Nein, wenn das Christentum dies nicht geben könnte, dann kann es uns nichts geben.
Dazu schweigt er still, und auch dies Gespräch hat ein Ende.
Einmal gegen Ausgang meines Aufenthalts in der Fabrik fragte ich einen direkt, was er von Religion und Christentum hielte. Ich wußte, er war eifriger Sozialdemokrat, aber die Gutmütigkeit und Höflichkeit selbst, ein richtiger Sachse. Er hatte früher im Hause eines Rechtsanwalts gewohnt und dort manches geflickt und ausgebessert. Zum Dank dafür hatte ihm dieser außer seinem pflichtmäßigen Lohn manche Bücher zu lesen gegeben, geographische, naturwissenschaftliche, geschichtliche. Ihre Titel konnte er mir nicht mehr genau angeben. Auf meine offne Frage antwortete der Mann nun gleich offen, ehrlich und kurz: Ich rede wenig von den Sachen und streite mich nie darum. Ich lasse jedem seine Ansicht. Aber ich habe auch meine eigne, und ich denke: Wo man nichts erkennen kann, da ist auch nichts. Damit basta.
Er war liebenswürdiger als ein andrer Gesinnungsgenosse von ihm aus unserm Vorort, übrigens seines Zeichens ein Fabrikwirker, aber mit leidlichem Verdienst. Ich hatte ihn eines Abends im schon erwähnten Turnverein unsers Ortes getroffen. Der Mann war, was man ein „Turngenie“ zu nennen pflegt, mit tadellosem Körperbau und gleicher Muskelbildung, ein schöner, kraftvoller Mann. Ich ging mit ihm am Schlusse der Turnstunde in eine nahe einfache, von uns gern besuchte Kneipe und trank ein Glas Bier mit ihm. Er war auch ein kluger Mensch, fanatischer Anhänger der Kaltwasserheilmethode und der Sozialdemokratie und ein Führer unter der zahlreichen Weberbevölkerung von Chemnitz, die unter wirklichen Notständen seufzte, ohne anscheinend allzuviel Rücksicht bei den Unternehmern zu finden. Er erzählte mir manches aus den Lohnkämpfen, die sie geführt, und in denen er mit in den vordersten Reihen gestanden hätte, ernst, objektiv, mit der epischen Ruhe, die so vielen Leuten im Volke eigen ist. Dann lenkte ich ihn auch auf die religiöse Frage und drängte ihn zu einem Urteil. Es war kurz, bündig und konsequent sozialdemokratisch: Die Kirche ist bloße Verdummungsanstalt und wohlberechnetes Staatsinstitut; aber man soll sie trotzdem nicht beseitigen, sondern nur umwandeln, aber durch und durch. Man soll es dahin bringen, daß sie die Naturwissenschaften dem Volke lehrt und predigt.
Alle bisher Geschilderten gehörten jener zielbewußten, begeisterten, gedankenkräftigen, edeldenkenden, wirklich wahrheitsdurstigen Gruppe meiner sozialdemokratischen Arbeitsgenossen an. Bei aller Ablehnung gegen die Religion, bei aller Geringschätzung der Kirche waren sie gemäßigt in ihrem Urteil, anständig in ihren Äußerungen und mehr oder weniger bemüht, die Stellung derer, die noch glaubten, mehr oder weniger zu würdigen, zu verstehen, zu erklären. Aber es gab eine viel größere Gruppe gleich stark geprägter Sozialdemokraten, die, roher als jene, in der That nur noch Hohn und Spott und Blasphemie für die Heiligtümer unsers Glaubens hatten. Auch bei ihnen war das Stichwort: „Natur ist Gott, Gott ist die Natur.“ Aber sie variierten es gern, manchmal in der unzüchtigsten Form. So saßen solche Kumpane einmal in einer Kneipe zusammen; man kam auch auf solche Dinge zu sprechen und erklärte sie kurzer Hand für Blödsinn, und einer rief aus: „Ach was, unser Gott ist ein strammes Weib.“ Ein lautes Gelächter über den Witz schnitt dann die ganze flüchtige Debatte schnell ab. Andre ähnliche schlimme Dinge, die ich bei andern Gelegenheiten hörte, mag ich nicht hierher setzen.
