"Kommst du endlich, Filippo!" sagte sie innig. "Ich habe dich schon früher erwartet."

"Gespenst der Hölle", schrie er außer sich, während Grausen und alle Leidenschaften der Sehnsucht sich in ihm bekämpften, "höhnst du mich noch, da ich mit Qualen in der Irre laufe und die Sonne mir alles Hirn schmilzt? Triumphierst du, daß ich dich noch einmal sehen muß, um dich noch einmal zu verfluchen? Wenn ich dich gefunden habe, beim allmächtigen Gott, so hab ich dich doch nicht gesucht, und du sollst mich dennoch verlieren."

Sie schüttelte seltsam lächelnd den Kopf. "Es zieht dich ohne daß du's weißt", sagte sie. "Du fändest mich, wenn alle Berge der Welt zwischen uns wären, denn ich mischte sieben Tropfen von dem Herzblut des Hundes in deinen Wein. Armer Fuoco! Er liebte mich und haßte dich. So wirst du den Filippo hassen, der du früher warst, als du mich verstießest, und nur ruhig sein in dir, wenn du mich liebst. Filippo, siehst du nun, daß ich endlich dich erobert habe? Komm, nun will ich dir wieder die Wege zeigen, nach Genua zu, mein Geliebter, mein Mann, mein Holder!"

Damit stand sie auf und wollte mit beiden Armen ihn umfangen, als sie plötzlich vor seinem Gesicht erschrak. Er war wie mit einem Schlage totenblaß geworden, nur das Weiße in seinen Augen rot, seine Lippen bewegten sich lautlos, der Hut war vom Haupt gefallen, mit den Händen wehrte er heftig jede Annäherung ab.

"Ein Hund! ein Hund!" waren die ersten mühsam vorbrechenden Worte. "Nein, nein, nein! du sollst nicht siegen—Dämon! Besser ein toter Mann, als ein lebendiger Hund!"—Darauf erscholl ein furchtbares Lachen von seinen Lippen, und langsam, wie wenn er sich gewaltsam jeden Schritt erkämpfte, die Augen stier auf das Mädchen geheftet, wich er taumelnd zurück und stürzte rücklings in die Schlucht hinab, die er eben verlassen hatte.-Vor ihren Augen wurde es Nacht, mit beiden Händen fuhr sie sich ans Herz und stieß einen Schrei aus, der wie ein Falkenschrei über die Schlucht klang, als sie die hohe Gestalt hinter dem Rande des Felsens verschwinden sah. Ein paar wankende Schritte tat sie, dann stand sie fest und aufrecht, immer die Hände gegen das Herz gepreßt. "Madonna!", sagte sie, ohne etwas zu denken. Immer vor sich niedersehend, näherte sie sich jetzt rasch der Schlucht und begann die steinige Wand zwischen den Tannen hinabzuklimmen. Worte ohne Sinn murmelten ihre heftig atmenden Lippen, mit der einen Hand hielt sie das Herz fest, mit der andern half sie sich an den Steinen und Zweigen hinab. So kam sie bis an die Wurzeln der Tannen—da lag er. Er hatte die Augen geschlossen, Stirn und Haar von Blut überströmt, den Rücken wider einen Stamm gelehnt. Der Rock war zerrissen und das rechte Bein schien auch verwundet. Ob er lebe, konnte sie nicht unterscheiden. Sie lud ihn auf ihre beiden Arme, da empfand sie, daß er sich noch regte. Der Mantel, den er über den Schultern dicht gefaltet trug, schien die Gewalt des Falles gebrochen zu haben. "Gelobt sei Jesus!" sagte sie aufatmend. Es war, als wüchsen ihr Riesenkräfte, wie sie, den hülflosen Mann an ihrer Brust, die Steile wieder hinaufzuklimmen begann. Es dauerte lange, viermal legte sie ihn nieder zwischen Moos und Felsen, noch immer schlief das Leben in ihm.

Als sie endlich auf der Höhe war mit ihrer unseligen Last, brach sie selber in die Kniee und lag einen Moment in völliger Vergessenheit und Ohnmacht. Dann stand sie auf und entfernte sich nach der Richtung, in der die Hütte des Hirten lag. Als sie hinlänglich nahe war, ließ sie einen gellenden Ruf über die Weite des Tals erschallen. Das Echo antwortete zuerst, bald eine Menschenstimme. Sie rief zum zweiten Mal und wandte sich dann, ohne die Antwort abzuwarten. Als sie wieder bei dem leblosen Mann anlangte, stöhnte sie heftig auf und trug ihn dann in den Schatten des Felsens, wo sie selbst vorher gesessen und ihn erwartet hatte.

Dort fand er sich noch, als ihm das Bewußtsein schwach zurückkehrte und er die Augen zuerst wieder aufschlug. Er sah zwei Hirten neben sich, einen Alten und einen Burschen von siebzehn Jahren. Sie sprengten ihm Wasser ins Gesicht und rieben ihm die Schläfe. Sein Kopf ruhte weich, er wußte nicht, daß er auf dem Schoß des Mädchens lag.

Er schien sie überhaupt ganz vergessen zu haben. Er tat einen Atemzug, der ihn bis in die Fußspitzen erschütterte und schloß dann wieder die Augen. Endlich bat er mit stockender Stimme: "Einer von euch, brave Leute, möge hinuntergehen—rasch, nach Pistoja. Man wartet auf mich. Gottes Barmherzigkeit lohne es dem, der dem Wirt zur Fortuna sagt—wie es um mich steht. Ich heiße—" da schwanden ihm wieder Stimme und Bewußtsein.

"Ich werde gehen", sagte das Mädchen, "ihr tragt den Herrn indessen nach Treppi und legt ihn in das Bett, das die Nina euch zeigen wird. Sie soll die Chiaruccia rufen, die Alte, und den Herrn von ihr heilen und verbinden lassen. Hebt ihn auf, du an den Schultern, Tommaso, du, Bippo, an den Beinen. Wenn ihr bergan geht, mußt du voran, Tommaso. So, hebt ihn! Sanft, sanft! Und halt—das taucht ihr in Wasser und legt es auf seine Stirn, und netzt es wieder an jeder Quelle. Habt ihr verstanden?"

Sie riß ein großes Stück von ihrem leinenen Kopftuch herunter, tauchte es ein und wand es um die blutigen Haare Filippos. Dann ward er aufgehoben, die Männer trugen ihn nach Treppi zu, und das Mädchen, nachdem es ihnen mit völlig erloschenen Blicken nachgesehen, schürzte sich hastig und stieg auf rauhen Pfaden das Gebirg hinab.