Eine Bemerkung, die sich an das eben Erörterte von selbst anschließt, muß ich der Wahrheit halber als die erste dieser beobachteten Thatsachen an die Spitze stellen. Man soll nicht meinen, daß unter den Arbeitern die enragiertesten Sozialdemokraten die sittlich anrüchigsten, die am wenigsten mit der Sozialdemokratie verknüpften die lautersten Naturen sind. Es ist ebenso oft das Gegenteil von beidem der Fall. Wo ein Mann schon von Natur edler und tiefer angelegt, in seiner Jugend durch guter Eltern und ehrenhafter Lehrer Erziehung hindurchgegangen ist und sich zu einem ernsten, strebsamen Charakter entwickelt hat, können ihn auch die drückenden sozialen Verhältnisse und die Sozialdemokratie nicht verderben, vielmehr werden jene nur noch seine Widerstandskraft und Energie stählen und diese ihn mit einem Enthusiasmus erfüllen, an dem das Schlechte wirkungslos abprallt. Es giebt schon in solch einem kleinen Kreise, wie ich ihn vor mir hatte, eine ganze Anzahl von Naturen, deren Typus August Bebel ist, ehrliche Menschen mit einem guten Kern, hochbegabt, aber trunken von den Resultaten der modernen „Wissenschaft“, deren rechte Konsequenzen nach rückwärts und vorwärts sie in ihrer leider nur halben Bildung nicht zu ziehn und zu werten vermögen, erfüllt von schwärmerischem Idealismus, der auch vom Materialismus wie von jedem geschlossenen Prinzip ausstrahlt, und doch nur zum teil angesteckt von dem Gifthauch, der mit ihm zugleich ausgeht und die sittlichen Kräfte der andern knickt. Ich erinnere des zum Beweise an jene vierzig freilich besser gestellten Chemnitzer Arbeiter, deren ich schon einmal Erwähnung that, von denen mir ein Weinreisender erzählte, daß jeder von ihnen ihm jährlich ein Fäßchen Wein abnähme und prompt bezahlte, ja, was sonst niemand thäte, ihm das Geld dafür noch ins Hotel brächte. Sie alle hielt er für die ordentlichsten Menschen der Welt, für sparsame, strebsame Leute, gute Familienväter, tüchtige, ruhige Arbeiter, aber auch zielbewußte Sozialdemokraten. Vielleicht ist diese Schilderung etwas übertrieben; aber in ihren Grundzügen ist sie wahr; dafür kann ich selbst, wie gesagt, aus dem mir bekannt gewordenen Kreise ähnliche Menschen als Belege beibringen. Sie wachten mit peinlicher Gewissenhaftigkeit über ihren guten Ruf und setzten ihre Ehre darein, sittlich unanfechtbare Persönlichkeiten und gute Staatsbürger zu sein, und waren dennoch Sozialdemokraten, die auch das überlieferte Christentum von sich abgeschüttelt hatten. Anderseits gab es eine große Anzahl von Arbeitsgenossen, die — ich verweise hier auf den betreffenden Abschnitt meines fünften Kapitels — sich nur wenig oder gar nicht mit Sozialdemokratie abgaben und nicht das geringste taugten, die ärgsten Schreier und zweifelhaftesten Persönlichkeiten waren, ihre Familien, wenn sie welche hatten, arg vernachlässigten, ihre Arbeitsstellen immer nach kurzen Zwischenräumen wechselten, und so weiter. Und wieder zwischen diesen zwei Gruppen die wenigen, die sich tüchtige Menschen zu sein bestrebten und sich zugleich vor allen sozialdemokratischen Einflüssen ängstlich zu hüten suchten, und die vielen Sozialdemokraten, die auf dem sittlich nicht hohen Durchschnittsniveau der breiten Masse standen — alle zusammen ein Beweis für die Richtigkeit meiner Warnung, die heutigen sittlichen Mängel an unsrer Arbeiterschaft ausschließlich der Wirkung sozialdemokratischer Degenerierung zuzuschieben. Der sozialdemokratische Geist ist wie dicke schwere Fabrikluft, die gesunden Lungen nichts schadet, schwache aber nur schwächer und schwindsüchtiger macht. Und das ist das eigentliche Verhängnis, daß die sittlichen Dispositionen der Mehrzahl eben bereits nur gering und schwach sind, sodaß auch hier die Sozialdemokratie nur die letzte Arbeit zu thun braucht.
