Ich glaube nur an ein höheres Wesen und eine Fügung. Ich bete auch immer noch, wie ich es als Kind gelernt habe, und könnte abends, ohne das Vaterunser gebetet zu haben, gar nicht einschlafen, wenn ich auch weiß, daß es nichts hilft. Sonst glaube ich nichts mehr, an ein ewiges Leben nun gar nicht; und Christus war ebenso einer wie die „Sozialschen.“ Aber zum Pastor gehe ich schon lange nicht mehr in die Kirche. Denn was der mir sagt, weiß ich längst aus der Schule und Konfirmation.

Diese zwei zuletzt erwähnten gehören nun wieder einer besonders gefärbten Gruppe an. Nicht allzu zahlreich, sind sie mit die gesundesten und thatkräftigsten Naturen von allen. Auch sie, die sich fast alle aus ländlichen Kreisen rekrutieren, sind ebensowenig wie alle andern von jener Krisis verschont geblieben, die alle in ihre Strudel reißt. Aber da sie weder die alte noch die neue Bildung, weder der alte noch der neue Glaube zu befriedigen vermochte, sie aber doch etwas derartiges haben mußten, so haben sie sich ihre eigne Bildung, ihr eignes bißchen Philosophie zurecht gemacht, die nun freilich oft wunderlichster Art ist, ein Gemisch von Altem und Neuem, mit viel persönlich bestimmter Kritik und Beweisführung durchsetzt, aber auch noch mit manchen Resten aus der Vergangenheit ausgestattet. Natürlich standen und stehen auch sie unter dem Einfluß der sozialdemokratischen Genossen, vor denen ihre Überzeugungen und Gründe meist nicht Stich genug zu halten pflegen. Darum bekennen sie auch nicht gleich Farbe, verhalten sich durchschnittlich zurückhaltend und stoßen ab und an mit der Sozialdemokratie in ein Horn, um sich nicht deren Spott und Hohn auszusetzen, gegenüber dem auch sie waffen- und wehrlos sind. Darum gehen sie auch gewöhnlich nur vor demjenigen aus sich heraus, zu dem sie als einem gleich oder doch ähnlich gesinnten Vertrauen gefaßt haben. Und auch dann sprechen sie sich am liebsten nur unter vier Augen aus. Aber auch ihnen fehlt jedes Leben und alle Wärme des Glaubens, das Bewußtsein davon, daß das Christentum eine Kraft, ein innerer Frieden, eine wahrhaftige unirdische und überirdische Seligkeit ist. Auch ihnen ist, was sie davon noch gerettet haben, ein Stück bloßer Verstandesbildung, nur ein Stück Wissen und alter Sitte.

Ach, die verfluchten Pfaffen, sagte einmal so einer plötzlich zu mir, als ich ihn fragte, ob sie eine Kirche in ihrer Vorstadt hätten.

Wie so?

Das sind ja alles große Heuchler, größere wie wir alle. Von denen lasse ich mir nichts mehr sagen.

Das erstere können Sie wohl kaum beweisen, und was das letztere betrifft, so haben die Leute doch mehr gelernt als alle in der Fabrik. Das wäre also auch nicht so schlimm. Lernen kann und soll man doch von jedem.

Da sah mich der Mann rasch, überrascht an. Und als er sah, wes Geistes Kind ich war, lenkte er ein. Zwar auf die Pfaffen im allgemeinen blieb er wütend. Nur von einem redete er dann lange freundlich und gut, von dem bekannten Achtundvierziger, Pastor Würkert in Zschopau, der ihn dort konfirmiert hatte.

Jetzt ist es mir freilich viel lieber, sonntags ein gutes Buch zu lesen, als in die Kirche zu gehn. Da habe ich mehr davon. Aber auch wenn ichs wollte, käme ich kaum dazu. Ich habe gar nicht einmal die Zeit. Denn da muß ich meiner Frau das Mittagsessen für unsre vielen Schlafleuten mit machen helfen. Übrigens war ich voriges Jahr zu unsrer silbernen Hochzeit zum heiligen Abendmahl mit meiner Frau.

Das klingt ja ganz anders als vorhin, warf ich dazwischen.

Ja wie die richtigen Sozialisten mache ich es auch nicht, die beim Begräbnis den Sarg in das Grab herunterlassen und dann stracks davon rennen. Ich höre mir die Rede vom Geistlichen ruhig mit an und mache mir eine Lehre daraus. Auch das ist nicht recht, wenn die Sozialisten zum Austritt aus der Kirche drängen. Ich bin getauft, dabei bleibe ich.