Dann gehen Sie einmal in die Zentralherberge, Zschopauerstraße; dort ist noch am ehesten irgendwelche Arbeit zu erfahren.
So war mir der weitere Weg gewiesen. Ich fragte mich nach der Zentralherberge durch. Die Herberge war zugleich Arbeitsnachweisstelle und gehörte räumlich zum Vereinshaus des, wenn ich recht berichtet bin, freisinnigen Chemnitzer Arbeitervereins.
Das vordere Zimmer der Herberge war mit einigen jungen Leuten in Sonntagskleidern und mit mehrern Handwerksmeistern besetzt, die hier auf zureisende Gesellen warteten. Auf einer großen Tafel an der Wand las ich: Zureisenden ist der Aufenthalt im vordern Zimmer nicht gestattet. So ging ich ins hintere. Dort sah es noch öder aus. Mehrere große graue Tische, um sie herum vielgebrauchte, mitunter durchgesessene Holzstühle bildeten neben einer alten Handwerkslade und dem primitiven Schenktische die einzigen Möbel dieses Zimmers, das mit einer dunstigen, dicken Luft gefüllt war. An den Wänden hingen viele Plakate mit Adressen von Herbergen der verschiedensten Städte. Es waren nur vier Mann in diesem Zimmer. Drei in blauem Kittel, die Hüte auf den Köpfen, saßen zusammen, ein andrer für sich.
Ich setzte mich schüchtern in eine Ecke. Es wurde mir in der neuen Umgebung doch etwas bang zu Mute, und ich dachte in diesen Augenblicken, wohl das einzigemal, ernstlich an eine Umkehr.
Ich saß etwa eine halbe Stunde und wartete. Ich mußte, noch völlig unerfahren in dieser Lage, zunächst die Dinge einfach an mich herankommen lassen. Und sie kamen in der Gestalt des dürren beweglichen Männchens, das dort einsam am Tische saß. Er trat auf mich zu:
Guten Tag, Landser [Landsmann].
Guten Tag, Landser, antwortete ich.
Auch einer von der Zunft? — Damit hielt er mir seinen ausgestreckten Zeigefinger vor die Augen.
Ich wußte nicht, was er damit wollte. Doch ich ahnte, wie es sich gleich nachher herausstellte, mit Recht einen Schneider in ihm und sagte jedenfalls Nein.
Was bist du denn? forschte er weiter.