Hiernach möchte ich ein weniges über die Art sagen, wie die Leute nach meiner Beobachtung Ausgaben zu machen pflegen. Ich kann freilich keine Arbeiterhaushaltpläne mitteilen, die allein für ein erschöpfendes Urteil über diesen Punkt maßgebend wären. Im allgemeinen habe ich beobachtet, daß ein niedriger Verdienst bis zu 25 Pfennigen die Stunde, also bis zu etwa 750 Mark das Jahr, bei einer ausgedehnten Familie ebenso zu peinlichster, geradezu heroischer Sparsamkeit erzieht, wie zu hoffnungsloser Liederlichkeit verführt, jedenfalls häufig wirtschaftlich unnormal macht, je nach dem Charakter des Mannes und der Frau. Dagegen glaube ich bemerkt zu haben, daß bei einigermaßen größerem Jahresverdienste bei weitem die Mehrzahl die Neigung zu einem geordnetern, verständigern, von höhern und edlern Bedürfnissen getragenen, sozusagen anständigern Leben hat und diese Neigung in vielen Fällen in mehr oder weniger glückende That umsetzt. Unter solchen, auch wenn sie Sozialdemokraten sind, finden sich dann auch einmal Äußerungen einer gewissen Zufriedenheit und einer Art von glücklichem Behagen, das sie nun auch ihren weniger günstig gestellten Genossen zu verschaffen und zu erkämpfen wünschen. Von der Jugend, das heißt von den Heranwachsenden und den unverheirateten Erwachsenen, ist weniger günstiges zu sagen. Sie lebten meist einfach in den Tag hinein. Was da ist, muß eben verbraucht werden und wird zumeist zum Vergnügen verbraucht. Für einen verheirateten, mit Kindern gesegneten Mann ist es auch schon bei höherem Einkommen über 1200 Mark selbstverständlich sehr schwer, zu sparen; dem vielfach gleich gut gelohnten unverheirateten jungen Manne wäre das aber eine Leichtigkeit. Aber gerade er thut es — ich kann hier ohne viele Worte zu machen die allgemeinen Klagen nur bestätigen — nur selten. Wenigstens der eigentliche, geborene Fabrikarbeiter, der Abkömmling von Fabrikarbeitern. Er gleicht in seinem lustigen, leichten Leben überraschend dem Bruder Studio, der sich ebenfalls austollen will, bevor er sich für immer in das lebenslängliche Philisterium des verheirateten Fabrikarbeiters begiebt. Etwas anders geartet ist ein Teil der direkt vom Lande und aus gut kleinbürgerlichen Kreisen in die Fabrik eintretenden jungen Leute. Unter beiden Gruppen habe ich doch manche ernstere, strebsame, an die Zukunft denkende, auch sparsame Menschen gefunden. Jene waren es wohl vor allem deswegen, weil sie im Verhältnis zu dem gewohnten Verdienst auf dem Lande sich wesentlich verbessert hatten und bei ihren bescheidneren Bedürfnissen ganz selbstverständlich manches übrig behielten, das ihnen ein Ansporn zu weiterer Sparsamkeit wurde; diese wurden häufig von daheim dazu angehalten und angespornt zum Streben nach bessrer Fachbildung, nach einstiger Selbständigkeit und größerm Behagen, wie sie es daheim gesehen und kennen gelernt hatten. Wie weit — um darauf noch einmal zurückzukommen — bei vielen Familienvätern die freilich oft durch andre wirtschaftliche Untugenden und Unfähigkeiten wettgemachte minutiöse Sparsamkeit geht, beweist die Thatsache, daß mancher unter ihnen die alte Sitte jugendlicher Völker wieder auffrischte und in seinem kleinen Haushalte, so gut er konnte, oft mit vieler praktischer Geschicklichkeit alle möglichen Arbeiten selbst verrichtete, deren Besorgung man sonst Handwerkern überträgt. So war es vielverbreitete Gewohnheit, daß man sich allerhand Lederabfälle und altes Schuhzeug sammelte, um sein und seiner Familie Schuhwerk eigenhändig zu flicken und seinen Bedarf an Holzpantoffeln selbst zu befriedigen; daß man allerhand Zimmer-, Tischler- und Schlosserarbeiten, die sich daheim nötig machten, verrichtete, den Kindern höchsteigenhändig die Haare schor u. s. w. Und dementsprechend war es nicht selten, daß der einzelne, der einst ein Handwerk gelernt, es aber aus den verschiedensten Gründen in der Fabrik dauernd mit andrer lohnenderer Arbeit vertauscht hatte, es doch in seinen Feierabendstunden und des Sonntags noch betrieb und dies und das für gute Freunde um ein billigeres Geld, als es sonst jemand zu liefern vermocht hätte, anfertigte. So tauchen hier — ob als alte Reste oder neue Anfänge, überlasse ich dem berufeneren Urteile Sachverständiger zur Entscheidung — unter der Decke des großindustriellen Fabrikbetriebes, also unter neuen, bisher nicht vorhanden gewesenen Umständen wieder kleinhandwerkliche Erscheinungen auf.
