So wird es geradezu zu einer Notwendigkeit, daß der Vorstellungskreis, den der schlichte, handarbeitende Mann auf dem Lande sich allmählich aneignet, durchaus auf der religiösen Seite liegt, daß der kleine Schatz von Wissen, den er besitzt, auf das Gebiet des profanen Wissens der Schrift beschränkt und von dem Stand ihrer geistigen Bildung durchaus abhängig ist, und daß er die Gedanken, die er allmählich selbständig denken lernt, in den Bahnen, in den Formen, den Kategorien und Begriffen denkt, in denen die Menschen der heiligen Schrift gedacht haben. Seine Geschichtsauffassung ist unlösbar verknüpft mit dem Wunderglauben, ohne den die Jahrhunderte des Altertums, des Mittelalters und des nachreformatorischen Zeitraums bis zur Aufklärungszeit die Vergangenheit nicht auszufüllen und sich vorzustellen vermochten. Die Natur ist ihm ein unerforschtes, undurchdringbares Rätsel, eine schweigende Sphinx, über die ein dichter Schleier gebreitet ist; er kennt noch nichts von den Entwicklungsgesetzen, die die moderne Wissenschaft lehrt, von Urschleim und Stoffwechsel; und der biblische Schöpfungsbericht ist ihm nach wie vor die eigentliche Quelle seiner Naturauffassung, der einzige maßgebende Ausgangspunkt seiner Gedanken über die Welt. Endlich das gesellschaftliche Leben der Menschheit erscheint ihm, wenn überhaupt, so wie in Israel vornehmlich von religiösen und sittlichen Beweggründen bestimmt und durch das in die erstarrte Sitte gebannte kirchliche Gemeindeleben geregelt.

Und diese so gestaltete biblische Anschauungsform erwies sich mir um so fester in Kopf und Herz der Leute eingeprägt, als sie deutlich in ihren Augen getragen und gestützt, verbrieft und versiegelt erschien durch die überlieferte und unfehlbare Autorität der Schrift, aus der sie stammt. Diese Autorität gilt ihnen gemäß der alten Auffassung von der Inspiration nicht bloß, soweit diese Schrift „Jesum Christum treibet,“ sondern sie gilt gleichwertig und gleich einschränkungslos von allem andern, was sie an profanem Wissen mitteilt, bis auf den Punkt über dem i. Ich sah, daß sie in ihr nicht nur auf die Frage befriedigende Antwort suchten, wie der Mensch den Frieden des Herzens gewinnen kann, sondern auch auf alle möglichen Zweifel des Verstandes und Fragen des Wissens. Ja ich darf sagen, zu diesem letzten Zwecke waren sie ganz besonders gewöhnt, die Schrift zu benutzen, während ihnen ihr Wert für die Lösung der andern Frage meist völlig unklar geblieben war.

Dazu trat als eine dritte ebenso wichtige und von allen ernsten gedankenvollen Männern längst anerkannte, in meinem Verkehr mit den Leuten ebenfalls täglich bestätigte Erscheinung der Umstand hinzu, daß heutzutage in der Schule die Heilsthatsachen des Evangeliums nicht als persönliche Lebenswahrheiten unmittelbar, sondern als Lern- und Memorierstoff lehr- und schulmäßig, wie sie im Katechismus formuliert sind, nicht den Herzen, sondern den Köpfen der Kinder übermittelt zu werden pflegen. Der Religionsunterricht ist hier also vorwiegend Verstandesunterricht anstatt Erziehung des Charakters; die christliche Heilswahrheit kalter Lernstoff anstatt warme, alles durchdringende Lebenskraft; Jesus Christus — nach dem Vorgang des Dogmas — mehr ein metaphysisches Rätsel als eine historische gottvolle Persönlichkeit. Und darf ich nach meinen Erfahrungen weiter schließen, so ist auch der übliche Konfirmandenunterricht kein Ersatz für den Mangel des Schulunterrichts. Seine Hauptaufgabe, eine feste Grundlage für die Auseinandersetzung der ewigen Wahrheiten der Religion mit den mannigfachen Thatsachen der Erfahrung zu bieten, leistet auch er heute — nach seiner Wirkung auf die Leute zu schließen — nicht. Vielmehr ist es meine durchgehende Beobachtung, daß der vielleicht feierliche Eindruck der Konfirmation in kurzer Zeit schon in der Jugend spurlos verwischt ist.

