Ein einziges nur ist allen geblieben: die Achtung und Ehrfurcht vor Jesus Christus. Auch der ausgesprochenste Sozialdemokrat und Glaubenshasser hat sie, ja gerade er mehr als mancher sozialdemokratisch Nichtverpfändete. Wohl macht man sich ein ganz andres Bild von diesem Jesus von Nazareth als bisher; es fehlt ihm in ihren Augen der Glorienschein, den die Kirche ihm um die hohe Stirne gewoben hat; man lächelt über seine von den Theologen ihm „zugemutete“ Göttlichkeit; für sie ist er meist nur noch der große soziale Reformator, der mit religiösen Mitteln, aber vergeblich das goldne Weltalter heraufführen wollte, das auch sie erstreben und, glücklicher als jener, schaffen werden. Aber sie alle halten doch sinnend still vor seiner großen Persönlichkeit.
Siebentes Kapitel
Sittliche Zustände
Die sittlichen Zustände unter meinen Arbeitsgenossen waren noch viel deutlicher als ihre sozialen, politischen und religiösen Gesinnungen das gemeinsame Produkt der alten christlichen Sittlichkeit, neuer, durch diese noch nicht geadelter Lebensordnungen, sozialdemokratischer Lehren und menschlicher Leidenschaften, die nur halbgebändigt natürlich auch in diesen Menschen gären und glühen.
Über den ersten der vier Punkte bedarf es kaum noch eines Wortes näherer Ausführung. Das Sittengesetz des Christentums, das in der geschichtlichen Person Jesu von Nazareth als erfülltes Ideal uns von Gott offenbart ist, seitdem das starke Rückgrat aller christlichen Jugenderziehung, sitzt noch als das beste Stück ihres sittlichen Charakters und ihnen selbst oft unbewußt auch in den Herzen der mir nahegekommenen Arbeiter fest. Es gilt auch ihnen noch als Maßstab und Wertmesser für alle Handlungen und Gedanken, als die unsichtbare letzte Instanz, die Macht des Gewissens, die zwar oft beiseite geschoben, umgangen und zum Schweigen gebracht wird, die aber trotzdem auch in ihren Augen eine unantastbare Autorität und selbstverständliche und natürliche Ordnung ist. Zwar auch diese christlich-sittlichen Begriffe sind ihnen ebenso wie die religiösen Heilswahrheiten unsers Glaubens mehr nur anerzogen, als in ihrer Notwendigkeit und Schönheit erkannt und innerlich angeeignet. Aber hier ist diese Methode viel mehr Notwendigkeit und darum weniger schädlich; sie bleiben daher auch viel mehr als jene den Seelen eingeprägt, als ein niemals wieder ganz verlierbares Eigentum des einzelnen, in der That ein Teil seiner Persönlichkeit; und sie sitzen auch irgendwieweit noch im Herzen, wenn bereits die letzte religiöse Empfindung verflogen ist; aber sie verlieren dann freilich mit dieser ihren stärksten Halt, den immer erneuten Beweis ihrer Notwendigkeit und Wahrheit, ihren mächtigsten Impuls, ihren unmittelbarsten Schwung. Sie erstarren dann oft zu einer nur äußern Schale, hinter der nur wenig und verborgen noch Feuer des sittlichen Lebens glimmt. Aber sie sind doch, auch erstarrt, noch da; sie sind, gewollt oder widerwillig, stärker oder schwächer doch noch maßgebend für die ganze Haltung auch der Fabrikarbeiter und für die sittlichen Zustände, die unter ihnen herrschen, noch der Boden, aus denen diese herauswachsen.
