Und die Engel im Himmel sich's zeigen,
Entzückt bis in Herzensgrund,
Wenn Bruder und Schwester sich neigen
Und küssen sich auf den Mund.
Dann lief Glückspilzchen auf die Käke zu, nahm sie streichelnd und schmeichelnd in die Arme, und die Pedanterliese hatte nichts dagegen einzuwenden.
Mittlerweile hatte der Lange die drei Tanten mit dem blonden Hansel bekannt gemacht, der ein bischen sehr verblüfft dastand, und besonders verlegen nach Pedanterlieschen schielte, was seinem Geschmack eigentlich keine Schande machte. Er mußte sich indessen neben Tante Schönekünstchen setzen, weil Die Absichten auf ihn hatte, nicht ihn zu heirathen, sondern ihn zu zeichnen. Der lange Poet saß indessen auf einem niedrigen Steine vor den drei Damen und brachte seine Beine nur kümmerlich unter. Dann fing er an seine Schicksale zu erzählen, während der unglückselige Hansel ohne Gnade still sitzen mußte.
Was dem langen Poeten im Walde begegnet.
Ich habe böse Träume gehabt die Nacht über, erzählte er, und wachte ganz gegen meine Gewohnheit in der frühen Morgendämmerung auf. Mein erster Gedanke war gleich an Glückspilzchen, und ihr könnt denken, daß ich einen Tausendschreck hatte, wie ich mich mutterseeleneinsam in dem grünen Gras liegen sah, Glückspilzchen weg, der blonde Hansel verschwunden und die Käke dazu. Nur zwei kleine Holzhauerbuben waren bei mir; die fuhren nicht wenig erschrocken in die Höh', als ich mich aufrichtete, denn sie hatten meine langen dünnen Beine in den grauen Hosen für zwei Baumwurzeln gehalten und sich gemüthlich darauf niedergelassen, um zu frühstücken. Ich befragte sie, ob sie nicht ein kleines Mädchen gesehn hätten, so und so angethan; aber sie schüttelten den Kopf und liefen furchtsam davon. Da ward mir gar blümerant zu Sinne; ich schrieb ein paar weinerliche Verse auf ein Baumblatt und machte mich dann auf die Beine, Glückspilzchen nach und meinem Tannenmusje, den ich unterwegs irgendwo zu erwischen hoffte.
Ich war noch gar nicht weit gegangen, da sah ich einen kuriosen Kerl daher kommen, und ein Lakai lief hinterdrein mit einem großen Korbe, daraus verschiedene Flaschen mit Käppchen von schönem rothen Siegellack hervorschauten. Der Kuriose kam gerade auf mich zu, sagte mir, er sei Prinz Schnudi und freue sich, endlich einen Menschen zu finden in der schauderösen Wildniß, in die ihn Prinzessin Marzebille verbannt habe. In die sei er nämlich ganz unsterblich verliebt; aber sie wolle ihm nicht eher Gehör schenken, als bis er seine Liebe dadurch erprobt habe, daß er in der Wildniß herumlaufe und eine poetische Liebeserklärung zu Stande bringe. Mit dem Herumwildnissen ging' es passabel, so mäßig er leben müsse; aber er habe sein Lebtag nicht zwei Verse gemacht und werde sich nächstens, sobald sein Wein zu Ende gehe, bei lebendigem Leibe todtschießen, denn er halte es nicht länger aus vor Gram.
Wie ich ihn von solchen Aengsten behaftet sah, jammerte er mich und ich war sehr freundlich zu ihm, trotzdem daß er ein Prinz war. Ich sagte ihm, ich wär' meines Zeichens ein Poet und wollte ihm gern mit einigen Reimen unter die Arme greifen, so gut ich's halt könnte ohne mein Feuerzeug. Indessen wüchse hier herum Waldmeister in Menge; er sollte doch einen Maitrank bereiten, auf daß ich mich hinterher stärken könne; denn ich war noch nüchtern wie ein Sieb. Da hättet ihr die königliche Hoheit Luftsprünge machen sehn sollen, ging auch flugs mit dem Lakaien ans Werk, während ich in seine allerhöchste Schreibtafel folgende Verse schrieb:
O du süße Marzebille!
Warum bannt dein strenger Wille
Mich in dieser Wälder Stille?
Wär' ich, ach, die Nachtigall
Mit der Lieder holdem Schall,
Daß mich bald ein Vogler finge
Und in deine Kammer hinge!
Wär' ich einer von den Hirschen,
Daß mich könnt' der Jäger birschen,
Und auf deine Tafel schicken
Meine Keulen, Brust und Rücken!
O wie würde mich's beglücken,
Schnittst du trauernd sie in Stücken,
Aeßest dann sie mit Entzücken,
Wie du jetzt mit Liebestücken
Mir das Herze thatst berücken,
Daß mir weiter nichts will glücken,
Meine Sehnsucht auszudrücken,
Als mich tief vor dir zu bücken
Und zu bitten unterthänig,
Lindre meine Qual ein wenig!
Nachschrift. Königliche Hoheit,
Uebersieh die arge Rohheit
Dieses Briefs und meiner Schrift.
Thust du 's nicht, so nehm' ich Gift,
Und dann schließt auf ewig zu die
Augen der verliebte Schnudi.
Als ich diese Verse dem Prinzen vorlas, war er vor Entzücken ganz außer sich. Er bat mich tausendmal um Entschuldigung, wenn er augenblicklich in seinen Wagen stiege, der am Saume des Waldes warte, denn er könne sein Glück nicht länger aufgeschoben sehen. Noch ehe ich mich besinnen konnte, war er mit der Schreibtafel, dem Lakaien und dem Korbe verschwunden und hatte mich allein zurück gelassen unter vier Augen mit einer Flasche Maitrank, die mich so ziemlich über den eiligen Abschied der prinzlichen kuriosen Person tröstete.