Als wir wieder zu denken und zu sprechen vermochten, erzählte sie mir alles, was seit der Trennung sich zugetragen hatte, die Ränke der Mutter, die hilflosen Versuche des Vaters, sich und sein Kind gegen die geistliche Obermacht zu verteidigen, ihr vergebenes Bemühen, durch unerschütterliche Wahrhaftigkeit die Feinde zu beschämen und endlich zu entwaffnen. Erst als sie gesehen, daß alles umsonst sei, daß man sie ohne Erbarmen dem Vater entreißen und in ein entlegenes Kloster einschließen würde, von wo sie nicht einmal einen Brief an mich gelangen lassen könnte, habe sie plötzlich sich entschlossen, zum Schein in alles zu willigen, um sich und mich zu retten. Sie haben es gewußt und gewollt, sagte sie. Am Ende ist es ihnen auch nur um den Schein des Sieges zu tun. Ob meine Seele darüber zugrunde geht, was liegt ihnen daran? Haben sie der Frau, der mein armer Vater den Namen gab, je darüber gezürnt, daß sie jeder Leidenschaft den Zügel schießen läßt? Sie sind alle Knechte des Scheins, weil sie den Anblick der Wahrheit, der sie beschämen würde, nicht ertragen können! O Amadeo, wie hundertmal habe ich Pläne gefaßt, zu dir zu fliehen und dann offen vor der Welt zu bekennen, daß ich dein Weib bin und sein werde bis in alle Ewigkeit. Aber du weißt nicht, wie mächtig sie sind. Wenn wir jetzt fortreisten Tag und Nacht, sie holten uns ein, und es wäre dein sicherer Tod. Und dann—mein armer Vater! Er überlebte es nicht, sich von mir zu trennen, und so! Aber sei nicht traurig. Wir gehören uns nun, und die darum wissen, sind treu. Vergib, daß ich dir nicht heute früh schon schrieb, ich würde kommen. Ich wußte nicht, ob ich es ausführen könnte, ob er mich nicht niederstieße, der Elende, wenn ich mich weigerte, ihn als meinen Herrn anzuerkennen. Und wäre ich dann ausgeblieben, hättest du nicht noch furchtbarer gelitten als so im Ungewissen, da du doch mein Wort hattest, ich sei dir treu und würde niemand angehören als dir? Nun komme ich jede Nacht. Nina bleibt indessen zurück und spielt meine Rolle, für den Fall, daß man mich doch einmal suchte und vermißte, und der Portier dort im Hause ist ein braver Mann und haßt seinen Herrn, und für dich wäre er durchs Feuer gegangen.

Sie sah, daß ich mitten in allem Glück, da ich mein Weib auf dem
Schoße hielt, still und nachdenklich dasaß. Was hast du? fragte sie.
Du bist traurig!

Daß wir uns erschleichen müssen, sagt' ich, was unser heiliges Recht ist; daß wir in Nacht und Geheimnis uns verstecken müssen, als wäre es Verbrechen, zu halten, was wir uns gelobt haben!

Denke nicht daran, sagte sie und strich mir mit der Hand über die Stirn. Was kommen mag, können wir es wissen? Wir haben nichts gewiß als diese Stunde und unser Herz. Warum sollen wir nicht Gott dafür danken, der wissen wird, daß es so besser ist? Komm, ich will hier nicht sitzen wie dein Liebchen, die Hände in den Schoß legen und anderen überlassen, für dich zu sorgen. Du wirst hungrig sein, und auch ich habe seit gestern nacht keinen Bissen genossen. Ich weiß ja noch, wo Fabio seine Vorräte hat. Laß mich von deinen Knien aufstehen, mein geliebter Mann; ich will uns einen Hochzeitsschmaus rüsten, der soll fröhlicher sein, als der andere heut, wo ich sah, wie meinem armen Vater jeder Tropfen Wein zu Galle wurde.

Sie sprang auf und eilte hinaus in Kammern und Keller. Ich rückte indes ein Tischchen mitten ins Zimmer und zündete alle Lichtstümpfchen an, die auf den verstaubten Wandleuchtern steckten. Als sie wieder hereinkam, Teller und Gläser tragend, blieb sie mit einem fröhlichen Ausruf an der Schwelle stehen. Dann eilte sie, den Tisch zu decken, und goß selbst aus der schweren Korbflasche unsere Gläser voll. Komm, sagte sie, auf unser Glück! Wenn wir doch deine Schwester hier hätten—andere Hochzeitsgäste wollt' ich gern entbehren!

Dann trank sie und fing darauf an, mich zu bedienen, indem sie mir Fleisch und Oliven auf den Teller legte und das Brot schnitt und mir zuredete, zu essen, wie ein Hausmütterchen. Ich genoß ihretwegen von allem ein weniges, obwohl mich nicht nach Essen verlangte. Auch sie naschte nur, bis ich sie fütterte wie ein Kind und ihr die zartesten Schnitten des kalten Geflügels an den Mund hielt. Sie öffnete ihn lachend und ließ mich gewähren. Nun aber bin ich wirklich satt, sagte sie und stand auf. Nun will ich noch dafür sorgen, daß du ein besseres Bett bekommst als die Polster da am Boden. Denn Fabio denkt an so etwas nicht. So ein alter Soldat fühlt kaum, ob er auf der nackten Erde liegt oder auf Federn. Das klügste freilich wird sein, du schläfst in meinem Zimmer droben, wo noch mein Bett steht, statt hier unten zu hausen, wo doch einmal einer hereinsieht und dich verrät.

