Und doch war in den schlichten Worten etwas, das mich aufrecht hielt, wenn ich verzweifeln wollte, und mich still machte, sooft mir ein Ausbruch des Grimms und der Verzweiflung auf die Lippen kam. Ich schlief sogar ein paar Stunden und konnte dann etwas Speise zu mir nehmen, die mir mein treuer Pfleger bereitete. Gesprochen wurde nichts zwischen uns. Nur als die Stunde der Trauung herankam, hatten wir einen heftigen Streit. Ich bestand darauf, daß ich dabei sein wollte, er widersetzte sich aufs äußerste. Zuletzt, als er meinen unerschütterlichen Willen sah, half er mir selbst, mich in seinen Kleidern zu vermummen, und drückte mir einen alten zerrissenen Strohhut, mit dem er im Garten zu arbeiten pflegte, tief in die Stirn. Ich gehe aber mit, Herr Amadeo, sagte er. Ich fürchte, es ist einer nötig, der Euch am Arm zurückhält, wenn Ihr den Kopf verliert.
Wer weiß, ob er nicht recht behalten hätte! Aber als wir nach der Kirche kamen, waren die Hochzeitsgäste samt dem Brautpaar bereits drinnen und der Andrang der Menschen so ungeheuer, daß sie zu den Portalen hinaus bis weit über den Platz Kopf an Kopf geschart standen, um wenigstens den Zug herauskommen zu sehen. Ich machte dem Alten bittere Vorwürfe, daß er mich getäuscht durch eine falsche Angabe der Stunde. Er verteidigte sich hartnäckig, er habe es nicht anders gewußt. So warteten wir unter dem Volk, und die Glocken, die stark geläutet wurden, umdröhnten mich wohltätig, daß ich wieder in meine dumpfe Betäubung zurückfiel, bis es plötzlich hieß: Nun kommen sie! Da wäre ich umgesunken, wenn ich mich nicht auf Fabio gestützt hätte. Aber ich hielt mich gleichsam mit dem Blick an der hohen Pforte aufrecht, durch die sie heraustreten sollte. Und nun kam sie wirklich, und ich wunderte mich, daß ich den Anblick ertrug, daß er mir sogar die Ruhe wiedergab, obwohl sie neben ihrem Gatten ging. Der war ganz, wie ich ihn nach Fabios Schilderung erwartet hatte, ein Mensch, den ich auf einen Schlag mit meiner Faust zu Boden zu strecken mir getraut hätte; ein Lächeln auf dem welken Gesicht, das mir das Blut sieden machte. Er grüßte triumphierend mit vornehmem Kopfnicken links und rechts hin und strich das blonde Bärtchen auf der dünnen Oberlippe. Sie dagegen schritt ohne irgend jemand anzusehen durch das Volk, die Züge rätselhaft verschlossen, die Augen still vor sich hin gerichtet. Ein Kind gab ihr einen Blumenstrauß. Da hob sie es auf und küßte es, und ich sah deutlich, daß sie sogar lächelte. Wenn ich nicht so fern gestanden hätte und Fabio hinter mir, bei diesem Lächeln hätte ich mich durch die Menge durchgedrängt und sie laut gefragt, wie sie lächeln könne an diesem Tage. Aber es verschwand rascher, als ich es erzähle. Sie stiegen in den Wagen und rollten fort. Ihnen nach die Eltern, mein armer alter General völlig gebrochen neben seiner stolzen jungen Frau, dann die Gäste und alles, was an hoher Geistlichkeit in dem Hause aus und ein ging. Der Erzbischof selbst hat sie getraut, sagten Weiber neben mir. Sie hat ihn erst nicht nehmen wollen, aber der heilige Vater selbst soll ihr zugeredet haben. Von dem anderen, dem Lutheraner, ist es ganz still geworden.—Ja, ja, sagte eine, dem soll seine Schwester gestorben sein, das ist die Strafe dafür, daß er seinen Ketzerglauben nicht hat abschwören wollen.—Und so schwirrte es auf allen Seiten von albernem Gerede. Fabio zog mich fort. Er führte mich auf großen Umwegen nach der Villa zurück. Ich ließ ihn machen—, meine Kraft war zu Ende; ich fühlte nicht mehr von mir selbst als ein Fieberkranker oder Schlafwandler.
Noch jetzt, wenn ich zurückdenke, ist es mir unbegreiflich, wie ich diesen Tag überstand. Meine sonst immer ungestüm ausbrechende Natur mußte wohl durch die körperliche Ermattung der schlaflosen Fahrt von Genf hierher so gezähmt sein, daß ich das Entsetzlichste mit einer Art Stumpfsinn geschehen ließ. Ich taumelte, als ich nach Hause kam. Fabio nötigte mich einige Gläser Wein rasch hinunterzustürzen; sie wirkten so stark, daß ich umfiel und nichts mehr von mir wußte.
Ich kam erst wieder zu mir, als es Nacht geworden war. Lange mußte ich mich besinnen, wo ich war und was ich erlebt hatte. Der klare Himmel sah durch die hohen Scheiben der Glastür herein, und ein leiser Schimmer der Mondsichel streifte das Bild von Beatrices Mutter, das traurig, wie mir schien, von seinem Platz über dem Kamin auf mein niederes Lager herabsah. Da begriff ich erst, in welcher Nacht ich mich befand, was diese Stunden für mein Leben bedeuteten. Es brach gewaltsam in mir aus, eine Qual, die mich dem Wahnsinn nahe brachte. Ich schrie auf, daß meine Stimme, mir selbst zum Entsetzen, in dem öden Hause widerhallte. Dann warf ich mich auf den kalten Steinboden des Saals und wälzte mich, das Gesicht gegen die Fliesen gedrückt, mit den Händen mir das Haar zerrend, als könnte ein Körperschmerz den Jammer, der in mir wütete, übertäuben. Vor meinen Augen wurde es dunkel von Tränen, die mir, wie das Blut aus frischen Wunden, vorstürzten, ohne daß ich wußte, ich weinte. So lag ich und raste wie ein Tier und hätte gern mein Menschentum hingegeben, wenn ich mir damit Bewußtlosigkeit hätte erkaufen können. Alles, was von Gedanken in mir auftauchte, stieß ich heftig wieder in den großen Strudel zurück, der mein Innerstes durchbrauste. Ich wollte nichts fühlen und denken als das Furchtbarste, daß mein Kleinod zu dieser Stunde in fremder Hand sei. Immer wieder bohrte ich diesen Gedanken wie eine giftige Waffe gegen mein Herz, als könnte ich es daran verbluten lassen. Und erst, als ich mich an allen Sinnen und Gliedern zu Tode abgemattet fühlte, ließ ich ab von meiner selbstzerstörerischen Wut und lag nun regungslos im Staube und empfand die Steinkälte des Bodens wohltätig an meiner Schläfe, und die Tränen hörten von selber zu fließen auf.
Dann ermannte ich mich endlich so weit, daß ich aufstehn und mich in den Garten hinausschleppen konnte. An der Fontäne unter den Steineichen wusch ich mir den Staub und die Tränen vom Gesicht und trank dann in tiefen Zügen von dem schlechten Wasser, das mir aber das Blut erfrischte.
Ich konnte nun auch überlegen, was ich beginnen sollte. Aber freilich, soviel ich herumdachte, an einen Entschluß war noch nicht zu denken. Nur das nahm ich mir fest vor, daß ich ihr morgen schreiben, sie anflehen wollte, wenigstens die Qual der Ungewißheit zu enden und das Band, das mich an sie fesselte, vollends zu zerreißen. Die Worte ihres Billetts tauchten wieder in mir auf. Aber was konnten sie mir geben, seit ich sie aus der Kirche hatte kommen sehen und dieser Tag und die halbe Nacht so trostlos vergangen waren!