Diese drei Züge, die Abhängigkeit der geistigen Bildung von den Gedankenkreisen und der Bildungsweise der Schrift, die falsche Auffassung von ihrer Autorität und die vorwiegend verstandesmäßige Aneignung der Wahrheiten des Christentums gaben ausschließlich der Bildung die Signatur, die jene ehemaligen Landbewohner, mehr oder weniger scharf geprägt, immer von neuem mit in die Stadt und unsre Fabrik hineinbrachten, und die hier für sie bis auf den letzten Mann unter ihnen auch immer von neuem die Ursache einer schweren intellektuellen und religiösen Krisis wurde, in der diese Bildung dann fast immer Bankerott und einer andern Platz machen mußte.

Einen andern Charakter zeigte die Bildung der jungen Leute, die aus meist besser situierten Handwerker- und kleinen Beamtenfamilien eben erst zu uns hereingekommen waren. In den Bürgerschulen, die sie besucht hatten, sind die Schulstunden zahlreicher, der Lehrplan reichhaltiger, der Lehrinhalt größer und gehaltvoller als in jenen Dorfschulen. Was hier an Lehrstoff geboten wird, sind nicht nur, wie dort vielfach, bloße Anfangsgründe, sondern mehr, meist ein abgerundetes, geschlossenes, systematisches Ganze, das den Versuch macht, zwar nicht den gesamten Inhalt eines Wissensgebietes den Kindern nahe zu bringen, wohl aber ihnen doch einen klaren Überblick über diese gesamte Materie, z. B. der Geographie, Naturgeschichte u. s. w., und jedenfalls die praktisch wertvollen Hauptsachen und das ganze Gerippe der Disziplin zu geben. Weiter ist der Unterricht in diesen einzelnen Fächern offenbar ganz anders als in der Dorfschule Selbstzweck. Er vollzieht sich lange nicht so wie dort in einer religiös-moralisierenden Atmosphäre; der in ihnen gelehrte Wissensstoff fußt vielmehr auf den Ergebnissen der neuen, modernen Wissenschaft und ist unabhängiger als dort von dem Wissensstoffe der Bibel und der Gedankenwelt des überlieferten Dogmas. Der Unterricht ist also moderner und profaner zugleich; nicht jede Schulstunde ist so wie dort eine religiös bestimmte Stunde.

Der Religionsunterricht selbst aber ist nur ein allerdings bedeutsamer Bestandteil des Unterrichts, aber eben nur wieder ein Bestandteil des Unterrichts, nicht der Erziehung, der im allgemeinen den andern Fächern gleichartig betrieben wird. Denn der Religionsunterricht ist auch hier genau wie in der Dorfschule vorwiegend Katechismusunterricht. Sein Gegenstand ist das logisch mit den Mitteln einer antiken längstveralteten Wissenschaft aufgebaute Lehrgebäude des kirchlichen Dogmas, seine Aneignungsform das verstandesmäßige Begreifen und Auswendiglernen dieser Glaubenssätze, Bibelsprüche und Gesangbuchverse ohne ebenso starke und innerliche Aneignung ihrer religiösen und sittlichen Lebenskräfte in der Person Jesu Christi — und all das immer auch hier unter selbstverständlicher Anerkennung der wörtlichen Inspiration der Schrift und der Richtigkeit auch aller ihrer profanen Bestandteile. Aber man erlaubt sich hinsichtlich des letztern in der Praxis eine starke, wenn auch stillschweigende Korrektur, indem man in den übrigen Unterrichtsstunden eben diese nach innerer logischer Notwendigkeit allgemeingiltige Autorität eliminiert und die modernen Erkenntnisse hier als Autorität anerkennt und benutzt, ohne jedoch in eine klare Auseinandersetzung dieses innern Widerspruchs einzutreten. So wird der Religionsunterricht einerseits zwar ebenfalls wie der andre Unterricht ein rein verstandsmäßiges Lehrgebiet, aber er wird andrerseits auch von allen übrigen als etwas besonders Heikles mit Peinlichkeit isoliert.

