Das ist überflüssig. Du sollst Freude genug an deiner Arbeit haben, erwiderte ihm ebenso ironisch als bezeichnend der andre.

Arbeit und Nichtsthun waren dieser zahlreichen Gruppe die ganz parallelen Begriffe zu Last und Lust, Langerweile und Abwechslung. Die „Reichen,“ die „großen Herren,“ die nichts zu arbeiten brauchen, hatten in ihren Augen nie Langeweile. Die „fressen, saufen, reisen, lesen, sehen sich schöne Bilder und Gegenden an und haben schöne Weiber.“ Einmal wagte ich dagegen energischen Widerspruch und wollte meinem Gegenüber zeigen, daß wenigstens für tiefer angelegte Menschen, die ja freilich die „Reichen“ nicht immer sind, gerade in dieser Beschäftigungslosigkeit und Ungebundenheit, dieser Ziel- und Zwecklosigkeit des Daseins die größere Qual, die ärgste Langeweile, die schlimmste Last liege. Aber damit stieß ich auf absolute Verständnislosigkeit. Unsinn, war die kurze scharfe Antwort, mit der er mich abfertigte, die Reichen können gar nicht Langeweile haben! Die Arbeiter wissen gar nicht mehr, daß es auch heute noch eine Bevölkerungsschicht giebt, die fleißig arbeitet, dabei noch echten Idealismus hat, die diesen idealen Sinn mit bescheidenen äußern Ansprüchen verbindet und in einem edeln geistigen Genuß wahrhaft glücklich ist.

Mit dieser Auffassung verband sich dann immer ein eisiges Gefühl der Kälte, der Entfremdung, des Mißtrauens gegen diese „vornehmen“ Klassen, ein ausgeprägtes Bewußtsein von der unendlichen Kluft zwischen ihnen und jenen, das zwar selten eine persönliche Spitze hatte, aber gerade deswegen für die allgemeine Betrachtung einen um so trüberen Eindruck gewinnt. Einer meiner Freunde nannte das einmal treffend einen objektiven Haß. Häufig kommt er, veredelt, mit einem gewissen Stolz, den man seinerseits ebenfalls jenen obern Klassen entgegensetzt, zum Ausdruck. Eine Episode, die auch nach andern Seiten hin interessante Schlaglichter zu werfen geeignet ist, zeigt dies besonders gut. Es war in einer Sitzung unsers Wahlvereins. Ein Redner verlas einen langen Artikel irgend eines auswärtigen Blattes, das eine Erklärung des Vorstandes für die Chemnitzer Ferienkolonien enthielt mit, wenn ich mich recht entsinne etwa dem Inhalte, daß man sich wegen des zunehmenden agitatorischen Charakters der Chemnitzer Arbeiterbewegung genötigt sähe, künftig Kindern erklärter Sozialdemokraten nicht mehr die Wohlthat der Ferienkolonien zukommen zu lassen. Da stand einer in ernster Erbitterung auf und redete etwa also: Genossen! Ihr habt gehört, wie man ein sogenanntes Liebeswerk zu einem parteipolitischen Kampfmittel mißbraucht. Aber das ist Bourgeoisart. Wir wollen still sein und dem nur ein doppeltes entgegen setzen: Wir wollen mit ganzer Kraft danach streben, daß unsre Kinder gar nicht mehr diese „Wohlthat“ zu beanspruchen brauchen und dann — nicht gleiches mit gleichem vergelten! Wir wollen es uns auch heute wieder versprechen, daß es nach wie vor dabei bleibt: Wenn ein Arbeiter eines Reichen Kind in Not und Gefahr sieht, so wollen wir auch künftig unser Leben daran setzen, es dieser Gefahr zu entreißen!

Die zweite Ansicht über die Arbeit, die jener eben geschilderten nebenher lief, steht höher und ist doch gerade für die künftige Arbeit des Theologen verhängnisvoller. Die Leute, die ihr anhingen, waren nicht der Meinung, daß jedes Arbeiten ein Unglück für die Menschen wäre. Aber sie hatten nur Achtung vor der Arbeit, die unmittelbar materiellen Gewinn bringt. Unter diesem Gesichtspunkte stand ihnen die körperliche, die Hand-, die Fabrikarbeit der geistigen völlig gleich, die wie die des Kaufmanns und des Technikers sich unmittelbar mit Geld bezahlt macht. Für die geistige Arbeit des Wissenschaftlers, des Theologen, die man um ihrer selbst oder wieder nur um geistiger Interessen willen thut, hatten sie nur wenig oder gar kein Verständnis. Daher der Dünkel über die unfruchtbare „kindische“ Arbeit des Geistlichen, daher vor allem auch beim besten Willen die Unempfänglichkeit für die geistig-sittlichen Beweise der Wahrheit des Christentums, wie sie uns im vorigen Kapitel mehrfach entgegengetreten ist.

