Ein andermal, eines Abends in einer ganz kleinen aber gemütlichen Kneipe, erzählte er mir folgende für seine innere Verfassung unendlich bezeichnende Geschichte mit vollstem, bitterstem Ernste:

Weißt du, wie unser Kind gestorben war, kam gleich der Diakonus zu uns und wollte uns trösten. Wir sollten vor allem Gott um Kraft und Trost bitten, meinte er. „Das haben wir auch während der ganzen Krankheit gethan, und es hat doch nichts geholfen; sie ist doch gestorben,“ antwortete meine Frau. Und weißt du, was er darauf sagte? „Sie haben aber doch gebetet: Vater dein, nicht mein Wille geschehe!“ Siehst du, die Leute haben doch immer eine Ausrede!

Dann traf ich ihn, es war gleich in den ersten Tagen meiner Fabrikzeit, und wir machten eben eine schmierig gewordene große Hobelmaschine rein, wieder einmal in eifrigem Gespräch mit vier andern, alle von seiner Natur, wie er im Zweifeln und Kämpfen. Ich hatte erst nicht auf ihr Gerede geachtet und kniete am Boden, um Hobelspäne zusammenzulesen. Da sagte plötzlich ganz laut und ganz energisch der eine:

Nein, nein, ich lasse es mir nicht nehmen, ein höheres Wesen giebt es.

Es war jener einzige in der ganzen Fabrik, der ein überzeugtes Christentum noch offen und ehrlich bekannte, der mir dann, ein moderner Märtyrer, sagte, daß er darum von allen in den ersten Jahren seiner Anwesenheit in der Fabrik viel verspottet worden wäre und viel zu leiden gehabt hätte, den man aber jetzt als unverbesserlich aufgegeben hatte und ruhig, ohne unfreundlich gegen ihn zu sein, seine Wege gehn und seines Glaubens leben ließ.

Als ich ihn jenes Nein, nein sagen hörte, sah ich natürlich überrascht vom Boden auf. Und sofort bemerkten sie mein Erstaunen, und nun erklärte ein dritter:

Die beiden haben oft solchen Diskur (d. i. Gespräch) mit einander. Und ich höre auch ganz gern zu. Ich habe auch ein Kind verloren und mache mir so meine Gedanken. Ist der Glaube wirklich bloß eine Einbildung, wie die meisten andern sagen? Oder ist das nicht bloß Profession von den Geistlichen, wenn sie so predigen und reden? Warum thut Gott heute keine Wunder mehr? Warum läßt er so viel Unglück in der Welt zu? Warum geht es so vielen Guten schlecht?...

Ja, und wenn es mir schlecht geht — nun, da haue ich eben alles hin, fügte wieder einer hinzu. Der fünfte aber rief dazwischen hinein:

Wollt ihr noch nicht bald mit dem Zeuge aufhören!

Aber der „Bekenner,“ der den andern so gut und so schlecht, als seinem selbst unklaren und natürlich ganz nach der alten Schablone zugeschnittenen Glauben möglich war, Antwort zu geben versuchte und in diesem Falle die andern auf seiner Seite und sich also einmal als der stärkere, überlegenere wußte, brachte ihn schnell zum Schweigen: