Sie sah mich mit einem Blick an, dem ich nicht widerstehen konnte, obwohl mir jeder Aufschub unheimlich war. So willigte ich ein, und ihre Heiterkeit, die darauf zurückkehrte, riß auch mich bald aus allen trüben Gedanken. Wir aßen zusammen, Fabio bediente uns, von unserem Vorhaben ward weiter kein Wort gesprochen. Dann schickte ich den Alten zu Bett und trug selbst den Nachtisch herein und eine kleine Flasche eines süßen Weins, den sie gern trank, nur fingerhutweise, aber schon wenige Tropfen röteten ihr blasses Gesichtchen. Wer uns so gesehen hätte, wie wir an dem kleinen Tisch nebeneinander saßen, sie immer noch in ihren Männerkleidern, nur das Haar frei über die Schultern herabfallend, wie sie mir das Glas vom Munde wegnahm, um daraus zu trinken, von meinem Teller aß, dann das Kätzchen, das herbeischlich, mit Orangenschalen bewarf, und wenn es sich damit jagte, mich plötzlich küßte, als hätte nun eine dritte Person den Rücken gewendet und wir brauchten uns keinen Zwang mehr anzutun—wer hätte da geglaubt, daß wir, von Gefahren umgeben, diese Stunden uns nur verstohlen erobert hatten und nur auf den Raub genossen!
Sie stand dann auf und zog mich in den Garten hinaus. Laß mich noch Abschied nehmen, sagte sie, von meinen lieben Bäumen, dem Granatstrauch, den Orangenbäumchen und der Fontäne. Morgen ist dazu keine Zeit.—Wir gingen, Arm in Arm. Sie trank noch einmal aus dem Marmorbecken, steckte eine Orange zu sich und brach einen Granatzweig. Die müssen auch mit, sagte sie. Im Norden bei dir wächst so etwas nicht. Da lerne ich es auch wohl entbehren. Und diesen Federball—sie hob ihn auf, da sie ihn vergessen im Grase liegen sah—will ich nicht zurücklassen. Unsere Kinder, setzte sie leiser hinzu, indem sie sich an mich drückte, unsere Kinder sollen damit spielen, und dann erzählst du ihnen, daß du dein Herz gegen einen solchen Ball vertauscht hast.-Wir waren an die Stelle gekommen, wo ich damals über die Mauer gesehen hatte. Da unter den hohen Zweigen hatte sich der Rasen noch frisch und weich erhalten, und man atmete die reinste Luft, die kein Staub beschwerte. Laß uns nicht ins Haus zurückgehn, sagte ich. Ich will eine Decke bringen und hier unter dem Laubdach ausbreiten, da wird die Ruhe süßer sein als in unserm schwülen Zimmer.
Tu's, sagte sie. Ich habe hier schon als Mädchen manche Nacht geschlafen; Nina legte mir ihren Arm unter den Kopf, dann sah ich die Sterne durch die Zweige blitzen, bis mir die Augen zufielen.
Ich brachte ein paar Kissen hinaus und ihren Mantel, da legte sie sich bequem zurecht und gab mir die Hälfte von allem ab. Über uns regte sich kein Laut, die Blätter hingen müde vom Sonnenbrand an den Zweigen, nur die Fontäne plätscherte fort, und ich selbst konnte noch keinen Schlaf finden, obwohl schon längst die stillen Atemzüge meines jungen Weibes neben mir mich zur Ruhe einluden. Ein paarmal sprach sie aus dem Traum, ich konnte die Worte nicht verstehen, aber noch jetzt hör' ich den unschuldig süßen Klang und sehe dabei das Gesicht, das mit geschlossenen Augenlidern gegen die graue Luft hinaufsah, die Brauen wie fragend ein wenig gespannt, die Lippen geheimnisvoll lächelnd, als träume sie Dinge, die sie selbst überraschten, die aber seliger seien als alles, was sie je erlebt.
Zuletzt überkam auch mich der Schlaf.
