Eine neue Bestätigung dafür ist die gleich freundliche Haltung eines andern stark und zudem selbstbewußt sozialdemokratisch beeinflußten Mannes in den besten Jahren über denselben Diakonus. Er fluchte zwar mitunter wie selten einer, beteuerte aber auch ernsthaft und nachdrücklich, daß er fest glaubte, „daß es etwas Göttliches auf Erden gäbe,“ und hatte eine unsäglich niedrige Meinung vom Katholizismus. Sehr erklärlich, da er ein in Deutschland naturalisierter Deutschböhme war, also den Katholizismus in dessen Heimat kennen gelernt hatte. Er würde darum niemals eine Frau heiraten, die katholisch wäre; denn diese stünden alle unter dem Willen und Machtgebot des Pfaffen. Dagegen war es ebenso bezeichnend, daß ich bei Einheimischen nicht die geringste Spur eines Verständnisses auch nur für den Unterschied zwischen den Konfessionen, geschweige für einen Vorzug der eignen vor der fremden fand.
Noch ein halbwegs freundliches Urteil über die Pfaffen möchte ich an dieser Stelle registrieren, um alle die wenigen freundlichen kleinen Bilder zu sammeln, die doch zwischen den vielen großen düstern und ernsten sich ab und an fanden. Da war ein Bohrer aus einem Nachbardorfe, der wie berichtet als Freiberger Jäger schon den Feldzug von 1870/71 mitgemacht hatte und mir viel und stolz und anregend davon erzählte. Er meinte einmal:
Man soll den Pastoren ihren Glauben lassen. Sie haben einmal darauf studiert; und das kann nicht jeder.
Man versteht auch diese so unendlich bezeichnende Bemerkung. Für den Mann, der ebenfalls vom Dorfe stammte, war die Religion wieder nur ein logisch aufgebautes Gedankengebäude, dessen man sich durch Verstandesarbeit, durch wissenschaftliches Studium bemächtigen müßte, und das für ihn selbst zu hoch, zu schwierig, zu unfaßbar war, — die alte rein katholisch-mittelalterliche Stellung zu den Mysterien der aus der Verbindung mit dem Neuplatonismus erwachsenen dogmatischen Spekulationen. Die Folge war, daß der aufrichtig gute Kerl, ursprünglich deutlich religiös angelegt und gestimmt, nun innerlich verwaist und vereinsamt war, zumal da er obendrein noch sichtlich unter dem Drucke des sozialdemokratischen Terrorismus stand. Denn es war weiter bezeichnend, was er sofort jener obigen Bemerkung hinzufügte:
Aber wir wollen davon nicht weiter reden; denn so etwas darf man in der Fabrik nicht laut sagen!
Ich bin hier an der Stelle, um nun die innere Verfassung auch der Gruppe meiner Arbeitsgenossen noch genauer zu schildern, die eben unter dem dämonischen Einfluß jener sozialdemokratischen Fanatiker noch mitten in der verhängnisvollen Krisis des Übergangs von der alten Bildung und den antiquierten Glaubensformen in die neue, für sie gleich lückenhafte, modern sozialdemokratische Halbbildung und Glaubenslosigkeit mit allen Zweifeln und ihrer Haltlosigkeit standen. Das kam, wie gesagt, namentlich bei wirklich mit religiösen Bedürfnissen ausgestatteten Naturen oft zu ergreifendem Ausdruck. Ich erinnere an den Handarbeiter, den ich schon mehrmals erwähnte. Er stand, von Anlage eine ziemlich kritische Natur, seit dem Tode seines zärtlich geliebten Kindes in ewigem innern Ringen, Suchen und Sehnen, aber trotzdem so sehr unter dem Banne der für ihn einfach schlagenden Argumente der glaubenslosen sozialdemokratischen Agitation, daß er nach jedem Ansatz in hoffnungsloses Verzweifeln zurückfiel. Es war nicht damals nur am Schlusse jenes langen Gesprächs vor meinem Rundsägegatter, daß er bei mir Gewißheit, aber ganz feste Gewißheit suchte. So traf ich ihn einmal sonntags auf dem Friedhof unsers Ortes am Grabe seines Kindes zusammen mit seiner Frau, die seine Zweifel und seine Hoffnungslosigkeit teilte. Da mußte ich ihnen abermals von meinem Glauben, meiner Auferstehungsgewißheit reden, auch hier wieder vergebens. Denn einige Tage nachher sagte er mir einmal ganz plötzlich und unvermittelt — es war beim gemeinsamen, mühsamen Einschmirgeln zweier großer Platten —:
Du, mit deinem Glauben ist es doch nichts. Gestern abend war ich wieder auf dem Gottesacker und traf zwei Frauen. Die hatten auch nicht viel Hoffnung wegen des Wiedersehens. Sie meinten auch, wo denn die vielen Millionen Toten hin sollten, wenn sie alle ewiges Leben hätten.
Ich versuchte abermals, diesen im Volke weit verbreiteten Gedanken, der auch so eine Frucht des alten falschen, verstandesmäßigen Glaubens ist, zu widerlegen. Ich machte ihn auf den Glauben an die Allmacht unsers Gottes aufmerksam, und daß wir darüber gar nicht grübeln könnten, und grübeln sollten, weil wir doch auf diesem Wege zu keinem Ziele und niemals zum Glauben kämen; daß wir uns nur an Gottes Liebe zu halten brauchten, deren wir aus Jesu Christi ganzer Person unerschütterlich gewiß würden.
Aber er auch da wieder:
Ja, es muß schön sein, wers glauben, ganz gewiß glauben kann, für Leben und Sterben schön. Aber wers nicht glaubt, ist doch auch nicht gerade ein Sünder. Es ist ja alles gleich, ebenso wie im Grunde auch die Katholiken, die Juden und Türken nichts andres glauben. Und davon ließ er sich nicht abbringen.