Ich behaupte, daß infolgedes kaum ein junger Mann oder ein junges Mädchen aus der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung, das über 17 Jahre alt ist, noch keusch und jungfräulich ist. Der geschlechtliche Umgang, auf den Tanzböden vor allem groß gezogen, ist unter dieser Jugend heute im weitesten Umfange verbreitet. Er gilt einfach als das Natürliche und ganz Selbstverständliche; von dem Bewußtsein, daß man damit eine Sünde begeht, ist selten eine Spur vorhanden. Das sechste Gebot existiert in diesem Sinne da unten nicht. Zwar mit Huren, die sich bezahlen lassen, giebt man sich fast nie ab. Das gilt als Schande, und diese selbst werden verachtet. Aber fast jeder hat seine Liebste und jede ihren Liebsten, die sich mit wenigen Ausnahmen diesen ganz selbstverständlichen Dienst thun. Daneben sucht der junge Mann, wo immer es gerade einmal geht, auch andre Mädchen zu benutzen, die sich ihm dazu hergeben, was wiederum nicht schwer und selten ist. Gleichwohl hat auch die schon einen kleinen Makel in vieler Augen an sich, die sich gleich bei der ersten Bekanntschaft gebrauchen läßt. Mit dieser „geht man“ dauernd wenigstens nicht. Wird eine dann schwanger, so heiratet man sich in der Regel auch, ganz gleich, ob man schon lange oder nur erst wenige Wochen beisammen ist, ob man sich kennt oder nicht, ob man etwas taugt oder nicht, zusammenpaßt oder nicht. So treiben der Zufall, der Geschlechtsgenuß und seine etwaigen Folgen, selten echte Liebe, inneres Bedürfnis und vernünftige Überlegung die jungen Leute in die Ehe zusammen.

Und daraus vor allem erklärt sich mit der Jammer der Arbeiterehen, die Klagen aller, auch der Sozialdemokraten, die es mit den Leuten wirklich gut meinen, darüber, die Sehnsucht nach einer Erhebung, einer Emanzipation des Weibes und das neue sozialdemokratische Ideal von der Ehe. Ich verweise hier auf die Bemerkungen am Schlusse des zweiten Kapitels. Die Frau ist in der That in vieler Männer Augen nichts als das Mittel zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, ein Hindernis für das Fortkommen, höchstens, wenn es gut geht, der tüchtige Haushaltungsvorstand, der energisch auch den Mann im Zaume hat. Die Ehe ist nach der Äußerung mehrerer meiner Arbeitskollegen die „letzte und größte Dummheit, die einer machen kann.“ In manchen Familien ist es ja besser, und zwischen manchen Gatten tritt allmählich sogar einige gegenseitige Achtung und Zuneigung ein. Ja ich fand trotz alledem auch mehrere wirklich schöne, durch ernste Liebe vertiefte Ehen: aber im allgemeinen gilt doch die Thatsache, daß die Frau dort unten von den Männern unendlich viel niedriger geschätzt, viel weniger geachtet, viel schlechter behandelt wird als in den andern Ständen. Sie wird hart gehalten und sehr häufig geschlagen. Dabei fordert der Mann von ihr ehrliche Treue, ohne sich selbst ihr zu einem Gleichen verpflichtet zu fühlen. Auch sonst zeigt sich überall ein großer Mangel des Bewußtseins der gegenseitigen sittlichen Pflichten, die die Ehe vorschreibt.

Ein Lichtpunkt in diesem trüben, bestenfalls gleichgiltigen und einförmigen Eheleben sind für Vater und Mutter zugleich die gemeinsamen Kinder. Was sie selbst an gegenseitiger Zärtlichkeit fehlen lassen, übertragen sie vielfach auf diese, so sehr, daß auch sie manchmal mit eine Ursache der mangelhaften Erziehung, der Verziehung derselben wird. Ihnen thun sie an, was sie können; für sie sorgen sie, so gut sie es vermögen; mit ihnen geben sie sich ab, machen sie des Abends und des Sonntags ihre üblichen Spaziergänge. Und viele setzen ihre ganze Kraft und ihren höchsten Ehrgeiz darein, die Jungen, wenn es nur halbwegs die Verhältnisse erlauben, etwas „Ordentliches,“ d. h. jedenfalls etwas mehr lernen und werden zu lassen, als der Vater ist. Der Handarbeiter sieht seinen Sohn gern als Dreher, Schlosser, Tischler, kurz als gelernten Arbeiter, dieser wieder den seinigen am liebsten als Kaufmann, Subalternbeamten oder etwas dem ähnliches. Überbeschäftigt wurden die Kinder in den Familien meiner Arbeitskollegen jedenfalls nicht. Wenn sie gelegentlich einmal etwas mit verdienen konnten, dann gut; regelmäßig angestrengt und zum Verdienen ausgenutzt waren sie meinen Beobachtungen nach nur wenig. So lange es ihm möglich war, gönnte jeder seinem Kinde Freiheit und Ruhe. Und wenn eines krank wurde, war immer die Sorge groß, ward alles gethan, um es am Leben zu erhalten. Da gab denn auch der strenge Sozialdemokrat, der natürlich auch ein Feind der zunftmäßigen Medizin war und manchmal gar selbst dokterte, seinen verrannten Standpunkt auf, ließ sich von den Bitten seiner Frau erweichen und holte den teuern Arzt. Die Liebe zum Kinde war doch noch größer als der Dünkel einer alles besser wissenden Halbbildung.