Dieser materialistische Zug ist überhaupt die Signatur für die ganze sittliche Entwicklung, in der sich die Gruppe meiner Arbeitsgenossen eben befindet. Sie alle haben ja neben vielen schlechten viele gute, liebenswürdige Eigenschaften an sich und stehen überhaupt nach meiner festen Überzeugung verhältnismäßig sittlich nicht tiefer als die übrigen Schichten unsers Volkes. Aber diese guten Seiten, die sie haben, sind zusehends immer weniger ethisch-religiös, immer mehr wirtschaftlich und ständisch bestimmt; der Idealismus, der sie erfüllt, ist der Idealismus nicht um des Guten, sondern um des Nützlichen willen. In notwendiger Folge davon zeigt sich der so sich gestaltende sittliche Charakter immer weniger fest und widerstandsfähig, verliert also zusehends gerade die Tugenden, die bisher seine Kraft und sein Bestes ausmachten. Ich glaube nach allem Ausgeführten nichts Unrichtiges und Unrechtes zu sagen, wenn ich auch diese bedauernswerte Entwicklung nicht nur den wirtschaftlichen Zuständen, sondern zu einem großen Teile mit der Agitation der Sozialdemokratie in die Schuhe schiebe. Es zeigte sich mir überall deutlich, daß hier die andre Stelle ist, wo jene ihre verderblichste Wirkung geübt, ihren größten Erfolg bisher errungen und die eigentliche Gefahr für die Zukunft heraufbeschworen hat. Ich vermag auch nach allen meinen Erfahrungen nicht zu hoffen, daß es in nächster Zeit damit besser wird.

Achtes Kapitel
Ergebnisse und Forderungen

Ich fasse nunmehr das Ergebnis meiner Untersuchungen zusammen.

Ich glaube, eins vor allem bewiesen zu haben: daß die Arbeiterfrage keine bloße Magen- und Lohnfrage, sondern auch eine Bildungs- und religiöse Frage ersten Ranges ist. Auch wenn die weitesten Arbeiterkreise die höchsten Löhne und das beste Auskommen hätten, würde sie, vielleicht in andrer Gestalt, aber doch existieren. Die Lohnfrage ist nach allen meinen Erfahrungen nur einer, nicht einmal der bedeutendste, gewöhnlich nur der anstoß-, keinesfalls der ausschlaggebende Faktor der Bewegung. Es ist natürlich richtig, daß die Agitation unter den Arbeitern immer bei ihren materiellen Nöten und Sorgen einsetzt und, wo keine herrschen, sie ihnen doch einzureden versucht; aber das, was die großen Scharen nun schon seit Jahrzehnten zu diesem „Massenkampfe“ begeistert, was gerade auch die bestgestellten und nachdenklichsten Kreise an die Spitze dieser Bewegung stellt, ist, ich wiederhole es, nach allen meinen Beobachtungen diese Lohnfrage nicht, wenigstens nicht allein. Das ist vor allem die heiße Sehnsucht des ganzen Fabrikvolkes nach größerer Achtung und Anerkennung und, im Gegensatz zu der politisch-formellen, auch nach größerer sozialpraktischer Gleichberechtigung, das ist der Glaube an eine trotz allem mögliche bessere Ordnung der wirtschaftlichen Produktion und die dunkle Ahnung, daß gerade der jetzt zur Selbständigkeit erwachende Arbeiterstand am ersten berufen sei, diese durch den demokratischen Druck der parlamentarisch heute schon hoffähigen Masse heraufzuführen. Es ist der heiße Wunsch, in dieser nahenden neuen wirtschaftlichen Ordnung nicht bloß mehr die stummen ausführenden gedankenlosen Werkzeuge eines höhern Willens, nicht nur gehorsame Maschinen, sondern kraftvoll und originell mitwirkende Menschen, nicht nur Hände, sondern auch Köpfe zu sein. Es ist der unaufhaltsame Drang nach größerer geistiger Freiheit, das Verlangen nach den Gütern der Bildung und des Wissens und nach voller Klarheit auch über die höchsten und tiefsten Probleme der Menschenseele, die heute wieder trotz aller Jagd nach Gold und Glanz als neue Rätsel in neuen Gestalten vor der Menschheit emportauchen. Das alles prägt sich, roh noch und ungefüge, unklar und gärend, aber dem beobachtenden Auge deutlich und scharf genug in dieser elementaren deutschen Arbeiterbewegung aus. Und darum unterscheidet sich die deutsche von der aller andern Länder, auch von der Chartistenbewegung Englands in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts: dort waren es, wie auch sonst überall heute noch, in der That die jammervolle materielle Lage, die grausigen wirtschaftlichen Nöte, denen diese Bewegung ihren Ausdruck gab; dort wollte man in erster Linie Brot, höhere Löhne, bessere Kleidung, ein menschenwürdiges Dasein. Was sonst von andern Zügen in ihr war, hatte nur sekundäre Bedeutung. Bei uns ist das ganz anders, ist es so, wie ich es oben geschildert habe, und eben das macht diese deutsche Arbeiterbewegung so furchtbar ernst, zu einem so vielköpfigen Ungeheuer; aber das giebt auch die Gewähr, daß, wenn sie in ruhige Bahnen eingelenkt sein wird, eine ganz andre, größere, bleibende Frucht aus ihr für spätere Zeiten und Geschlechter zurückbleiben wird, als es schon die Gewerkschaftsorganisation der englischen Arbeiter ist.

