Und wie ist er in diesen Zustand gekommen?
Niemand weiß es, Herr. Es sind Dinge in dem Hause vorgefallen, von denen man nur gemunkelt hat. Ich meine immer, es muß ihm einmal von dem Weibe, will sagen Ihrer Exzellenz der jungen Frau Generalin, ein Schlag aufs Herz geschehen sein, von dem er sich nicht wieder ganz hat erholen können. Nun trägt er den Packen, den er sich selbst aufgeladen hat, wie ein alter standhafter Soldat Hunger und Durst erträgt, wenn er auch darüber zum Schatten einschrumpft. Ja, ja, das sind Geschichten!
Indessen stiegen wir die Treppe hinauf und kamen dem Gesang immer näher. Die Stimme hatte etwas Herbes, Ungeschmeidiges; ein hoher, jugendlicher Sopran, fast knabenhaft, und es schien, als singe sie nur, weil sie etwas auf dem Herzen habe, durchaus unbekümmert um ihren eigenen Wohllaut.
Wie heißt die Signorina? fragte ich, als wir oben waren.
Beatrice. Wir im Haus nennen sie Bicetta. O welch ein goldenes Herz! Meine Nina sagt oft: Vater, sagt sie, wenn sie warten soll, bis sie einen Mann findet, der sie wert ist, wird sie eine Jungfer bleiben. Seht, Herr, da ist ihr kleines Zimmer. Da liegen ihre Bücher; sie liest oft die halbe Nacht, sagt Nina, und in allen Sprachen. Da nebenan ist die Kammer, wo sie beide schlafen. Das Bild über ihrem Bett stellt meinen armen Herrn vor in der Generalsuniform, wie er uns in die Schlacht führt. Da hinten der Kleine, der die Muskete schwingt, das soll ich sein, sagt die Signorina. Sie hat ihm selbst erst den Schnurrbart gemalt, um es ähnlicher zu machen. Aber kommen Sie nur, hier ist nichts Merkwürdiges. Die Möbel sind alt, sehen Sie. Der General hat schon einmal neue herausschicken wollen, aber das Kind will es nicht leiden. Denn so sah hier alles aus, als die Selige hier ihren ersten Sommer als junge Frau zubrachte. Da auf dem Balkon saß sie immer in der Abendkühle und schaukelte die Wiege und sah nach der Stadt hinüber, ob ihr Gemahl noch nicht bald komme, wenn er Geschäfte hatte.
Ich trat hinaus und bückte mich in wundersamer Bewegung, um das Hündchen zu streicheln, das mir wedelnd die Hand leckte. Jedes Wort des braven Alten war ein Tropfen Öl in mein Feuer. Und dann die Stimme nebenan, deren Hauch die Flamme hoch und höher anfachte!-Um mich nicht zu verraten, sprach ich allerlei über den Stil, in welchem der Park angelegt war, über den Mosaiktisch, der mitten in dem großen Zimmer stand, und das verblichene Freskobild am Plafond. Ich konnte mich nicht entschließen, wieder auf den Flur hinauszugehen, obwohl mein Führer ungeduldig zu werden schien. Plötzlich brach nebenan der Gesang ab, im nächsten Augenblick flog die Tür auf, und sie selbst stand, das Notenblatt in der Hand, an der Schwelle.
So nah hatte ich sie noch nicht gesehn. Aber dennoch sah ich sie nicht viel deutlicher als an den vorigen Tagen, denn es schwamm mir vor den Augen. Nur hatte ich gleich auf den ersten Blick erkannt, daß sie mein Medaillon am Halse trug.
Der Alte war einen Schritt zurückgefahren und stammelte jetzt eine linkische Entschuldigung, wobei er mich verstohlen am Rock zupfte.
Es tut nichts, Fabio, sagte sie. Führe den Herrn nur herum, wenn er das Haus sehen will und den Garten. Geh mit, Nina, wandte sie sich an ihre Freundin, die auf einem niedrigen Sessel neben dem Klavier mit einer Stickerei saß; und höre, ich will dir noch etwas sagen.
Sie flüsterte ihr ein Wort ins Ohr, immer dabei den Blick auf mich geheftet, und verneigte sich dann mit der reizendsten Anmut gegen mich, der ich kein Wort vorbringen konnte. Dabei legte sie wie unwillkürlich die rechte Hand auf das Medaillon und wandte sich dann wieder zu ihrem Lehrer, der dem ganzen Intermezzo mit neugierigen Augen zugesehen hatte.