Geltung und Erfüllung zu verschaffen.