Das hatte er hart und schneidend gesagt, und wie er nun schwieg, schien ihm der Ton der eignen Stimme weh zu tun. Doch fügte er kein Wort hinzu, sich im stillen verwundernd, daß sie es ruhiger hinnahm, als er selber gefürchtet hatte. Er hätte nun gern einen stürmischen Ausbruch ihres Schmerzes mit gütigeren Worten beschwichtigt. Sie ging aber kalt an ihm vorbei, öffnete eine schwere Holztür nicht weit vom Herde, deutete stumm auf die Eisenriegel an derselben und trat dann an den Herd zurück.

Er schritt denn auch hinein und riegelte hinter sich zu. Doch blieb er eine Zeitlang dicht neben der Tür stehen, um zu horchen, was sie beginne. Es wurde keine Bewegung im Gemache laut, und im ganzen Hause hörte man nichts als die Unruhe des Hundes, das Scharren des Pferdes im Stall und das Singen des Windes, der draußen die letzten Nebelstreifen verwehte. Denn der Mond war in aller Pracht am Himmel, und die Kammer hell, nachdem Filippo einen großen Büschel Heidekraut aus dem Mauerloch gezogen hatte, das als Fenster diente. Er sah nun, daß er offenbar in Fenicens Kammer war. Da stand ihr schmales, sauberes Bett an der Wand, eine Lade unverschlossen daneben, ein Tischchen, eine kleine Holzbank, die Wände waren mit Bildern behangen, Heiligen und Madonnen, ein Weihkesselchen unter dem Kruzifix neben der Tür.

Er setzte sich jetzt auf das harte Bett und fühlte, wie es in ihm stürmte. Ein paarmal hob er schon den Fuß, um wieder hinauszueilen und ihr zu sagen, daß er ihr nur weh getan habe, um sie zu heilen. Dann stampfte er gegen den Boden, unmutig über seine weichherzige Regung. "Es ist das einzige, was bleibt", sprach er für sich, "wenn Schuld und Fluch nicht noch wachsen sollen. Sieben Jahre, armes Kind! "—Ein starker Kamm, mit kleinen Metallstückchen verziert, lag auf dem Tischchen, den nahm er mechanisch in die Hand. Das volle Haar kam ihm dabei wieder in den Sinn, der stolze Nacken, auf dem es lag, die edle Stirn, um die es sich ringelte, und die bräunliche Wange. Er warf endlich den Versucher in die Lade, worin er saubere Röcke, Kopftücher und allerlei kleine Schmuckstücke ordentlich zusammen verwahrt sah. Langsam ließ er den Deckel wieder fallen, und ging nun an die Mauerlücke und sah hinaus.

Die Kammer lag an der hintern Seite des Hauses und keine der andern Hütten von Treppi wehrte ihm die Aussicht über das zerklüftete Hochland. Gegenüber, hinter der Schlucht aufsteigend, der nackte Felsrücken, vom Monde angeschienen, der jetzt über dem Hause stehen mußte. Seitwärts sah er einige Schuppen, an denen der Weg vorüber in die Tiefe führte. Eine verlorene kleine Fichte mit kahlen Zweigen wurzelte zwischen dem Gestein, sonst bedeckte den Boden nur Heidekraut und hie und da ein kümmerlicher Busch.—"Hier ist freilich kein Ort", sagte er im stillen, "zu vergessen, was man geliebt hat.—Ich wollte, es wäre anders! Ja ja, sie wäre am Ende die rechte Frau für mich gewesen, die mich mehr geliebt hätte, als Putz und Spazierengehen und das Geflüster der Stutzer. Was für Augen mein alter Marco machen würde, wenn ich plötzlich mit einer schönen Frau von der Reise zurückkäme! Man brauchte nicht einmal die Wohnung zu ändern, die vielen öden Winkel waren ohnehin unheimlich. Und mir altem Grämler würde es zuweilen gut sein, ein lachendes Kind—aber Torheit, Torheit, Filippo! Was soll das arme Ding als Witwe in Bologna! Nein, nein! nichts davon! Keine neue Sünde auf die alte häufen! Ich will eine Stunde früher die Leute wecken und mich fortstehlen, ehe ein Mensch in Treppi wacht."

