Was er auch hatte sagen wollen, als er hereinkam,—der Anblick versteinerte ihn. Er wankte zurück und mußte sich am Türpfosten halten. Sein fahles Gesicht verzerrte sich von ratlosem Entsetzen, ich sah, wie er vergebens nach Atem rang.

Was suchen Sie hier? sagte ich endlich. Sie haben gehofft, mich in meinem Blute zu finden; Ihre Leute haben Sie schnell bedient, aber sie vergriffen sich leider in der Person. Nun sind Sie um die Schadenfreude betrogen worden, Ihr Werk zu krönen und dieses arme Herz, von dem Ihnen nie ein Blutstropfen gehört hat, mit der Nachricht zu wecken, daß ihr Geliebter tot sei und nicht wiederkommen würde.—Was hält mich ab, fuhr ich fort und näherte mich ihm, die Hände in Wut und wahnsinnigem Schmerz geballt, was hält mich ab, dich jetzt zu zermalmen, Elender, und dich mit dem Fuße über diese Schwelle hinauszustoßen, daß du die Luft in diesem heiligen Haus des Todes mit deinem Atem nicht länger entweihst? Wenn du sie noch geliebt hättest, Jämmerlicher, daß doch eine menschliche Regung dein Tun beschönigte! Aber sie an dich reißen, dies königliche Wesen zu dir herabziehen wollen—nur einem elenden Gelüste zu liebe, und weil andere dich dazu aufstachelten—geh, sag' ich, verstecke dein Gesicht in ewiges Dunkel, Mörder! denn das schwöre ich dir: wenn du nur die Hand nach dieser Toten ausstreckst, nur noch einen Blick auf sie richtest—mit diesen Händen zerreiße ich dich! Fort!-Mitten in diesem Ausbruch meiner fassungslosen Wut wurde ich plötzlich gebändigt durch den Anblick seines Gesichts, auf dem ein Zug des tiefsten Jammers aufzuckte, als wanke ihm die Erde unter den Füßen und wolle sich auftun, ihn zu verschlingen. Er sah niemand an, versuchte sich aufzurichten, sank wie zerschmettert auf der Schwelle zusammen und lag so einige Minuten. Ich mußte mich abwenden, eine Art Mitleid wollte sich meiner bemächtigen, das mir noch ein Verbrechen schien. Als ich mich so weit gesammelt hatte, um ein letztes Wort an ihn zu richten, sah ich, daß er mit gebrochener Kraft wie ein Trunkener nach dem Gittertor wankte und den Garten verließ.

Da ließ ich Nina gewähren, die der Toten ihre Männerkleider auszog und sie in dasselbe weiße Kleid hüllte, in dem ich sie zuerst gesehen. So lag sie über Tag friedlich lächelnd unter den Blumen, die ihre Getreue aus Garten und Glashaus hereintrug. Eben war sie fertig mit diesem letzten Liebesdienst, da hörten wir einen Wagen heranrollen. Der Vater saß darin, blaß und mit einem irren Lächeln um den welken Mund. Fabio half ihm unter heißen Tränen heraus und führte ihn in den Saal. Als er sein Kind im Totenschmuck sah, sank er lautlos neben ihr auf die Knie und drückte die kahle Stirn gegen ihre gefalteten Hände. Wir wollten ihn endlich aufheben, da fanden wir, daß ein mitleidiger Herzschlag ihn mit seinem Liebling vereinigt hatte.

In der folgenden Nacht begruben wir sie beide. Niemand war zugegen als Fabio und Nina, und Don Vigilio segnete die Leichen ein. Er sagte mir nachher, daß Richino es so angeordnet und befohlen habe, mich in allem gewähren zu lassen, als sei ich Herr in diesem Hause. Er selbst habe niemand vorgelassen und sei nach einer heftigen Szene mit seiner Schwiegermutter noch desselben Tages nach Rom abgereist, die Generalin in ein Kloster, wo sie ihr Trauerjahr verbringen wolle. Ich selbst nahm, sobald sich die Gruft über den beiden geschlossen hatte, ein Pferd und ritt, noch ehe es Tag geworden war, die Straße nach Florenz. Ein Jahr darauf las ich in der Zeitung, daß die Generalin dem jungen Grafen, ihrem getreuen Anbeter, ihre Hand gereicht habe. Sooft ich später nach Bologna kam, das Grab meines Weibes zu besuchen—ich habe sie nie wiedergesehn.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Beatrice, von Paul Heyse.