Warum weinst du nun? sagte sie und suchte mich aufzuheben. Bist du nicht glücklich? Ich bin es. Ich habe schon viel Schmerzen gehabt, aber in diesem Augenblick ist alles ausgelöscht; ich weiß nur, daß du bei mir bist und ich bei dir, und daß ich nun nie mehr unglücklich werden kann.
Sie stand auf und ich riß mich in die Höhe. Ich wollte sie im Taumel des Glücks in die Arme schließen, aber sie trat sanft einen Schritt zurück. Nein, Amadeo, sagte sie, das darf nicht sein. Du weißt nun, daß ich dein bin und nie eines anderen sein werde. Aber laß uns ruhig bleiben. Ich habe alles bedacht in dieser langen Nacht. Du darfst nun nicht mehr in dies Haus kommen, ich hab' es dem guten Fabio versprochen, daß ich dich heute hier zum ersten und letzten Male sehen wollte. Denn wenn du öfter kämest, hätt' ich bald keinen Willen mehr als deinen, und ich will meinem Vater keine Schande machen. Höre, du mußt zu ihm gehn, du wirst keine Mühe haben, im Hause eingeführt zu werden; es gehen ja, fügte sie mit einem Seufzer hinzu, so viele junge Leute dort ein und aus, auch Fremde genug. Wenn er dich dann ein wenig kennengelernt und Zutrauen zu dir gefaßt hat, dann halte um mich an, und du magst ihm auch sagen, daß wir uns kennen und daß ich niemand zum Mann haben will als dich. Das andere überlaß nur mir, und versprich mir auch, seine Frau nicht ins Vertrauen zu ziehn. Das wäre das Allerschlimmste, weil sie mich nicht liebt und es nicht gern sähe, wenn ich glücklich würde. Ach, Amadeo, ist es denn möglich, daß du mich liebst, ganz so, wie ich dich liebe? War dir's denn auch so an jenem ersten Tage, als wenn der Blitz neben dir einschlüge und die Erde bebte und Bäume und Büsche umher stünden in Feuer? Ich weiß nicht, wie es kam, daß mich der Mutwille trieb, dem Fremden, der unter dem Schirme schlief, den Zweig zuzuwerfen. Ich sah nicht einmal dein Gesicht; es war eine Kinderei, und sie reute mich fast im selben Augenblick. Aber dann zog mich's unwiderstehlich, ich mußte noch einmal über die Mauer sehen, und da standst du aufrecht im Wagen und grüßtest mich mit den Granatblüten, und da überlief es mich heiß und kalt, und seitdem stehst du immer vor mir, was ich auch tue oder lasse!
Ich hatte sie wieder zu den Sesseln geführt und hielt beständig ihre Hand, während ich ihr erzählte, wie mir diese Tage vergangen waren. Sie sah mich dabei nicht an, so daß ich nur das reizende junge Profil vor mir hatte; aber alles war ausdrucksvoll an diesem Gesicht, bis auf die seelenvolle Blässe und die zarten, bräunlichen Schatten unter den langen Wimpern. Dann schwieg ich auch wieder und fühlte nur in den feinen Adern ihres Händchens, das ich in meinen hielt, das rasche Blut klopfen. Der alte Fabio sah einmal bescheidentlich herein und fragte: ob er Früchte bringen sollte?
Hernach! sagte sie. Oder bist du durstig?
Nach deinen Lippen, flüsterte ich.
Da schüttelte sie wieder den Kopf, und ihre feinen Brauen wurden ernsthaft.
Du liebst mich nicht! sagte ich.
Viel zu sehr! erwiderte sie mit einem Seufzer. Dann stand sie auf.
Wir wollen noch durch den Garten gehen, eh die Sonne ganz hinunter ist.
Ich will dir Orangen pflücken. Diesmal brauch' ich es nicht der
Nina aufzutragen.
So gingen wir, und sie hielt meine Hand fest und fragte allerlei, nach meiner Heimat, meinen Eltern, und ob das Haar in dem Medaillon mein eigenes sei. Als ich sagte, meine Schwester habe mir's gegeben, mußt' ich von der erzählen. Ich will sie sehen, sagte sie; sie muß mich lieben, denn ich liebe sie schon jetzt. Dann aber können wir dort nicht bleiben, weil es mein Vater nicht überlebte, sich von mir zu trennen. Er hat keine Freude außer mir. Nicht wahr, du kehrst dann wieder mit mir nach Bologna zurück?
Ich versprach, was sie nur verlangte. Was wäre mir auch unmöglich erschienen, seit sich dieses Wunder begeben und das holde Gesicht mich mit Liebesaugen ansah!—Nun wurde sie immer heiterer, wir lachten endlich zusammen wie die Kinder und warfen uns mit den Orangen, die sie von den Bäumen am Glashause gebrochen hatte. Komm, sagte sie, wir wollen Federball spielen. Nina soll mitspielen, obwohl ich fast eifersüchtig werden möchte, denn sie spricht nur von dir. Sieh, wie sie sich beiseite schleicht, weil sie glaubt, sie störe uns. Was haben wir uns zu sagen, das nicht die ganze Welt und Himmel und Erde hören könnten?