Betroffen fuhr er auf, ein Argwohn stand eine Sekunde lang vor seinem Geist: "Ob sie dir Gift gegeben?" dann zog er es vor zu glauben, daß es noch ein Rest des verliebten Götzendienstes sei, den sie abgeschworen, und ohne weitere Worte ging er ihr nach zum Hause hinaus.
"Das Pferd haben sie wieder nach Porretta mitgenommen", sagte sie draußen zu ihm, als er es mit den Augen zu suchen schien. "Ihr hättet auch nicht hinabreiten können ohne Gefahr. Die Wege sind steiler als gestern."
Sie ging ihm nun voran und bald hatten sie die Hütten hinter sich, die tot und selbst ohne ein Wölkchen Rauch aus den Schornsteinen in der scharfen Sonne standen. Jetzt erst sah Filippo die ganze Majestät dieser Einöde, über der ein reiner, durchsichtiger Himmel hing. Der Weg, kaum in dem harten Felsen durch eine dunklere Spur erkennbar, lief auf dem breiten Rücken nordwärts, und dann und wann, wenn der gegenüberliegende parallele Zug sich senkte, blitzte am fernen Horizont zur Linken ein Streif des Meeres herauf. Noch war von Vegetation weit und breit keine Spur, außer den harten, niederen Bergkräutern und Flechtengestrüpp. Nun aber verließen sie die Höhe und vertieften sich in die Schlucht, die zu durchwandern war, um auch den Felsrücken gegenüber zu ersteigen. Hier begegneten sie bald Nadelholz und Quellen, die in die Schlucht sprangen, und hörten in der Tiefe das Toben des Wassers. Fenice ging jetzt voran, mit sicherm Fuß auf die sichersten Steine tretend, ohne umzublicken oder ein Wort zu sagen. Er konnte nicht anders, als die Augen dicht an ihr hängen lassen, und die schlanke Kraft der Glieder bewundern. Das Gesicht verdeckte ihm gänzlich ihr großes, weißes Kopftuch, aber wenn es sich fügte, daß sie wieder nebeneinander gehen konnten, mußte er sich zwingen, vor sich hin und von ihr weg zu sehen, so sehr fesselte ihn die großartige Bildung der Züge. Er bemerkte jetzt erst im vollen Sonnenlicht einen seltsam kindlichen Ausdruck, ohne sich sagen zu können, worin er besonders liege. Als sei etwas in diesem Gesicht seit sieben Jahren stehengeblieben, während alles andere sich entwickelte.
Endlich fing er von selbst zu sprechen an, und sie gab unbefangen verständige Antworten. Nur daß ihre Stimme, die sonst nicht so hart und dumpf war, wie den Weibern im Gebirg eigen zu sein pflegt, heute eintönig und bei den gleichgültigsten Dingen am traurigsten klang. Diese Wege, die sie jetzt gingen, waren in den letzten Jahren vielfach von politischen Flüchtlingen betreten worden, von denen die meisten gewiß in Treppi gerastet hatten. Filippo fragte das Mädchen nach diesem und jenem seiner Bekannten, die er beschrieb; aber sie entsann sich ihrer selten, obwohl sie wußte, daß die Contrabbandieri viele Fremde in ihrem Hause hatten übernachten lassen. Nur auf einen besann sie sich nur zu klar. Bei der Beschreibung stieg ihr das Blut ins Gesicht und sie blieb stehn. "Der ist schlecht!" sagte sie finster. "Ich habe die Knechte in der Nacht wecken und ihm das Haus verschließen müssen."
Unter diesen Gesprächen merkte der Advokat nicht, wie die Sonne stieg und noch immer kein Blick in die toskanische Flur sich auftat. Auch dachte er mit keinem Gedanken an das bevorstehende Ende dieses Tages. Es war so erquickend, funfzig Schritt über dem Gießbach auf dem ganz überbuschten Wege hinzugehn, zuweilen den Staub des Sturzes heraufwehen zu fühlen, die Eidechsen über die Steine schlüpfen und die behenden Schmetterlinge den verstohlenen Sonnenlichtern nachjagen zu sehn, daß er nicht einmal inne wurde, wie sie dem Bach entgegenwanderten, und noch immer nicht westlich einlenkten. Es war eine Magie in der Stimme seiner Begleiterin, die ihn alles vergessen machte, was gestern in Gesellschaft der Contrabbandieri ihn unaufhörlich beschäftigt hatte. Als sie nun aber aus der Schlucht heraustreten und jetzt ein unabsehbares wildfremdes Bergland mit neuen Höhen und Klüften wüst und versengt vor ihnen lag, erwachte er auf einmal aus dem Zauberschlaf, blieb stehen und blickte gen Himmel. Er erkannte klar, daß sie in der völlig entgegengesetzten Richtung gewandert und wohl zwei Stunden von seinem Ziele ferner waren, als da sie ausgingen.
"Halt!" sagte Filippo. "Ich sehe es noch beizeiten, daß du mich dennoch betrügst. Ist das der Weg nach Pistoja, du Heimtückische?"
"Nein", sagte sie furchtlos, aber den Blick zu Boden gesenkt.
"Nun denn, bei allen Mächten der Hölle, so können die Teufel bei dir in die Schule gehn und Heucheln von dir lernen. Fluch über meine Verblendung!"
"Man kann alles, man ist mächtiger als Teufel und Engel, wenn man liebt", sagte sie mit tiefem, traurigem Ton.
"Nein!" schrie er in hellem Jähzorn, "noch frohlocke nicht, Übermütige, noch nicht! den Willen eines Mannes kann das nicht brechen, was eine verrückte Dirne Liebe nennt. Kehre um mit mir, auf der Stelle und weise mir die kürzesten Wege—oder ich erdroßle dich mit diesen Händen, —du Törin, die nicht einsieht, daß ich die hassen muß, die mich vor der Welt zu einem Nichtswürdigen machen will."