Als ich aufwachte—ich weiß nicht, nach wieviel Stunden, aber der Himmel hatte sich noch nicht gerötet—, fand ich mich allein und mußte einen Augenblick mich besinnen, wie ich hier herausgekommen war. Dann erschrak ich, daß sie nicht mehr neben mir ruhte. Warum hatte sie sich fortgeschlichen? Ich sprang auf, um im Hause nachzusehen, ob sie wenigstens den Alten zur Begleitung mitgenommen habe. Aber kaum hatte ich einige Schritte getan, da höre ich, wie die Glocke draußen am Portal heftig angezogen wird, und es überfiel mich im Nu die entsetzlichste Ahnung, daß ich alle Vorsicht vergaß und quer durch den Garten um das Haus herum nach dem Gitter hinstürzte. Dennoch war der Alte mir zuvorgekommen. Als ich um die Ecke des Hauses bog, sah ich ihn schon vorn am Portal, bemüht, eine dunkle Gestalt aufzuheben, die draußen vor der Schwelle zusammengesunken war. Beatrice! schrie ich und stürzte hinzu. Eben schlug sie, von Fabio gestützt, die Augen auf und sah mich mit einem Blick der tiefsten Angst und Hoffnungslosigkeit an. Gleich darauf versuchte sie wieder zu lächeln.
Es ist nichts, Amadeo, hauchte sie mühsam, die Hand aufs Herz gepreßt. Ich fühle keinen Schmerz, ängstige dich nicht. Bist du mir böse, daß ich fortging, ohne dich zu wecken? Ich sah dich so sanft schlafen, und ich dachte auch, es hätte keine Gefahr. Woher sie es nur wissen, daß du zurückgekehrt bist? Ach ja, ich vergaß dir zu erzählen, daß Richino gestern mittag plötzlich sagte, auf französisch, damit es niemand als ich verstehen sollte: Glauben Sie an Gespenster, Madame? Wenn es welche gibt, so mögen sie spuken, soviel sie wollen. Aber wenn Lebende sich einfallen lassen, revenants zu spielen, bei meiner Ehre, so will ich dafür sorgen, sie zu wirklichen Schatten zu machen! —Ich dachte, es sei nur so geredet. Ach, Amadeo, nun kann ich freilich nicht reisen, nun mußt du allein fort, noch in dieser Stunde. —Die zwei, die draußen lauerten, haben freilich gedacht, du kämst vorbei. Sie riefen mich an, als ich kaum zehn Schritte vom Gitter fort war. Meinen Namen sollt' ich nennen. Als ich schwieg, taten sie, was man sie geheißen hatte. Aber es ist nicht gelungen; sieh, ich kann noch gehen und sogar sprechen. Laß mich hier ohne Sorge, ich werde gewiß nicht sterben, wenn ich weiß, daß du in Sicherheit bist. Und dann—ich komme dir nach, sobald ich geheilt bin. Geh, mein geliebter Mann—eh' es Tag wird—deine Hand—deinen Mund-Da versagte ihr die Stimme, die Knie brachen ein, wir trugen sie bewußtlos in den Saal und legten sie auf das niedere Ruhebett. Als wir den Mantel zurückschlugen und das Röckchen öffneten, überströmte das Blut unsere Hände. Ich beugte mich über sie, da atmete sie mit einem heftigen Stöhnen auf und sah mich noch einmal an, und sank dann zurück—und war stumm für immer.
Von diesem Morgen will ich schweigen.
Als die Sonne durch die Glastür hereinschien, lag ich noch auf der Erde vor ihrem Ruhebett und starrte in ihr blasses Gesicht. Der Alte kauerte in einem Winkel und schluchzte still in sich hinein, da hörten wir draußen ihren Namen rufen, und die Nina kam hereingerannt und fiel mit einem Schrei über die Tote und gebärdete sich, wie wenn sie selbst zu Tode getroffen wäre. Dann, im heftigsten Krampf ihres Jammers, faßte sie sich gewaltsam und wandte sich zu mir. Ihr müßt fort! sagte sie. Ich bin nur herausgeeilt, sie und Euch zu warnen, denn eben ist Richino in ihr Schlafzimmer gedrungen und hat sie gesucht, jetzt weiß ich warum: um ihr zu sagen, daß ihr Geliebter nicht mehr lebe. Denn daß es so kommen würde, hat er wohl nicht gedacht. Wie er sie nicht fand, ist er totenblaß geworden und wieder gegangen. Aber glaubt mir, er wird sie auch hier suchen, und wenn er die gräßliche Spur draußen findet—horch! da kommen Schritte. Er ist es! Flieht, oder Ihr seid des Todes!
Ich antwortete ihr nicht. Ich stand auf und blieb neben meinem toten
Weibe stehen. Da öffnete sich die Tür und er trat ein.