Das beweist auch folgende andre Geschichte eines unsrer Packer. Ich und alle hatten den Mann besonders gern; er war bereits Großvater, hatte aber auch noch unerwachsene Kinder, die er sehr liebte, plagte sich auch mit seiner Frau ehrlich für sie und war immer nüchtern, schlicht und heiter. Er erzählte mir:

Ich komme nie mehr zu einem Geistlichen in die Kirche. Meine Jüngste — sie ist acht Jahre alt — bettelt mich zwar immer darum. Aber ich gehe nicht. Ich glaube ja an einen Gott, der für uns sorgt; ich fluche auch nicht und dulde nicht, daß andre es thun; ich halte auch Frau und Kinder zur Kirche an, aber ich gehe nicht. Ich mag mich von den Kerlen nicht veralbern lassen.

Wieso veralbern lassen?

Ja, ich ging früher vor vielen Jahren auch in die Kirche. Aber da sah ich einmal eines Sonntags früh — er stammte auch aus einem Dorf in der Nähe von Chemnitz — unsern alten Pastor von der Jagd heimkommen, Sonntags früh, eine halbe Stunde vor dem Gottesdienste! Da wars aus bei mir. Ich kehrte auf der Stelle um und war niemals wieder in einer Kirche. Veralbern lasse ich mich noch lange nicht.

Und noch eine derartige muß ich erzählen. Sie ist die traurigste von allen, in Wirklichkeit glücklicherweise eine Seltenheit. Ein etwa dreißigjähriger Schlosser, einer der Lustigmacher unter uns, der sich sonst nichts um politische und soziale Dinge kümmerte, erzählte sie mir:

In unserm Dorfe — ich bin aus dem „Gebärg“ (d. h. aus dem armen Erzgebirge) — trieb es der Pastor mit den Frauen im Dorfe und war obendrein ein Säufer, der sogar das mühsam zusammengebrachte Geld für ein neues Leichentuch der Gemeinde versoff. Er wurde allerdings dann seines Amtes entsetzt, aber seitdem bin ich auf alle die schwarzen Halunken wütend. Ich gebe ja zu, ein höheres Wesen mag existieren, und Religion mag auch immer gelehrt werden. Und wenn einem Pastor nichts nachgesagt werden kann, so lange muß man ja ruhig sein, so lange ist er eben ein angesehner Mann. Im übrigen aber glauben die Kerle doch selbst nicht, was sie reden. Das ist nun einmal so ihr Beruf, wovon sie leben. Da kann man es ihnen auch nicht verdenken, wenn sie einfach reden, was im Buche steht.

Ein andrer, schon ein alter Knabe, nur ein sehr unklarer Kopf, total abhängiger Sozialdemokrat und sehr unbeholfen, schimpfte einmal:

Die Pastoren sind wie die Advokaten; sie fressen alles auf, wo sie es herkriegen können. Aber jetzt sind die Leute nicht mehr so dumm wie früher und geben alles her.

Der Mann dachte wohl ebenfalls an das gute, bequeme, arbeitslose Leben, das nach ihrem Eindruck ein Pfarrer führt, und an die Geschenke, die früher vor allem die Landleute ihm zu machen pflegten, dann aber, wie ich aus Andeutungen merkte, ebenso sehr auch an die Stolgebühren, die dem Pfarrer ehemals auch in Sachsen als ein Hauptteil seines Einkommens direkt zuflossen, die aber hier glücklicherweise fast seit zwei Jahrzehnten abgelöst sind. Trotzdem ist das ganze Urteil dieses Mannes ein Zeichen dafür, wie tief das Bewußtsein von der sozialen Ungehörigkeit dieser Einrichtung noch in den ältern Bestandteilen dieses Volkes lebt. Ja, dies geht heute noch weiter: es empfindet überhaupt die Verschiedenheit der Taxen für kirchliche Gebühren und dementsprechend der kirchlichen Leistungen durch den Pfarrer als eine soziale Ungerechtigkeit. So klagte einmal einer, ein noch jung Verheirateter, dessen politische und religiöse Gesinnung ich sonst nicht näher kennen lernen konnte, direkt, daß die Geistlichen den Reichen, die es bezahlen könnten, viel schönere Taufen, Trauungen, vor allem aber Begräbnisfeierlichkeiten hielten, als den unvermögenden Arbeitern. Der Mann war obendrein verständiger als jener eben Geschilderte. Er machte wenigstens den Pastor nicht dafür verantwortlich. Vielmehr traf ich bei ihm eine überaus günstige Meinung über den Diakonus, der unser Vorstadtdorf pastorierte, an. Er wäre sehr gut und mitleidig und käme fleißig zu ihnen armen Leuten. Dies Urteil über den Diakonus fand ich noch öfter — aber immer galt er als Ausnahme, galt diese gute Meinung nicht dem Pastor, geschweige dem geistlichen Amte, sondern allein seiner Person, ein neues gewichtiges Zeichen dafür, welchen Weg allein der Seelsorger zu gehn hat, um diesen Leuten etwas zu zeigen von dem Adel, der Schönheit und dem Werte unsers Christenglaubens: den der aufrichtigen, herzlichen, opferfreudigen, durch und durch wahren Hingabe einer ganzen offenen, ehrlichen, volkstümlichen Persönlichkeit in einem anspruchslosen, unaufdringlichen Verkehr.