Das pflegt nun freilich zunächst der naiven Schülerseele fast nie zum Bewußtsein zu kommen, umsoweniger, da die in den elterlichen Kreisen noch einigermaßen als wohlanständig erhaltene kirchliche Sitte und der rationalistisch-ethische Sinn solange einen gewissen Halt zu bieten vermag, als der herangewachsene junge Mann, sozial leidlich geschützt, in dieser Schicht bleibt. Sowie er aber aus ihr heraus und, wie bei uns in einen großen Fabrikbetrieb und damit auch in eine andre soziale Gruppe, hier diejenigen der großstädtischen sozialdemokratischen Industriearbeiter eintritt, wird ihm dieser innere Widerspruch, dieser große Schaden an seiner geistigen und religiösen Bildung fühlbar, und auch er ist gezwungen, gleich dem Genossen vom Lande eine Krisis durchzumachen, die zwar nicht eine so radikale Wirkung, nicht eine so völlige Hilf- und Haltlosigkeit auch seines profanen Wissens zur Folge hat wie bei diesem, aus der er aber ebenfalls meist für immer als ein andrer hervorgeht, und die er vor allem, wie sich zeigen wird, mit der Darangabe des ganzen ihm gelehrten und bisher autoritativen Christentums zu bezahlen pflegt.

Endlich die großstädtische Gemeindeschulbildung, die Durchschnittsbildung der letzten und größten Gruppe unsrer Arbeiterschaft. Sie ähnelte wohl, nach dem Eindrucke, den ich hatte, in manchem derjenigen der Bürgerschule, aber sie steht, nach Bildungsziel und Lehrcharakter der Schule, im Grunde doch nur auf etwa demselben Niveau wie die Bildung einer großen völlig ausgebauten achtklassigen Dorfschule. Auch hier die übertriebene Abhängigkeit der profanen Wissensbestandteile von denjenigen der Bibel, auch hier die falsche Auffassung von deren Autorität, auch hier dieselbe überwiegend verstandesmäßige Mitteilung und Aneignung der christlichen Heilsthatsachen ähnlich wie bei jedem andern Lehrstoff.

Aber hier tritt nun die schlimme Wirkung dieses Zustandes viel schneller und unmittelbarer an den Tag. Denn bei den Schülern dieser Schulgattung pflegt im Durchschnitt die erhaltende, überbrückende, verbessernde Kraft der häuslichen und gesellschaftlichen Sitte zu fehlen, die sich noch in den beiden andern sozialen Gruppen lebendig zeigte. Denn unter dem Drucke der neuen alles verändernden Gebilde des großindustriellen Fabrikbetriebes wurde diese jüngste Bevölkerungsschicht der berufsmäßigen großstädtischen Fabrikarbeiter von allen überlieferten, festen Lebensformen befreit, die aus dem Boden früherer Gesellschaftsgruppierungen herausgewachsen waren; an ihrer Stelle sind neue noch nicht geschaffen, kaum erst in Ansätzen, und dann häufig nur in unreifen und lebensunfähigen, vorhanden. Der Gegensatz aller Stätigkeit, ein fortwährendes unruhiges Hin- und Herfluten, der das Leben dieser Menschen zu keinem gleichmäßigen Gange kommen läßt, ist das maßgebende Gesetz, dem sie unterworfen sind; die Macht des Augenblicks ist an die Stelle der alten kraftvollen Sitte getreten.

Diese Unruhe des neuen sozialen Lebens übt auch auf den geistigen und religiösen Bildungscharakter der meisten einen folgenschweren Einfluß aus. Sie läßt es zu keiner Erhaltung und Festigung der in der Schule angeeigneten Bildungselemente kommen, schwemmt vielmehr eine Menge davon schnell wieder hinweg, macht bedenklich gegen die Zuverlässigkeit der bewahrten und weckt damit zugleich das Bedürfnis und die Sehnsucht nach einer bessern und umfassendern Bildung, die frei von Widersprüchen ist, die vor der modernsten Kritik besteht, die ihnen wieder imponiert, ihnen zugleich einen Ersatz und eine Befriedigung bietet für die teilweise oder gänzliche Leere und Fadheit der eintönigen uninteressanten Berufsarbeit, und für die sie bereit sind, die ganze alte, niemals geliebte, weil niemals recht fruchtbar gewordene schulmäßige Jugendbildung zu opfern. So tritt bei den meisten und gerade den Begabten, Strebsamen, Gedankenvollen dieser dritten Gruppe jene oben bereits erwähnte Krisis plötzlicher, heftiger und gründlicher ein als bei den Angehörigen der zwei andern Gruppen; und bei ihnen kommt sie im Gegensatz zu jenen meist ohne maßgebenden Zwang und Einfluß von andern aus dem Drucke der Verhältnisse, in die sie hineingeboren sind, aus dem eignen Empfinden der Gegensätze und Lücken heraus, aus dem selbständigen Nachdenken über die Menschen und Dinge rings umher.