Diese Ansichten blieben die maßgebenden; die Folge war, daß, wenn ich recht beobachtet habe und recht unterrichtet worden bin, an dem aufgegebnen Wahltermine kaum die Hälfte der Leute überhaupt Namen auf ihr Lohnberechnungsblatt eingetragen hatten. Die übrigen hatten sich standhaft der Wahl enthalten. Darauf erschien ein neuer Anschlag, erklärte diese erste unvollständige Wahl wegen zu geringer Beteiligung für ungiltig, setzte einen neuen Wahltermin an und forderte alle Arbeiter energisch zur Wahl auf. Das wirkte. Die allergrößte Mehrzahl wählte nunmehr und wählte Kandidaten, die durchweg die Bestätigung der Fabrikleitung erhielten. Ihre Namen wurden bekannt gemacht, und die neue Arbeitervertretung damit für konstituiert erklärt. Aber ich habe in den mehr als zwei Monaten, die diesem Vorgange folgten, und während deren ich noch in der Fabrik war, niemals wieder auch nur das geringste Lebenszeichen von dieser Arbeitervertretung gespürt. So oft ich auch die Kollegen danach fragte — niemand wußte etwas von ihr. Für die denkenden und scharf sozialdemokratisch gerichteten war das nur ein neuer Beweis für die Richtigkeit ihres vorhin mitgeteilten Verdachtes.

Noch eine Geschichte andrer Art, die aber dasselbe beweist. Sie betrifft einen sehr überzeugten Sozialdemokraten unsrer Fabrik, einen überaus tüchtigen Mann, dessen bedeutsame Arbeit schon früher gewürdigt worden ist. Sie wurde damals im ganzen Bau von ihm allein verrichtet. Früher hatten sie zwei Mann gethan. Aber unser Mann arbeitete gleich nach seinem Eintritt in die Fabrik so auffällig eifrig und intensiv (obgleich er nicht in Akkordlohn stand), daß man den andern schwächern bald entbehren konnte, ihn entließ und dafür den allein Zurückgebliebenen wohl etwas besser lohnte. Das war nun zwar für ihn vorteilhaft und wohl auch verdient, aber durchaus gegen das sozialdemokratische Solidaritätsprinzip, das doch, so viel ich weiß, den mittelalterlich-zünftlerischen Satz wieder wahr machen will: Was zwei ernährt, soll nicht einer thun. Aber es zeigte sich eben auch in diesem Falle, wie in dem vorher Geschilderten und wie sonst oft: Das eigne, augenblickliche Interesse siegt auch über eine sehr viel versprechende sozialpolitische Prinzipienreiterei und eine sonst reine und klare sozialdemokratische Gesinnung.

So bewährt sich an all dem Berichteten mit vollster Deutlichkeit, daß die rein politische und soziale Agitation der Sozialdemokratie bei dem phantastischen, unaussprechlichen, unfaßbaren Charakter ihrer Lehrsätze, sowie bei dem nüchternen praktischen Charakter, der trotz aller Schwärmerei und Träumerei auch dem deutschen Arbeiter noch innewohnt, und im Verhältnis zu der Fülle von Zeit und Kraft, die nunmehr seit Jahrzehnten in Chemnitz auf diese Agitation verwendet worden ist, bisher eigentlich nicht allzu große Erfolge erzielt hat und daß es ihr jedenfalls noch nicht gelungen ist, der Mehrzahl der Arbeiterschaft dieselben ganz gleichen politischen Ansichten und Wünsche einzuprägen. Ich glaube, daß es auch in Zukunft niemals viel anders damit werden wird; jedenfalls behaupte ich mit vollster Entschiedenheit, daß die ganze sozialdemokratische Propaganda auf diesem Gebiete überhaupt nicht ihre wirkungsvollste und tiefstgreifendste Arbeit thut. Diese liegt auf einem andern wichtigern Felde, von dem das nächste Kapitel reden wird. Aber das eine Große hat sie doch auch sozialpolitisch unter den Arbeitern erreicht, daß diese sich trotz aller Unterschiede, Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten als eine große politische und soziale Schicht empfinden gelernt haben und sich nun dauernd mit einander solidarisch verbunden und durch die Sozialdemokratie, ganz einerlei wie sie im einzelnen zu ihr stehn, vertreten wissen. Und so sehr einerseits die Recht hatten, die es mir in der Fabrik bitter klagten, daß die Arbeiter nur in Versammlungen zusammen hielten, sonst aber nicht zusammenstünden, so sehr ist es doch auch Thatsache, daß sie sich andern politischen Parteien und sozialen Gesellschaftsschichten, gerade in Stunden, da die Begeisterung erwacht, bei Wahlen und eben auch in solchen Versammlungen unwillkürlich und selbstverständlich als eine große Masse entgegenstellen.