Freilich wie überall nicht ungehindert, in Reinheit und Lauterkeit. Gerade die neuen, ungeordneten, nur durch das Interesse des Stärkern bestimmten sozialen Beziehungen, in die dieser neue Stand der großindustriellen Fabrikarbeiter hineingestellt ist, üben hier einen besonders verhängnisvollen, wenn auch nicht, wie die „Wissenschaft“ der Sozialdemokratie behauptet, den alleinigen Einfluß aus. Man denke nur einen Moment an die Einkommens- und Wohnungsverhältnisse, wie sie im zweiten Kapitel angedeutet sind: sie machen es in den meisten Fällen den Durchschnittsmenschen auch beim besten Willen unmöglich, das alte schöne sogenannte christliche Familienideal zu verwirklichen, von dem man auf den Kanzeln so gern predigt. Man denke weiter an die elf- bis zwölfstündige Arbeit in der tosenden, schwülen Fabrik; wie schwer läßt sich darauf der evangelische Gedanke vom Berufe, den wir so oft verkündigen, anwenden! Wie soll sie dem Menschen innere Befriedigung und Freude gewähren und das Mittel werden, durch das sich seine Persönlichkeit zu entfalten und als ein geschlossenes, harmonisches, zweckbewußtes, lebens- und strebensvolles Ganze auszugestalten vermag? Man denke daran, wie die durch die Sorge um das Brot notwendige alltägliche lange Abwesenheit oft beider Eltern von daheim und dafür die Anwesenheit fremder selbst ungezogener und ungehobelter junger Menschen eine auch nur einigermaßen geregelte Erziehung der Kinder vereitelt. Man denke weiter auch daran, daß die unverhältnismäßig günstigen Löhnungsverhältnisse der unbeaufsichtigten Jugend notwendig zu dem Leichtsinn, der Roheit und der Verschwendungssucht führen müssen, die man unter ihnen in erstaunlichem Umfange verbreitet findet. Aber es ist nicht nötig, an dieser Stelle weitere Beispiele zum Beweise anzuführen. All das ist schon oft und objektiv genug von andern aufgezählt worden. Hier gilt es nur nochmals zu betonen, daß sie alle zu einem bedeutenden Teile die Folgen der anarchischen wirtschaftlichen Zustände sind, die der großindustrielle Fabrikbetrieb in seiner Verachtung sittlicher Rücksichten und Werte unter den Arbeitern gezeitigt hat.
Und diese Folgen mußten für den sittlichen Charakter der Leute um so verhängnisvoller sein, als in dem Maße, wie sie sich zeigten, zugleich auch die religiösen Fähigkeiten unter ihnen schwanden, die seine beste Stütze sind, und dafür die Lehrsätze der Sozialdemokratie in Wirksamkeit traten, die seinen Verfall beschleunigen.
Wir wissen, daß die Sozialdemokratie eine neue widerchristliche Weltanschauung hat. Sie hat dementsprechend auch eine andre, widerchristliche, wenn überhaupt eine Sittlichkeit. Nach ihr ist, wie schon oben angedeutet wurde, der Begriff der Sittlichkeit nur ein andrer Ausdruck für denjenigen der herrschenden Sitte. Diese aber wird wieder ausschließlich geschaffen durch die jeweiligen wirtschaftlichen Zustände, innerhalb deren sich eine Volksschicht befindet. Jede Schicht hat ihre eigne Sittlichkeit, die mit dem wirtschaftlichen Niveau wechselt. Es giebt also keine ewig giltigen, in den Menschen von oben eingepflanzten Sittengesetze. Man kennt darum auch keine Sittlichkeit um Gottes und des innern Gewissens, sondern nur um dieser materiellen Zustände, also um des irdischen Vorteils willen. Die Sozialdemokratie fordert freilich theoretisch für und von jedem einzelnen die Verwirklichung dieser „Sittlichkeit“ mit Rücksicht auf das Befinden des andern, aber auch dies nur wieder um des eignen Vorteils willen, der verloren ginge, wenn der Bogen zu straff gespannt und das Behagen des einen mit dem des andern bezahlt würde. Dann würde dieser gereizt auch dem des andern ein schnelles Ende machen. So soll das Nützliche, nicht das Gute nach der Lehre der Sozialdemokratie das treibende Motiv aller sittlichen Handlungen sein. Der Egoismus ist, ganz parallel zu dem Geiste der Wirtschaftslehre des Manchestertums, auch von der Sozialdemokratie, nur in andrer Gestalt und andrer Begründung, als der Gott proklamiert, der alles regiert. Daß diese Grundsätze auf den durch ein mangelhaftes religiöses Bewußtsein und durch die soziale Unordnung an sich schon geschwächten sittlichen Charakter der Arbeiter neue schlimme Wirkungen üben müssen, ist selbstverständlich. Diese Wirkungen werden auch nicht verringert durch die Thatsache, daß diese philosophisch-ethischen Lehrsätze der „wissenschaftlichen“ Sozialdemokratie nur von wenigen Arbeitern klar erkannt sind. Wenn sie sie auch nicht als Lehrsätze deutlich verstehen, umweht sie doch ihr Geist als die neue Atmosphäre, die sie seit den Erfolgen der sozialdemokratischen Agitation umgiebt, und der sie nicht entgehn können, wie sie der natürlichen Luft nicht entgehn können, die sie atmen müssen. Und eben in dieser Agitation selbst ist ihnen das beste Beispiel der Verwertung dieses neuen Geistes gegeben. Es ist der Geist der absoluten Gewissenslosigkeit, der ihr entströmt, und dem alle Mittel und Wege genehm sind, wenn sie der Parteisache nicht schädlich werden können; es ist der Geist der ungebändigten Leidenschaftlichkeit, der auch bei andern diese selben elementaren Leidenschaften des Hasses, der Verbitterung, der Verleumdung, der Vergewaltigung weckt, wenn nur ein Vorteil für die Partei erreicht wird; es ist direkt auch der Geist der bewußten, überlegten Fälschung, der mit klarem Blick und kaltem Blute herrschende Mißstände, also Ausnahmezustände, aus parteiagitatorischem Interesse als ideale Ansätze neuer sozialer Bildungen erklärt, sie theoretisch vervollständigt und ausbaut und wieder als neue treibende Prinzipien mit verstärkter Wirkung in das öffentliche Leben hineinwirft, und es so erreicht, daß jene Übelstände immer größer, daß die Ausnahmezustände chronisch, und dadurch die christlich-sittliche Gesinnung der beteiligten Arbeitermassen immer schwächer und widerstandsunkräftiger wird. Ich erinnere hier nur an ihre Lehre von der Ehe und ihr Schlagwort gegen das Sparen.
