Man hat eben, das ist ein neues scharfes Charakteristikum, durchgängig nicht das geringste Bewußtsein mehr von Schuld und Sünde. Auch diejenigen nicht, die religiös noch schwanken und ringen und eben mitten in jener Bildungskrisis stehn. Ein andrer kleiner Zug aus einem Gespräche mit einem ältlichen, ernst gesinnten Manne beweist das noch. Dieser hatte mir erzählt, daß er irgend einen kleinen Gegenstand, Schrauben oder sonst, ich weiß nicht mehr, was mit aus der Fabrik nach Hause genommen hätte.
Das ist ja aber verboten, also Sünde, warf ich ein, um das Gespräch darauf zu bringen.
Nein, das ist keine Sünde. Sünde thut man in so einem großen Geschäft wie hier nie. Die Besitzer versündigen sich auch an uns. Ach, wir armen Leute!
Sonst habe ich eigentlich nur selten bemerkt, daß die Leute heimlich kleine Utensilien aus der Fabrik mit nach Hause in die Wirtschaft nahmen. Öfter beobachtete ich, daß sie sich in der Fabrik selbst ein Thürband, ein Schloß oder sonst was bauten.
Ganz gleiche Äußerungen, wie die zuletzt angeführte, fand ich auch schon in der Herberge. So bei einem, der mir eben seine Lebensgeschichte erzählt hatte. Er war früher einmal gut situiert gewesen, jetzt war er stellenlos, wohnungslos, Tagearbeiter. Seine Frau hatte er verlassen; seine drei Kinder waren erwachsen und kümmerten sich nicht um ihn, wie er sich nicht um sie. Der Branntwein war auch sein Unglück; noch kurz vorher hatte er in der Betrunkenheit in Dresden seinen ganzen Berliner „mit einem guten Anzuge und guter Wäsche“ verloren.
Ich bin zu ehrlich gewesen, deswegen bin ich heruntergekommen, beteuerte er. Ich habe keinen Betrug machen wollen wie die Reichen, deren Schliche ich gar gut kenne, die betrügen und in Ansehen stehn.
Das ist aber doch nicht immer so. Und wenn es der Fall ist, so ist es eben eine Sünde und Schande, beschwichtigte ich.
Schande? fragte er da. Was ist Sünde und Schande? Frage mal die fetten Herren, ob die sie auch kennen.
Nun eine neue, interessantere Szene, wieder aus der Fabrik. Ich arbeitete mit einem Bohrer und demselben S. zusammen, der auch bei jenem langen Gespräche, das ich vorhin berichtete, dabei gewesen war. Ich weiß nicht mehr wie, jedenfalls aber ohne mein Zuthun, kam das Gespräch auf Gott. Der Bohrer, einer der stärksten Verdiener in der Fabrik, ein breiter, untersetzter, ruhiger Mann von 40 bis 45 Jahren, meinte, der liebe Gott müßte erst erfunden werden.