Nach alledem darf man sich die Arbeiterschaft, unter der ich lebte, in Hinsicht auf ihre politischen und sozialen Gesinnungen nicht als eine uniforme, gleichmäßige und gleichwertige Masse vorstellen, sondern vielmehr — in einem Bilde — als einen gewaltigen pyramidalen Bau, zu dem sie durch den Mörtel der sozialdemokratischen Agitation fest und wuchtig genug zusammengefügt ist. Ihre Spitze bilden die oben vielgenannten Elitesozialdemokraten. Aber von diesen, den Führern, und der kleinen Schar ihrer Getreusten geht es allmählich in immer breitern Absätzen bis zu der chaotischen Masse aller derer hinab, die nur deshalb Sozialdemokraten sind, weil sie, was ihnen heutzutage durchaus nicht zu verdenken ist, bei den Wahlen einem von „ihresgleichen,“ einem Arbeiterkandidaten, einem Sozialdemokraten ihre Stimme geben.

Sechstes Kapitel
Bildung und Christentum

Die Arbeiter unsrer Fabrik setzten sich deutlich aus drei Bevölkerungsgruppen zusammen: aus ehemaligen ländlichen Arbeitern, Knechten, Tagelöhnern und Häuslern, die teils aus ihrem heimatlichen Dorfe verzogen waren, teils von ihm aus täglich zur Fabrik kamen; aus eigentlichen großstädtischen Industriearbeitern, die ganz selbstverständlich schon von Kindesbeinen an für die Fabrikarbeit bestimmt gewesen waren, und deren Großeltern, wenigstens aber Eltern ebenfalls schon ihr Brod und ihren Lebensberuf in der Fabrik gefunden hatten, und endlich aus Angehörigen kleiner Handwerker- und Beamtenfamilien, die meist aus kleinen oder mittelgroßen Provinzialstädten, seltner aus einer Großstadt zu uns herein gekommen waren. Die mittelste Gruppe war selbstverständlich die an Köpfen zahlreichste; jedoch kam ihnen die Schar der ehemaligen Landbewohner auch sehr nahe; die kleinste Gruppe bildeten die zuletzt genannten Klein- und Mittelstädter. Diese waren übrigens fast durchweg gelernte Leute, meist Schlosser, und standen noch in jugendlichem Alter, zwischen 18 und 23 Jahren; die Leute vom Lande thaten dagegen Handarbeit oder waren an Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen beschäftigt; die eigentlichen, wenn man so sagen darf, zunftmäßigen Fabrikarbeiter verteilten sich endlich auf alle drei Kategorien der Handarbeit, der Maschinenarbeit und auch — freilich zu einem geringen Teile — der gelernten Berufe der Schlosser, Schmiede, Tischler, Zimmerleute.

Es ist selbstverständlich, daß die Angehörigen dieser drei Gruppen auch den Geist, die Gesinnung, den sozialen Charakter, die Lebensanschauungen und Lebensgewohnheiten mit in die Fabrik und das Zusammenleben unsrer Arbeiterschaft hineinbrachten, die in den drei sonst getrennten Bevölkerungsschichten ganz verschiedenartig vorhanden sind. Natürlich blieben dieselben hier nun nicht scharf von einander getrennt und dauernd rein erhalten. Vielmehr rieben sie sich stark aneinander, schliffen sich gegenseitig ab und wurden, namentlich unter dem Drucke der sozialdemokratischen Agitation und des eigentümlichen neuen Fabriklebens, mehr oder weniger nivelliert. Und das geschah bei den einzelnen Leuten desto schneller und intensiver, je länger sie bereits diesem Fabrikleben angehörten und je rückhaltloser sie die Verbindung mit der Vergangenheit gelöst hatten. Dennoch flutete immer von frischem, in immer neuer Reinheit derselbe dreifache Strom der Gesinnung und Gesittung, der politischen und sozialen Anschauungen und Wünsche in unsre Fabrik herein, da immer von neuem frische Kräfte vom Lande und aus den kleinen und Mittelstädten in sie eintraten, die einen, vor allem die ländlichen, um dauernd in ihr zu bleiben, jene andern, um nur eine längere oder kürzere Zeit durch sie hindurchzugehen, zu lernen, was hier zu lernen war, und dann in den Kleinbetrieb der väterlichen Werkstatt zurückzukehren oder in kommunale und staatliche Anstalten technischer Art, wie Eisenbahnwerkstätten, Feuerwehrdepots, Gas- und Wasserleitungsanstalten als subalterne technische Beamte einzutreten oder auch, falls sie in der Fabrik blieben, doch hier oft Meister oder Monteure und damit ebenfalls der eigentlichen Arbeiterklasse entnommen zu werden.

