Ihr wolltet zu mir, ohne mich zu kennen. Was Euch der
Gesandtschaftssekretär zu Gefallen tun sollte, wird Euch nun der
Freund umso williger tun, falls es in seiner Macht steht.
Andrea errötete. Zum ersten Male empfand er jetzt alles Demütigende der Maske, die er trug, einem freien Manne gegenüber, der ihm nach einer flüchtigen Begegnung vor mehreren Jahren so freundschaftlich wieder entgegenkam. Der Paß des Triestiners, den er in der Tasche trug, drückte ihn wie ein bleiernes Gewicht. Aber die Übung, seine inneren Kämpfe zu beherrschen, ließ ihn auch diesmal nicht im Stich. Ich wollte nur eine Erkundigung einziehen über ein deutsches Handelshaus, sagte er, denn ich bin hier in Venedig in der sehr bescheidenen Stellung eines Schreibers, der sich von seinem Herrn Notar zu mancherlei kleinen Diensten gebrauchen lassen muß. Da ich aber in Brescia nicht viel Besseres war und Ihr dennoch mich nicht zu gering hieltet, mir Eure und Eurer Mutter Gesellschaft zu gönnen, so trete ich auch hier dreist mit Euch ein; Ihr müßt mir vor allem sagen, wie es der trefflichen Frau ergeht, deren ehrwürdiges Bild, ihre rührende Liebe zu Euch, ihre große Güte gegen mich, mir noch in lebendigster Erinnerung stehen.
Der Jüngling wurde ernsthaft und seufzte. Kommt in mein Zimmer, sagte er. Wir plaudern dort vertraulicher.
Andrea folgte ihm hinauf, und der erste Blick, den er in das
behagliche Gemach tat, fiel auf ein großes Pastellbild, das über dem
Schreibtisch hing. Er erkannte die leuchtenden Augen und das reiche
Haar Leonorens. Aller verführerische Schmelz der Jugend und des
Übermutes lag auf diesen lächelnden Lippen.
Der Jüngling rückte zwei Sessel an das Fenster, durch welches man den ziemlich breiten Kanal, die malerische Brücke und zwischen den Häusern drüben die Chorseite einer alten Kirche übersah. Kommt, sagte er, macht es Euch bequem. Soll ich Wein kommen lassen oder Sorbette? Aber ihr hört nicht. Ihr seid in dieses unglückselige Bild vertieft. Wißt Ihr, wen es vorstellt? Kennt Ihr das Urbild, von dem es nur ein blasser Schatten ist? Doch wer in Venedig kennte es nicht? Sagt mir nichts von diesem Weibe. Ich weiß alles, was man von ihr sagt, und glaube alles, und dennoch versichere ich Euch in allem Ernst, daß Ihr selbst, wenn Ihr vor ihr ständet, an nichts von alle dem denken, sondern Gott danken würdet, wenn Ihr Eure fünf Sinne so leidlich beisammen behieltet.
Ist dieses Gemälde Euer Eigentum? fragte Andrea nach einer Pause.
Nein; es hat einem Glücklicheren gehört, einem schönen jungen
Venezianer, der, wie sie mir selbst gestand, ihr Abgott gewesen. Der
Unvorsichtige ließ sich einfallen, mir seine Freundschaft anzutragen.
Er büßt dieses Verbrechen in der Verbannung, und meine Strafe ist nun,
daß er mir dieses Bild vermacht hat, und daß ich die Augen des
Originals um ihn habe weinen sehen.
Er stand, während er dies sagte, vor dem Bilde und betrachtete es mit einem schwärmerisch-traurigen Blick. Andrea beobachtete ihn mit der tiefsten Teilnahme. Er war nicht schön von Gesicht, nur anziehend durch die Mischung von jugendlicher Sanftheit der Formen und männlichem Ernst und Feuer seines Mienenspiels. Auch in den Bewegungen der hohen Gestalt offenbarte sich Adel und Energie. Unwillkürlich entfuhr Andrea der Ausruf: Daß Ihr, auch Ihr dieses Weib lieben könnt, das Euer so wenig wert ist!
Lieben? erwiderte der Deutsche mit einem seltsam düsteren Ton. Wer sagt Euch, daß ich sie liebe, wie ich einst in Deutschland geliebt habe und wie es allein den Namen verdient? Sagt, daß ich von ihr besessen bin, daß ich mit Knirschen und Stöhnen ihre Fesseln trage, und nehmt mein Geständnis hin, daß ich mich dieser Schwäche schäme und doch in ihr schwelge. Ich habe es nie vorher gewußt, wie alle irdische Wonne nichtig ist gegen das Gefühl, sich den Nacken von einem selbstgewählten Joch wund drücken zu lassen und den gesamten Mannesstolz um ein Lächeln solcher Augen in den Staub zu werfen.
Sein Gesicht hatte sich gerötet; er bemerkte jetzt erst, daß Andrea längst von dem Bilde wegsah und ihm tief bekümmert zuhörte.