Sei du nur stille. Du bist freilich ein halber Teufel, gerade wie ein Stück Vieh, das sein bißchen Fressen hineinschüttet und schläft und damit zufrieden ist.
Aber so schlimm war es nun wirklich nicht. Auch er war vielmehr ein Typus, für eine andre freilich kleine Gruppe ehemaliger Landarbeiter, die auch jetzt noch in den nahen Dörfern ihren Wohnsitz hatten. Er erklärte mir später, zwar was die Pastoren redeten, wäre meistenteils Quatsch, aber er ginge doch auch in die Kirche, ja sogar ein „hübsch paarmal.“ Bloß die letzte Zeit hätte er lange ausgesetzt, weil er keinen ordentlichen Anzug hätte. Hier zeigt sich ein andrer katholischer Zug des bisherigen kirchlichen Lebens, der sich namentlich auf dem Lande findet: daß man in die Kirche geht, ohne eine innere Anteilnahme dazu für nötig zu finden. Der bloße Gang, diese schuldige Visite bei dem lieben Gott, ist ein gutes Werk und genügt. Das übrige besorgt schon dieser liebe Gott und diese Kirche durch den Pastor, der dazu angestellt und bezahlt ist, heilig und fromm zu sein.
Sonst war natürlich der Kirchenbesuch von Leuten aus der Fabrik minimal. Der echte Sozialdemokrat, das heißt, der es wirklich war oder doch als solcher gelten wollte, ging selbstverständlich niemals in eine Kirche; aber formell aus ihr ausgetreten waren doch auch wieder nur wenige. Jener Monteur, der über Luther so absprechend geurteilt hatte, war wohl der einzige, wenn ich mich recht entsinne. Er machte sich mir gegenüber wenigstens über die Schwächlichkeit und die Kraftlosigkeit der Kirchgemeinden lustig. Die wären so ohne Leben, daß der Pfaffe dem, der öffentlich austräte, noch wegen seiner Überzeugungstreue ein Kompliment machte. Die andern, die drin blieben, hätten überhaupt gar keine Überzeugung mehr und wären die Gleichgiltigkeit selbst. Hatte er da wirklich so unrecht? Zeugt nicht das wieder für das, was uns fehlt, was wir haben müssen: lebendige kraftvolle christliche Gemeinden?
Aber auch von jenen armen Zweiflern, Abhängigen, Halben, die noch haltlos und hilflos, zweifelnd und seufzend, willenlos zwischen den beiden Weltanschauungen hin und her geworfen wurden, bei denen also noch am meisten Sehnsucht nach religiöser Aufklärung und Befriedigung vorhanden war, gingen nur wenige und ganz selten einmal in die Kirche, dagegen um so öfter auf den Kirchhof, an ihre Gräber, um hier zu trauern und zu zagen. Jener vielerwähnte Handarbeiter zum Beispiel hatte, wie er mir sagte, die Kirche seit fünf Jahren nur einmal betreten, während er früher in seiner Heimat Sonntag für Sonntag hineingegangen sei. Aber das war nun alles vergessen, und nun besann man sich des Sonntags gar nicht mehr auf sie. Das ganze heutige sonntägliche soziale Leben der Bewohner einer Fabrikarbeitervorstadt ist eben gar nicht mehr darauf zugeschnitten, auch wenn man, wie in Sachsen schon lange fast durchgängig, wirkliche Ruhe von der Arbeit, sogenannte Sonntagsruhe hatte. Das trat aus eines andern Äußerung besonders deutlich hervor.
Er war ebenfalls vom Lande, oder besser aus dem „Gebärg,“ in eine der Vorstädte und unsre Fabrik hereingekommen. Er war ebenfalls einer der wenigen, die über ihren Pastor nicht direkt schnauzten, wenn er ihn auch nicht gerade als einen besondern Liebling verehrte. Er sagte in aller Ruhe:
Früher, in unserm Dorfe, gingen wir immer in die Kirche. Da war es eine Schande, wer es nicht that. Aber seit ich hierher gezogen bin, komme ich fast nie mehr hinein. Hier ist es nicht Mode, und da spielen wir sonntags vormittags lieber einen tüchtigen Skat.
Würde das — es ist das ein Bild aus einer Gesamterscheinung — möglich sein, wenn das kirchliche Leben auf dem Lande wirklich rege, die Predigt wirklich modern und kraftvoll wäre? Dann müßte die Sehnsucht nach der Kirche und nach Gottes Wort solche Herzen auch in ihren neuen weniger günstigen Wohnorten unwiderstehlich in die Kirche ziehen. Aber über die Kirche ist man eben längst hinaus, auch die, die noch Bruchstücke von ihren Lehren sich bewahrt haben, weil man in ihr meist nur die gleichartige Schwester der Schule, aber nicht das Heiligtum gefunden hat, aus dem der Mensch, auch der Fabrikarbeiter, immer wieder seinen Frieden, sein Glück, seine Kraft für das harte Leben der Woche holt.
So äußerte sich ein Dreher, ein heitrer, freilich etwas kalter, aber sonst selbständig und verständig urteilender Mann:
Ich gehe fast nie mehr in die Kirche, das haben wir ja alles schon in der Schule genug gehabt. Aber sie muß sein; sonst wäre der Teufel vollends los. Das gefällt mir auch an der Sozialdemokratie nicht, daß sie gegen die Kirche so räsonniert. Auch meinem Schwiegervater nicht. Die meisten Pfaffen sagen es doch den Großen ebensogut wie uns. Er kann es doch nicht ändern, wenn niemand auf ihn hört.
Ein Stückchen Wahrheit liegt auch darin. Ebenso ein andrer, ein echter Sohn des Dorfes: