Ich langweile Euch, sagte Rosenberg. Sprechen wir von etwas anderem.
Wie ist es Euch indes ergangen? Warum habt Ihr Brescia verlassen?
Ihr habt mir von Eurer Mutter noch nichts erzählt, lenkte Andrea ein.
Welch eine Frau! Der Fremdeste fühlt das Verlangen, sie wie eine
Mutter zu verehren.
Redet weiter, sagte der andere. Vielleicht befreien mich Eure Worte von dem bösen Zauber, dem ich hier verfallen bin. Nicht, daß Ihr mir etwas Neues sagtet. Aber es von Euch zu hören, welch eine Mutter sie ist, und welch ein undankbares Kind sie an mir großgezogen hat, bringt mich vielleicht zu meiner Pflicht zurück. Werdet Ihr es glauben, daß ich schon den dritten Brief von ihr habe, in welchem sie mich beschwört, Venedig zu verlassen und zu ihr nach Wien zu kommen? Sie träumt, daß mir hier Unheil bevorstehe. Das größte, dem ich verfallen bin, ahnt sie nicht; und doch hält mich sonst nichts hier fest, als ein Weib, das ich um alles in der Welt nicht in ihre reine Nähe zu bringen wagte.—Aber nein, fuhr er fort, damit ich mir nicht selbst zu viel tue: Es wäre in der Tat schwer zu machen, daß ich in diesem Augenblick mir Urlaub auswirkte. Mein Chef, der Graf, hat sich eingeredet, daß ich ihm unentbehrlich sei, und gerade jetzt gibt es mancherlei zu tun, was ihm selber lästig wäre. Es ist Euch nicht unbekannt, daß wir hier unliebe Gäste sind. Man will die Augen nicht öffnen nach der Seite hin, von der eine wirkliche Gefahr drohen könnte, und hätschelt das Vorurteil, als hätte die Macht, die wir vertreten, die Hand im Spiele bei allem Feindseligen, was in Venedig geschieht. Ist man doch so weit gegangen, uns für die Ermordung Veniers verantwortlich zu machen, eine Tat, die ich von Grund meines Herzens ebenso verabscheue, wie ich ihre Anstifter für kurzsichtige Politiker halte.—Denn sagt selbst, werter Freund, fuhr er mit rückhaltlosem Eifer fort, vielleicht nicht ohne die Absicht, einen Fürsprecher mehr in Venedig zu gewinnen, sagt selbst, ob die geringste Aussicht ist, das Ziel, den Sturz des Tribunals, auf diesem verbrecherischen Wege zu erreichen? Setzen wir die moralische Seite für einen Moment aus den Augen: Ist es irgend denkbar, daß ein so weit verzweigter Anschlag hier, in Venedig, so lange geheim bleibt wie er müßte, wenn der Zweck der Einschüchterung erreicht werden sollte?
Es ist undenkbar, erwiderte Andrea gelassen. Was drei Venezianer wissen, weiß der Rat der Zehn. Umso wunderbarer, daß er diesmal so schlecht bedient wird.
Und nun setzt den Fall, es gelänge den Verschworenen nach Wunsch, Mord auf Mord, worauf es ja abgesehen scheint, erreichte die Inquisitoren trotz des Geheimnisses, das sie umgibt, und endlich fände sich niemand, der sein Leben an eine so gefährliche Würde wagte—was wäre damit erreicht? Eine Aristokratie von so ungeheuerlicher Organisation, wie die venezianische, bedarf, um zu bestehen, um sich gegen die drohenden Wogen des Volkswillens zu sichern, des festen Dammes einer immerwährenden Diktatur, die in sanfteren oder härteren Formen immer wieder aufgerichtet werden müßte. Denn wo sind die Elemente, aus denen eine echte Republik mit freien Institutionen sich bilden könnte? Ihr habt eine herrschende Kaste und eine beherrschte, Souveräne zu Hunderten und Pöbel zu Tausenden. Wo sind die Bürger, ohne die ein freies Stadtwesen ein Unding ist? Eure Nobili haben dafür gesorgt, daß der geringe Mann nie zum Bürgersinn, zum Gefühl der Verantwortlichkeit und des wahren bewußten Opfers für große Zwecke herangereift ist. Sie haben den Plebejern nie erlaubt, sich um Staatsinteressen zu bekümmern. Aber weil das Regiment von achthundert Tyrannen zu schwerfällig, zu uneinig und schwatzhaft ist, um eine mächtige Wirkung nach außen oder innen zu üben, knechteten diese Herren sich lieber selbst und beugten sich unter das Joch eines unverantwortlichen Triumvirats, das wenigstens aus ihrer Mitte hervorgegangen war. Sie zogen es vor, ihre eigenen Mitglieder ohne Gesetz und Recht diesem dreiköpfigen Götzen zum Opfer fallen zu sehen, als unter dem Schutz von Gesetzen und Rechten zu leben, die sie mit dem Volk gleichstellen würden.
Ihr sagt diese Sachen, wie sie sind, warf Andrea ein. Aber müssen sie so bleiben?
Bleiben—oder sich verschlimmern. Denn seht, Bester, wie furchtbar sich die Schneide ihrer Waffe gegen sie selbst gekehrt hat. Solange die Republik eine Aufgabe hatte unter den Völkern Europas, solange war der Druck dieser stehenden Diktatur im Innern durch die Erfolge nach außen aufgewogen. Niemals wäre Venedig ohne dieses Zusammenfassen all seiner Kräfte in der Hand unerbittlicher Tyrannen zu der Blüte politischer Macht und unermeßlichen Reichtums gediehen, wie wir sie bis ins vorige Jahrhundert noch im Wachsen finden. Sobald die Zwecke wegfielen, die so gewaltsame Mittel allein rechtfertigen konnten, blieb die nackte Tyrannei in all ihrer Unförmlichkeit übrig und begann, um nicht müßig zu gehen und sich selbst für überlebt zu halten, nach innen zu wüten. Eine Diktatur im Frieden, mag sie von einem oder dreien ausgeübt werden, ist immer eine Lebensgefahr für jeden großen oder kleinen Staat. Hier aber ist die Krankheit zu alt geworden, um noch Heilung zu finden. Die Keime des wahren Bürgertums, aus denen jetzt für die Republik ein neues Leben erwachsen müßte, sind verfault, durch ein jahrhundertelanges Schreckenssystem, durch das Netz der ausgesuchtesten Spionenkünste ist alles Vertrauen, alle Geradheit, Sicherheit und Freiheitsliebe erstickt, und das Gebäude, das so künstlich und dauerhaft aufgeführt scheint, würde zusammenbrechen, sobald der Kitt der Furcht aus den Fugen verschwände.
Eure Gründe mögen gut sein, erwiderte Andrea nach einer Pause, aber es sind Gründe eines Fremden, den es nichts kostet, diese Republik für ausgelebt und dem Untergang verfallen zu erklären. Einen Venezianer möchtet ihr schwerlich überzeugen, daß die Krankheit seiner alten Mutterstadt nicht wenigstens den letzten Versuch einer Heilung wert sei.
Ihr aber seid kein Venezianer.
Ihr habt recht, ich bin nur aus Brescia, und meine Stadt hat schwer unter Venedigs Geißel geblutet. Dennoch kann ich mich eines tiefen Mitgefühls mit diesen verzweifelten Männern, die das fressende Geschwür der geheimen Schreckensherrschaft mit dem Messer auszuschneiden versuchen, nicht ganz erwehren. Ob sie ihr Ziel erreichen, steht in den Sternen geschrieben. Meine Augen sind schwach, ich verzichte drauf, diese Schrift zu lesen.