So kann es nicht fortgehen, sagte ich plötzlich, nachdem ich lange geschwiegen hatte. Es ist deiner so unwürdig wie meiner. Wir müssen ein Ende machen; es kostet nichts mehr als deinen Entschluß; der meine ist schon gefaßt.

Amadeo! sagte sie und sah mich groß an. Was kannst du meinen?
Trennung? Lieber töte mich!

Nein, sagt' ich; du darfst nicht erschrecken. Ich mute uns nichts Übermenschliches zu, weder dir noch mir. Dich verlassen—mein Weib—mein anderes Ich—, du hast recht, das wäre der Tod! Aber was wir jetzt haben, ist schlimmer als Tod, ist ein Leben, das die Freiheit und den Adel unserer Seele mordet und uns beide, früher oder später, zugrunde richten wird. Und wenn es glückte, was undenkbar ist, daß ich hier verborgen bliebe, Jahr für Jahr, in welchem Zustande schleppte ich meine Tage hin, müßig und öde, von allen Menschen, außer dir, abgeschnitten, von meinen Lebenszielen verbannt, verzehrt von der Qual, in dieser Verschollenheit ein wertloses Dasein zu fristen! Aber auch unter günstigeren Umständen—wenn ich frei zu dir ins Haus kommen könnte und als dein Kavalier gelten—, ich bin nun einmal unfähig, Lüge und Halbheit zu ertragen. Was ich fühle, muß ich bekennen, was ich besitze, als mein anerkennen dürfen. Begreifst du, was ich meine?

Sie nickte und sah nachdenklich vor sich nieder.

Ich weiß, daß es dir schwer wird, fuhr ich fort und nahm ihre Hand, die ganz kalt und leblos war. Du sollst nun für immer fort, deinen Vater nie wiedersehen, wenn er sich nicht das Herz faßt, zu uns zu kommen, deine Heimat verlassen und alles, was dir von Jugend auf lieb gewesen, nicht mehr in der Kirche knien, an derselben Stelle, wo deine Mutter gebetet hat. Und nun graut dir vor der Fremde, um so mehr, da du dahin fliehen sollst, statt mit Freuden und Ehren deinen Einzug zu halten, und du glaubst, auch vor den Menschen, die dich lieben, die Augen niederschlagen zu müssen. Ist es nicht so, Beatrice?

Sie nickte wieder. Aber dann schlug sie die Augen zu mir auf und sagte: Ich will alles ertragen, wenn es dich glücklich macht!

Liebes Herz, sagt' ich und schloß sie in meine Arme, du traust mir zu—nicht wahr?—, daß ich sorgfältig abgewogen habe, was ich dir und mir schuldig bin, und daß mich kein Opfer schrecken würde, solange es meine Ehre nicht anficht und mich in deinen Augen nicht erniedrigt. Und hier ist nur ein Ausweg aus den Schlingen und Banden, in die uns die Feinde verstrickt haben. Du hast ganz recht gehabt, daß eine Flucht auch mit den schnellsten Pferden uns nicht gerettet haben würde. Wir müssen es behutsamer angreifen, wenn man uns nicht einholen soll. Ich habe mit Fabio gesprochen, er kennt die Wege und Stege nach Ancona so genau wie seinen Garten. Er will uns führen, wir gehen zu Fuß, nur bei der Nacht, alle drei in Bauerntracht, und schiffen uns von da nach Venedig ein. Auch er läßt alles zurück, was ihm hier lieb und teuer ist, nur um uns frei und glücklich machen zu helfen. Hast du den Mut, mein Weib, und traust dir die Kraft zu, den weiten Weg mit deinem Manne anzutreten?

Bis ans Ende der Welt! sagte sie und drückte meine Hand. Du sollst nicht über mich zu klagen haben. Ich kann alles, was du mir zutraust.

Ich umarmte sie in heftiger Bewegung. Komm! sagte ich dann und stand auf. Wir wollen etwas essen, uns für die Wanderung zu stärken.

Sie fuhr zusammen. Heute schon, Amadeo? Ich bitte dich, sosehr ich kann, fordere nur das nicht, daß ich fortgehe, ohne meinen armen Vater noch einmal gesehen zu haben, ohne die Andenken an meine Mutter, die ich zu Hause verwahre. Ich verspreche dir, daß mich nichts mehr wankend machen soll, daß ich mit keiner Träne mich verraten will, wenn ich meinen Vater zum letzten Male küsse. Aber ich fühle es: ohne das, ohne ihm wenigstens ein stummes Lebewohl zu sagen, würde ich nirgends in der Weit zur Ruhe kommen, und das Heimweh zehrte mich auf. Was ist auch dabei gewagt? Niemand ahnt, daß du hier bist, niemand sieht mich gehn und kommen. Auch der Nina will ich kein Wort sagen, und wenn ich morgen abend aus meinem Hause gehe, soll alles für immer hinter mir liegen, das verspreche ich dir. Nur die wenigen Stunden laß mir noch, mit allem fertig zu werden. Dann sollst du mich haben, als wäre ich gerade vom Himmel in deinen Arm gefallen und hätte keine Heimat als deine Liebe.