"Du bist auch eine Zauberin, eine Strega", fuhr er mit Lächeln fort.
"Jawohl, Kind, sie wollen mich morden. Mein Gegner ist der beste
Schütze in Toskana. Sie haben mir die Ehre angetan, einen stattlichen
Feind gegen mich zu stellen. Nun, ich werde mir auch keine Schande
machen. Wer weiß aber, ob alles mit rechten Dingen zugeht? Wer weiß?
Oder hast du auch Zauberkünste, das vorauszusehen? Was hülf' es,
Kind! damit wäre nichts geändert."

"Du mußt es dir also schon aus dem Sinn schlagen", fuhr er nach einigem Schweigen fort, "deiner törichten alten Liebe ihren Willen zu tun. Vielleicht hat alles so kommen müssen, damit ich nicht aus der Welt ginge, ohne dich frei zu machen, frei von dir selbst und deiner unseligen Treue, armes Kind. Siehst du, wir hätten auch vielleicht schlecht für einander getaugt. Du warst einem andern Filippo treu, einem jungen Fant mit leichtsinnigen Lippen und außer Liebessorgen sorgenlos. Was hättest du mit dem Grübler, dem Einsiedler anfangen wollen?"

Nun trat er auf sie zu, da er das letzte halb vor sich hin, auf und ab gehend, gesprochen hatte, und wollte eben ihre Hand fassen, als er vor dem Ausdruck ihres Gesichts sich entsetzte. Alle Weichheit war aus den Zügen gewichen, alle Röte von den Lippen. "Du liebst mich nicht!" sagte sie langsam und tonlos, als spräche ein andrer aus ihr und sie horchte hin, um zu erfahren, was eigentlich gemeint sei. Dann stieß sie seine Hand mit einem Schrei zurück, daß die Flämmchen der Lampe zu erlöschen drohten, und von draußen auf einmal ein wütendes Wimmern und Toben des Hundes laut wurde.—"Du liebst mich nicht, nein, nein!" rief sie wie außer sich. "Kannst du lieber in den Tod wollen, als in meine Arme? Kannst du nach sieben Jahren kommen, um Abschied zu nehmen? Kannst du so ruhig von deinem Tode sprechen, als wäre er nicht auch meiner? So wäre mir besser, diese Augen wären erblindet, eh' sie dich wieder sahen, und diese Ohren taub geworden, ehe sie die grausame Stimme hören mußten, durch die ich lebe und sterbe. Warum hat der Hund dich nicht zerrissen, ehe ich wußte, daß du gekommen bist, mein Herz zu zerreißen? Warum ist dein Fuß nicht an den Abgründen ausgeglitten? Wehe, wehe! Siehe meinen Jammer, Madonna!"

Sie stürzte nieder vor dem Bilde, lag mit der Stirn gegen den Boden, die Hände weit von sich gestreckt, und schien zu beten. Der Mann hörte den Lärm des Hundes, dazwischen das Murmeln und Stöhnen des unglücklichen Mädchens, während der Mond nun schon Macht gewann und das Gemach durchleuchtete. Ehe er aber noch sich fassen und ein Wort aussprechen konnte, fühlte er schon wieder ihre Arme an seinem Nacken, ihren Mund an seinem Halse und heiße Tränen über sein Gesicht fließen. "Geh nicht in den Tod, Filippo!" schluchzte die Arme. "Wenn du bei mir bleibst, wer will dich finden? Laß sie reden, was sie wollen, das Mördergesindel, die heimtückischen Elenden, schlimmer als die Wölfe des Apennin.—Ja", sagte sie und sah durch Tränen strahlend zu ihm auf, "du bleibst, die Madonna hat dich mir geschenkt, damit ich dich retten sollte. Filippo, ich weiß nicht, was für böse Worte ich gesprochen, aber daß sie böse waren, empfand ich an dem eisigen Krampf hier am Herzen, der sie mir entrissen. Vergib mir das. Es bringt in die Hölle, zu denken, daß die Liebe vergessen und die Treue zertreten werden kann. Wir wollen uns nun hersetzen und das alles beraten. Willst du ein neues Haus haben? Wir bauen eins. Andere Leute? Wir schicken alle fort, auch die Nina, auch der Hund soll fort. Und wenn du meinst, daß sie dich dann verraten—so wollen wir selber fort, noch heut, jetzt, ich weiß alle Wege, und ehe die Sonne kommt, sind wir tief in den Schluchten nach Norden zu und wandern, wandern bis Genua, bis Venedig, wohin du willst."