Entsprechend dieser scharf unterscheidbaren und in ihrer Wirksamkeit nach allen Seiten und Beziehungen hin bedeutsamen dreifachen sozialen Schicht war nun auch, man kann ruhig sagen, eine dreifache Art der geistigen Bildung deutlich unter ihnen zu erkennen. Diese ist freilich nicht allein durch jenen Einfluß entstanden; aber ebensowenig würde der andre gleichwichtige Faktor, der zur andern Hälfte daran Ursache war, der Unterricht in den verschiedenen Schulen, die die Leute besucht hatten, und zwar der Dorfschule für die ehemals ländlichen Arbeiter, der sogenannten Bürgerschule, für die aus sozial besser situierten Kreisen stammenden Mittelstädter und der einfachen großstädtischen Gemeinde-, Bezirks- oder Volksschule für die eigentlich großindustriellen Fabrikarbeiter, diese dreifache Art von Bildung allein haben zeitigen können. Dazu sind die Unterschiede dort der Erwerbsart, des Einkommens, der Lebensgewohnheiten, hier des Lehrpersonals, der Lehrform, des Lehrinhalts an sich nicht groß genug. Erst der gemeinsame Einfluß beider Faktoren hat sie nach allen meinen Beobachtungen hervorgebracht. Denn indem je eine dieser drei Schularten sich überwiegend benutzt zeigt von allemal je einer der drei Bevölkerungsgruppen, und indem so die geistige Eigenart der Schule mit der ganzen sozialen Eigenart der betreffenden Bevölkerungsschicht, deren Kinder eben diese Schulen hauptsächlich besuchen, zusammentrifft und sich unwillkürlich in den einzelnen kleinen Persönlichkeiten der Kinder verbindet, entsteht in der That eine immer von den beiden andern deutlich unterscheidbare Qualität des Wissens, des Denkens, des ganzen geistigen Niveaus, von denen man jede nunmehr mit Recht als eine eigentümliche Kategorie der Bildung bezeichnen darf, und von denen eine jede in den Personen zahlreicher Arbeiter bald reiner bald unbestimmter verkörpert war.

Ich beginne mit der Schilderung der Dorfschulbildung, wie sie an meinen ehemals ländlichen Arbeitsgenossen zu Tage trat. Sie zeigte sich, das ist ihr oberstes Charakteristikum, als durchaus religiös und konfessionell dogmatisch bestimmt, als eine, man kann wohl kurz sagen, biblische Bildung. Und das war ebenso natürlich als erklärlich. Der Religionsunterricht der Dorfschule nimmt anerkanntermaßen qualitativ und quantitativ den breitesten Raum in ihrem Lehrgebäude ein. Aber nicht nur das, er ist auch das starke Rückgrat des gesamten übrigen Unterrichts. Der Geist und der Ton, der in jenen herrscht, wird weniger in ausdrücklichen Worten und mit bewußter Lehrtendenz als durch die Persönlichkeit und die Haltung des Lehrers und durch die ganze Art seines Unterrichtens auch in die übrigen Lehrstunden hineingetragen und gilt jedenfalls vor allem in den Augen der Kinder als derselbe hier wie dort. In den Singstunden werden geradezu außer Vaterlands- und Volksliedern, die aber ebenfalls vielfach religiösen Charakter tragen, besonders Choräle und Gesangbuchslieder geübt; das Lesebuch, das in der Lesestunde benutzt wird, enthält zahlreiche religiös-moralisierende Erzählungen, und der Geschichtsunterricht ist zu einem großen Teile Unterricht in der jüdischen und biblischen Geschichte; so wird auch ganz unwillkürlich in der Schreib- und Rechenstunde, in der Geographie und Naturkunde der höhere letzte Gesichtspunkt, der sie beherrscht, der religiöse sein. Dazu kommt, daß das Familienleben im Elternhause, die gesamte Lebensanschauung der Dorfgenossen, die ganze Sitte, die in der Gemeinde herrscht, kirchlich, religiös beeinflußt und bestimmt ist, daß also auch hier, außerhalb der Schule, der heranwachsende Knabe immer und überall auf Gedankenkreise, Ansichten, Worte, Handlungen und Gewohnheiten trifft, die durch dieselben geistigen Faktoren bedingt sind, die den gesamten Unterricht in der Schule erfüllen und treiben. Und diese Einflüsse ändern sich auch nicht, wenn er die Schule verläßt und als Knecht, als Tagearbeiter oder Eigenhäusler seinen Lebensberuf in der Heimat gefunden hat. Zeigt er außerdem, was nicht häufig ist, auch nach der Schulzeit einiges Bedürfnis nach geistiger Fortbildung, so ist wieder der Pfarrer der einzige gebildete Mann, mit dem er ab und an zusammentrifft und sich auszusprechen vermag. Dieser aber hat seinerseits, so oft er mit ihm verkehrt, zunächst seelsorgerische Absichten und Pflichten gegen ihn und vermittelt ihm darum neue Gedanken auch wieder nur in vorwiegend religiöser Form und Hülle; und endlich bleibt die Kanzel die einzige Stätte, sind Bibel, Gesangbuch und vielleicht noch ein von den Vätern ererbtes uraltes Gebetbuch meist die einzigen Bücher, woher er sich seine geistige Nahrung und seine Anregungen holt.