Wahlberechtigt sind alle diejenigen, welche das 21. Lebensjahr überschritten haben.
Die zu wählenden Vertreter müssen mindestens 30 Jahre alt und mindestens seit 3 Jahren in unsrer Fabrik ununterbrochen beschäftigt sein.
Die Wahl erfolgt in der Weise, daß jeder Wahlberechtigte die 6 Namen der zu erwählenden Vertreter auf die 1. Seite des Einrechnungsbogens bis nächsten Freitag abend schreibt; diejenigen 6 Personen, welche die meisten Stimmen auf sich vereinigen, gelten als gewählt, und wird das Resultat durch Anschlag bekannt gegeben.
Die Ablehnung derjenigen gewählten Arbeiter, welche uns für diese Vertrauensstellung nicht geeignet erscheinen, behalten wir uns vor, und würden vorkommenden Falls Arbeiter, welche die nächst höhere Stimmenzahl auf sich vereinigen, einzutreten haben.
Bei der Stimmenauszählung haben sich
Dreher H. und Schmied N.
zu beteiligen.“
Das heißt also kurz: Die geplante Arbeitervertretung hat den Zweck, bei neuen Fabrikeinrichtungen aller Art die Ansichten der Arbeiter kund zu geben. Sie besteht aus sechs Mann, die ohne Rücksicht auf die einzelnen Berufskategorien gewählt werden können. Wahlberechtigt ist jeder einundzwanzigjährige Arbeiter, wahlfähig jeder dreißigjährige und ältere, der drei Jahre der Fabrik angehört. Die Wahl ist eine offne und bedingte. Wer von den Gewählten der Direktion zu dem Amte ungeeignet erscheint, wird zurückgewiesen. An seine Stelle tritt der mit der nächst höchsten Stimmenzahl.
Die Bekanntmachung wurde an jenem Tage, da sie angeschlagen war, oft und genau, von vielen vielmals gelesen. Ich drückte mich absichtlich, so oft ich es ohne aufzufallen riskieren konnte, vor dem Anschlage herum. Ich fand, wie eine sehr große Anzahl der Arbeitsgenossen ihn still für sich studierte und bald nachdenklich bald auch gleichgiltig, wie sie gekommen waren, wieder an ihre Arbeit gingen. Eine ebenfalls nicht geringe Zahl machte ihre Späße dazu, die teils ganz harmloser Art teils aber beißende Satire über die ganze neue Einrichtung waren. Wenn ein besondrer Dummkopf oder harmloser Geselle zufällig dabei stand, mit dem man auch sonst gern seine Allotria trieb, versicherte man diesem ganz ernsthaft, daß man gerade ihn auf jeden Fall wählen und zu diesem Ehrenposten verhelfen würde. Wenige murrten. Ein einziger jüngerer Mann, etwa ein dreißiger, sprach sofort scharf seine Mißbilligung über den Anschlag offen aus. Die Sache taugte in der Form, wie sie hier geplant wäre, absolut nichts, sondern wäre ein totgebornes Kind. Einige, die dabei standen, wagten schüchterne Einwände. Sie gaben die Fehlerhaftigkeit des Planes zu; doch müßte man erst abwarten. Wen ich sonst von den Arbeitern an diesem und dem folgenden Tage über die Sache um seine Meinung befragte, zuckte die Achseln und sagte gar nichts. Nach ein paar Tagen aber war man — so war wenigstens die allgemein sich äußernde öffentliche Meinung — darüber einig, daß die ganze Sache mindestens falsch angefangen, wahrscheinlich aber wieder ein schlauer Coup der Fabrikleitung gegen die Arbeiter wäre. Das bewiese schon der Wahlmodus. Die offne Wahl wäre angeordnet, um die Gesinnung jedes einzelnen Mannes kennen zu lernen. Wählte er energische, klar denkende, ihn wirklich ehrlich und offen vertretende Genossen, so wüßte man sofort, daß er ebenfalls Sozialdemokrat wäre, wie die gewählten. Denn nur diese hätten den Mut einer freien Meinung. Wählte er zahme und untaugliche, so hätte die ganze Einrichtung eben keinen Zweck, denn die würden zu allem, was die Herren wünschten, ja sagen und bei wirklichen Mißständen von selbst niemals den Mund aufmachen. Aber solche Arbeiter wollten die Herrn auch nur, das zeigte deutlich der fünfte Abschnitt des Anschlags. Wenn jene erste Absicht erreicht wäre, und man erst die Gesinnung der einzelnen ehrlichen Wähler erkannt haben würde, würde man sich einfach ohne Rücksicht auf die Höhe der Stimmenzahl die zahmen und genehmen Kandidaten aussuchen und aus ihnen eine Arbeitervertretung bilden, „die für die Herren ebenso Luft wäre, wie überhaupt keine.“ Auch wollte man wahrscheinlich mit der Einrichtung dieser Scheinvertretung andern größern Verpflichtungen für später aus dem Wege gehn. Denn es wäre ja nur noch eine Frage der Zeit, daß mit dem Inkrafttreten des neuen Arbeiterschutzgesetzes wirksame Arbeitervertretungen gesetzlich eingeführt würden. Da hoffte man denn, diesen Zwangseinrichtungen zuvorzukommen, sich vielleicht um sie herumdrücken zu können und sich zugleich den Schein von Arbeiterfreundlichkeit zu geben. So hoffte man, drei Fliegen mit einem Schlag zu treffen, und die Arbeiter wären, wenn sie darauf eingingen, wieder einmal die Dummen.