Expedient, Schreiber.

Und warum bist du auf der Walze [Wanderschaft]? Sage mal — damit rückte er vertraulich an mich heran —, es ist wohl nicht ganz richtig mit dir? Mir kannst du es schon erzählen. Du siehst noch so anständig aus, du bist wohl durchgebrannt?

Nein, sagte ich sehr einsilbig.

Oder kommst du vom Zuchthause?...

Das war ein schöner Anfang. Doch durfte ich mein Schneiderlein nicht fahren lassen. Ich wurde zunächst grob.

Dummer Kerl, glaubst du mir nicht, was ich dir erzähle? erwiderte ich, das allgemein gebräuchliche Du, das mir bald ganz geläufig war, ihm zurückgebend. Ich bin ein Expedient und habe zuletzt fast zwei Jahre lang bei einem Pastor gearbeitet, der eine christliche Zeitung herausgiebt. Ich wäre auch noch dort; aber ich bekam von dem Korrekturenlesen und von nächtlicher Privatarbeit schwache Augen. Der Doktor verbot mir, sie diesen Sommer über nur im geringsten anzustrengen. Aber so lange zu bummeln, geht nicht; zu Hause zur Last liegen will man auch nicht. So bin ich hierher gekommen, um mir unterdessen in einer Fabrik etwas Verdienst zu suchen. Da brauche ich — setzte ich hinzu — doch die Augen auch nicht viel mehr aufzumachen, als wenn ich faulenze und immer spazieren gehe.

Zur Bekräftigung dessen zog ich ein Arbeitszeugnis hervor, das mir der Herausgeber der bekannten „Christlichen Welt,“ in deren Redaktion ich fast zwei Jahre lang als Hilfsarbeiter beschäftigt war, für alle Notfälle ausgestellt hatte, laut dessen ich so und so lange bei ihm in der Redaktion als Schreiber und Expedient gearbeitet hätte.

Das wirkte. Mein Schneiderlein bekam Mitleid mit mir.

Ich habe jenes Zeugnis nur noch einmal zu gebrauchen nötig gehabt. Auch in der Fabrik glaubte man meiner bloßen Erzählung und schob allerhand Kenntnisse, die man trotz aller Gegenbemühungen meinerseits doch bei mir entdeckte, auf die nächtlichen Studien — wie ich das ja auch gewünscht hatte. Dennoch hat es mich immer eine große sittliche Überwindung gekostet, wenn ich meinen Arbeitsgenossen schon diese Geschichte vorlügen mußte, und ich benutze diese Gelegenheit, um ihnen auch an dieser Stelle öffentlich dafür Abbitte zu leisten. Ich habe vorher lange nach einem andern Wege gesucht, aber kein besseres Mittel gefunden, um unerkannt unter ihnen sein zu können. Das war aber die erste Bedingung, wenn ich mein Ziel nur annähernd erreichen wollte.

Meine Bekanntschaft mit dem Schneider, der etwa vierzig Jahre alt sein mochte, wurde mir sehr wertvoll. Wir waren schnell gut Freund und bei einem Glase Bier in eifrigem Gespräch. Bald saßen auch jene andern drei, ein Maurer, ein Steinmetz und ein Ziegelstreicher, mit an unserm Tische.