Freilich, auch eine Reihe idealer Kräfte weckt diese Agitation in der Seele des Volkes: die Begeisterung für ein neues, weites Bildungsziel, das Streben nach der Erhebung aus einer ewig stagnierenden wirtschaftlichen Lage, den Glauben an eine hohe, wirtschaftliche und politische Mission des vierten Standes und das allerdings überspannte Bewußtsein von dem Berufe einer internationalen Verbrüderung aller Völker über die Grenzen des eignen Landes hinaus. Aber auch diese idealen Kräfte verlieren durch den Charakter, mit dem sie zur Geltung gebracht werden, zum großen Teil den guten erziehlichen Einfluß, den sie in der That haben könnten, weil auch sie in den Dienst jener Nützlichkeitsmoral gestellt und von jener Agitation mißbraucht und entwürdigt werden, die nichts kennt, als das Interesse der Klasse und der Partei.
Und nun füge man zu dem allen noch die tausend verschiedenen Charaktere, die von Natur auch in der Arbeiterschaft, ja hier ursprünglicher als in andern Bevölkerungsschichten, weil hier weniger durch gesellschaftliche Schranken gehemmt, ausgeprägt sind, die Dutzende guter und schlechter Eigenschaften, die ihren Trägern angeboren sind, die mancherlei Neigungen und Hoffnungen, die dem einzelnen sein Lebensgang geweckt hat, die Leidenschaften, die auch in ihm gären und aus seinem Herzen oft mit rücksichtsloser Gewalt hervorbrechen, kurz, man nehme die Menschen, wie sie von Natur sind, mit ihren Sünden und Sorgen, ihren Wünschen und Vorsätzen, alle verschieden, jeder ein Unikum, und mische das alles mit den Wirkungen jenes höhern christlichen Sittengesetzes, das in ihrer Jugend in ihre Seelen gesenkt ward, jener oft erbärmlichen sozialen Zustände, unter deren Druck sie seufzen, jener wundersamen sozialdemokratischen Lehren, die wie die Luft sie umgeben, so wird das Produkt von dem allen ein ungefähres Bild der sittlichen Zustände geben, die in Wahrheit in der von mir beobachteten Arbeiterschaft herrschen. Sie sind wie überall ein Durcheinander von Gutem und Schlechtem, eine tragische Vereinigung von fremder und eigner Schuld. Und stets spiegeln sie sich in den Tausenden von Einzelpersönlichkeiten in tausend immer verschiedenen Schattierungen wieder. Es ist darum thöricht, wie es manchmal geschieht, zu meinen, eine Darstellung dieses sittlichen Charakters der Arbeiter durch Anführung einzelner besonders hervorstechender Züge geben zu können. Es gehört ein langes Studium, ein feines psychologisches Urteil und ein mit den Arbeitersorgen zusammenschlagendes Herz dazu, um die Tiefe ihrer Seelen, ihren ganzen sittlichen Charakter recht verstehn und schildern zu können. Auch ich maße mir nicht an, auf Grund meiner nur dreimonatlichen Beobachtungen dies leisten zu können. Ich vermag nur einige Gesichtspunkte zu geben, die mir besonders deutlich an ihnen geworden sind, und die zu einem ganzen Bilde zu vervollständigen ich spätern Arbeiten überlasse.