Sie hing sich an mich und führte mich, nachdem wir die Lichter ausgelöscht hatten, in ihr kleines Zimmerchen hinauf. Als wir an Fabios Schlafkammer vorbeikamen, horchte ich, ob er sich rühre. Sei unbesorgt, flüsterte sie. Er weiß, daß ich hier bin. Vorhin, als ich den Wein holte, begegnete ich ihm, wie er aus dem Garten kam, und da hatte er die Früchte für unser Hochzeitsessen gepflückt. Er weinte und küßte mir wie außer sich die Hände. Aber er kommt jetzt nicht zum Vorschein, um uns nicht zu stören.—Der Morgen graute noch nicht, als sie selbst daran erinnerte, daß wir uns trennen müßten. Ich bestand darauf, sie in die Stadt zu begleiten, und als sie mich in der Vermummung sah, in der ich mich schon bei Tage hinausgewagt hatte, ließ sie es geschehen. Sie selbst drückte sich wieder den breiten Hut in die Stirn, und ich wickelte sie dicht in ihren Mantel ein. So verließen wir das Gittertor und wanderten der Stadt zu. Kein Mensch war auf den Straßen zu sehen, kein Licht brannte, am Himmel stand nur der Morgenstern im fahlen Blau, und der Wind kam frisch von Norden. Wir sprachen kaum ein Wort auf dem ganzen Weg. Mein Herz war beklommen, und auch sie schien das Unnatürliche unserer Lage jetzt erst zu empfinden, da wir uns trennen sollten. Als wir an ihrem Hause angekommen waren, hielt sie mich lange mit Tränen an sich gepreßt, ehe sie dem Pförtner das verabredete Zeichen gab. Auf morgen! sagte sie und löste sich von meinem Halse. Dann glitt sie in die halbgeöffnete Tür, und ich stand in der Finsternis allein.

Ein bitteres Gefühl überkam mich. So hatte ich sie wieder hingeben müssen, die Meine, die niemand als mir gehören wollte, in ein fremdes Haus, dessen Tür mir ewig verschlossen bleiben sollte. Hier an der Schwelle mußt' ich stehen und, wenn der Hausherr zufällig herausgetreten wäre, mich in einen Winkel drücken wie ein Dieb, der dem Häscher ausweicht. Und was sollte daraus werden? wie das Leben ertragen werden, das solche Schleichwege ging? War das noch ein Glück, das täglich mit Qual und Sorge erkauft werden mußte?

Ich war noch nicht wieder in der Villa angelangt, als mein Entschluß, dem Unerträglichen ein Ende zu machen, schon unerschütterlich in mir feststand. Sofort wurde mir leicht ums Herz, und ich konnte, während ich im Morgengrauen auf der öden Straße dahinschritt, nun erst mich meines Glückes freuen und bis ins kleinste alles überlegen, was zu tun war, um es mir nie wieder entreißen zu lassen. Draußen fand ich den Alten schon im Garten beschäftigt. Ich weihte ihn in mein Vorhaben ein, und obwohl er es schwieriger ansah als ich, willigte er doch endlich in alles, was ich von ihm verlangte: keine leichten Opfer, in seinen Jahren, und da er sich von seiner Tochter trennen sollte. Er hatte aber geradezu keinen Willen, wo es sich um Bicetta handelte.

Dann verbrachten wir den Tag mit Vorbereitungen, und ich hatte mehr als einmal die Umsicht und Vorsorglichkeit des alten Soldaten zu bewundern. Den Nachmittag verschlief ich.—Nachts, schon von zehn Uhr an, war ich auf meinem Posten in der Nähe des Stadttores, durch das sie kommen mußte. Wir hatten es nicht verabredet, daß ich ihr entgegengehen sollte. Als ich darum aus meinem Lauerwinkel hervortrat und leise ihren Namen rief, sah ich sie heftig zusammenfahren und nahm rasch den Hut vom Kopf, und da erkannte sie mich und reichte mir unter dem Mantel die Hand, die noch zitterte, und so gingen wir, uns stumm anblickend, unseres Weges. Denn noch kamen einzelne Leute, die nach der Stadt heimkehrten, an uns vorbei und hätten Verdacht schöpfen können, wenn unter dem breiten Männerhut die zarte Stimme hervorgeklungen wäre. Erst draußen in dem Gartensaal, wo es hell und traulich war und ein ländliches Essen, von Fabio hergerichtet, uns erwartete, löste sich ihre Zunge. Sie erzählte, wie ihr der Tag vergangen war, wie langsam und unheimlich. Richino habe eine starre Kälte zur Schau getragen, vielleicht in der Hoffnung, sie dadurch zu demütigen und ihr ein Entgegenkommen abzutrotzen. Vor der Welt, den Eltern, den vielen Besuchern spiele er die Rolle des glücklichen jungen Ehemanns. Am Abend aber habe er sich, ohne eine Silbe zu sprechen, gegen sie verneigt und sich sofort in sein Zimmer zurückgezogen.