Was das Schuldenmachen meiner Arbeitsgenossen anlangt, so vermag ich kaum eine maßgebliche Meinung zu äußern. Man sagte mir zwar manchmal: „Jeder Arbeiter hat Schulden,“ aber ich habe, offen gestanden, nie recht erfahren können, wie das gemeint war. Ich glaube wohl so, daß jede Arbeiterfamilie gegen Ende der vierzehntägigen Lohnperiode häufiger oder seltner in die Lage kam, beim Kaufmann und sonstwo auf Borg einzuholen. Doch glaube ich auch, daß man diese Schuld meist wieder am nächsten Lohntage beglich. Größere und empfindlichere Schulden, die auch dem energischen Manne und der sparsamen Frau nur erst langsam wieder los zu werden möglich wurde, entstanden bei längern und schwerern Krankheiten in der Familie, bei Todesfällen, bei Arbeitslosigkeit und etwa während größerer Reserveübungen des Mannes. Ein gegenseitiges Borgen aber habe ich wenigstens unter meinen Arbeitsgenossen nicht, kaum einmal einen schwachen und dann vergeblichen Versuch dazu bemerkt. Einen Gesichtspunkt möchte ich schließlich noch unter diesem Abschnitte erwähnen: die Neigung aller meiner Arbeitsgenossen, sich am Lohntage, am Sonntage und am jedesmaligen Chemnitzer Jahrmarkte etwas Besondres zu leisten. Das waren in aller Augen Festtage, und an Festtagen läßt das Volk ganz selbstverständlich „etwas aufgehn.“ Jeder freilich in seiner Weise. Gerade hierbei zeigte sich die Höhe der sittlichen Bildung, auf der jeder einzelne stand. Es gab ernste, oder gering gelohnte, oder mit Sorgen oder viel Familie beladene Leute, die begnügten sich des Lohntags Abends, nach Aushändigung des Verdienstes mit einer Cigarre und einem auf dem Nachhausewege im Vorübergehn getrunkenen Glase bairischem oder auch nur Lagerbier; es gab dann ihrer, die an diesem ganzen Abend bald allein bald mit der Frau „aus-,“ d. h. zu Biere gingen und hier bald größere, bald kleinere Zeche machten und von da bald nüchterner bald weniger nüchtern nach Hause kehrten; und es gab ihrer, die an diesem Abend bald im Sonntagskleid bald noch im Arbeitsrock von Stehbierhalle zu Stehbierhalle, von „Destille“ (Destillation) zu „Destille,“ von Kneipe zu Kneipe zogen, bis sie schwer trunken nach Hause kamen. Unter die letztern gehörte namentlich ein gut Teil der gut verdienenden gelernten Jugend. Ich habe es erlebt, daß einige, die etwa 35 bis 40 Mark Löhnung aus vierzehn Tage erhielten, an einem solchen Abend 8 bis 10 Mark verfraßen, vertranken, verrauchten, verspielten und sonstwie verschleuderten. Aber ich habe es auch erlebt, daß einer nur 15 Pfennige ausgab, was freilich eine größere Seltenheit als das Gegenteil war. Im allgemeinen verthat man wohl 1½ bis 2 Mark an solchem Abend, durchschnittlich aber fast immer mehr, als man eigentlich im Verhältnis zur Löhnung gedurft hätte. Ebenso war es am Chemnitzer Jahrmarktstage, wo wir frei hatten, und ein jeder 10 Mark Vorschuß von der Fabrik zu Familieneinkäufen nehmen durfte. Und sehr viele nahmen ihn, um hiervon zwar in der That manches Nützliche einzukaufen, doch aber sich auch ein Gütchen zu thun, obwohl man genau wußte, wie schmerzlich der Ausfall des Zehnmarkstückes am nächsten Lohntage empfunden werden würde. Und dieselbe Erscheinung zeigte sich, wenn auch nicht so durchgängig und regelmäßig, an den Ausgaben, die man sich für Sonntagsvergnügungen leistete.