Eben wollte er das Fenster verlassen, und die vom langen Ritt ermüdeten Glieder aufs Lager strecken, als er eine weibliche Gestalt aus dem Schatten des Hauses in den Mondschein vortreten sah. Sie blickte nicht um, aber es blieb ihm kein Zweifel, daß es Fenice war. Sie entfernte sich vom Hause auf dem Wege, der in die Schlucht hinunterführte, mit ruhigen großen Schritten. Ein Schauder überlief ihm die Haut, denn im selben Augenblick fuhr ihm der Gedanke in den Kopf: sie will sich ein Leid antun. Ohne Besinnung sprang er nach der Tür und zerrte gewaltsam an dem Riegel. Aber das alte rostige Eisen hatte sich so eigensinnig in die Klammer vertieft, daß er vergebens alle Kraft aufbot. Ein kalter Schweiß trat ihm vor die Stirn, er schrie, rüttelte und stieß mit Fäusten und Füßen gegen die Tür und bezwang sie nicht. Endlich ließ er ab und stürzte wieder an die Fensterlücke. Schon gab der eine Stein seinem Wüten nach, da plötzlich sah er die Gestalt des Mädchens wieder auftauchen auf dem Wege und sich der Hütte zuwenden. Sie trug etwas in der Hand, das er bei dem unsichern Licht nicht erkennen konnte, nur ihr Gesicht sah er deutlich, das war ernsthaft und gedankenvoll, aber ohne Leidenschaft. Keinen Blick warf sie auf sein Fenster und verschwand wieder im Schatten.

Noch stand er und atmete tief nach der Angst und Anstrengung, da vernahm er großen Lärm, der von dem alten Hunde herzurühren schien, doch kein Bellen oder Winseln. Das Rätsel beklemmte ihn immer unheimlicher; er bog den Kopf weit zu der Öffnung hinaus, konnte aber nichts sehen als die regungslose Nacht im Gebirge. Auf einmal erscholl ein kurzes scharfes Heulen, darauf ein tieferschütterndes Stöhnen des Hundes und dann, solange und ängstlich er hinhorchte, kein Laut mehr die ganze Nacht, als daß noch einmal die Tür des Gemachs nebenan klappte und Fenices Schritte über den Steinboden sich vernehmen ließen. Umsonst stand er lange an der verriegelten Tür, horchte erst, bat und fragte dann und beschwor das Mädchen nur um ein kurzes Wort—es blieb still nebenan. Er warf sich nun auf das Bett, wie im Fieber und lag wachend und sinnend, bis endlich eine Stunde nach Mitternacht der Mond unterging, und die Ermüdung über seine tausend wogenden Gedanken Herr wurde.

Eine Dämmerung war um Filippo, als ihn der Schlaf verließ; doch als er seine Sinne völlig ermuntert und sich vom Bett aufgerichtet hatte, ward er wohl inne, daß es nicht ein Zwielicht wie vor Sonnenaufgang war. Von einer Seite her traf ihn ein schwacher Sonnenstrahl und bald sah er, daß die Mauerlücke, die er vor dem Einschlafen offengelassen, dennoch fest mit Gestrüpp verstopft worden war. Er stieß es hinaus, und die volle Morgensonne blendete ihn. Im höchsten Zorn auf die Contrabbandieri, seinen Schlaf und vor allem auf das Mädchen, dem er diese Hinterlist zuschreiben mußte, ging er augenblicklich nach der Tür, deren Riegel jetzt einem besonnenen Druck leicht nachgab, und trat in das Nebengemach.

Er traf Fenice allein, gelassen am Herde sitzend, als habe sie ihn längst erwartet. Aus ihrem Gesicht war jede Spur der gestrigen Stürme verschwunden, ja sogar keine Regung der Trauer und kein Zug einer gewaltsamen Fassung begegnete seinem finstern Auge.

"Du hast es veranstaltet, daß ich die Stunde verschlafen mußte", herrschte er sie an.

"Ja", sagte sie gleichgültig. "Ihr waret müde. Ihr kommt immer noch früh genug nach Pistoja, wenn Ihr am Nachmittag erst den Mördern begegnen müßt."