"Sie hat recht gehabt, Fenice, ich habe kein Weib. Aber woher weiß sie oder du, daß ich je eins haben will?"
"Wie könntest du mich nicht wollen?" sagte sie mit unerschütterlichem
Vertrauen.
"Setz dich hier zu mir her, Fenice! Ich habe dir viel zu sagen. Gib mir deine Hand; versprich mir, daß du mich verständig anhören willst bis zu Ende, meine arme Freundin!" Als sie nichts von dem allen tat, fuhr er mit klopfendem Herzen fort, vor ihr stehenbleibend und das Auge traurig auf sie geheftet, während das ihrige wie in Ahnungen, die ihr ans Leben gingen, bald geschlossen war, bald am Boden hinirrte.
"Ich habe schon vor Jahren aus Florenz fliehen müssen", erzählte er. "Du weißt, da waren jene politischen Tumulte, die so lange hin und her schwankten. Ich bin Advokat und kenne eine Menge Menschen, und schreibe und empfange einen großen Haufen Briefe das Jahr hindurch. Zudem war ich unabhängig, sagte meine Meinung, wo es not tat, und wurde verhaßt, obwohl ich die Hände bei ihrem heimlichen Spiel nie haben mochte. Am Ende mußte ich auswandern, wenn ich nicht in endloses Verhör und Gefängnis gehen wollte, ohne Nutz und Zweck. Ich bin nach Bologna gezogen und habe für mich gelebt, meine Prozesse geführt, und wenig Menschen gesehen, am wenigsten Weiber; denn von dem tollen Burschen, dem du vor sieben Jahren das Herz schwer machtest, ist nichts mehr an mir geblieben, als daß mir noch immer der Kopf, oder wenn du lieber willst, das Herz springen will, wenn ich irgendwas nicht bezwingen kann, freilich heutzutage andere Dinge, als den Riegel an der Kammertür eines schönen Mädchens.—Du hast vielleicht gehört, daß es auch in Bologna in der letzten Zeit unruhig geworden ist. Man hat angesehene Männer verhaftet, darunter einen, dessen Wege und Stege ich seit langem kenne, und weiß, daß seine Seele diesen Dingen sehr fern war. Denn eine schlechte Regierung bessern sie damit so wenig, als wenn eine Krankheit unter euern Schafen ist und ihr schicktet den Wolf in den Stall. Aber was soll das hier? Genug, mein Freund bat mich, sein Advokat zu sein und ich verhalf ihm zur Freiheit. Es war das kaum bekannt worden, als mich eines Tages ein elender Mensch auf der Straße anrannte und mich mit Beleidigungen überhäufte. Ich konnte mich nicht anders von ihm losmachen, als durch einen Stoß gegen die Brust, denn er war berauscht und keiner Erwiderung wert. Kaum hatte ich mich aus dem Menschenschwarm herausgewunden und war in ein Café getreten, so kam mir schon ein Verwandter jenes Menschen nach, nüchtern von Wein, aber trunken von Gift und Zorn, und stellte mich zur Rede, daß ich wie ein Ehrloser auf Worte mit Fäusten geantwortet hätte, statt zu tun, was jeder Galant'uomo* getan haben würde. Ich antwortete so gemäßigt, wie ich konnte, denn schon durchschaute ich's, daß alles eine Veranstaltung der Regierung war, mich durch einen Zweikampf unschädlich zu machen. Doch gab ein Wort das andere und die Feinde hatten endlich das Spiel gewonnen. Der andere gab vor, daß er ins Toskanische hinüber müsse, und drang darauf, die Sache drüben auszumachen. Ich ging darauf ein, denn es war Zeit, daß einer von uns Besonnenen den unruhigen Köpfen bewies, nicht Mangel an Mut sei die Ursache unserer Zurückhaltung, sondern einzig die Hoffnungslosigkeit aller heimlichen Umtriebe, einer so überlegenen Macht gegenüber. Als ich aber vorgestern um einen Paß einkam, wurde er mir verweigert, ohne daß man sich herabließ, mir einen Grund dafür anzugeben; es hieß, so sei der Befehl der obersten Behörden. Es wurde mir klar, daß sie mir entweder den Schimpf zuziehen wollten, das Duell vermieden zu haben, oder mich dazu treiben, mich in irgendwelcher Verkleidung über die Grenze zu stehlen, wo ich dann sicher von einem Hinterhalt aufgefangen worden wäre. Dann hätten sie einen Vorwand gehabt, mir den Prozeß zu machen, und ihn hinzuzerren, solange es ihnen nützlich erschienen wäre."
{ed. * Ehrenmann}
"Die Elenden! die Gottlosen!" unterbrach ihn das Mädchen und ballte die Faust.
"So blieb nichts übrig, als mich in Porretta den Contrabbandieri
anzuvertrauen. Wir werden morgen, wie sie mir sagen, noch früh
Pistoja erreichen. Nachmittags ist das Duell verabredet, in einem
Garten vor der Stadt."
Sie ergriff plötzlich heftig seine Hand mit ihren beiden. "Geh nicht hinunter, Filippo", sagte sie. "Sie wollen dich ermorden."
"Gewiß, das wollen sie, Kind, nichts Geringeres. Woher weißt du das aber?"
"Ich sehe es hier und—hier!" Und sie deutete mit dem Finger auf Stirn und Herz.