"Halt!" sagte er strenge. "Es ist genug der Torheit. Du kannst mein Weib nicht werden, Fenice. Wenn es morgen nicht ist, daß sie mich umbringen, so ist es nicht lange, denn ich weiß, wie ich ihnen im Wege bin." Er zog sanft, aber entschlossen seinen Hals aus ihren Armen.

"Siehe Kind", fuhr er fort, "das ist nun unglücklich genug und wir brauchen es uns nicht noch schwerer zu machen durch Unvernunft. Vielleicht, wenn du später einmal von meinem Tode hörst, wirst du einen Mann und schöne Kinder ansehen und dich segnen, daß der Tote in dieser Nacht mehr Vernunft hatte, als du, wenn es auch in jener ersten umgekehrt war. Laß mich nun schlafen gehn, geh du auch und schaffe, daß wir uns morgen nicht wiedersehn. Du hast einen guten Ruf, wie ich unterwegs von meinen Contrabbandieri erfuhr. Wenn wir uns etwa umhalsten, morgen, und du machtest ein Schauspiel—nicht wahr, Kind? Und nun—gute Nacht, gute Nacht, Fenice!"

Da bot er ihr noch einmal herzlich die Hand. Aber sie nahm sie nicht. Sie sah ganz bleich aus im Mondschein, die Brauen und niedergeschlagenen Wimpern um so finsterer. "Hab ich nicht genug gebüßt", sprach sie halblaut, "daß ich vor sieben Jahren eine Nacht lang zu viel Vernunft hatte? Und nun will er, daß diese tausendmal verwünschte Vernunft mich wieder elend machen soll, und diesmal eine Ewigkeit lang? Nein, nein, nein! Ich lasse ihn nicht mehr aus den Händen—ich müßte mich vor allen Menschen schämen, wenn er ginge und stürbe."

"Hörst du nicht, daß es mein Wille ist?" unterbrach er sie mit Heftigkeit, "daß ich jetzt schlafen will, Mädchen, und allein? Was redest du irre und machst dich kränker? Wenn du nicht fühlst, daß meine Ehre mich von dir reißt, so hättest du nie für mich getaugt. Ich bin keine Puppe auf deinem Schoß, zum Hätscheln und Possentreiben. Ich habe meine Wege vor mir gezeichnet, und sie sind zu enge für zwei. Zeige mir das Fell, auf dem ich die Nacht zubringen soll, und dann—laß uns einander vergessen!"

"Und wenn du mich mit Schlägen von dir triebest, ich ginge nicht! Wenn sich der Tod zwischen uns stellte, ich jagte dich ihm ab mit diesen guten Armen. Auf Tod und Leben—du bist mein, Filippo!"

"Still!" rief er überlaut. Die Röte stieg ihm jählings in die Stirn, indem er mit beiden Armen die heftige Gestalt von sich drängte. "Still! Und nun ist's aus für heut und immer. Bin ich ein Ding, das an sich reißen kann, wer will, und wem es in die Augen sticht? Ein Mensch bin ich, und wer mich haben soll, dem muß ich mich geschenkt haben. Du hast sieben Jahre nach mir geseufzt—hast du darum ein Recht, mich im achten ehrlos vor mir selbst zu machen? Wenn du mich bestechen willst, so war das Mittel schlecht gewählt. Vor sieben Jahren liebt' ich dich, weil du anders warst als heut. Wärst du mir damals an den Hals geflogen und hättest mein Herz mir abtrotzen wollen, ich hätte Trotz gegen Trotz gesetzt, wie heut. Nun ist alles aus zwischen uns und ich weiß, daß das Mitleid, das mich vorhin anwandelte, nicht Liebe war. Zum letztenmal, wo ist die Kammer?"