Ja, man muß auf seinen Glauben etwas halten, bestätigte ich.

Meinen Glauben habe ich für mich, verbesserte er. Was im ganzen Alten Testament steht, daran glaube ich nicht. Auch nicht an die Geschichte von der Schöpfung der Welt. Und im Neuen glaube ich auch nicht alles. Nur was von Gott und dem Heiland drin steht, mag ja etwa wahr sein.

Auch zwei Katholiken waren unter dieser Kategorie. Der eine war ein Deutschösterreicher, hatte in Böhmen sein Geschäft verloren und war seit anderthalb Jahren in Chemnitz und in unsrer Fabrik, erst als Handarbeiter, nun als Bohrer. Da er keine Geschäftssorgen mehr und auch keine Kinder hatte, auch seine Frau noch mitverdiente, war er immer guter Laune. Auch der Mann hatte unser langes Gespräch am Rundsägegatter meist schweigend mit angehört. Nur einmal hatte er ausdrücklich einer spöttischen Bemerkung des einen meiner damaligen Widerparts zugestimmt. Kurz vor meinem Fortgang aus der Fabrik kam ich nochmals mit ihm allein auf religiöse Dinge zu sprechen. Da redete er nun ganz anders. Da hörte ich, daß er mit seiner Frau nicht zu selten in die Kirche ging. Das letzte Jahr war er viermal drin gewesen — natürlich in einer evangelischen, wie er mir stolz versicherte. Das war in der That schon viel für die dortigen Verhältnisse. Er lobte die evangelische Predigt sehr, namentlich die Trauungen, wo eine so schöne „Lehre“ dabei sei. Er glaube nicht mehr an die Heiligen, die Mutter Maria u. s. w., aber noch an Gott und Christus.

Zweifelhafter an Charakter und religiöser Gesinnung war sein Glaubensgenosse. Er war schon in die Fünfzig und kinderloser Witwer, ging aber wieder auf Freiersfüßen, was ihn jedoch nicht abhielt, sich, wo es ihm geboten ward, mit andern Mädchen aufs intimste abzugeben. Er war lange Zeit Bote des Vereins für innere und äußere Mission eines sächsischen Superintendenten gewesen und ging, wie er sagte, aller drei bis vier Wochen einmal zur Kirche. Aber niemandem sagen! fügte er dazu. Sonst geht es mir schlecht hier.

Ebenso wars noch mit einem jungen, etwa dreißigjährigen Hamburger. Auch er hatte mir früher — freilich beiläufig — wenig Schmeichelhaftes über Kirche und Christentum gesagt. Und auch er redete in der letzten Zeit meiner Fabrikzeit, wo er mich kannte, ganz anders:

Sieh, ich bin draußen ein andrer als in der Fabrik, sagte er einmal ganz unaufgefordert. Ich glaube an Vater, Sohn und heiligen Geist und auch an Wunder; denn ich habe selbst welche erlebt. Wenn ich Sonntags nichts zu thun habe, gehe ich mit meiner Frau in die Kirche. Hier drin in der Fabrik darf man aber davon nichts merken lassen.

Ich weiß nicht, ob das seine innerste Überzeugung war. Er nahm das Leben sehr leicht und oberflächlich, war übrigens ein hübscher Kerl und stand sehr unter dem Regiment seiner gleichaltrigen, ebenso tüchtigen und energischen als eifersüchtigen Frau. Ich traute ihm nicht. Er hatte mir geradezu einmal gesagt, daß er es darauf anlegte, daß die Leute nicht aus ihm klug würden. Das wäre das allerbeste. Einmal beteuerte er, daß er nicht Sozialdemokrat wäre, und dann wieder einmal, daß er aus unserm sozialdemokratischen Wahlverein austreten wollte.

Als ich ihm auf sein obiges Bekenntnis bedeutete, wenn das wirklich seine Überzeugung und sein Christentum wäre, so dürfte er es auch nicht verleugnen, sondern müßte es frei und offen bekennen, sah er mich ganz erstaunt und verständnislos an.

Aber nun genug dieser trüben Bilder, die ich wohl leicht noch durch manche andre vermehren könnte. Doch ich glaube, mein Beweis ist auch durch diese schon schlagend geführt. Und es ist in der That kein Ausweg übrig, wir müssen nach alledem anerkennen, daß der materialistisch-sozialdemokratische Einfluß nirgends so gründlich mit den überkommenen Anschauungen und Empfindungen der Arbeiter aufgeräumt hat, als auf dem religiösen Gebiete. Die alten Gebilde und Denkformen, in die der Glaube des Christentums bisher gefaßt und geprägt war, sind in der Masse der großindustriellen Fabrikarbeiter für immer zerstört. Und mit den Gefäßen ist für viele von ihnen heute auch der Geist zerbrochen, der sie erfüllte, und der allein das Wesentliche, das Wertvolle, die Wahrheit ist. Nun wächst eine Welt ohne Gott da unten herauf, zieht ihre immer größern Kreise, zwingt die noch Ringenden, Zagenden, Schwankenden, die im Grunde nichts wissen wollen von den öden Glaubenslehren der materialistischen Weltanschauung, immer von neuem in ihren eisigen Bann. Von der eignen Kirche ohne Hilfe, ohne Aufklärung, ohne Führung und Stärkung gelassen und von der Atmosphäre sozialistischer Ideen unentrinnbar umgeben, sterben sie alle einen langsamen, oft qualvollen geistigen Tod.