Ich hatte nun freilich da oben nichts mehr zu suchen, und heute noch einen Versuch zu wagen, schien mir zu kühn. Was konnt' ich auch für jetzt mehr gewinnen? Sie hatte mich offenbar wiedererkannt. Mein neues Auftauchen mußte ihr sagen, wie ich es meinte; mein Herz hatte ich ihr zu Füßen geworfen, sie hatte es aufgehoben und es ruhte jetzt in ihrer Hand. Sollte ich ihr nicht Zeit lassen, sich zu besinnen? Ich war auch in einem Fieberzustand, daß ich irre geredet hätte, wenn ich ihr jetzt begegnet wäre.

Auch diese Nacht schlief ich wenig, aber ich habe nie in größeren Freuden aufgesessen und die Stunden schlagen hören. Als es dann wieder Tag geworden war, ging ich, sobald nur geöffnet wurde, in die Galerie und setzte mich der heiligen Cäcilia gegenüber, wohl zwei Stunden lang. Da prüfte ich mein Inneres wie vor einem reinen Spiegel. Ich empfand, daß mich kein Spuk der Sinne verwirrte, daß der Funken, der mir ins Herz gefallen war, wirklich vom himmlischen Feuer stammte. Dieser Morgen war wundervoll. Alles noch Ahnung und Vorgefühl, und doch ein überschwengliches Entzücken, als säße sie dicht neben mir und ich fühlte ihr Herz an meinem schlagen. Die Heilige mit ihrem stillen Emporblicken konnte den Himmel nicht offener sehen.

Wieder ließ ich die Zeit der Siesta vergehen, ehe ich meine Wanderung nach der Villa antrat. Aber diesmal begnügte ich mich nicht, durchs Gitter zu sehen; ich zog herzhaft an der Glocke und erschrak nicht einmal, als sie einen endlosen Lärm machte. Das Hündchen kam zornig auf den Balkon gelaufen, unten im Hause öffnete sich ein Seitenpförtchen neben der hohen Glastüre, und ein kleiner Mann, dessen gutmütiges Gesicht durch einen mächtigen grauen Knebelbart einen lächerlich martialischen Anstrich bekam, schritt in sichtbarer Verwunderung über den unerwarteten Besuch auf das Gitter zu. Ich sagte das Sprüchlein, das ich mir eingeübt, ohne Stocken, daß ich ein Fremder sei, ein Reisebuch über Italien im Werk habe und auch die Landhäuser um Bologna mit aufzunehmen denke. Es sei mir darum sehr wichtig, die Erlaubnis zu erhalten, auch hier nur einen raschen Umblick zu tun, da dieses Haus im alten Stil erbaut und in vieler Hinsicht merkwürdig sei.

Der Graubart schien von alledem nicht viel zu verstehen. Es tut mir leid, sagte er, aber ich darf den Herrn durchaus nicht einlassen. Die Villa gehört dem General Alessandro P., unter dem ich selbst gedient habe, und die Schweiz, wo der Herr herstammt, kenne ich wohl, denn da bin ich selbst durchgekommen unter dem Bonaparte. Hernach, wie alles zu Ende war und ich mit meinen Wunden zu schaffen hatte, kommandierte mich mein General auf diesen Ruheposten, und da er noch einmal heiratete, gab er mir seine Tochter hier aufzuheben, denn der Herr weiß wohl, wie es geht, wenn die junge Tochter schöner ist als die junge Mutter. Nun, da leben wir hier ganz friedlich, und der Signorina fehlt es auch an nichts, denn der Papa schickt ihr fast jede Woche irgend was Hübsches, und Lehrer im Singen und in den Sprachen hat sie auch die besten und an meiner eigenen Tochter eine Gesellschaft, wie sie sie nur wünschen kann. Nur in die Stadt kommt sie nicht, und die Mutter fragt nichts nach ihr, und das macht ihr auch weiter keinen Kummer, da der Vater doch alle Monat einmal sie besuchen darf. Aber jedesmal, wenn er kommt, schärft er mir wieder ein, daß ich das Kind hüten soll wie meinen Augapfel, und sonntags, wenn sie in die Messe geht, gehn Nina und ich selbst mit ihr und lassen kein Auge von ihr. Was wollt Ihr auch in dem alten Hause sehn? Ich versichere Euch, es ist wie hundert andere, und auch im Garten wächst nichts Besonderes. Das fehlte noch, daß Ihr in einem Buch von uns erzähltet; da würde es Händel setzen mit meinem Herrn, und am Ende jagte er mich, so alt ich bin, aus dem Dienst.

Ich suchte ihn nach Möglichkeit zu beruhigen, aber mehr als alle guten Worte wirkte ein Goldstück, das ich ihm durchs Gitter in die Hand drückte.—Ich sehe, Ihr seid ein honetter junger Mann, sagte er, und werdet einen alten Soldaten nicht unglücklich machen. Wenn Ihr so hitzig darauf besteht, so kommt und ich führe Euch herum, daß Ihr Eure Neugier büßt. Auch kann ich es um so eher, da die Signorina gerade Singstunde hat; so wird sie also gar nichts davon erfahren, daß ich einen Fremden eingelassen habe.

Er schloß mir mit einem schweren Schlüssel die Gittertür auf und führte mich ins Haus. Im Erdgeschoß war ein großer kühler Saal, mit Jalousien und schweren Vorhängen gegen die Sonne verwahrt. Ich bat, meiner Rolle getreu, ein Fenster zu öffnen, um die Bilder betrachten zu können, die an den Wänden hingen. Es waren Familienporträts von geringem Wert, nur eins, über dem Kamin, fesselte mich länger. Das ist die Mutter unserer Signorina, sagte der Alte; ich meine die rechte, die nun schon fünfzehn Jahr tot ist. Sie war eine schöne Frau, man nannte sie die schöne Heilige; die Tochter gleicht ihr sehr, nur daß sie lustiger ist und wie ein Vogel im Bauer beständig auf und ab springt.

Sie hat auch eine Vogelkehle, warf ich scheinbar gleichgültig hin.
Ist sie das nicht, die da über uns singt?

Jawohl, sagte der Alte. Der Kapellmeister von unserem Theater kommt zweimal die Woche. Wenn darin der Papa (il babbo, sagte er) seinen Besuchstag hat—er bleibt dann immer viele Stunden—, singt sie ihm ihre neuen Arien, und dann ist der arme Herr wie im Paradiese. Er hat sonst auch wenig Freude, und ohne das Kind wäre ihm wohl besser in einer anderen Welt.

Was ist mit ihm? fragte ich. Ist er krank?

Wie man's nimmt, lieber Herr, sagte der Alte mit Achselzucken. Ich wenigstens wäre lieber tot, als so lebendig. Wer ihn gekannt hat, als er noch bei der Armee war—der Riese des Giovanni da Bologna auf dem Markt sieht nicht vornehmer und ritterlicher in die Welt, als mein General tat. Und jetzt—es ist herzbrechend. Den ganzen Tag sitzt er im Lehnstuhl am Fenster, schneidet Bilderbogen aus oder spielt Domino, und es ist, als hörte und sähe er nichts, und wenn seine Frau ihm etwas sagt, schielt er sie ganz schüchtern an und nickt ja zu allem. Nur was die Signorina angeht, da ist er noch ganz der alte, da darf ihn niemand hinters Licht führen wollen, oder er erfährt, daß der alte Löwe Tatzen hat, wenn ihm auch die Klauen beschnitten sind.