Vorzüglich war es die Jugend, die vielfach solche Gesinnungen hatte. Hier war von Ernst, von einem Bemühen, auch nur einmal objektiv zu prüfen, am allerwenigsten die Rede. Man war selbstverständlich meist längst über solche Dinge hinweg. Dem einen, einem Thüringer, galt Christentum gleich Antisemitismus, den er als ebenso unnobel wie unberechtigt haßte, und den er, übrigens mit einigem Recht, für das Gegenteil vom Christentum erklärte. Man ginge in die Kirche, machte fromme Gesichter, und im übrigen lebte man doch draußen keinen Deut besser als die andern, Gleichgiltigen, die viel ehrlicher als jene handelten. Ich konnte ihm nur erwidern, was ich dem ersten gesagt hatte. Er war auch still davon aber von jener Gleichung: Christentum = Antisemitismus ließ er sich partout nicht abbringen. Übrigens war es schwer, mit ihm darüber überhaupt länger zu reden. Er hielt das offenbar, wie viele, die mir das geradezu ins Gesicht sagten, nicht mehr der Rede wert. Denn „Religion — det wohnt nich mehr unter den Arbeitern,“ sagte in gleicher Haltung und Meinung einmal ein andrer junger Bursche, aus Berlins Umgebung gebürtig. Er war mir zu Anfang meines Fabriklebens besonders hochmütig gekommen, als ich ihn meine christliche Gesinnung merken ließ; später verkehrte ich viel und gern mit ihm; er war trotz mancher Berliner Manieren ein kleiner kluger, schneidiger, strebsamer Kerl, der es eben nicht besser wußte und allmählich, der einzige von allen, wirklich durch meinen übrigens von allem Bekehrungsstreben freien Verkehr zu andrer, tieferer, ernsterer Gesinnung über Religion und Christentum, aber wohl kaum zu wirklicher Frömmigkeit gelangte. Ich traf ihn gleich an einem meiner ersten Sonntage nachmittags und ging dann mit ihm spazieren. Unterwegs fragte er mich gelegentlich, was ich am Vormittag gemacht hätte. „Ich war in der Kirche,“ antwortete ich. „Dummer Mensch,“ war seine Entgegnung. Ich fragte ihn freundlich, wie er dazu käme, so zu reden, und sagte ihm einiges von der Vernünftigkeit meiner religiösen Überzeugungen, und kurz bevor ich für immer von Chemnitz fortging, sagte er mir eines Sonnabends ganz freiwillig, er wollte mit mir morgen in die Kirche gehn, wo es ihm dann auch ganz gut gefiel. Schließlich machte er mir noch eine Liebeserklärung: er wünschte, er könnte immer in solcher Gesellschaft wie der meinen sein, da würde man ein ganz andrer Mensch.
Er war übrigens schon in der besten Gesellschaft von allen. Er bewohnte mit einem Gleichaltrigen, Zwanzigjährigen eine hübsche Stube. Diesen, einen Pommern, hatte er, wenn ich mich recht erinnere, in Berlin kennen gelernt und war mit ihm zusammen nach Chemnitz gewandert. Das war ein stiller, harmloser Mensch aus einer allerdings armen Handwerkerfamilie, einer von den wenigen, die noch Christentum im Leibe hatten, an dem sie nicht rütteln ließen, und von dem alle Gegeneinflüsse wie selbstverständlich wirkungslos abglitten. Der übte einen stummen, aber guten Einfluß auf den Stubengenossen aus.
Eben dieser stille Junge, ebenfalls Schlosser, stand in der Fabrik zwischen zwei gleichaltrigen Handwerkskollegen. Von des einen religiöser Gesinnung weiß ich nicht viel. Er war aus der Gegend von Wurzen bei Leipzig, wo sein Vater in einem ganz kleinen Landstädtchen eine große, gut gehende Schlosserei hatte, und wohin er zurückkehren sollte, wenn er sich in der Welt und den Fabriken umgesehen und sich — ausgetobt hätte. Er zeigte mir einmal eine Flasche mit hellem Trinkwasser lächelnd mit der witzig sein sollenden Bemerkung: „Reines Gotteswort.“ Der andre Nachbar war Typus für den durchschnittlichen jungen Fabrikschlosser und machte tüchtig lebenschön. Ich traf ihn immer des Sonntags auf den Tanzböden mit seinem Mädchen; er wußte, daß er leidlich situierte Eltern hatte. An ihm besonders hatte die glaubenslose Agitation der Sozialdemokratie ihre normale, oben geschilderte Wirkung gethan. Er war nämlich Gevatter eines verheirateten jungen Freundes. Eines Tages war sein Patenkind gestorben, drei Tage nachher, nachmittags 3 Uhr, das Begräbnis. Am andern Tage war er müde und übernächtig. Auf meine Frage darnach erzählte er mir in einem Zuge, daß der Pastor am Grabe schön gesprochen hätte, und daß sie danach den Nachmittag und die Nacht bis morgens 4 Uhr gekneipt und gezecht hätten. Man hätte ja doch einmal freien Nachmittag gehabt. Der Vater des toten Kindes wäre allerdings schon um 10 Uhr aus der Kneipe nach Hause gegangen.
Ein andrer war sein getreues Ebenbild an Alter, Beruf und Gesinnung. Er glaubte an ein „höheres Wesen,“ von dem er sich aber nicht die geringste Vorstellung machte, und das ihn völlig gleichgiltig ließ. Er „glaubte“ bloß noch daran, weil das so zum Menschen gehöre. Etwas müßte ihn doch vom Tiere unterscheiden.