Das zweite, was wir rundweg aussprechen müssen, ist die Thatsache, daß die so geschilderte deutsche Arbeiterbewegung ihren Ausdruck und ihre Repräsentation in der Sozialdemokratie hat. Die beiden sind heute und für die absehbare Zukunft aufs engste miteinander verknüpft, ja die Sozialdemokratie ist heute diese Bewegung selbst. Es ist darum ein Wahn, dem sich immer noch viele hingeben, zu meinen, daß es möglich sein könnte, sie zu vernichten, auszuroden, aus der Welt zu schaffen. Auf dieser Meinung fußte der Schöpfer des Sozialistengesetzes ebenso wie der Führer der christlich-sozialen Bewegung, die beide ihre Taktik und Thätigkeit nur nach der Qualität der Führer, und nicht auch der Hunderttausende einrichteten, die hinter den Führern stehen und ganz anders als diese geartet sind. In beiden Fällen hat sich gezeigt, daß es eine irrtümliche Meinung war. Die deutsche Sozialdemokratie ist heute so wenig mehr zu beseitigen, als es die moderne Arbeiterbewegung überhaupt ist. Im Gegenteil, es ist meine wohlüberlegte Ansicht, daß sie auch in Zukunft noch wachsen, daß sie vor allem sich auch in vielen Teilen des platten Landes ausbreiten wird. Sicher da, wo der Großgrundbesitz überwiegt und in Verbindung mit industriellem Großbetriebe, mit Zuckerfabrikation und Schnapsbrennerei auftritt, also eine der städtischen durchaus gleiche Arbeiterklasse geschaffen hat. Auch keine freisinnigen Gewerkvereine, keine christlichen Jünglings- und Männervereine, keine evangelischen Arbeitervereine werden diese Entwicklung aufhalten. Denn sie ist, wie mir scheint, zu einer geschichtlichen Notwendigkeit geworden. Zwar auch jene eben genannten Organisationen haben ihre Bedeutung und ihren Beruf. Vor allem die Arbeitervereine sollen alle die noch immer nach Tausenden zählenden Arbeiter, denen die Wogen der sozialen Stürme über den Köpfen zusammenschlagen, sollen die ruhigen sinnenden Seelen unter ihnen, denen die Kämpfe zuwider sind, und alle die in sich sammeln und stark machen, die ihren überkommenen christlichen Glauben nicht einzutauschen gewillt sind um den Preis friedlosen Suchens und Ringens nach dem Neuen. Aber darüber hinaus haben sie sicherlich keine Mission; und so schmerzlich es mir ist, es auszusprechen, muß ich es doch sagen: es ist eine Täuschung, in ihnen die kraftvollen Ansätze einer neuen sieghaften Gegenorganisation gegen die Sozialdemokratie zu sehen. Hier liegt derselbe Gedanke zu Grunde, der sich uns schon vorhin als falsch erwiesen hat, daß die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen sei. Das ist, wie gesagt, nicht möglich, nicht einmal wünschenswert. Aber möglich, wünschenswert und notwendig ist, daß sie erzogen, geadelt und geheiligt wird.

Dies geschieht sicherlich zunächst durch eine kraftvolle tiefgreifende Reformarbeit, durch die bedingungslose Erfüllung aller berechtigten Wünsche der millionenköpfigen Arbeitermasse, durch ihre Organisation zu einem besondern Stande und durch dessen Einpflanzung in den Rechtsboden des modernen Staates. Das aber ist die Aufgabe der Regierung und der gesamten im Parlament vertretenen Gesellschaft. Hier habe ich als Theologe kein Urteil und keinen Rat. Nur das eine bitte ich zu bedenken, die Erfahrung, die ich gemacht habe: daß alles, was für die Arbeiter geschieht, heutzutage durch sie, mit ihrer Hilfe und ihrem Willen geschehen muß. Wir sind über die Zeit des Patriarchentums hinaus: auch der Einzelne aus der großen Menge ist zur Selbständigkeit erwacht und will mitraten und mitthaten, wo es um sein eigen Wohl und Wehe geht. Darum, nur durch eine dauernde ernsthafte Mitbeteiligung an den sozialen Neuformationen der Zukunft wird auch die Arbeiterschaft wieder zu einer nüchternen, besonnenen, praktischen Haltung erzogen.