Ich mußte endlich aufbrechen, wenn ich nicht zu Grunde gehen wollte.
In welcher Verfassung ich Tag und Nacht im Wagen lag, ist nicht zu
beschreiben. Ich erschrak, als ich, eine Miglie vor der Stadt, meine
Morgentoilette machte und mich dabei im Spiegel sah. Mit solch einem
Bräutigamsgesicht zurückzukehren hatte ich nicht gedacht.

Es war ganz früher Morgen, als ich die wohlbekannte Straße im schnellsten Jagen dahinrollte und dem Postillon zurief, an jenem vergitterten Portal vor der Villa zu halten. Ich sprang mit zitternden Knien hinaus und riß an der Glocke. Es dauerte eine Weile, bis der Kopf meines guten alten Fabio aus dem Pförtchen vorsah. Als er mich erkannte, erschrak er heftig, nahm sich nicht Zeit, das alte Wams über der nackten Brust zuzuknöpfen, und rannte mir entgegen, mit einer verstörten Miene, daß ich ihm schon aus der Ferne zurief: Sie ist tot!

Er schüttelte den Kopf und schloß mir eilig auf, Aber der Schrecken hatte ihm so den Atem versetzt, daß ich erst langsam und unvollständig ihm alles abfragen konnte. Er sah mein bleiches überwachtes Gesicht und glaubte mich schonen zu müssen, während er mich nicht grausamer martern konnte als durch sein Zaudern.

Manches freilich, was im Dunkeln vorbereitet worden war, wußte er selbst nicht, da er nur von Nina die Hauptsachen erfahren hatte. Ich aber, der ich die Menschen kannte, blieb über die Triebfedern des ganzen höllischen Ränkespiels keinen Augenblick im Zweifel.

Kaum hatte ich den Rücken gewandt, so war jener Vetter aus Rom erschienen, der von früher her Ansprüche auf meine Braut zu haben sich einbildete. Ob man ihn jetzt erst verschrieben, ob er auch ohne meine Reise auf eigene Gefahr aufgetaucht wäre, darüber bin ich nie ins klare gekommen. Er mache eine armselige Figur, sagte Fabio. Eine Menge Abenteuer und Spiel und Schwelgerei hätten ihn sehr reduziert. Aber da er der Neffe eines Kardinals und von altem Adel sei, gelte er noch immer für eine gute Partie. Bicetta habe ihn nie leiden mögen. Er (Fabio) entsinne sich, daß sie vor drei Jahren hier im Garten ihm eine derbe Ohrfeige gegeben, weil er sich herausgenommen habe, die kleine Cousine zu küssen. Da habe er lachend geschworen, für diesen Schlag solle sie ihm büßen, wenn sie seine Frau geworden. Und jetzt sei es so weit gekommen, daß er seine Drohung wahr machen könnte. Die Leute, die die Gewalt hätten, seien alle auf seiner Seite, desgleichen die Mutter, und den alten Herrn hätten sie so mit den Höllenstrafen geängstigt, wenn er sein Kind einem Ketzer gäbe, daß er zu Kreuze gekrochen sei und nichts mehr dreinzureden wage. Aber wenn er die Bicetta ansehe, so gingen ihm die Augen über und er könne stundenlang dasitzen und schluchzen wie ein Kind, und mit seiner Frau wechsle er kein Wort, denn er wisse wohl, daß die an allem schuld sei.

Und Beatrice? fragte ich, während mir der Grimm in allen Adern kochte.

Ja die Bicetta! sagte der Alte. Wer aus der klug würde! Zuerst, als man ihr zusetzte, sich von dem Lutheraner loszusagen, hat sie immer wieder erwidert: Ich habe ihm vor Gott gelobt, daß ich sein Weib werden will, den Eid will ich ihm halten und müßt' ich darum sterben. —Und davon ist sie nicht abgegangen; nur wie der Vetter ihr seine Aufwartung gemacht, hat sie ihm ganz kaltblütig gesagt: Gebt Euch keine Mühe, Richino; und wenn ich auch Amadeo nie gesehen hätte, Euch würde ich doch nie geliebt haben. Als er dann ihre Hand ergreifen wollte und anfangen, ihr schöne Dinge zu sagen, habe sie sich, in Gegenwart der Nina, hoch aufgerichtet und ihm nur erwidert: Ihr seid ein Elender, Richino, daß Ihr die Hand ausstreckt nach dem, was einem anderen gehört. Geht! ich verachte Euch!—Und dann hat sie ihn durchaus nicht mehr sehen wollen. Aber was soll man davon denken, lieber Herr, daß nun doch Hochzeit sein wird, und die Bicetta herumgeht, wie Nina sagt, ohne eine Träne zu vergießen, auch nicht mehr bittet und fleht, weder den Vater, noch die Mutter, noch irgendeine Menschenseele, ja vielleicht nicht einmal unsern Herrgott? Sie hat freilich von Euch so wenig einen Brief bekommen wie Ihr die vielen, die sie an Euch geschrieben und die ich oft selbst nach der Post getragen habe. Denn es scheint, daß die Herren auf dem Postbureau wissen, was ihre Schuldigkeit ist, wenn der Neffe eines Kardinals einem Fremden die Braut wegfischen will. Aber doch ist es wundersam, daß sie sich so rasch ergeben hat. Denn an Euch und Eurer Treue konnte sie doch nicht zweifeln. Nina sagt, man habe ihr gedroht, sie in ein Kloster zu sperren, wenn sie den Vetter nicht nehme. Ein Kloster ist freilich kein Ort für unsere Bicetta. Aber ich sollte meinen, immer noch besser, als diesen Mann zu heiraten, da sie Euch doch lieb hatte, und wie gesagt, mein bißchen Verstand steht mir dabei still, und auch meine Tochter kann nicht aufhören, sich zu verwundern.

Während der gute Alte das alles sagte und sich nicht getraute, mich dabei anzusehen, lag ich in einer furchtbaren Betäubung auf einem der Sessel dem Kamin gegenüber, wo wir damals Hand in Hand gesessen hatten, als wir uns verlobten. Ich war geradezu unfähig, einen Gedanken zu fassen, ja auch die Kraft zu empfinden, zu lieben und zu hassen, schien plötzlich gelähmt und alle Lebensregung zu stocken, wie wenn die Feder in einer Uhr durch einen Schlag gesprengt ist. Erst nach einer ganzen Weile fand ich die Besinnung, zu fragen, wann denn die Hochzeit sein solle. Heute nachmittag, sagte der Alte mit furchtsamer Stimme. Da sprang ich in die Höhe, von der Nähe der furchtbaren Entscheidung aus meiner Ohnmacht aufgerüttelt.

Der Graubart faßte mich an beiden Händen und sah mir erschrocken ins
Gesicht. Um Gottes Barmherzigkeit, sagte er, was wollt Ihr tun? Ihr
wißt nicht, wie mächtig sie sind. Wenn Ihr Euch öffentlich auf der
Straße sehen ließet, wer weiß, ob Ihr den Abend noch erlebtet.

Ich will hin, sagt' ich, verkleidet, dem Schurken unter die Augen treten und ihm sagen, daß einer von uns in der Welt überflüssig sei. Du hast ja wohl deine alten Reiterpistolen noch im Stande, Fabio. Ich brauche nichts weiter. Laß mich!