Im Zusammenhang damit ist es nun auch verständlich, daß der weitaus größte Teil meiner Chemnitzer Fabrikgenossen durchaus an keine gewaltsame blutige Revolution dachte. Ich habe auch für diese Thatsache nicht nur den sichern allgemeinen Eindruck als Beweis, sondern auch zahlreiche direkte und ehrliche Äußerungen meiner Arbeitsgenossen, die ebenfalls deren Richtigkeit bestätigen. An jenem aufgeregten Sonntagabend, an dem nach dem Kinderfest unsers Wahlvereins die heiße Redeschlacht mit dem amerikanisierten Baiern und seinem Freunde, dem Brauereidirektor, geschlagen wurde, an dem ein sozialdemokratisches Lied auf das andre gesungen wurde, und wirklich Herz und Mund den Leuten auf- und übergingen, erklärten mir mehrere: „Wir Arbeiter wollen keine Revolution. Wir sind viel zu gebildet dazu. Wir wollen auf friedlichem Wege unser Ziel erreichen; jetzt schon so viel als möglich, und unsre Nachkommen den Rest.“ Und das waren ein paar jüngere Leute. In der Fabrik sagte mir gleich im Anfang meiner Arbeiterlaufbahn ein andrer: „Es fällt uns gar nicht ein, Revolutionäre zu sein; hier in Chemnitz und Umgegend denkt wenigstens niemand daran.“ Und später einer: „Daß die Arbeiter Revolution machen wollen, glauben die oben im Ernst doch selber nicht.“ Und einer der beiden schon genannten strammsozialdemokratisch-rabiaten Bismarckhasser sagte eben da, als wir von der Aufhebung des Sozialistengesetzes redeten. „Der Kaiser hat gesehn, daß alles auch ohne das Sozialistengesetz in Ruhe und Ordnung weitergeht. Revolution kommt schließlich nur, wenn man unsre Sache gewaltsam unterdrückt.“ Ebenso ein sehr erfahrener, selbständiger, schon mehrmals genannter Monteur. „Wir wären doch selbst die größten Dummhute, wenn wir Revolution machen und die Fabriken zerstören wollten. Das wäre albern und schadete uns selber am meisten.“ Dann einer der vordern in der Chemnitzer Weberbewegung, ein kraftvoller Mensch und ausgezeichneter Turner: „Die Großen wünschen, daß wir Revolution machen; aber wir werden ihnen unter keinen Umständen den Gefallen thun.“ Und endlich sagte einmal in einer geschlossenen Sitzung der Vorsitzende mit großem Nachdruck und unter aller schweigender Zustimmung: „Wir im Fachverein wollen keine Umstürzler sein, sondern vielmehr ein gutes Beispiel geben und nur die Besserung der Lage unsers Standes anstreben.“ Nur ein einziges mal traf ich auf einen Ausspruch, den man auch anders auslegen könnte: „Die großen Herren sollten uns mit mehr Liebe entgegenkommen. Dann wäre all der Haß und Streit nicht. Wenn sie das aber durchaus nicht wollen, so gehts uns schließlich wie dem, der Hunger hat und nichts zu essen kriegt: er maust sich, was er braucht.“
Ich meine, die Fülle dieser verschiedenen ausdrücklichen Zeugnisse, die fast alle gerade von ziemlich selbstgewissen Sozialdemokraten stammen, können genügen, um meine mir unerschütterlich feststehende Behauptung zu erhärten: der Chemnitzer Fabrikarbeiter, mit dem ich zusammen gearbeitet habe, sträubt sich heute noch mit Händen und Füßen gegen den Gedanken einer blutigen Revolution. Zwar weiß er genau, daß eine durchgreifende Besserung seiner Lage, die ein jeder von ihnen erwünscht, erstrebt, erwartet, ohne Kampf eine Unmöglichkeit ist. Dazu kennt und erfährt er selbst, wie gesagt, zu oft den heute unüberbrückbaren Interessengegensatz zwischen ihm und dem Unternehmertum. Aber er sieht ihn heute noch als eine Naturnotwendigkeit und nur im gegebnen Falle auch als Schuld seines Arbeitgebers an. Er hält darum auch dessen Person und Sache durchschnittlich auseinander und will auch seinerseits nicht einen Kampf roher Gewalt, sondern die zwar mannhafte und unnachgiebige, aber gesetzmäßige Auseinandersetzung zweier organisierter Parteien in einem parlamentarisch freien Staate. Nicht die Zahl der Fäuste soll entscheiden, sondern die Zahl der Stimmen und die Macht der Wahrheit. Gleichwohl leugne ich die Gefahr einer Revolution keinen Augenblick. Sie liegt aber nicht in der Absicht, in den augenblicklichen politischen und sozialen Gesinnungen der Leute, sondern einmal in der immerhin möglichen Unterlassung oder Verschleppung einer grundlegenden Sozialreform, und dann vor allem in der erbärmlichen, neuen Lebensanschauung, die, begünstigt durch die vorhandene innere Krisis der Kirche und durch unsre verwahrlosten wirtschaftlichen und sozialen Zustände, sich heute infolge der sozialdemokratischen Agitation weithin im Volke verbreitet hat. Hier allein und nicht in einer, gegebenenfalls übrigens doch immer nur formalen wirtschaftlichen Schulung der Arbeiter im rein sozialistischen und kommunistischen Sinne liegt die eigentliche große Gefahr, der eigentliche verhängnisvolle Erfolg der ganzen bisherigen Agitation der Partei. Darüber werden die nächsten Kapitel des Weitern und Breitern zu reden haben.