Auch über den Alkoholgenuß möchte ich einiges sagen. Am meisten und widerlichsten ist er mir in den Herbergen entgegengetreten. Die Klasse der eigentlichen Pennbrüder, die ich im ersten Kapitel kurz schilderte, besteht fast durchweg aus Säufern; von ihnen waren in den Chemnitzer Herbergen täglich einige stark betrunkene Exemplare zu finden. Aber auch unter den übrigen Herbergsgästen, mit Ausnahme der jungen eben aus der Lehre getretenen Wanderburschen, schnapste man tüchtig, wo immer man Gelegenheit dazu hatte, und immer ließ man dann Bier vor Branntwein stehen. Dort in einer der Herbergen traf ich auch einen schon erwähnten Barbier, der mir erzählte, daß er früher ein permanenter Schnapssäufer gewesen wäre, so sehr, daß er nichts als immer nur Branntwein hätte haben wollen und vor allzu starkem Zittern der Hände nicht mehr imstande gewesen wäre, zu rasieren. Seit einiger Zeit tränke er keinen Tropfen mehr, und zwar hätte er es sich selbst ganz allmählich abgewöhnt. Ich vermochte auch in diesem Falle nicht zu kontrollieren, wie weit diese Angaben der Wahrheit entsprachen; ich glaubte es aber doch hier mitteilen zu sollen angesichts der allgemein für unanfechtbar gehaltenen Behauptung, daß die Selbstrettung eines Branntweinsäufers unmöglich sei. Auch in der Fabrik hatte ich einen Kollegen, der früher Schnaps getrunken und ihn jetzt niemals mehr über die Lippen brachte, man mochte ihn ihm anbieten, so sehr man wollte.
Unter der seßhaften Fabrikbevölkerung herrschten bei weitem nicht so krasse Zustände. Es gab zwar auch in unsrer Fabrik einige ständige und periodische Säufer mit roten Nasen. Aber sie waren gegenüber der großen Menge eine verschwindend kleine Zahl und waren deutlich in vieler Arbeitsgenossen Augen mit einem Makel behaftet. Als einer einmal während der Arbeit in einem Anfalle von Delirium hinstürzte und hinausgebracht wurde, habe ich auch nicht ein Wort des Bedauerns und Mitleids, dagegen manches harte des Gegenteils vernommen. Hier hat das wohl schon jahrzehntealte, in den meisten Fabriken freilich sicher nur um der Arbeitsleistung und des Betriebes willen gegebene Schnapsverbot wirklich gute Dienste geleistet; in unsrer Fabrik wurde infolgedes in der That mit jenen wenigen Ausnahmen fast nie mehr Schnaps, dagegen, wie schon gesagt, viel unschädliches, doch gehaltvolles und den Durst löschendes einfaches Bier getrunken. Auch außerhalb der Fabrik trank man nicht täglich, wie das in den Mittelständen in Form der öden Stammtischkneipereien ausgebreitetste Sitte ist, Bier. Der Durchschnittsarbeiter von Chemnitz ging, außer am Lohntage und an den Sitzungen seines Wahlvereins, des Wochentagsabends selten aus. Er machte, wenn es schön war, seinen Abendspaziergang in die nahen Felder hinaus, aber ohne ihn in einer Kneipe zu beenden; denn dazu fehlte den meisten schon einfach das nötige Geld. Aber wenn dann einmal etwas los war, eben wie der Jahrmarkt oder ein Sonntagsvergnügen, wurde wacker gezecht. Ein jeder trank mit, und alle konnten erstaunlich viel vertragen. Und fast immer mußte ein Glas Schnaps dabei sein. Aber Schnaps allein trank man bei solchen Gelegenheiten doch nur noch selten. Sehr viele kannten dann keine Grenzen, nach echter Kinder- und Volksart, die weder in Leid noch Lust sich zu beherrschen vermag. Viele hörten darum nicht eher auf, als bis sie betrunken waren. Ja für manche war das der eigentliche Hochgenuß und von vornherein die letzte Absicht. Und selten sah man das als eine Schande, geschweige Sünde an. Ich sprach hierüber öfter mit den Leuten und fand fast immer dasselbe gleichlautende Urteil: einmal sich besaufen ist keine Schande; das thun die Großen auch, die nur heimlich, wir offen. In einem solchen Gespräch kam ich, wohl das einzige mal, beinahe in einen wirklichen Streit mit zwei sonst guten, gediegneren Leuten. Sie wurden ernstlich böse darüber, daß ich auf der gegenteiligen Ansicht stehen blieb. Ein zusammenfassendes Urteil kann man wohl so formulieren: unter der erwachsenen Wanderbevölkerung ist der Schnapsgenuß geradezu eine Pest; die seßhaften Arbeiter am Orte aber, soweit ich sie kennen lernte, trinken viel mehr Bier als Schnaps, trinken viel Bier, aber sind selten eigentliche Säufer.