Als ich Mitternacht schlagen hörte und der Mond unterging, konnte ich es in dem schauerlich öden Garten nicht länger aushalten und kehrte in den Saal zurück. Ich zündete mir ein Licht an und stellte es auf den Sims des Kamins. Dann rückte ich einen Sessel vor, zog eine kleine Ausgabe des Dante aus der Tasche und vertiefte mich in die finstersten Gesänge seiner Hölle.
So mochte eine Stunde vergangen sein, da war mir's, als hörte ich draußen am Gitter des Portals einen Ton, als wenn ein Schlüssel im Schloß umgedreht würde. Das Haar stand mir zu Berg; ich dachte wahrhaftig im ersten Schrecken, meine arme Geliebte habe sich umgebracht, und ihr ruheloser Geist besuche mich, um mir das Blut auszusaugen. Aber sofort faßte ich mich, stand auf und horchte sorgfältiger in die Nacht hinaus. Die Gitterpforte klang, dann kamen Schritte über den Kiesgrund, im nächsten Augenblick tastete eine Hand draußen am Griff der kleinen Saaltür, sie öffnete sich, und eine Jünglingsgestalt im schwarzen Hut und Mantel stand an der Schwelle. Nun fiel ihr der Hut in den Nacken, da erkannte ich sie. Mit einem Schrei stürzten wir uns in die Arme und umklammerten uns, als sollten wir nie wieder Brust von Brust, Mund von Mund gerissen werden.
Sie löste sich endlich aus der Umarmung und sah mich mit einem Blick, der von Tränen glänzte, lange und schweigend an. Wie du bleich bist! sagte sie dann. All das hab' ich dir zuleide getan. Aber nun ist es vorbei. Ich habe Wort gehalten: hier bin ich, dein Weib, keines Menschen sonst, und wenn ich darüber hier und dort verderben müßte! O Amadeo, warum ist die Welt so voll böser Menschen! Warum werfen sie Schmutz auf das Reinste und lästern das Heiligste! Warum zwingen sie uns vor dem Angesicht Gottes zu Lüge und Meineid, daß wir Ja mit den Lippen sagen, wenn unser Herz Nein ruft! Nun haben sie es dahin gebracht, daß ich nur zu wählen hatte zwischen zwei Sünden: mich dem zu ergeben, den ich verachte, oder wie ein Dieb in der Nacht zu dem zu schleichen, der vor der Welt nie mehr der Meine sein soll. Aber nicht wahr, Amadeo, Gott mißt mit anderem Maß als diese selbstsüchtigen Menschen? Er will nicht, daß ich dir die Treue breche. Er kann auch nicht wollen, daß wir beide zugrunde gehen, ich im Kloster vergraben, du lieblos und freudenlos in der einsamen Welt. Er hat dich für mich geschaffen, mich für dich. Nun nimm mich hin, denn dir gehöre ich! Der andere hat mich mit keinem Finger berühren dürfen. Als man uns allein gelassen, hab' ich ihm gesagt: Wenn Ihr es je versucht, mir zu nahen, heute oder wann es immer sei, so ermordet Ihr mich. Denn ich habe es Gott zugeschworen, die Stunde nicht zu überleben, wo Ihr Euch erfrecht hättet zu glauben, daß Ihr Rechte auf mich besäßet. Ich habe Euch all dies vorausgesagt. Ihr habt dennoch Euern Willen durchgesetzt. So will ich nun meinen durchsetzen.—Und damit ließ ich ihn stehen und verschloß mich in meinen Zimmern, bis ich wußte, daß alles im Hause schlief. Dann half mir Nina in diese Männerkleider—und nun bin ich hier! O Amadeo, das Glück, dir zu gehören, wäre zu groß, hätte ich es nicht durch Kampf und Gefahr erkaufen müssen!
Sie stürzte mir an den Hals und verbarg ihre glühenden Wangen an meiner Schulter. Alle Glut und Leidenschaft, die ihr Mädchenstolz in den Wochen unseres Brautstandes zurückgedrängt und kaum mit einem Blick verraten hatte, brach in hoher Flamme aus und schlug über meinem schwindelnden Haupte zusammen.