Im Zusammenhang mit dem eben erörterten Revolutionsgedanken ist nun auch die fernere Beobachtung, die ich machte, nicht uninteressant, daß der ihm verwandte Gedanke, die sozialdemokratische Phrase von der Verbrüderung aller Nationen, bisher in der Praxis noch absolut keinen fruchtbaren Boden gefunden hatte. Vielmehr gerade das Gegenteil davon konnte man in Chemnitz täglich studieren, da hier wegen der Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze Hunderte von Tschechen, mit dem Spitznamen „Seffs“ genannt, meist auf Bauten in Arbeit standen. Zwischen ihnen und den einheimischen Deutschen herrschte durchgehends Abneigung und Gleichgiltigkeit. Für viele Arbeiterfamilien waren sie zwar wertvolle und nicht übelbehandelte Erwerbsobjekte; aber man sah immer auf sie herunter. Sie hatten auch ihre eignen Tanzböden, die unsre Leute nicht gern besuchten, weil es da zu roh zuging, und es gab häufig Schlägereien mit ihnen. In unsrer Fabrik hatten selbst die Deutsch-Böhmen unter dieser Abneigung gegen ihre Landsleute zu leiden. Von einer Verbindung zwischen Tschechen und unsern Leuten war jedenfalls nicht das geringste zu spüren.
Dagegen war es tief betrübend, wenn auch nicht gerade verwunderlich zu sehen, wie erfolgreich die sozialdemokratische Agitation unter der gesamten Arbeiterbevölkerung, vom eingefleischtesten bis zum harmlosesten Sozialdemokraten herab, gegen den Fürsten Bismarck hat Stimmung machen können. Kein Mann ist mehr, bitterer, glühender gehaßt da unten als der Gründer des deutschen Reiches. Über ihn herrschte eine Ansicht, eine Stimme: „Bismarck ist der größte Arbeiterfeind“ und „Bismarck ist ein Betrüger.“ Das sind wörtliche Zitate, die ich mehr als einmal gehört habe. Einmal standen wir etwa ein halbes Dutzend Mann zusammen vor einer großen eisernen Wand, in die ich mit der Handbohrmaschine Löcher zu bohren hatte. Da schrieb einer ganz plötzlich mit Kreide Bismarcks Namen in großen Buchstaben an die Wand und gab uns auf zu raten, was das bedeute. Er löste uns das Rätsel dann selbst. Es bedeutete zwei Sätze; jeder Buchstabe des Bismarckschen Namens, je von vorn und hinten gelesen, war der Anfangsbuchstabe eines Wortes in diesen zwei Sätzen. Der eine hieß: „Bismarck Ist Seiner Majestät Allmächtigster Reichs-Kanzler“ und der andre: „Kein Reich arbeitet mit so intelligenten Beamten.“ „Ja,“ sagte ein andrer darauf, „Bismarck hat viel Bildung“. Wieso? fragte ich. „Bismarck hat die meisten Steuern gebildet,“ war die Antwort. In beiden Fällen wenig Witz, aber viel Haß. Ein andermal stand ich wieder mit einem andern zusammen. Wir redeten vom ersten Mai, der hinter uns lag. Der Mann behauptete, daß in unsrer Fabrik damals kein Wort weder vor noch nach dem „Ersten“ über eine Maifeier gefallen sei. „Und doch hat man so ernstliche Maßregelungen angedroht; nicht nur von seiten der Arbeitgeber, sondern auch der Regierung. Aber daran ist Bismarck schuld; dieser hat das größte Unheil angerichtet. Zwar ist er nun fort, und das ist gut, aber dafür sind nun seine Anhänger und Getreuen noch immer sehr mächtig bei der Regierung.“ Noch bezeichnender war das schon erwähnte Gespräch, das ich wieder zwischen zwei andern mit anhörte.
A: „Was wird jetzt Bismarck machen?“
B: „„Der sitzt gemütlich in Friedrichsruh und stellt vielleicht neue Attentate an, wie 1878.““
A: „Wieso denn?“
B: „„Nun, das ist doch klar. Weder Nobiling noch Hödel waren Sozialdemokraten. Jener war ein Liberaler, dieser ein Stöckerscher. Beide waren von Bismarck angestellt, um dann das Sozialistengesetz erlassen zu können.““
Ich: „Und warum sollte er denn jetzt wieder an so etwas denken?“
B: „„Um zu verhindern, daß das Sozialistengesetz zum ersten Oktober endlich aufgehoben wird.““