"Vor sieben Jahren? So war ich noch ein scherzhafter Mensch vor sieben Jahren. Und du hast das im Ernst geglaubt?"
Sie nickte dreimal sehr ernsthaft. "Warum sollte ich nicht? Ich habe es ja an mir selbst erfahren, daß Ihr recht hattet."
"Kind", sagte er mit einer gutmütigen Miene, die seinen entschiedenen Zügen wohl stand, "das tut mir leid. Vor sieben Jahren dacht' ich wohl noch, es wüßten es alle Weiber, daß zärtliche Männerworte nicht viel mehr wert sind als Spielmarken, die man freilich gelegentlich gegen klingendes Geld umwechselt, wenn es ausdrücklich ausgemacht ist. Was dacht' ich nicht alles vor sieben Jahren von euch Weibern! Jetzt denk ich, ehrlich gesagt, selten an euch. Liebes Kind, man hat so viel Wichtigeres zu denken."
Sie schwieg, als ob sie das alles nicht verstünde und ruhig abwarten wollte, bis er etwas sagte, was sie wirklich anging.
"Es dämmert jetzt freilich in mir auf", sagte er nach einigem Sinnen, "daß ich diesen Teil des Gebirges schon einmal durchwandert habe. Ich hätte auch vielleicht das Dorf und dieses Haus wieder erkannt, ohne den Nebel. Ja, ja, es war allerdings vor sieben Jahren, wo mich der Arzt in die Berge schickte, und ich wie ein Narr die steilsten Wege auf und ab stürmte."
"Ich wußte es wohl", sagte sie, und ein rührender Glanz der Freude erschien auf den Lippen, "ich wußte es wohl, Ihr könnt es nicht vergessen haben. Hat es doch der Hund, der Fuoco, nicht vergessen, auch nicht seinen alten Haß auf Euch von damals,—noch ich—meine alte Liebe."
Das sagte sie mit so großer Festigkeit und Heiterkeit, daß er immer erstaunter zu ihr aufsah. "Ich besinne mich nun auch auf ein Mädchen", sagte er, "das ich einmal auf der Höhe des Apennin traf, und das mich zu seinen Eltern nach Hause brachte. Ich hätte sonst die Nacht auf den Klippen zubringen müssen. Ich weiß auch, daß es mir gefiel—"
"Ja", unterbrach sie ihn, "sehr!"
"Aber ich gefiel dem Mädchen nicht. Ich hatte ein langes Gespräch mit ihr, zu dem sie nicht viel über zehn Worte beisteuerte. Als ich ihr endlich das schlafende finstre Mündchen mit einem Kuß aufzuwecken dachte—ich sehe sie noch, wie sie von mir weg auf die Seite sprang und mit jeder Hand einen Stein aufhob, daß ich kaum ungesteinigt davonkam. Wenn du jenes Mädchen bist, wie kannst du von deiner alten Liebe zu mir reden?"
"Ich war funfzehn Jahr', Filippo, und schämte mich sehr. Ich war immer so trotzig gewesen und allein, und wußte mich nicht auszudrücken. Und dann hatte ich Furcht vor den Eltern, die lebten damals noch, wie Ihr wissen werdet. Mein Vater hatte die vielen Hirten und Herden, und hier die Schenke. Es ist seitdem nicht viel anders geworden. Nur, daß er nicht mehr hier schaltet und schilt—seine Seele sei im Paradiese! Und vor der Mutter schämte ich mich am meisten. Wißt Ihr noch, gerade an demselben Fleck saßet Ihr damals, Ihr lobtet noch den Wein, den wir von Pistoja hatten. Mehr hörte ich nicht, die Mutter sah mich scharf an, da ging ich hinaus und stellte mich hinter das Fenster, um Euch noch betrachten zu können. Ihr waret jünger, natürlich, aber nicht schöner. Ihr habt noch heut dieselben Augen, mit denen Ihr damals gewinnen konntet, wen Ihr wolltet; und dieselbe dunkle Stimme, die den Hund so aufbrachte vor Eifersucht, armes Tier! Bisher hatte ich ihn allein geliebt. Er merkte wohl, daß ich Euch mehr liebte, er merkte es besser als Ihr selbst.