Eine andre Bemerkung darf ich an dieser Stelle unvermittelt einschieben, eine Klage über das unerhörte Fluchen der Leute. Fast jedermann that es: der Arbeiter in der Fabrik, die jungen Burschen unter sich, die Mädchen des Abends auf den Straßen und daheim. Man fluchte in allen Tonarten, bei jeder harmlosen Gelegenheit; oft wußte mans selbst nicht mehr, wenn man es that. Alle Empfindungen drückten sich in diesen Flüchen aus: Jähzorn, Haß, Verbitterung, drolliger Witz, Affektiertheit und Großthuerei. Ich habe einmal die Flüche zusammengezählt, die ich an einem Tage so zufällig hörte: wenn ich mich recht entsinne, zählte ich fast hundert. Ich glaube bestimmt, daß das eine Frucht und ein Geschenk unsers Militärwesens ist. Hier zeigt es sich als nichts weniger denn als ein sittlich erziehendes Institut.

Dagegen habe ich in der Fabrik unter meinen Arbeitsgenossen nie eine Spur von Diebstahl gespürt, wohl aber desto mehr in den Herbergen. Da mußte man in der That immer sehr auf seiner Hut sein. Ein Messer, das man unbemerkt auf dem Tische oder Stuhle liegen ließ, ein Stock, den man achtlos in die Ecke gestellt hatte, war leicht verschwunden und wanderte schleunigst zum Trödler, worauf der geringe Erlös daraus sofort wieder in Branntwein umgesetzt wurde. Ich will damit nicht sagen, daß jeder, der in der Herberge verkehrte, mauste. Aber von jenen alten echten Kunden verschmähte fast keiner diesen bequemen Weg der Selbstbereicherung. Man gab darum immer gleich bei seiner Ankunft in der Herberge Stock und Berliner dem Herbergsvater zur Aufbewahrung, und lieferte des Nachts auch seine sonstigen Wertsachen ab. Wenn einer Geld aus der Tasche in die Stube verlor, durfte sich keiner rühren, nur der Betroffene bückte sich und suchte selbst und ganz allein seine paar Pfennige zusammen.

Mehrmals habe ich bereits die innere Stellung meiner Arbeitsgenossen zu einander erwähnt, ausführlich ihren Verkehr bei der Arbeit geschildert. Ich möchte hier noch einige ergänzende Bemerkungen dazufügen. Bei aller Kameradschaft, die unter ihnen herrschte, und die sich namentlich in jenem schon durch den Betrieb geforderten In-die-Hände-arbeiten während der Arbeitsstunden äußerte, traten doch in dem einförmigen Einerlei des kleinen Alltagslebens die Züge der Solidarität, der Gemeinsamkeit, der innerlichen Übereinstimmung mehr und mehr zurück und dafür die besondern Eigentümlichkeiten der einzelnen Charaktere, ihre guten und schlechten Seiten hervor, machten sich kleinliche Interessen untereinander geltend, kamen Eifersucht und Neid, Hochmut und Geringschätzung, Klatschsucht und Kriecherei, Streitsucht und Jähzorn, Selbstsucht und Niederträchtigkeit, Gleichgiltigkeit, Bitterkeit und Mißtrauen wie überall in einer durch den Zwang der Verhältnisse geschaffenen Gemeinschaft zu oft abstoßendem Ausdruck und riefen wie überall dieselben Spaltungen, Gruppierungen und Vorgänge hervor, deren Druck dann oft stärker ist als das Gemeinsame, das diese Leute verbindet. Es ist eine Kleinigkeit, die aber viel Wahres enthält, was mir mehrmals einige klagten: Die Arbeiter sind nie unter einen Hut zu bringen; sie halten nur in Versammlungen zusammen. Oder: Wenn einer nur fünfzig Pfennige mehr Lohn hat als die andern, so sieht er sie gleich über die Achseln an und dünkt sich wunder was. Ein andrer sagte mir einmal, als er mir einen guten Dienst thun wollte: Du darfst den andern nicht soviel von deiner Vergangenheit erzählen; viele machen sich dann hinter deinem Rücken nur darüber lustig. Derselbe Mann warnte mich auch vor einer allzu intimen Aussprache gegen einen andern mit den Worten: Der alte X ist ein Zwischenträger! Und doch stand auch von diesem meinem getreuen Eckehardt an den Holzwänden der Abtritte mehrmals die wutschnaubende Bleistiftnotiz: N. ist ein Fuchsschwanz! Wieder einer, freilich ein etwas griesgrämiger, verbitterter Geselle, meinte einmal: Es giebt viele Halunken hier in der Bude. Und dieselben Erscheinungen zeigten sich fast noch deutlicher selbstverständlich in den Arbeitermietskasernen, namentlich unter den Frauen.

Über die Arbeit herrschte eine doppelte Auffassung unter den Arbeitsgenossen, die sich innerlich kaum berührte. Den einen galt die Arbeit nur als Last. Niemand arbeitet zum Vergnügen, warf einer einmal gelegentlich hin. Dann ein andermal entspann sich während der Frühstückspause ein Gespräch mit ähnlichem Resultat in Anknüpfung an eine Wurstschale. Die suchte und wickelte ein Schlosser sorgfältig zusammen: Ich will sie meinem Hunde mit zuhause bringen, fügte er hinzu.

Wozu brauchst du denn einen Hund? fragte sein Nachbar; der kostet ja doch nur Steuern.

Nur zum Vergnügen. Man will doch auch seine Freude haben, entschuldigte sich jener.