"Ich hatte dich nicht geheißen, um meine Müdigkeit besorgt zu sein.
Drängst du dich noch immer an mich an? Es soll dir nichts helfen,
Mädchen. Wo sind meine Leute?"

"Fort."

"Fort? willst du mich narren? Wo sind sie? Törin, als ob sie fortgingen, ehe ich sie bezahlt habe!" Und er schritt rasch auf die Tür zu, um hinauszugehn.

Fenice blieb unbeweglich sitzen und sagte in demselben harmlosen Ton: "Ich habe sie bezahlt. Ich sagte ihnen, daß Ihr Schlaf brauchtet und dann, daß ich selbst Euch hinunterbegleiten würde; denn der Weinvorrat ist zu Ende und ich muß neuen kaufen, eine Stunde vor Pistoja."

Der Zorn verwehrte ihm einen Augenblick zu sprechen. "Nein", brach er endlich heraus, "mit dir nicht, mit dir nimmermehr! Heimtückische Schlange! Es ist lächerlich, daß du noch immer denkst, mit deinen glatten Windungen mich umstricken zu können. Nun sind wir völliger geschieden als je. Ich verachte dich, daß du mich für blöde und armselig genug hältst, mit diesen kleinen Künsten es mir abgewinnen zu können. Mit dir geh ich nicht! Gib mir einen deiner Knechte mit und da—mache dich bezahlt für deine Auslagen an die Contrabbandieri."

Er warf ihr eine Börse hin und öffnete die Tür, selbst jemand zu suchen, der ihn hinunterführte. "Macht Euch keine Mühe", sagte sie, "Ihr findet von den Knechten keinen, sie sind alle in die Berge. Auch sonst ist in Treppi niemand, der Euch dienen könnte. Arme gebrechliche Mütterchen, Greise und Kinder, die noch gehütet werden. Wenn Ihr mir nicht glaubt—seht nach!"

"Und überhaupt", fuhr sie fort, als er unentschlossen in Grimm und Ärger auf der Schwelle stand und ihr den Rücken zugekehrt hatte, "warum dünkt es Euch so unmöglich und gefährlich, wenn ich Euch führe? Ich habe die Nacht Träume gehabt, aus denen ich sehe, daß Ihr nicht für mich seid. Es ist wahr, ich habe Euch noch immer ein wenig gern und es wird mir Freude machen, noch ein paar Stunden mit Euch zu plaudern. Muß ich Euch darum nachstellen? Ihr seid frei, von mir zu gehn auf immer, wohin Ihr wollt, in den Tod oder ins Leben. Nur, daß ich es so eingerichtet habe, daß ich noch eine Strecke neben Euch hergehe. Ich will Euch zuschwören, wenn Euch das beruhigen kann, daß es nur eine Strecke sein wird, beileibe nicht bis Pistoja. Nur so lange, bis Ihr den rechten Weg habt. Denn wenn Ihr auf Eure eigne Hand fortginget, verstieget Ihr Euch bald, daß Ihr weder vor noch zurück könntet. Ihr müßt das ja noch wissen von Eurer ersten Reise durch die Berge."

"Pest!" murmelte er und biß sich die Lippen. Er sah indes, wie die Sonne stieg, und alles wohl erwogen,—was hatte er im Grunde Ernstliches zu besorgen? Das Ernstlichste wollte er sich nicht gestehen. Er wandte sich zu ihr um und glaubte von dem gleichmütigen Blick ihrer großen Augen Zeugnis annehmen zu dürfen, daß keinerlei Falsch hinter ihren Worten sei. Sie schien ihm wirklich seit gestern eine ganz andere geworden zu sein, und fast mischte sich ein Gefühl von Unzufriedenheit in sein Staunen, da er sich sagen mußte, daß der gestrige Anfall von schmerzlicher Leidenschaft so bald und spurlos vorübergegangen sei. Er sah sie länger an, aber sie gab schlechterdings zu keinem Argwohn Anlaß.

"Wenn du denn so vernünftig geworden bist", sagte er jetzt trocken, "so mag es sein, so komm!"

Ohne eine sonderliche Äußerung der Freude stand sie auf und sagte: "Wir wollen erst essen; auf Stunden finden wir nichts." Sie stellte ihm eine Schüssel hin und einen Krug und aß dann selbst, am Herde stehend, aber von dem Wein genoß sie keinen Tropfen. Er dagegen, um es abzumachen, aß einige Löffel voll, stürzte den Wein hinunter und zündete an den Kohlen des Herdes seine Zigarre an. Währenddessen hatte er ihr keinen Blick gegönnt und als er nun zufällig, da er ihr nahe stand, sie ansah, war eine wunderliche Röte auf ihren Wangen und etwas wie Triumph in den Augen. Sie stand rasch auf, ergriff den Krug und zerschellte ihn mit einem Wurf gegen den Steinboden. "Es soll keiner mehr daraus trinken", sagte sie, "seit Eure Lippen daran gehangen!"