Nun ein Wort über die Tanzböden. Ich habe fast jeden Sonntag einen oder mehrere, im ganzen acht bis zehn besucht. Es giebt feinere und gewöhnliche. Der schlimmste, den ich kennen lernte, war die „Kaiserkrone“ in Chemnitz, vom Volke sehr bezeichnend der „blutige Knochen“ genannt. Denn hier gehörte Keilerei und Tanzvergnügen wie in jenem Gassenhauer wirklich zusammen. Hier verkehrte das ärgste Gesindel, Huren und Fabrikdirnen niedrigster Sorte und ihre Zuhälter mit jungen Fabrikarbeitern und vielen Soldaten der Chemnitzer Garnison. Ich mache hierauf nachdrücklich aufmerksam, und mache es den Militärbehörden hiermit zur ernsten Pflicht, darauf zu achten, daß künftig nicht bloß sozialdemokratisch-anrüchige, sondern vor allem auch solche sittlich verwahrlosende Lokale den Soldaten verboten werden. Ein Mensch in anständiger Kleidung, allein, bleibt hier selten ganz unbehelligt. Ich war mit einem Arbeitskollegen etwa eine knappe Stunde dort. Und wie viele male sind wir in dieser kurzen Zeit trotz unsers unauffälligen Sonntagsgewandes namentlich von den Weibern mit ihren frechen Gesichtern in der unflätigsten Weise und mit allen ihren Körperteilen angerempelt worden! Da muß man denn schließlich entweder so wie sie selbst mittollen und mit gemein sein, oder man bekommt Händel und darauf Schläge. Wir gingen beiden Möglichkeiten zeitig genug aus dem Wege, indem wir uns wieder entfernten. Beim Ausgang traf uns der junge Wirt und fragte uns, warum wir schon wieder gehen wollten, ob es uns nicht gefallen habe. Wir murmelten einige Worte der Antwort, und darauf sagte der Mann ganz stolz: Ja unter meinem Vater war der Saal tüchtig herunter; aber Gott sei Dank, jetzt habe ich ihn wieder in Schwung und in die Höhe gebracht.
Das Gegenteil von diesem Saale war das „Kolosseum“ in Kappel. Es war der vornehmste von allen, die ich gesehen habe, durch die Ausstattung und den Umfang des Saales, die Musik, die da aufspielte, das Publikum, das ihn besuchte. Hier fanden sich nicht nur die gutgelohnten jungen Schlosser und Dreher unsrer Fabrik, sondern viele junge Kaufleute und auch — wie man mir versicherte — Referendare und Offiziere in Zivil zusammen. Und vom weiblichen Geschlecht traf man allerhand Ladenmädchen und Verkäuferinnen, aber auch „feinere“ Huren, dagegen wenig Dienst- und Fabrikmädchen. Es ging wirklich beinahe wie auf einem Balle zu. Die Damen in modernster, oft kostbarer, fast immer geschmackvoller Toilette, und viele schöne Menschenkinder unter ihnen; die Herren meist in ebenso eleganten Anzügen, wenn auch nicht in Schwarz und Frack; alle zusammen in ihren Haltungen, Bewegungen und Verbeugungen gewandt und voll jugendlicher Elastizität. Die Fabrikarbeiter unterschieden sich kaum von den andern, nur durch den Mangel eines Klemmers auf der Nase und durch ihre größern, härtern, rauhern Hände. Denn niemand trug Handschuhe, was manche der Damen veranlaßte, ihren Herren beim Tanz mit stummer, aber verständnisvoller Gebärde ihr Taschentuch zu bieten, damit die schwitzende Hand des Tänzers, die die Taille umfaßt, das Kleid nicht beschmutzte.
