Ich erschrak heftig, als ich statt der Nina, die ich am Gitter zu treffen dachte, ihren Vater am Portal stehen sah. Aber der Alte, obwohl er mürrisch genug aussah, nickte mir doch schon von weitem zu und machte ein Zeichen, daß ich nähertreten sollte.

Ihr habt der Signorina einen Brief geschrieben, sagte er, den Kopf schüttelnd. Ei, ei, warum habt Ihr das getan? Wenn ich das von Euch gedacht hätte, mit meinem Willen hättet Ihr keinen Fuß in das Haus gesetzt. Und mein armer Herr, und alles, was ich ihm versprochen habe, und was alles noch kommen kann—ich darf gar nicht daran denken!

Tapfrer alter Freund, sagt' ich, es sollte nicht hinter Eurem Rücken geschehen. Wärt Ihr gestern zu Haus gewesen, gewiß, ich hätte den Brief Euch selbst gegeben und allenfalls hättet Ihr ihn lesen können, um zu sehn, daß ich nichts als Ehrenhaftes im Sinn habe. Aber sagt um Gottes willen-Kommt, unterbrach er mich. Wir wollen die Zeit nicht verderben. Ihr seid ein honetter junger Herr, und übrigens: wie sollt' ich alter Tropf es hindern, wenn ich's auch wollte? Sie ist die Herrin, glaubt es mir, so jung sie ist. Wenn sie sagt: das will ich! so widersteht ihr niemand. Und sie will Euch sehn, sogleich, sie will selbst mit Euch sprechen.

Mir taumelten alle Sinne bei diesen Worten. Ich hatte nur auf einen
Brief gehofft; nun das!

Der Alte schien selbst gerührt, als ich ihm stürmisch die Hand drückte, Er führte mich nach dem Hause und wie vorgestern durch die Seitentür hinein in den Saal des Erdgeschosses. Nur waren heut alle Läden und Vorhänge geöffnet, um das Abendrot einzulassen; zwei Sessel standen dem Kamin gegenüber, und von dem einen erhob sich, als wir eintraten, die geliebte Gestalt des Mädchens und tat einige Schritte mir entgegen. Sie hatte ein Buch in der Hand, in dem ich meinen Brief stecken sah. Ihre reichen Haare waren aufgebunden und mit einem schwarzen Samtband durchzogen. Auf ihrer Brust sah ich wieder mein Medaillon.

Fabio, sagte sie, mach die Tür nach dem Garten auf und bleib auf der
Terrasse, für den Fall, daß ich dir etwas aufzutragen hätte.

Der Alte verneigte sich ehrerbietig und tat, was sie ihn geheißen hatte. Währenddessen standen wir uns unbeweglich gegenüber, und ich konnte vor Herzklopfen kein Wort hervorbringen.

Ihr Blick ruhte mit unerschütterlichem Ernste, halb fragend, halb staunend, auf meinen Augen. Endlich schien sie sich gefaßt zu haben und klar zu wissen, was ihr noch eben rätselhaft gewesen war. Sie reichte mir die Hand, die ich rasch ergriff, aber nicht an meine Lippen zu drücken wagte.

Komm, sagte sie, und setz dich. Ich habe dir viel zu sagen. Siehst du das Bild? Das ist meine liebe Mutter, die ist lange tot. Als ich deinen Brief gelesen hatte, hab' ich mich hierher gesetzt und sie gefragt, was ich dir antworten sollte. Dann schien mir's, als ob sie zu nichts ihre Zustimmung geben könnte, als zu der Wahrheit. Und die Wahrheit ist, daß ich, seit ich dich damals im Wagen gesehn, keinen anderen Gedanken gehabt habe als an dich, und daß ich bis an meinen Tod nicht aufhören werde, an dich zu denken.

Ich wußte nicht, wie mir geschah, als ich diese schlichten Worte hörte. Ich stürzte nieder neben ihrem Sessel, ergriff ihre beiden Hände und bedeckte sie mit Küssen und Tränen.