Erst müßt Ihr mich damit über den Haufen schießen, sagte er und umklammerte so fest meinen Arm, daß ich wohl sah, im guten würde ich nicht loskommen. Und dann, sagte er, wißt Ihr denn, was unsere Bicetta dazu sagen würde?
Da hast du recht, sagte ich und fühlte, wie alle Kraft wieder von mir wich. Das weiß ich freilich nicht. Aber wissen muß ich es, oder ich werde toll. Laß meinen Arm los, gib mir meinen Hut, ich will in ihr Haus, ich sprenge alle Türen, die man mir verriegeln will, das übrige wird sich finden, wenn ich sie sehe!
Aber er ließ mich nicht los. Er führte mich in den Sessel zurück und sagte: Ihr wißt, daß es niemand besser mit Euch meinen kann und mit der Signorina und dem alten Herrn als Euer alter Fabio. Darum laßt Euch sagen und raten und rennt nicht Hals über Kopf ins Unglück. Wenn Ihr Euch einbildet, man werde Euch zu ihr lassen, so irrt Ihr Euch. Das Haus ist voll neuer Dienerschaft, wegen der Hochzeit. Da kämt Ihr übel an, wenn Ihr mit diesem Gesicht plötzlich nach der Braut fragtet. Laßt mich hingehen, mich werden sie nicht hinauswerfen, obwohl mich die Frau Mutter nicht gerade liebt; aber schlimmstenfalls kann ich meine Tochter rufen lassen, und wenn Ihr mir ein paar Zeilen mitgebt, sie sollen sicherer besorgt werden als durch die päpstlichen Posten. Setzt Euch da ans Fenster und schreibt, und wie ich unsere Bicetta kenne, so wird sie Euch antworten.
Er lief, mir Feder und Papier zu holen, aber mein Zustand war so kläglich, daß ich die Feder nicht zu halten imstande war und vor dem Sturm, der mir durchs Herz tobte, mein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Laßt es nur sein, sagte der Alte. Was braucht Ihr auch zu schreiben? Genug, wenn sie erfährt, daß Ihr da seid. Wenn sie darin noch Hochzeit halten will, so hülfen ja hundert Briefe nichts.
Damit verließ er mich. Aber erst mußte ich ihm einen Eid schwören, daß ich mich hier im Hause, wo sonst niemand war, verborgen halten wollte und nur ihm wieder meine Tür öffnen. Der Tag war darüber angebrochen; der Alte kam noch einmal zurück und brachte nur Wein und Brot, da er meine Schwäche sah. Darin blieb ich in dem totenstillen Haus allein.
Ich konnte nicht an einer Stelle bleiben, ich schleppte mich in den Garten hinaus zu den Orangenbäumen, von deren Früchten sie mir gepflückt hatte, zu dem Granatbusch, deren Blüten mir das erste Liebeszeichen gewesen waren. Überall sah ich ihre Gestalt, und je leibhaftiger sie mir entgegentrat, desto unbegreiflicher war es mir, daß sie mich vergessen haben sollte. Ich brachte, obwohl ich von der Nachtfahrt erschöpft war, weder Wein noch Brot über die Lippen; nur den Saft einer Orange sog ich begierig aus und fühlte mich davon erquickt, als ob ich Hoffnung und Mut damit eingeschlürft hätte. Dann stieg ich im Hause die Treppen hinauf und schlich durch alle Zimmer. In ihrem Stübchen lag noch alles, wie sie es verlassen hatte, das Buch noch aufgeschlagen, worin sie zuletzt gelesen. Ich las auf demselben Blatte weiter, Kanzonen Petrarcas, deren stille Musik mich kühlte und besänftigte. Ihren kleinen Rohrsessel, auf dem sie schon als Kind mit dem Püppchen gespielt, hatte ich an den Balkon geschoben und sah nach jeder Strophe auf die Straße hinaus, ob noch keine Botschaft komme. Aber ich war auf einmal ruhig und gefaßt geworden und fürchtete mich nicht mehr vor der Entscheidung.
Und doch fuhr ich wie vom Blitz getroffen auf meinem Sitz, als plötzlich drunten am Portal der Alte wieder erschien. Was bringst du? schrie ich ihm zu. Aber ich sah genug an dem kummervollen Blick, mit dem er zu mir hinaufgrüßte. Mit zitternden Gliedern stürzte ich die Treppe hinunter ihm entgegen. Lest selbst, sagte er. Vielleicht wißt Ihr besser, was sie meint.
Ich riß ihm das offene Blättchen aus der Hand, auf das sie mit Bleistift in großer Hast folgende Worte geschrieben hatte: "Mein ewig Geliebter—was geschieht, muß geschehn. Suche es nicht zu hindern, aber glaube an mich; ich gehöre niemand als Dir. Du wirst alles begreifen, wenn wir uns wiedersehen, vielleicht bald; wann es aber auch sei, immer als die Deine."—Dann noch am Rand des Zettels: "Halte Dich verborgen. Alles ist verloren, wenn Du Dich sehen lässest."
Während ich noch auf die wenigen Worte starrte, berichtete mir der Alte, daß er sie nicht selbst habe sprechen können; Nina sei die Vermittlerin gewesen, und auch aus ihr habe er nicht mehr herausgebracht, als daß die Signorina kaum überrascht gewesen sei durch die Nachricht von meiner Rückkehr. Ich habe ihn längst erwartet, habe sie gesagt. Dann, da schon die Kammerjungfer mit dem Brautschmuck gekommen, habe sie den Zettel stehend am Fenster geschrieben und der Nina aufgetragen, ihrem Vater ja die größte Verschwiegenheit und alle Sorge um mich auf die Seele zu binden. Darauf habe sie ganz ruhig angefangen, sich die Haare aufzuflechten, um sich für die Trauung frisieren zu lassen. So ruhig schrieb sie das Billett, sagte die Nina, als wenn jemand sterben will, weil die Schmerzen ihn nicht leben lassen, und schreibt noch seinen letzten Willen auf. Sie habe immer geglaubt, sie zu kennen wie sich selbst; aber in der letzten Zeit verstehe sie nicht mehr von ihr wie von der himmlischen Vorsehung.
Und ich, der ich sie besser als irgend ein Mensch zu kennen glaubte, was verstand ich von ihr, während ich ihre Worte hundertmal wieder durchlas? Wenn sie niemand als mir angehören wollte, warum floh sie nicht zu mir hinaus, warum war ihr nicht das Kloster eine Zuflucht, bis ich Mittel und Wege fände, sie zu befreien? Warum erschien der abenteuerlichste Plan nicht möglicher und natürlicher als diese Ergebung in ein aufgedrungenes Schicksal, in eine Fessel, die nur der Tod zerreißen konnte?