Die übrigen Säle, die ich sonst sah, standen nach dem äußern Eindruck, den sie machten, etwa in der Mitte zwischen beiden. Meist waren es Vorortssäle mit halb städtischem und halb ländlichem Charakter und ebensolchem halb städtischen halb ländlichen Publikum. Hier mischten sich unter die modischen Toiletten der zur Stadt hereinkommenden Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen noch die unschönen Kostüme unsrer Dorfbewohner; hier waren die Mädchen mitunter noch im Kopftuch und mit vorgebundener schöner bunter Schürze. Auch die Musik war primitiver, der Eintrittspreis niedriger, nur 25 Pfennige etwa, während er in dem Kappeler Saale, wenn ich mich recht entsinne, 50 Pfennige betrug. Natürlich kostete hier wie dort noch jeder Tanz, den man tanzte, seine Extrasteuer, immer 10 Pfennige. So gab einer leicht am Abend 3 bis 4 Mark nur für das bloße Tanzvergnügen aus. Auch der Ton, der auf diesen Sälen herrschte, war freier als auf jenem. Man sang laut Lieder zu den Weisen, die die Musikanten aufspielten, man juchzte und rief laut über die Köpfe und den Saal hinweg. Manchmal war ein dichtes Gedränge und eine unausstehliche Hitze, daß der Schweiß nur so von der Stirne rann, und Glas auf Glas getrunken wurde. Aber dann wars am schönsten und die Freude am größten.
In den bessern Sälen ging es auch in diesem, aber auch nur in diesem Sinne anständiger zu. Da scherzte und lachte und tollte man sich denn an den einzelnen Tischen, im kleinern Kreise der Bekannten, in den Ecken und Nischen des Saales und auf den Galerien umso mehr aus. Da koste und umschlang und drückte man sich. Und hier wie dort, lachende, glühende, oft schöne Gesichter, leuchtende, lebensprühende Augen, kräftige Gestalten, volle, frische Formen. Hier wie dort ungebändigte Lust, steigende Erregung, sinnlicher Taumel, der seinen Abschluß und seinen Höhepunkt erreicht, wenn Schlag 12 Uhr die Musik verstummt, der Saal geräumt, die Lichter verlöscht werden. Dann zieht Paar nach Paar einsam von dannen, zu einem Nachtspaziergang ins freie Feld, wo nur die Sterne die Sünde sehn, die man hier begeht, oder bis in Liebchens Hausflur oder gar in Liebchens Wohnung und Bett. Denn das ist nach allen meinen Beobachtungen wenn auch nicht die durchgängige Regel, so doch in den weitaus überwiegenden Fällen der Abschluß jedes sonntäglichen Tanzvergnügens. Auf den Tanzböden, in den Nächten vom Sonntag zum Montag verliert heutzutage unsre Arbeiterjugend nicht nur ihren meist sauer verdienten Lohn, sondern auch ihre beste Kraft, ihre Ideale, ihre Tugend und ihre Keuschheit. Es ist ja auch kein Wunder; es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre. Man überlege nur einmal. Während der Woche, Tag um Tag in regelmäßiger Einförmigkeit in der häßlichen Fabrik, bei oft langweiliger Arbeit, in Schmutz und Schweiß; des Mittags ohne behagliche Ruhe; die Abende der Werktage auf der Straße vor der Thür oder im Hofe des Arbeiterhauses oder in der kleinen engen, oft dürftigen Stube des Logiswirts mit Kindergeschrei und Küchendunst; die Nächte in armseligen Schlafstätten; dabei ein leidlicher Verdienst, ohne Kontrolle, ohne Aufsicht, ohne elterliche Fürsorge und Liebe, kurz ohne den segensvollen Einfluß eines starken Familienverbandes, Jugendkraft in den Gliedern, Jugendlust in Kopf und Herzen — und nun kommt der Sonntag mit seinem Ausschlafen, seinem Ausruhn, seiner Freiheit, die ihnen niemand kürzt, deren rechten Gebrauch sie keiner lehrt: da locken die Töne der Musik; da lachen junge frische Mädchengesichter; da strahlt lichter Glanz; da wölben sich die hohen weiten Hallen des schön gemalten Saales; ja hier ist Ersatz für das häßliche Einerlei der Woche, an einem Abend, in einer Nacht hundertfacher Ersatz für die hundert häßlichen Eindrücke der ganzen Woche! Ist es da wirklich noch verwunderlich, wenn sich die Ungebundenen da hineinstürzen in den herrlichen, entzückenden Strudel, ihre Seelen an ihm berauschen, ihr Bestes in ihm verlieren? Ich klage nicht an, ich entschuldige auch nicht, ich schildre nur, wie es in Wahrheit ist, und erkläre, wie es mit Notwendigkeit so kommen muß.